von Thomas Tews
Anne Frank, deren Todestag sich im diesjährigen Februar/März (das genaue Datum ist unbekannt) zum 81. Male jährt, könnte mit ihrer leider zu wenig bekannten, sich in der ursprünglichen Fassung ihres Tagebuches manifestierenden Queerness heutigen queeren Jugendlichen als Rollenvorbild auf ihrem oftmals steinigen Weg zum Coming-out dienen.
Am Donnerstag, dem 6. Januar 1944, vertraute Anne Frank, die sich zu diesem Zeitpunkt bereits seit eineinhalb Jahren mit ihrer Familie im Hinterhaus der Prinsengracht 263 in Amsterdam versteckt hielt, ihrem Tagebuch bzw. ihrer fiktiven Freundin Kitty ihre Gefühle körperlicher Anziehung zum gleichen Geschlecht, etwa zu ihrer früheren Freundin Jacqueline van Maarsen, an:
„Manchmal bekomme ich abends im Bett ein schreckliches Bedürfnis, meine Brüste zu befühlen […]. Unbewusst habe ich solche Gefühle schon gehabt, bevor ich hierher kam, denn ich weiß, dass ich, als ich einmal abends bei Jacque schlief, mich nicht mehr halten konnte, so neugierig war ich auf ihren Körper, den sie immer vor mir versteckt gehalten hatte und den ich nie gesehen habe. Ich fragte Jacque, ob wir als Beweis unserer Freundschaft uns gegenseitig die Brüste befühlen sollten. Jacque lehnte ab. So war es auch, dass ich ein schreckliches Bedürfnis hatte, Jacque zu küssen, und dass ich es auch getan habe. Ich gerate jedes Mal in Ekstase, wenn ich eine nackte Frauengestalt sehe, so wie zum Beispiel in der Springerkunstgeschichte eine Venus. Ich finde es manchmal so wunderbar und schön, dass ich an mich halten muss, dass ich die Tränen nicht laufen lasse. Hätte ich nur eine Freundin!“i
Dass diese Anne Franks gleichgeschlechtliches Verlangen zum Ausdruck bringende Tagebuchpassage wenig bekannt ist, liegt unter anderem daran, dass sie nur in der als ‚Version a‘ bezeichneten, von Anne Frank ohne Vorentwürfe direkt geschriebenen ersten Fassung ihres Tagebuches zu finden ist. In der von Anne Frank nach einem im Radio ausgestrahlten Aufruf des exilierten niederländischen Erziehungsministers, die Leiden des niederländischen Volkes während der deutschen Besatzung zur Veröffentlichung nach dem Krieg zu dokumentieren, teils umgeschriebenen und korrigierten, an einigen Stellen erweiterten und an anderen Stellen gekürzten ‚Version b‘ fehlt die genannte Passage.
Auch in der von Anne Franks Vater Otto Frank nach Kriegsende aus der ursprünglichen ‚Version a‘ und der umgearbeiteten ‚Version b‘ zusammengestellten, auf einen von niederländischer Verlagsseite vorgegebenen Umfang gekürzten ‚Version c‘ ist die betreffende Passage nicht enthalten, da sie der niederländische Verleger Gilles Pieter de Neve zusammen mit Erwähnungen von Anne Franks Menstruation gestrichen hatte. 1947, als das Buch in den Niederlanden erschien, war es noch unüblich, ungezwungen über geschlechtliche und sexuelle Themen zu schreiben, insbesondere in Jugendbüchern. Otto Frank indes missfielen die für die niederländische Ausgabe vorgenommenen Streichungen der Stellen, welche „die Empfindlichkeiten der niederländischen Puritaner oder Katholiken verletzen könnten“ii, wie er es in einem Brief an die Übersetzerin einer geplanten englischen Ausgabe ausdrückte. In der Folge erschien die queere Passage nur leicht gekürzt in der 1952 in den USA und Großbritannien veröffentlichten englischen Ausgabe.
Doch als nach Otto Franks Tod die Autorin und Übersetzerin Mirjam Pressler im Auftrag des Anne Frank Fonds in Basel die Tagebuchversionen ‚a‘ und ‚b‘ zur wesentlich umfangreicher als die ‚Version c‘ ausfallenden, heute weltweit verbindlichen ‚Version d‘ zusammenführte, wurde der queere Teil des Tagebucheintrages vom 6. Januar 1944 erneut nicht aufgenommen.
