Was ist Zionismus?

Versuch einer anthologischen Antwort und Grundlagentexte

von Thomas Tews

Vor dem aktuellen Hintergrund, dass der Landesverband Niedersachsen der Partei „Die Linke“ in einem auf seinem Landesparteitag am 14./15. März 2026 angenommenen Antragi „den heute real existierenden Zionismus“ ablehnt, weil dieser „durch Rassismus, Besatzungspolitik und militärische Gewalt“ gekennzeichnet sei und „einen wesentlichen Hinderungsgrund für eine friedliche Zukunft für alle Menschen in der Region“ bilde, soll im Folgenden in der Art einer Anthologie eine Antwort auf die Frage „Was ist Zionismus?“ zu geben versucht werden.

In seiner auf dem XII. Zionistenkongress in Karlsbad am 2. September 1921 gehaltenen Rede betonte der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber:

Unsere Rückkehr nach Erez Israel, die sich in den Formen einer stetig zunehmenden Einwanderung vollziehen muss, will kein fremdes Recht beeinträchtigen. In einem gerechten Bund mit dem arabischen Volke wollen wir die gemeinsame Wohnstätte zu einem wirtschaftlich und kulturell blühenden Gemeinwesen machen, dessen Aufbau jedem seiner nationalen Glieder eine ungestörte autonome Entwicklung sichert.“ii

Ebenfalls im Jahre 1921 erklärte der jüdische Physiker Albert Einstein:

Mein Zionismus schließt nicht kosmopolitische Ansichten aus … Die Bedeutung des Zionismus ist daher vielseitig. Den Juden, die in der ukrainischen Hölle oder in Polen verzweifeln, eröffnet er Hoffnungen auf eine menschlichere Existenz. Durch die Zurückführung von Juden nach Palästina, und damit zu einem normalen und gesunden Leben, erfüllt der Zionismus eine schöpferische Funktion, die die gesamte Menschheit bereichern sollte. Aber die Hauptsache ist, dass der Zionismus dazu führen muss, die Würde und Selbstachtung der Juden in der Diaspora zu stärken.“iii

Michael Brenner, Professor für Jüdische Geschichte und Kultur an der Ludwig-Maximilians-Universität München und Direktor des Center for Israel Studies an der American University in Washington, DC, schreibt in seiner im C.H.Beck-Verlag erschienenen „Geschichte des Zionismus“:

Anfangs auch von vielen Juden verlacht oder bekämpft und nur eine von mehreren politischen Bewegungen im modernen Judentum darstellend, wurde der Zionismus nach der Katastrophe des europäischen Judentums für nahezu alle Juden zum Symbol der Hoffnung auf ein Weiterleben. Für die einen wurde der 1948 gegründete Staat Israel zur neuen Heimstätte, für die anderen ein wichtiger Orientierungspunkt ihrer jüdischen Identität in der Diaspora, also außerhalb Israels.“iv

Die israelische Historikerin und Intellektuelle Fania Oz-Salzberger schließlich stellt in ihrem 2024 im Suhrkamp-Verlag erschienenen Buch „Deutschland und Israel nach dem 7. Oktober“ klar:

Wir können und werden den Zionismus nicht aufgeben.

Damit meine ich Zionismus in seinem einfachsten Sinne, seiner zentralen historischen Bedeutung: als Unterstützung des Rechts der Juden auf einen international anerkannten, demokratischen Nationalstaat in einem Teil der Heimat ihrer Vorfahren. Nicht mehr und nicht weniger.

[…] Was das Wesen des Begriffs betrifft, kann ich nur entschieden betonen: Die Kerndefinition von Zionismus ist vollkommen vereinbar mit der Gleichberechtigung nichtjüdischer Bürger wie auch mit der Existenz eines benachbarten palästinensischen Staates.“v

Diese differenzierten Zionismuskonzeptionen seien manchen Linken „in ihrem antizionistischen Furor“vi, wie es Jean Améry in seinem im Jahre 1969 verfassten Essay „Die Linke und der ‚Zionismus‘“ formulierte, zur Lektüre und Reflexion empfohlen.

–> Grundlagentexte des Zionismus [zusammengestellt von hagalil.com]

Anmerkungen:

i Antrag „A01 – Die Linke Niedersachsen lehnt den heute real existierenden Zionismus ab“, https://www.dielinke-nds.de/fileadmin/user_upload/A01_geaendert.pdf (letzter Zugriff am 19.03.2026).

ii Martin Buber. 1878–1978. Ausstellung. Jüdische National- und Universitätsbibliothek, Berman-Saal, Jerusalem, April 1978. Jüdische National- und Universitätsbibliothek, Jerusalem 1978, S. 22.

iii Einstein. 1879–1979. Ausstellung. Jüdische National- und Universitätsbibliothek, Berman-Saal, Jerusalem, März 1979. Jüdische National- und Universitätsbibliothek, Jerusalem 1979, S. 33.

iv Michael Brenner, Geschichte des Zionismus. 5., durchgesehene Auflage. C.H.Beck, München 2019, S. 7.

v Fania Oz-Salzberger, Deutschland und Israel nach dem 7. Oktober. Aus dem Englischen von Michael Bischoff. Suhrkamp, Berlin 2024, S. 32 f.

vi Jean Améry, Der neue Antisemitismus. Mit einem Vorwort von Irene Heidelberger-Leonard. Cotta, Stuttgart 2024, S. 59.