Alte Klischees im Neuen Gewande

Zum Comeback des Antisemitismus in der Form personalisierender Kapitalismuskritik und des Ressentiments gegen den jüdischen Staat

von Lothar Galow-Bergemann

„Jawohl, sie halten uns in unserem eigenen Land gefangen, sie lassen uns arbeiten in Nasenschweiß, Geld und Gut gewinnen, sitzen dieweil hinter dem Ofen, faulenzen, pompen und braten Birnen, fressen, sauffen, leben sanft und wohl von unserm erarbeiteten Gut, haben uns und unsere Güter gefangen durch ihren verfluchten Wucher, spotten dazu und speien uns an, das wir arbeiten und sie faule Juncker lassen sein … sind also unsere Herren, wir ihre Knechte.“ Bereinigen wir das Zitat um die etwas altertümliche Sprache, lassen wir die dermaßen Beschimpften etwa nicht „faule Junker“ sondern „unnütze Schmarotzer“ sein, die nicht „Birnen braten“, sondern im Privatjet um den Globus jetten und „uns und unser erarbeitetes Gut“ nicht durch ihren „verfluchten Wucher“, sondern mithilfe ihrer „gierigen Finanzspekulationen“ bedrängen – im Handumdrehen sehen wir ein ziemlich aktuelles und weit verbreitetes Weltbild vor uns. Dass „die Gierigen da oben“ an „unserem Unglück“ schuld seien, gilt nämlich vielen ZeitgenossInnen als überzeugende Ursachenbeschreibung der seit Jahren anhaltenden weltweiten Wirtschafts- und Finanzkrise.

Die Frage, welchen Namen und welche Hausnummer „die da oben, die an allem schuld sind“ denn nun eigentlich ganz genau haben, wird unterschiedlich, manchmal gar nicht, mitunter auch mit seltsam unklar-klar raunender Rede beantwortet. Der Autor des einleitenden Zitats – es ist schon bald ein halbes Jahrtausend alt – gab jedenfalls eine glasklare Antwort: die Juden sind’s! Der das mit Bestimmtheit wusste, war niemand anderes als Martin Luther, jener „große Deutsche“, nach dem unzählige Plätze, Straßen und Schulen benannt sind und dessen Wirken mit Blick auf das herannahende Reformationsjubiläum 2017 landauf landab von kirchlicher wie staatlicher Seite wieder einmal in hellen Tönen gepriesen wird. Nachzulesen in seiner 1543 erschienen Schrift „Von den Jüden und ihren Lügen“. Der bei weitem nicht einzigen, aber übelsten judenfeindlichen Hetzschrift des Reformators, die er noch kurz vor seinem Tod verfasste. Und er lieferte darin auch gleich das Rezept mit, wie mit den Bösewichtern zu verfahren sei. So solle man u.a. ihre Synagogen und Schulen verbrennen, ihre Häuser zerstören, ihnen das freie Geleit entziehen und ihren Besitz konfiszieren.

Kein Wunder, dass Martin Luther im nationalsozialistischen Deutschland oft und gerne und zwar durchaus auch unverfälscht und ganz und gar nicht aus dem Zusammenhang gerissen zitiert wurde. Noch 1946 berief sich Julius Streicher, der Herausgeber des antisemitischen Hetzblatts „Der Stürmer“ im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess auf den Reformator. Würde der heute noch leben, so Streicher, stünde er an seiner Stelle vor den Schranken des Gerichts. Auch im Spielfilm „Jud Süss“, der 1940 in die Kinos kam und in kürzester Zeit zum bis dahin größten Kassenschlager aller Zeiten avancierte, berufen sich die Judenhasser auf Luther. Über 20 Millionen strömten in die Kinos und sahen das Machwerk mit Ergriffenheit und Begeisterung. Sie mussten keineswegs vom Blockwart in den Kinosaal getrieben werden, denn sie sahen und erlebten dort exakt das, was sie dachten, glaubten, fühlten, wünschten und hofften. Denn der Film bediente ihre Vorstellung von sich selbst als den guten und arbeitenden Ehrlichen, die von hinterhältigen und bösartigen Raffgierigen belogen und betrogen werden. Ein raffinierter und mit allen Wassern gewaschener Finanzexperte hilft dem Herzog von Württemberg immer wieder aus der Patsche und rettet ihn vor dem Staatsbankrott. Entsprechend verschafft er sich wachsenden Einfluss am Hofe. In moderner Sprache: der Einfluss des Finanzkapitals auf die Politik wächst. Er selbst und seine Kumpane – allesamt Juden – bereichern sich dabei schamlos. Selbstredend muss das Geld irgendwoher kommen. Nun, sie greifen eben dem ehrlich arbeitenden Volk immer tiefer in die Tasche. Der Film lebt vom halluzinierten Gegensatz zwischen der ehrlichen und betrogenen Arbeit und der verabscheuungswürdigen Raffgier, die ohne Arbeit zu Reichtum und einem guten Leben gelangen will. Am Ende wird der Jude zur tiefen Befriedigung des ganzen umstehenden Volkes erhängt. Genau das haben sich die Leute – genauso wie die Kinobesucher – schon immer gewünscht. Wenige Monate nach dem Kassenschlager beschließt die Wannseekonferenz die „Endlösung der Judenfrage“. Natürlich hat der Film auch einen positiven Helden, der zum Kampf gegen die Juden mobilisiert. In der Schlüsselszene gewinnt er seine Mitstreiter mit dem Ausruf: „Wie die Heuschrecken fallen sie (die Juden) über uns her!“ Jetzt springt der Funke über, seine Mannen sind zum Kampf bereit.