Angesichts der Tatsache, dass es sich bei Anne Frank vermutlich um das bekannteste Opfer des Holocaust handelt und vielen Aspekten ihres Lebens Aufmerksamkeit geschenkt wird, wundert sich die Historikerin Anna Hájková in ihrer 2019 an der Universität Rostock gehaltenen und anschließend in überarbeiteter und erweiterter Form unter dem Titel „Menschen ohne Geschichte sind Staub. Homophobie und Holocaust“ publizierten ‚Hirschfeld-Lecture‘ über „die beinahe vollständige Missachtung von Anne Franks Queerness in der wissenschaftlichen Literatur“iii.
Das Verschweigen von Anne Franks Queerness macht auch vor der Schulbildung nicht Halt. Vor knapp drei Jahren ordnete sogar ein Schulbezirk im Bundesstaat Florida in den Vereinigten Staaten von Amerika an, dass an seinen öffentlichen Schulen die von Ari Folman, einem israelischen Filmregisseur und Sohn polnischer Holocaustüberlebender, und David Polonsky, einem israelischen Comiczeichner, gestaltete Graphic Novel „Anne Frank’s Diary“ („Das Tagebuch der Anne Frank“) nicht mehr behandelt werden darf, weil sie ein Bild, in dem Anne Frank beim Gang durch einen von klassizistischen Statuen nackter Frauen gesäumten Laubengang in einem Park in Verzückung gerät, und eine Szene, in der Anne Frank vergeblich einer Freundin das gegenseitige Zeigen ihrer Brüste vorschlägt, enthält. Das Buchverbot erfolgte auf eine Beschwerde durch die konservative Gruppe „Moms for Liberty“ („Mütter für die Freiheit“) und auf der Grundlage eines ein Jahr zuvor in Florida beschlossenen Gesetzes, das den Unterricht über sexuelle Orientierungen und Geschlechtsidentitäten einschränkt oder verbietet. Dies ist ein Paradebeispiel für die Doppelmoral mancher konservativer Rechter, die lautstark linke ‚Cancel-Culture‘ beklagen, aber gleichzeitig alles, was nicht in ihr Weltbild passt, verbieten möchten.
Wenn wir die queeren Aspekte des von Anne Frank im Teenageralter verfassten Tagebuches, das inzwischen nicht nur zu den meistgelesen Büchern der Welt, sondern auch zur Standardlektüre vieler Heranwachsender zählt, nicht durch Verschweigen oder gar Verbieten auszuradieren versuchen, sondern thematisieren würden, könnte dies zu einer breiteren gesellschaftlichen Akzeptanz von Queerness beitragen und Jugendliche dazu ermutigen, sich offen mit eigenen queeren Gedanken und Gefühlen auseinanderzusetzen und zu diesen zu stehen. Anne Frank hätte es sicherlich gefallen, nicht nur zu einer ikonischen Stimme gegen Antisemitismus und Rassismus, sondern auch gegen Homophobie und Queerfeindlichkeit zu werden. So wie Nelson Mandela und andere Antiapartheidaktivisten während ihrer Inhaftierung auf Robben Island aus der Lektüre von Anne Franks Tagebuch Kraft schöpften, könnten dies auch queere Jugendliche in ihrem häufig nicht leichten Coming-out-Prozess tun.
Anmerkungen:
i Anne Frank, Tagebuch Version a, 6. Januar 1944. Zitiert nach: Anne Frank, Gesamtausgabe. Tagebücher – Geschichten und Ereignisse aus dem Hinterhaus – Erzählungen – Briefe – Fotos und Dokumente. Hrsg. vom Anne Frank Fonds, Basel. Aus dem Niederländischen von Mirjam Pressler. Mit Beiträgen von Gerhard Hirschfeld, Mirjam Pressler und Francine Prose. 3. Auflage. S. Fischer, Frankfurt am Main 2018, S. 608.
ii „[…] were likely to offend Dutch Puritan or Catholic susceptibilities.“ Zitiert nach: Anna Hájková, Menschen ohne Geschichte sind Staub. Homophobie und Holocaust. Hirschfeld-Lectures, Band 14. Wallstein Verlag, Göttingen 2021, S. 40 f.
iii Ebd., S. 37.
[zuerst erschienen am 8. März 2026 bei haGalil.com]