Islam und Dschihadismus

von Tim (whiteplastic.net)

Es ist nicht abzustreiten, dass der radikale Islamismus in seiner gewalttätigen Form derzeit die größte direkte Bedrohung für Leib und Leben der meisten Menschen auf der Welt darstellt. Bei keinem Thema tut man sich aber so schwer, wie bei der entschiedenen Opposition zu diesem Phänomen. Warum?

Dschihadismus als antimoderne Ideologie
Eins vorweg: die Interpretationen dazu, was für „Anstrengungen und Bemühungen“ mit dem Wort Dschihad gemeint sind, sind vielfältig. Sie reichen von korrektem Verhalten seinen Mitmenschen gegenüber über die Selbstdisziplinierung zur Einhaltung religiöser Gebote bis hin zum brutalen Krieg gegen die Ungläubigen mit dem Ziel der Weltherrschaft ist alles vertreten. „Dschihadismus“ soll hier als besonders gewalttätige Form des Islamismus verstanden werden.

In seiner zeitgenössischen Form gibt es den Dschihadismus seit dem 19. Jahrhundert mit dem Beginn des Wahhabismus, nahm aber Ende des 20. Jahrhunderts mit der Muslimbruderschaft erst richtig Fahrt auf. Das hat auch nicht aufgehört: die stärksten dschihadistische Banden regieren heute den Iran und Saudi-Arabien, andere breiten sich im nahen Osten aus und kontrollieren Teile Afrikas. Erst in der Moderne wurde er also relevant, weswegen ich ihn als Reaktion auf die (kapitalistische) Moderne verstehe. Was macht diese Moderne aus?

Im Gegensatz zu feudalen Gesellschaften, die in Ständen und direkten Herrschaftsverhältnissen organisiert waren, gab es eine Durchsetzung von individueller Freiheit und abstrakter Gleichheit. Individuell freie Warenbesitzer und freie Produzenten von Gütern sorgen aber auch für ein Wirtschaftssystem, dem die Krisenhaftigkeit mit in die Wiege gelegt wurde.
Der Verlust direkter, persönlicher Herrschaftsverhältnisse, die einer unpersönlichen Herrschaft durch Markt und Gesetz weichen mussten, geht einher mit dem Gefühl der Entwurzelung und dem Verlust unvermittelter Beziehungen zu anderen Mitgliedern der Gesellschaft. Es hat sich gezeigt, dass das Versprechen auf individuelles Glück, das bürgerliche Gesellschaften gemacht haben, nur für sehr wenige einzuhalten war, während für viele andere Anspruch und Wirklichkeit weit auseinander gehen.

Die Strukturen persönlicher Herrschaft gerieten damit stark ins Wanken. Die alte, scheinbar intakte Welt wird mit der kapitalistischen Moderne konfrontiert. Das sorgt für Konflikte in den grundlegendsten Bereichen des Zusammenlebens, die verarbeitet werden müssen, denn immerhin werden dadurch auch grundlegende menschliche Bedürfniss angegriffen. Diese Konfliktbewältigung ist zweischneidig: sie erfüllt das Bedürfnis nach einer Identität, also nach einem sicheren Platz in der Gesellschaft, sorgt aber auch für den Aufbau von Ressentiments gegen die aufkommende Moderne. Die hauptsächlichen Phänomene der Moderne:

  • die „Zersetzung der Moral“,
  • der „Materialismus“, bei dem es nur noch um Geld geht und nicht um Werte,
  • die Emanzipation der Frau, die sexuelle Befreiung und die offen ausgelebte Homosexualität
  • die Säkularisierung, durch die Religion zur Privatsache wurde, die Freiheit zur „Blasphemie“ und den Atheismus
  • die Auflösung von Gruppenzugehörigkeiten und die daraus folgende Individualität, die die „Gemeinschaft“ zerstört