Eine Broschüre der Gewerkschaft verdi „Finanzkapitalismus – Geldgier in Reinkultur!“, die den so genannten Finanzkapitalismus erklären will, arbeitet extensiv mit der Heuschreckenmetapher. Schon auf dem Titelblatt kommt ein bedrohlicher und schier unendlicher Heuschreckenschwarm auf den Betrachter zu. Illustrationen, auf denen oft nicht mehr zwischen Mensch und Heuschrecke zu unterscheiden ist, vervollständigen das Bild. Sie bedrohen uns, quetschen und saugen alles aus, ob Mietshäuser, Fabriken oder Büros. Alles für ihre unersättliche Gier nach Profit. Doch nicht nur in Gewerkschaftspublikationen, auch im gutbürgerlichen Blätterwald und in vermeintlich radikal kapitalismuskritischen Publikationen findet man immer wieder das Bild von den Heuschrecken, die über das Land, die Wohnungen und die Fabriken herfallen. Selbstredend sind die AutorInnen keine Nazis, ihnen das zu unterstellen wäre nicht nur persönlich absolut unerträglich, es wäre auch sachlich vollkommen falsch. Doch ihre arglose Verwendung der Metapher verweist darauf, dass hochproblematische Bilder und Erklärungsmuster in der ganzen Gesellschaft verbreitet sind – ob rechts oder links oder auch in der vermeintlich so reflektierten Mitte.

Der oberflächliche und vereinfachende Blick auf die Funktionsweisen des globalisierten Kapitalismus gipfelt immer wieder in einer problematischen Frage, die sich selbst für die Ausgeburt von Kritik hält: „Geld regiert die Welt. Doch wer regiert das Geld?“ Sie erscheint auf Occupy-Demos genauso wie auf dem Cover des „Spiegel“ oder in kirchlichen Seminarankündigungen, die nach einem „besseren Geldsystem“ Ausschau halten. Die Frage, mal genau so, mal ein wenig anders formuliert, bewegt die meisten Menschen. Denn es fällt tatsächlich schwer, den Kapitalismus zu begreifen. Der ist nämlich ein menschheitsgeschichtliches Novum. Während alle vorhergehenden Gesellschaftssysteme auf personeller Herrschaft basierten, beruht er auf abstrakter, versachlichter Herrschaft. Kapitalismuskritik, die nicht bloß an der Oberfläche kratzt und personalisiert, muss sich deswegen den durchaus nicht einfach zu verstehenden immanenten Sachzwängen eines Systems stellen, dessen innere Logik nicht etwa auf stofflichen Reichtum und ein gutes Leben für alle Menschen hinausläuft, sondern auf den inhaltsleeren Zweck eines Hamsterrads aus „immer mehr und immer schneller“, das vom Zwang zur fortlaufenden Verwertung des Kapitals angetrieben wird. Eine solche Kritik würde beispielsweise fragen, warum wir eigentlich ausgerechnet zu einem Zeitpunkt immer mehr und immer länger arbeiten sollen, wo wir dank Wissenschaft und Technik in der Lage sind, mit immer weniger Arbeit immer mehr stofflichen Reichtum zu produzieren. Doch solche Fragen lassen sich nicht mit Schuldzuweisungen an bösartige Menschen und „Lügenpack“ beantworten, sie erfordern systemische Kritik. Um wie viel naheliegender und verführerischer ist da doch ein Weltbild, das über so etwas erst gar nicht nachdenken mag und dafür Heuschrecken, gierige Manager, Bankster und Spekulanten zu den Verantwortlichen für die Krise erklärt. Und das zudem noch den enormen Vorteil bietet, dass man sich selbst besten Gewissens dem wohligen Gefühl hingeben kann, zu den Guten zu gehören.

