Rätselhaftes Geld: Inflations-Astrologie

„Renommierte Wirtschaftsexperten“ rühren mal wieder im Kaffeesatz

Von Minh Schredle|

Zuerst erschienen in KONTEXT:Wochenzeitung Ausgabe 563 vom 12.01.2022

Am Monatsende ist das Konto leer und die Preise steigen: Was ist da los? Und wie soll das weitergehen? In dieser kniffligen Situation liefern die Inflationsprognosen der renommierten Wirtschaftsexperten ähnlich viel Erkenntnisgewinn wie das Horoskop der Woche.

Am Anfang war das Wort? „Inflation entsteht, wenn Menschen anfangen, über Inflation zu reden.“ So erklärte sich Otmar Issing im vergangenen Dezember die dramatischen Preissteigerungen in einem Gastbeitrag für die „Wirtschaftswoche“. Und Issing ist nicht irgendwer – er war Wirtschaftsweiser, Chefökonom der Bundesbank und der Europäischen Zentralbank (EZB), dann International Advisor von Goldman Sachs und zeitgleich Präsident des angesehenen Center for Financial Studies in Frankfurt, das er bis heute leitet. Kurz gesagt: Der Mann weiß, wie viel sich in der Ökonomie zur Kopfsache und Glaubensfrage erklären lässt. Und worauf es jetzt ankommt. Issing: „Es kommt darauf an, dass die Bürger und die Finanzmärkte nicht das Vertrauen in die Entschlossenheit der Zentralbanken verlieren, die Inflation (in der Regel bei etwa zwei Prozent) mittelfristig zu stabilisieren.“

In eine ähnliche Kerbe schlägt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) : Die „Gefahr droht von psychologischer Seite“, erklärt das DIW im Oktober 2021, nämlich „von den Erwartungen, zu der auch gerade die alarmistische Berichterstattung beiträgt“. Wenn alle davon ausgehen, dass die Preise weiter steigen, „werden die Menschen Käufe vorziehen und höhere Löhne fordern“, so die Sorge, und „Unternehmen wiederum werden auf ihre Preise aufschlagen, wenn sie damit rechnen, höhere Löhne und höhere Erzeugerpreise zahlen zu müssen.“ Inflation, so lernen wir, ist also Kopfsache.

Eine Strategie zur Krisenbewältigung lässt sich mit diesen Handreichungen leicht auf die Beine stellen: Wenn am Monatsende keine Kohle mehr auf dem Konto ist und der durchschnittliche Warenkorb immer leerer wird, kommt bitte bloß nicht auf die Idee, höhere Löhne zu fordern. Redet am besten nicht über die Geldentwertung – das macht es nur schlimmer – und wenn es doch unbedingt sein muss, dann flüstert wenigstens, damit es niemand mitbekommt. Aber immerhin, das Risiko, eine Katastrophe heraufbeschwören, scheint hierzulande relativ überschaubar: Denn wenn die Skandale um Cum-Ex und Wirecard eines verdeutlicht haben, dann ja wohl, dass sich die deutsche Öffentlichkeit mit grauen Finanzthemen nicht hinter dem Ofen hervorlocken lässt. Oder doch?

„Inflation und Sex haben eines gemeinsam“, schreibt der Wirtschaftswissenschaftler Thomas Straubhaar in der Tageszeitung „Die Welt“. Denn: „Auf Titelseiten garantieren sie immer Aufmerksamkeit.“ Oh Schreck! Die Inflation wird sich WIE EIN LAUFFEUER VERBREITEN!!! Aber Moment mal. Was schreibt Professor Straubhaar da noch? „Die Inflation ist tot.“ Veröffentlicht wurde sein Abgesang auf die Inflationspanik im Dezember 2020 – womit auch ein kleiner Schönheitsfehler an Issings Theorie der herbeigeredeten Inflation deutlich wird: Sie lässt offen, warum frühere Nennungen des Begriffs in den vergangenen Jahrzehnten keine Preisexplosionen provozierten und warum es diesmal anders kam. Gibt es vielleicht Zeitfenster, die weniger gefährlich sind? Womöglich eine günstige Mondphase? Oder eine besondere planetare Konstellation, die die Inflation in Schach hält?

