Danke, liebe Amis. Und bleibt bitte nochmal 70 Jahre.

D-Day

6. Juni 1944 – 6. Juni 2014 – 70 Jahre D-Day

english translation

Liebe Amis,

ihr seid am 6. Juni 1944 in der Normandie gelandet. Gegen den erbitterten Widerstand der Deutschen habt ihr – gemeinsam mit den anderen Alliierten – Schluss gemacht mit Nationalsozialismus, Shoah und Vernichtungskrieg. Später habt ihr für eine demokratische Staatsform in Westdeutschland gesorgt. Ohne euren Sieg wäre die Welt heute ein einziger Friedhof.

Liebe Amis, glaubt ja nicht, dass man euch deswegen in Deutschland besonders gern hat. Deutsche mögen links, christlich, alternativ oder Nazis sein – in einem Punkt sind sich die meisten einig: sie verachten euch. Sie behaupten zwar, sie würden nur eure Politik kritisieren. Aber das könnt ihr getrost vergessen.Selbst junge Leute in Vietnam haben weniger gegen euch als die Deutschen. Antiamerikanismus gehört hierzulande zum guten Ton.

Das hat mit deutscher Selbstgerechtigkeit zu tun. Die ist nämlich, anders als ihr gerne glauben wollt, keineswegs verschwunden. Wie schon zu Kaisers und Führers Zeiten glauben die Deutschen, alle andern auf der Welt – und ganz besonders ihr, liebe Amis – seien Egoisten, nur sie selber nicht. Ihr Amis seid ungerecht, macht Krieg und versaut die Umwelt. Die Deutschen aber kämpfen für Gerechtigkeit, Frieden und eine glückliche Natur. Früher hieß das einmal: „Am deutschen Wesen soll die Welt genesen.“ Doch man hat gelernt in Deutschland: so sagt das heute niemand mehr.

Wie haushoch die Deutschen euch Amis moralisch überlegen sind, fällt ihnen interessanterweise am meisten auf, wenn es um Kriege gegen mörderische Diktaturen geht. Es gibt bekanntlich ernst zu nehmende Argumente gegen den Irakkrieg und ihr, liebe Amis, diskutiert das Thema ja auch kontrovers. In Deutschland aber geht es nicht um Argumente. Da gibt es nur eine Meinung. Und die geht so: „Wie schlimm die Amis doch sind. Wir sind viel besser. Denn wir sind für den Frieden.“ Würden sie sich aufs Argumentieren einlassen, müssten sich die Deutschen dem Hinweis stellen, dass, wäre es nach ihnen gegangen, die Taliban, Saddam Hussein und Gaddafi bis heute weiter wüten, foltern und morden würden. Aber dass auch sie keine weiße Weste haben, wollen die vermeintlichen „Friedensfreund_innen“ nicht hören. „Abu Ghuraib“ konnten sie erst buchstabieren, nachdem die US-Armee einen Folterskandal in diesem Gefängnis zu verantworten hatte. Solange das Saddam-Regime dort zehntausende Menschen auf bestialische Weise zu Tode brachte, interessierten sich die Deutschen nicht dafür. Damals herrschte ihrer Meinung nach nämlich „Frieden“. Deswegen gab es in Deutschland zwar Massendemonstrationen gegen den Irakkrieg, aber wenn Assad in Syrien mit russischer, iranischer und chinesischer Hilfe hunderttausende abschlachtet und ins Elend stürzt, rührt sich niemand im Lande der Guten. Übrigens verstehen Deutsche durchaus, dass auch schuldig werden kann, wer nicht militärisch eingreift. Sie wissen jedenfalls sofort, wer Mitschuld trägt, weil die Alliierten die Gleise nach Auschwitz nicht bombardiert haben. Aber da geht es ja auch um euch, liebe Amis. Mit seiner „Dialogpolitik“ hat Deutschland von Anfang an das antisemitische Terrorregime im Iran stabilisiert. Alles für den Frieden, versteht sich. Wenn Irans Herrscher Israel mit Vernichtung drohen, juckt es die Deutschen wenig. Zwei Drittel von ihnen glauben sowieso, ausgerechnet der jüdische Staat sei die größte Gefahr für den Weltfrieden. Was sie nicht daran hindert, bei jeder Gelegenheit zu verkünden, sie hätten ganz viel aus der Geschichte gelernt.

Liebe Amis, die weltweite Überwachung durch Geheimdienste ist ein großes Problem und an eurer NSA gibt es viel zu kritisieren. Aber dass sich Staaten und Regierungen untereinander ausspionieren, hat ungefähr den Neuigkeitswert der Nachricht, am 31. Dezember sei Silvester. Doch in Deutschland regt man sich darüber auf wie in keinem anderen Land. Nicht gerade, wenn eure Diplomaten von Russland abgehört werden, da reibt man sich eher die Hände. Aber wenn sich herausstellt, dass ihr auch auf diesem Gebiet ein bisschen mehr könnt als die Deutschen, werden die stinkesauer. Sie selber machen so was nämlich nicht, müsst ihr wissen. Deswegen ruft man in Deutschland auch viel lieber „NSA“ als „NSU“. Das ist die deutsche Nazibande, die aus purem Hass jahrelang Migranten mordete, während die Geheimdienste angeblich von nichts wussten. Was auch kein Wunder ist – rekrutieren sich diese Dienste doch aus einer Bevölkerung, die mehrheitlich Eingewanderte ablehnt und glaubt, sie gehörten nicht „zu uns.“ Da seht ihr mal, liebe Amis, um wie viel besser die Deutschen sind als ihr.

Liebe Amis, jetzt müssen wir euch und euren ehemaligen Präsidenten Bush aber auch mal kritisieren. Der hat nämlich die ganze Welt unsicherer gemacht. Er hat Terroristen und Diktatoren gestärkt, die plötzlich auf mehr Unterstützung und Sympathie hoffen konnten. Oder haltet ihr es mittlerweile nicht auch für einen schweren Fehler, dass sich Präsident George H. W. Bush 1990 als einziger Führer der vier Siegermächte vehement für ein größeres Deutschland aussprach und ihm auch gleich noch „Partnership in Leadership“ anbot? Was habt ihr denn im letzten Vierteljahrhundert davon gehabt? Euch ist ein Konkurrent erwachsen, der ganz Europa beherrscht und zunehmend seine Muskeln spielen lässt. Ein Konkurrent, der euch nicht verziehen hat, dass ihr ihm zweimal die Weltherrschaft vermiest habt und der es diesmal besser machen will. Liebe Amis, ein paar von euren Soldaten sind ja glücklicherweise noch hier. Bleibt doch bitte vorsichtshalber nochmal 70 Jahre. Man weiß ja nie.

Zum Weiterlesen:                                                                                                                Was ist Antiamerikanismus? Anmerkungen zur grassierenden Selbstgerechtigkeit

Eine Flugschrift von Emanzipation und Frieden. Antikapitalismus 2.0 – Mai 2014 Förderverein Emanzipation und Frieden e.V. ■ Postfach 50 11 24 ■ D-70341 Stuttgart ■ www.emanzipationundfrieden.de Kontakt: info@emanzipationundfrieden.de

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