Es war eine national-sozialistische deutsche Arbeiter-Partei, die jene Volksmeinung schon einmal verkörperte, zu politischer Macht brachte und konsequent umsetzte. Denn wo geglaubt wird, einige wenige undurchschaubar Mächtige, Gierige und Bösartige seien am Unglück der großen Masse schuld, drängt sich der Wunsch auf, die eingebildeten Schädlinge mögen beseitigt werden, damit es „uns“ wieder gut gehe. Deswegen stand „Arbeit macht frei“ über dem Tor von Auschwitz. Bis heute können sich das die wenigsten wirklich erklären. Schließlich gilt ihnen doch die Arbeit als eine gute Sache, mit der sie sich identifizieren. Doch in der Psyche derer, die sich der Gemeinschaft der „ehrlich Arbeitenden und Betrogenen“ zurechnen, schlummert seit jeher der Vernichtungswahn gegen die eingebildeten „schuldigen Gierigen“. In der Shoah hat er sich ausgelebt.
Dass den meisten Leuten heutzutage die gruselige Implikation ihres Denkens noch gar nicht zu Bewusstsein gekommen ist, vermag nicht zu beruhigen. Denn der bewusste Vernichtungswunsch steht nicht bereits am Beginn, sondern erst am Ende einer langen Kette von unreflektierter Empörung, Ressentiment und Pseudokritik.

Wo der unpersonale Herrschaftscharakter des Systems der Kapitalverwertung nicht verstanden ist und im Verborgenen wirkende Strippenzieher vermutet werden, lauert der Ausbruch der Barbarei. Zumal in Krisenzeiten wie den heutigen, die leider erwarten lassen, dass in den kommenden Jahren immer mehr Menschen Grund haben werden, sich über die Verschlechterung ihrer sozialen Lage zu empören. Solche Zeiten, man könnte es spätestens seit 1929 wissen, sind immer günstige Zeiten für die rasche, ja explosive Verbreitung des Ressentiments. Nicht dass jeder, der heute die Übel der Welt von gierigen Spekulanten und durchtriebenen Zockern verursacht sieht, bereits ein voll entwickeltes antisemitisches Weltbild mit sich herumtrüge. Noch ist vielen – wenn auch längst nicht mehr allen – zu glauben, wenn sie sagen, sie hätten nichts gegen Juden. Doch der oberflächliche, personalisierende und eben nur pseudokritische Antikapitalismus mündete schon einmal in antisemitischen Vernichtungswahn. Wer „Tötet die Juden!“ ruft, ist nur einen verhängnisvollen Weg zu Ende gegangen, den er schon viel früher und mitunter auch sehr leise begonnen hat.

Noch gilt es als Ausweis von Anständigkeit, kein Antisemit zu sein. Doch die Hülle dieses Bekenntnisses wird immer rissiger. Als der „Spiegel“ im Januar 2013 in unschuldiger Man-wird-doch-nochmal-fragen-dürfen-Manier die Frage stellte „Ist Antisemit, wer sagt, die Juden hätten zu viel Einfluss in Deutschland?“ konnte er ich bereits der offenen Unterstützung eines Viertels der Deutschen sicher sein, die diese Meinung in Umfragen ungeniert zu Protokoll geben. Als die Studierenden der Geistes- und Sozialwissenschaften (!) der Universität Osnabrück die Aussagen bewerten sollten „Es sollten weniger jüdische Einwanderer nach Deutschland gelassen werden“ und „Deutsche Frauen sollten keine Juden heiraten“ kreuzten lediglich 60 Prozent „stimmt gar nicht“ an. Und wenn „es dem Frieden dient“, lassen sich vermeintliche FriedensfreundInnen auf Ostermärschen auch mal „gerne als Antisemit beschimpfen“.