Menschen, die personelle Herrschaft gewohnt sind, suchen auch in unpersonale Herrschaftsverhältnissen persönlich Verantwortliche. Historisch waren diese Schuldigen für alles „Schlechte“ an der Moderne die Juden, egal ob in Europa oder im Nahen Osten. Das antimoderne Ressentiment mündete schon immer in Faschismus, Nationalsozialismus und eben auch Dschihadismus. Es tritt aber in unterschiedlich starken Ausprägungen auf: der konservativ-orthodoxe Islam ist etwas anderes als dschihadistisch motivierter Massenmord, die konservativ-patriarchale Gesellschaft der Weimarer Republik war vielleicht ein fruchtbarer Nährboden für den Nationalsozialismus, aber nicht mit ihm gleichzusetzen. Antimodernes Ressentiment ist also nicht gleich Faschismus, sondern stellt eine „schiefe Ebene“ dar, deren Ende die offene, faschistische Barbarei steht.

Auch der Dschihadismus trägt diese Merkmale faschistischer Bewegungen. Er verachtet das Individuum und verlangt von ihm eine Aufopferung für die Gemeinschaft, es gibt einen Kult um Ehre und Männlichkeit bei offensiver Homophobie, Frauenfeindlichkeit, einen Hass auf alles Intellektuelle, einen rudimentären Antikapitalismus und er beinhaltet zahlreiche Verschwörungstheorien.

Religion ist in weiten Teilen eine Sache der subjektiven Auslegung. In jeder Religion gibt es konservative und reaktionäre Auslegungen genau wie liberale und fortschrittliche Auslegungen – auch im Islam! Warum schlägt der konservativ ausgelegte Islam seit Anbeginn der Moderne so häufig in Dschihadismus um? Einerseits lässt sich das nicht allein durch wirtschaftliche Armut erklären, weil der Islamismus weder in Brasilien noch in Vietnam ausbricht, andererseits aber auch nicht allein durch den Islam als religiöse Basis erklären. Armut und Chancenlosigkeit erleichtert den Zugang zu extremistischen Ideologien, aber diese Ideologien müssen als Angebot auch erstmal bestehen. Der dritte Faktor ist, dass die meisten führenden Islamisten mit der Moderne in Berührung kamen, noch bevor sie sich radikalisierten. Warum funktioniert die westliche Gesellschaft nicht als Schutz gegen antimoderne Ideologien? Es kann da sehr aufschlussreich sein, die andere Perspektive einzunehmen. Widmen wir uns also dem, was hierzulande immerhin noch möglich ist, nämlich der…

„Islamdebatte“
Man kann nicht zwischen Islam und Islamismus trennen. Diese Behauptung ist in dieser Debatte immer wieder zu lesen. Einerseits besagt er, dass der Islam etwas mit dem Islamismus zu tun hat, was für sich genommen eine banale Erkenntnis ist. Er ist aber auch so interpretierbar, dass Islam und Islamismus gleichzusetzen seien. Diese Sichtweise wiederum ist häufig bei selbsternannten „Islamkritikern“ anzutreffen. Nun ist Islamkritik an sich keine schlechte Sache, denn jede Religion ist natürlich zu kritisieren, aber es braucht schon mehr zu einer Kritik als ein bloßes „doof-finden“ des Islam und eine Gleichsetzung von Islam und Islamismus. In einigen Sichtweisen ähneln sich nämlich antimuslimische Rassisten und Dschihadisten: beide behaupten, dass es keinen gemäßigten, liberalen Islam geben kann. Zweitens gibt es die Auffassung, der zunehmende Antisemitismus und Islamismus sei „importiert“ und werde von weniger zivilisierten Gegenden nur in Europa fortgesetzt, was auch nicht zuletzt die Schuld der israelischen Verteidigungspolitik sei. Auch Dschihadisten, die Gewalttaten in Europa verüben, antisemitische Parolen durch Polizeilautsprecher brüllen und öffentlich zum Mord an Juden aufrufen, behaupten, sie würden ja nur auf den „Nahostkonflikt“ aufmerksam machen – eine Auffassung, die eine Richterin nach einem Brandanschlag auf eine Synagoge auch juristisch bestätigte. So gesehen scheint der Islamismus wohl doch nicht im totalen Konflikt zu den Werten Mehrheitsgesellschaft zu stehen, es geht nur um Macht und die Verteidigung der Vorherrschaft über Minderheiten.

