Homogene „Huh!“-Herde

Die hiesige Begeisterung für die isländische Fußballnationalmannschaft und ihre Fans hat wenig mit Island zu tun. Sie offenbart vor allem die Ideologie der Begeisterten.

von Bastian Witte

Wer erinnert sich nicht an diese unglaubliche Geschichte der EM 2016? Spätestens nachdem Sighthórson das 2:1 gegen England geschossen hatte, war die Begeisterung der Massen nicht mehr zu halten. Binnen kurzer Zeit waren die Fan-Trikots ausverkauft und der Island-Tourismus vermeldete Buchungsrekorde. Die isländische Fußballnationalmannschaft der Herren hatte die Three Lions aus dem Turnier geworfen und so vollkommen unerwartet das Viertelfinale der Europameisterschaft erreicht. Der sympathische Underdog von der entlegenen Insel war im Rausch des Wir-Gefühls über sich hinaus gewachsen und hatte das Unerreichbare erreicht.

Doch damit nicht genug. Schließlich war da noch diese Bodenständigkeit, die (gefühlt) weder eine internationale Dimension, noch Millionengehälter kennt. Und dann dieser unglaubliche Zusammenhalt von Fans und Team! In Massen waren sie angereist, um ihren kernigen Jungs beizustehen, und wenn die Elf schließlich mit ausgestreckten Armen vor den Massen stand, um ihre spezielle Choreographie zu vollführen und „Huh!“ zu brüllen, dann wussten die Fans was zu tun war: Im Takt bleiben, mitbrüllen und das Gefühl genießen, in der Masse aufzugehen. Europa war in Island verliebt – so verliebt, dass man Angst bekommen musste.

Denn was jener Taumel bei genauerem Hinsehen an reaktionärer Ideologie offenbart, sollte jedem halbwegs progressiv eingestellten Menschen doch eigentlich Anlass geben, sich in Sicherheit bringen zu wollen.

Underdogs wie ich

Was ist das zum Beispiel für eine seltsame Vorstellung von Zusammenhalt, die massenhafte Gefühlswallungen auslöst, obwohl sie ohne jeden Aspekt von Solidarität auskommt und ausschließlich das ewig uneingelöste kapitalistische Glücksversprechen aufwärmt? Der unsichtbare Winzling schafft den Aufstieg von ganz allein, weil er sich halt einfach mal angestrengt und Leistung gebracht hat. Und das ohne anderen auf der Tasche zu liegen. Nehmt euch ein Beispiel!

Diese Sichtweise ist symptomatisch. Wir leben im stetig autoritärer werdenden Europa der andauernden Finanzkrise. Hier sieht der Betrachter den schwachen Außenseiter nicht mehr im Anderen, der Unterstützung und ein letztes bisschen Menschenfreundlichkeit so dringend nötig hätte. Er sieht den Außenseiter in sich selbst. Wenn die Jungs aus Island von ganz unten nach ganz oben durch marschieren, einen Big Player nach dem anderen ausknipsen und so endlich den erträumten Erfolg erringen, dann sind sie genauso, wie der Zuschauer sich selbst sehen möchte. Der sich erhebende Underdog, das bin ich!

Kollektivismus statt Solidarität

Dieses große Gefühl des Zusammenhalts ist keine echte Solidarität. Schließlich weiß jeder genau, dass Island eine typisch kapitalistische Konkurrenzgesellschaft westlicher Prägung ist. Wenn die Fans in der Masse aufgehen und loyal und begeistert hinter ihrem Team stehen, dann ist das einzig einende Moment die gemeinsame Nation. Der Zusammenhalt basiert folglich nicht auf Solidarität nach innen, sondern auf Abgrenzung nach außen. Wir stehen nur aus einem Grund zusammen: um die anderen zu schlagen. Es ist der gemeinsame Gegner, der uns eint. Die nach jedem Spiel synchron vollführte Spieler-Fan-Zeremonie mit ihrem respekteinflößend angelegten Kampfschrei liefert die passende martialische Symbolik.

Reaktionäre Romantik

Weil aber Kollektivismus nicht Kollektivismus wäre, wenn er nicht Hand in Hand mit moderne-feindlichen Ressentiments ginge, haben die Teams aus Wales und auch Albanien, die bei diesem Turnier ebenfalls beachtliche Erfolge als Außenseiter vorzuweisen hatten, deutlich weniger Sympathie abbekommen. Die Romantik der organisch gewachsenen Scholle passte nicht so recht. Dafür passte sie auf Island: abgelegen, weit weg von finsteren Bedrohungen und äußeren Einflüssen, urwüchsig, unter sich geblieben, homogen, mit einfachen Regeln, wo schon die schnuckelige Ähnlichkeit der Namen sagt: Das sind wir. Entsprechender Beliebtheit erfreute sich eine Webseite, auf der man sich seinen „isländischen Namen“ basteln konnte. Irgendwas mit -sson am Ende kam raus, kombiniert mit dem eigenen Namen und dem des Vaters (wem sonst!). Es ist eine reaktionäre Projektion und sie sagt: Hier gibt es weder korrupte FIFA- oder UEFA-Schickeria, noch unerwünschte Zuwanderer, noch künstlich gezüchtete Profis, noch andere Sorgen. Es gibt nur raue Natur, ehrliche Burschen, das einfache, unkomplizierte Leben und lauter Gunnarssons und Sigurdssons, die am Montag danach zu Hause den Gartenzaun ausbessern. Wir sind wie die Hobbits im Auenland und im Gegensatz zu Albanien sind wir alle – nun ja – weiß. Der Tourismus nach Island verzeichnete im Jahr der EM ein Plus von 40%.

Entsprechend groß ist hierzulande die Freude, dass die sympathischen Inselburschen auch zur WM 2018 die Qualifikation geschafft haben. Dass ein Außenseiter bei seinem zweiten Erfolg schon etwas weniger Außenseiter ist, wird vor allem die deutsche Islandbegeisterung nicht trüben. Denn auch wenn Die Mannschaft alles an Wir-Gefühl und schwarz-rot-goldenem Kitsch unters Volk bringt, was irgendwie geht: das Underdog-Feeling kann der amtierende Weltmeister beim besten Willen nicht versprühen. Nun ist natürlich klar, dass man als guter Deutscher nicht anders kann, als Germany first die Daumen zu drücken. Aber als zweites – als zweites heißt es auch diesmal: Huh!

 

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