Apropos „Frieden“. Eine zentrale Rolle für das Comeback des Antisemitismus spielt die von den meisten Deutschen mit Hingabe betriebene „Israelkritik“. Sie bietet den unschätzbaren Vorteil, nichts gegen Juden haben zu müssen und „doch nur“ die israelische Politik zu kritisieren. Dabei verweist schon der Begriff „Israelkritik“ auf den obsessiven Charakter des Unterfangens. Eine Brasilienkritik, Dänemarkkritik oder Türkeikritik hat jedenfalls bisher noch niemand erfunden. Allein der jüdische Staat verleitet offenbar zur Kreation eines neuen Substantivs, das das Wort „Kritik“ enthält. Entsprechend sieht diese „Kritik“ dann auch aus. Zwei Drittel der Deutschen halten den jüdischen Staat für „die größte Gefahr für den Weltfrieden“. Befragt nach den Ursachen für den so genannten Nahostkonflikt fällt den meisten Medienschaffenden genauso wie den meisten „Leuten von der Straße“ spontan „die israelische Siedlungspolitik“ ein. Lässt man das einmal unkommentiert und fragt nach möglichen weiteren Gründen, werden die Antworten ganz schnell äußerst dünn. Dass der antisemitische Vernichtungswahn, von dem Israel umgeben ist und die Weigerung selbst der angeblich gemäßigten palästinensischen Kreise, Israel als jüdischen Staat anzuerkennen, irgendetwas mit der Situation zu tun haben könnten – auf so etwas Naheliegendes kommen die wenigsten. Dabei könnte, wer wollte, über vieles Bescheid wissen. Beispielsweise über die Charta der Hamas, in der es heißt, „die Juden kontrollierten mit ihrem Reichtum weltweit die Medien, lenkten Revolutionen, bildeten überall Geheimorganisationen, um Gesellschaftssysteme zu zerstören, stünden hinter beiden Weltkriegen und seien Drahtzieher jedes Krieges auf der Welt.“ Und „erst wenn alle Muslime die Juden bekämpften und töteten, werde das jüngste Gericht kommen. Dieses werde die Vernichtung aller Juden vollenden.“ Man könnte auch wissen, dass viele andere erklärte Feinde des jüdischen Staates, etwa die mächtigen Herrscher des iranischen Gottesstaates, ganz genauso denken. Und dass dies nichts, aber auch gar nichts mit „Kritik an israelischer Politik“ oder der Formulierung irgendeines „palästinensischen Nationalinteresses“ zu tun hat, sondern der blanke antisemitische Vernichtungswahn ist, den man in ganz ähnlichen Worten – auch das könnte man wissen – in Hitlers Politischem Testament nachlesen kann. Seine letzten Aufzeichnungen, einen Tag bevor er sich im Bunker die Kugel gab, waren diese: „Ich habe keinen Zweifel darüber gelassen, dass, wenn die Völker Europas wieder nur als Aktienpakete dieser internationalen Geld- und Finanzverschwörer angesehen werden, dann auch jenes Volk mit zur Verantwortung gezogen werden wird, das der eigentlich Schuldige an diesem mörderischen Ringen ist: Das Judentum!“ Man könnte wissen, wie sehr sich die Gedankenwelt fanatischer Judenhasser gleicht und man könnte daraus ableiten, in welcher Situation sich der jüdische Staat befindet. Dass er z.B. bei Strafe seines Untergangs seinen Gegnern militärisch überlegen bleiben muss. Doch all das interessiert nur wenige. Auch hier gilt: Einfache und oberflächliche Antworten sind ja so praktisch. Sie bedienen das eigene Ressentiment und lassen einen in dem angenehmen Gefühl zurück, zu den Guten zu gehören, die „Gottseidank nicht so sind“.

Ressentiment ist faktenresistent. Dass es nie einen palästinensischen Staat gegeben hat, dass seit 92 Jahren auf 78 Prozent des ehemaligen Mandatsgebiets Palästina ein arabischer Staat mit überwiegender palästinensischer Bevölkerungsmehrheit besteht, aus dem auf Geheiß der (britischen) Mandatsmacht sämtliche Juden zu verschwinden hatten (Transjordanien/Jordanien), dass Israel 2005 einen Herzenswunsch der Hamas und deutscher FriedensfreundInnen erfüllte und sämtliche Siedlungen im Gazastreifen auflöste, dass Gaza daraufhin nicht etwa zum blühenden Friedensland, sondern zur Raketenabschussrampe wurde – all das und noch viel mehr will man gar nicht wissen. In aller Regel reicht das Stichwort „Siedlungspolitik“ aus, um eine feste Meinung zum Thema zu haben. Wer das Wort fehlerfrei aufsagen kann, darf sich zur unüberschaubar großen Menge der eingebildeten Nahostexperten in Deutschland rechnen. „Siedlungspolitik“ ist zur Chiffre verkommen, mittels derer man sich gegenseitig permanent zu verstehen gibt, man wisse ja nur zu gut, wer der eigentlich Schuldige ist.