Auch in der Linken gibt es derzeit einige Probleme beim Thema Islam. Da gibt es zunächst die Poststrukturalisten à la Christina von Braun und Bettina Mathes, die gar keine Religionskritik mehr betreiben, weil sie diese als „westlichen Werteimperialismus“ oder gar als Rassismus auffassen. So gelangen die Autoren dieser Richtung regelmäßig zu der Auffassung, die Burka sei eine „Übung in Stolz und Bescheidenheit“, hinter der sich „weibliche Handlungsfähigkeit“ aufbauen kann. Wie handlungsfähig Frauen sind, die sich dem Verschleierungszwang oder dem patriarchalen Tugendterror konservativer islamischer Communities widersetzen, sieht man regelmäßig an Ehrenmorden, Säureattentaten und Steinigungen. Auch vor einer Relativierung der Genitalverstümmelung junger Mädchen wird bei diesen Autorinnen nicht zurückgeschreckt, solange man es irgendwie so hinbiegen kann, als sei die Orgasmusfähigeit und das uneingeschränkte weibliche Lustempfinden ein„„eurozentristisch“ geprägter Bewertungsmaßstab und damit eine „rassistische Einmischung“ in andere Kulturen. Der Begriff „Islamophobie“, der noch immer völlig unhinterfragt durch die Islamdebatte geistert, trägt ebenfalls sehr zur Verwirrung bei. Dass die Kritik an einer Religion eine krankhafte Angst sei, wollten schon die Regierenden im Iran den Frauen weissmachen, die gegen den Kopftuchzwang protestierten. Es gibt antimuslimisches Ressentiment und Rassismus, die Kritik einer Religion ist jedoch keine Krankheit. Religionen sind nicht vor Kritik zu schützen, sondern Menschen vor Diskriminierung.

Ebenfalls wenig zielführend sind übrigens die Positionen von Thomas Maul, eines mittlerweile ins Reaktionäre abgedrifteten Ex-Ideologiekritikers, dessen Einlassungen nicht selten in undifferenziertes Islambashing, eine Dichotomie von „Orient“ und „Okzident“ und eine Glorifizierung der katholischen Kirche und der christlichen Heilslehre münden. Er vergisst dabei, dass es nicht unterschiedlich aufgeklärte und säkulare Religionen gibt, sondern unterschiedliche Strömungen und Interpretationen dieser Religion. Die Aufstände gegen das islamistische Regime im Iran wurden auch nicht von Atheisten getragen, sondern von Vertretern eines gemäßigten, unpolitischen Islam. Man sieht: auch Leute, die es besser wissen sollten, tragen nicht selten zu einer Verschärfung der Konflikte bei.

Zusammenfassend muss man wohl sagen, dass der „Westen“ sich bei der Opposition zum Islamismus selbst im Weg steht, weil er ihn nicht versteht. Er kann ihn aufgrund weit reichender, mühevoll unterdrückter Gemeinsamkeiten nicht verstehen, weil das mit der Einsicht verbunden wäre, dass weite Teile der Mehrheitsgesellschaft im Grunde genau so funktionieren. Der Islamismus lässt sich aber nur als eine extreme Spielart des antimodernen, antiwestlichen und antisemitischen Ressentiments bekämpfen, die er eigentlich darstellt.
Dieser Text stützt sich inhaltlich stellenweise auf einen Vortrag von Lothar Galow-Bergemann.

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