Der gescheiterte Antifaschismus der DDR

Folgen und aktuelle Anforderungen für eine emanzipatorische Politik 30 Jahre nach dem Mauerfall

Einführender Vortrag und Diskussion mit Harry Waibel

Anschließende Podiumsdiskussion mit Anette Sawade

Moderation: Marc-Dietrich Ohse

Mittwoch, 23. Oktober 2019, 19.00 Uhr Stuttgart

Hospitalhof Stuttgart, Büchsenstr. 33

Eine gemeinsame Veranstaltung von Fritz-Erler-Forum Friedrich-Ebert-Stiftung Baden Würtemberg, Hospitalhof Stuttgart-Evangelisches Bildungszentrum und Förderverein Emanzipation und Frieden

Seit dem Ende des Kalten Krieges vollzog sich in der Kommunismusforschung ein neuer Aufbruch und auf beiden Seiten des geschleiften Eisernen Vorhangs haben die alten Legitimationszwänge und Frontstellungen an Überzeugungskraft verloren. Nun ist es möglich, mit professioneller Unbefangenheit neu an das Thema heranzugehen, ohne dafür gleich politisch abgestraft und wissenschaftlich marginalisiert zu werden. Die neuen Fragestellungen werden auf entscheidende Probleme einer kritischen Historie des 20. Jahrhunderts konzentriert, um die sozialen, ökonomischen und kulturellen Prozesse des vergangenen 20. Jahrhunderts zu rekonstruieren, auch um die Entwicklungstendenzen der Gegenwart besser begreifen zu können.1

Der Antifaschismus ist nicht nur als würdevolle Erinnerung und als lebendige Geschichtslektion zu verteidigen, sondern er muss gerade dort einer kritischen Analyse unterzogen werden, wo er versagt hat: „Die europäischen Antifaschisten, die bereit waren, die Verbrechen Stalins anzuprangern, waren in der Minderheit. Denn wenn die Kommunisten unentbehrliche Verbündete im Kampf gegen den Faschismus sind, darf ihre Politik nicht in Frage gestellt werden. Der antifaschistische Kampf könnte sich ja selbst disqualifizieren. So verschwieg man den sowjetischen Despotismus, die Prozesse, die kollektiven Erschießungen, die Deportationen, die Lager (von der Zwangskollektivierung ganz zu schweigen, die damals selbst von der härtesten antikommunistischen Literatur gar nicht zur Kenntnis genommen wurde).“2

In der DDR gab es Neonazismus, Rassismus und Antisemitismus, die von der Politik, den Medien und den Sicherheitsorganen bis Ende 1989 öffentlich verschwiegen und vertuscht wurden. Damit scheiterte der Antifaschismus der deutschen Kommunisten, nach dem ersten Scheitern des Antifaschismus gegenüber der NSDAP, in der DDR zum zweiten Mal.

Anders als SED und MfS es darstellten, handelt es sich beim Neonazismus nicht um klassische Kriminalität, sondern um ein politisches und ideologisches Problem, dass mit kriminellen Randerscheinungen verkoppelt war und ist. Für die SED waren die wichtigsten Methoden der Bekämpfung der „negativ-dekadenten Jugendlichen“ erstens die Verharmlosung durch Entpolitisierung und Kriminalisierung, hauptsächlich der „Rädelsführer“, sowie zweitens bei Ausländern die massenhafte Rückführung ins jeweilige Heimatland. In der Regel bedeute es, dass dadurch Opfer zu Tätern umfunktioniert werden konnten, ohne dass jeweils juristische Aufklärungen durchgeführt wurden. Drittens wurde unisono dem Westen bzw. den Westmedien die Schuld, für Neonazismus in der DDR zugesprochen.

Das Scheitern des Antifaschismus in der DDR lässt sich nicht aus Politik, Ideologie oder durch Einwirkungen aus dem Westen erklären, denn ohne innere, gesellschaftspolitische Ursachen hätten neofaschistische Parolen keinen Nährboden finden können. Dazu gehörte der stalinistische Autoritarismus, der Absolutheitsanspruch der Ideologie des „Marxismus-Leninismus“, antiemanzipatorische Haltungen, umfassende politische Repression auch gegen Demokraten und Sozialisten, die Militarisierung der Gesellschaft und letztlich die anhaltende Krise der ostdeutschen Ökonomie.

Der emanzipatorische Antifaschismus hat folgende Voraussetzungen und Bedingungen:

– Anerkennung aller Opfer des deutschen Faschismus – ohne Hierarchisierung

– Verteidigung demokratischer Verhältnisse in der Gesellschaft, als Voraussetzungen für die Entwicklung emanzipatorischer Werte

– Verteidigung der potentiellen Opfer neonazistischer, rassistischer und antisemitischer Angriffe durch zivilen Ungehorsam

– Entwicklung einer auf Emanzipation ausgerichteten antifaschistischen und egalitären Bewegung an der Basis der Gesellschaft.

1Vgl. Stiftung Sozialgeschichte. Wir über uns: www.stiftung-sozialgeschichte.de

2Traverso, Enzo: Die Intellektuellen und der Antifaschismus. Für eine kritische Geschichtsschreibung, in: jour-fixe-initiative berlin (Hg.): Theorie des Faschismus – Kritik der Gesellschaft, Münster, Juni 2000.Ebenda, S. 34f, S. 41f.

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Harry Waibel ist Autor und Forscher mit zeithistorischen Schwerpunkten Neonazismus, Rassismus und Antisemitismus in Deutschland (DDR und BRD) sowie deren Ursachen und Folgen. http://www.harrywaibel.de/

Annette Sawade, ehm. Mitglied des Deutschen Bundestages, konnte nach dem Abitur aus politischen Gründen zunächst nicht in der DDR studieren und arbeitete als Hilfstierpflegerin im Tierpark Berlin. Sie reiste 1982 aus und lebt seit 1983 in Stuttgart.

Marc-Dietrich Ohse wuchs in der DDR auf und arbeitete dort als Koch. Nach der Wende studierte er in Göttingen Geschichte und Ev. Theologie und promovierte über Jugendprotest in der DDR. Von 2003 bis 2012 war er als verantwortlicher Redakteur der Zeitschrift „Deutschland Archiv. Zeitschrift für das vereinigte Deutschland“ tätig.