Dass Antizionismus, also die Ablehnung des jüdischen Staates, etwas völlig anderes sei als Antisemitismus, dass er doch nur die verständliche Reaktion auf die angeblich so schlimme Politik Israels sei, ist das Glaubensbekenntnis aller modernen AntisemitInnen. Doch bei genauerem Hinsehen erweist sich bereits die Vorstellung, den Hass auf jüdische Staatlichkeit habe es vor der Existenz des Zionismus oder Israels nicht gegeben, als falsch. Auch in diesem Punkt hat Martin Luther schlechte Vorarbeit geleistet. 1538 machte er sich in seiner Schrift „Wider die Sabather“ über diese jüdische Sekte wie folgt lustig: „So lasst sie doch hinfahren ins Land und gen Jerusalem, Tempel bauen, Priesterthum, Fürstenthum, und Mosen mit seinem gesetze auffrichten und also sie selbs wiederumb Jüden werden und das Land besitzen. Wenn das geschehen ist, so sollen sie uns bald auf den ferssen nach sehen daher kommen und auch Jüden werden. Thun sie das nicht, so ists aus der massen lächerlich, das sie uns Heiden wollen bereden zu jrem verfallen gesetze, welches nu wohl Funffzehnhundert jar verfaulet und kein gesetze mehr gewesen ist.“ Sie sind doch gar nicht in der Lage, einen ordentlichen Staat zu errichten, die Juden, hören wir da heraus. Immanuel Kant sprach von den Juden als „einer ganzen Nation von lauter Kaufleuten … deren bei weitem größter Theil keine bürgerliche Ehre sucht“ und dessen „Gesetzgeber… nur ein politisches, nicht ein ethisches gemeines Wesen habe gründen wollen“. Die Juden und ein ethisches Gemeinwesen? Unmöglich! Ein weiterer „großer Deutscher“, Johann Gottlob Fichte, meinte: „Fast durch alle Länder Europas verbreitet sich ein mächtiger, feindselig gestimmter Staat, der mit allen übrigen im beständigen Kriege steht… es ist das Judenthum.“ Die Juden, lesen wir durch die Jahrhunderte immer wieder, sind ja gar nicht in der Lage, einen „normalen“ Staat zu bilden, ihr Staat ist unmoralisch, unethisch und kriegerisch. Das alles „wussten“ die Antisemiten bereits ein paar Jährchen vor der Gründung des Staates Israel. Antizionismus war schon immer fester Bestandteil des Antisemitismus. Aber auch davon will man in Deutschland nichts wissen.

Nicht auszuschließen, dass es Jahrzehnte nach dem von den Alliierten gegen den Willen der Deutschen erzwungenen Ende des Holocausts in diesem Lande wieder salonfähig werden könnte, sich AntisemitIn zu nennen. Rückblickend würde sich dann der eine Zeitlang herrschende „anti-antisemitische“ Konsens lediglich als ein notwendiger Zwischenschritt auf dem Weg zurück zu deutscher Normalität erweisen. Selbstverständlich würden dann auch die „Israelkritik“ und der personalisierende Pseudo-Antikapitalismus ihr heimliches Liebschaftsverhältnis zugunsten einer ganz offen gelebten Ehe aufgeben. Die Süddeutsche Zeitung, die am 2. Juli 2013 ihrer linksliberalen Leserschaft die Zeichnung eines bösartigen und gierigen Monsters präsentierte, das sie mit dem jüdischen Staat gleichsetzte, den „wir Deutschen“ angeblich füttern müssen, könnte sich möglicherweise ans Revers heften, diesen letzten Dammbruch eingeleitet zu haben.
Lothar Galow-Bergemann ist Vorstandsmitglied der Deutsch-Israelischen Gesellschaft AG Stuttgart & Mittlerer Neckar und schreibt u.a. in konkret, Jungle World und www.emafrie.de

eine überarbeitete Kurzfassung dieses Textes findet sich HIER

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