Medien lieben diese Geisterbahn

Die Medien jedenfalls reden andauernd über Inflation – sogar dann, wenn sie sich nirgends bemerkbar macht. Experte Straubhaar, VWL-Professor an der Universität Hamburg, zieht daher über einen Artikel im britischen „Economist“ her, der die Inflationsfrage im Dezember 2020 aufwirft – und letztendlich selbst verneint, dass ein Preisanstieg wahrscheinlich sei. Laut Straubhaar bleibe also „am Ende nichts anderes übrig, als einzugestehen, dass erneut aufgekochte Inflationsaufregungen eher künstlich aufgebauscht als durch reale Tatsachen belegbar sind“.

Auch Peter Bofinger hatte um diese Zeit einen Verdacht. „Ich glaube, es ist eine Inflationsphobie, die in Deutschland da ist, die auch durch die Medien geschürt wird“, so der ehemalige Wirtschaftsweise. „Die Medien lieben es, diese Geisterbahnen aufzubauen.“ In der FAZ schreibt Wirtschaftsjournalist Rainer Hank nun rückblickend: „Inflation, so die Vermutung damals, bleibe ein Ausreißer der Weltwirtschaftsgeschichte – begrenzt auf das kurze 20. Jahrhundert.“

Als die Inflation dann unerwartet auferstand, um auch im 21. Jahrhundert zu wüten, waren Teile des Expertentums geneigt, sie nur möglichst schnell wieder aus der Welt zu reden. Die Preisanstiege seien „vorübergehend und kein Zeichen für einen dauerhaften Zustand“, beurteilte der heutige Chefökonom der EZB, Philip Lane, die Tendenzen im vergangenen Oktober. „Der Höhepunkt der Geldentwertung liegt wahrscheinlich schon hinter uns“, war Ende November in der taz zu lesen. „Der Wert von 5,3 Prozent im Dezember war aus meiner Sicht der Höhepunkt“, sagte ebenda Friedrich Heinemann vom Mannheimer Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) ein paar Wochen später. „Unsere Inflation ist hartnäckiger und nicht so vorübergehend, wie wir erwartet hatten“, räumte im Dezember dann Luis de Guindos, Vizechef der EZB, ein. Und zum Jahresbeginn stellt eine dpa-Meldung fest: „Die Inflation ist 2021 auf den höchsten Stand seit fast 30 Jahren geklettert und eine rasche Entspannung ist vorerst nicht in Sicht.“

Wir ahnten es: Am meisten leiden die Reichen

Während also die Anspannung greifbar ist, eskalierende Energiekosten und Lebensmittelpreise die Finanzierung von Grundbedürfnissen zur Herausforderung machen können, hat das Institut für Wirtschaftsforschung (ifo) herausgefunden, dass es eine Bevölkerungsgruppe gibt, die unter diesen Tendenzen besonders stark leidet: Es sind die Reichen. Demnach würden „die ärmsten Haushalte derzeit 19 Euro und die reichsten 111 Euro mehr pro Monat für ihren jeweiligen Warenkorb“ ausgeben. Wie sich das errechnen lässt? Indem man „unterstellt, dass die Haushalte ihr Konsumverhalten nicht an die Preisänderungen anpassen“, also genau so viele Waren kaufen, als ob es keine Teuerung gäbe.

Dass diese Annahme nicht allzu plausibel erscheint, ist den Forschenden selbst aufgefallen. „Vor allem ärmere Haushalte, deren Einkommen nur geringe Spielräume eröffnen, um die gestiegenen Lebenshaltungskosten durch eine Anpassung des Sparverhaltens zu kompensieren, dürften mit einer Verringerung der Menge an nachgefragten Waren und Dienstleistungen reagieren“, heißt es in ihrer Untersuchung – also muss der Gürtel enger geschnallt werden, wenn sich die 19 Euro mehr im Monat nicht auftreiben lassen. Bewusst von absurden Prämissen auszugehen, hält das ifo-Expertengespann Sascha Möhrle und Timo Wollmershäuser allerdings nicht davon ab, ihre Berechnungen für einen wertvollen Erkenntnisgewinn zu halten. Also erscheint am 16. November 2021 die Pressemitteilung „Inflation trifft aktuell Reiche stärker als Arme“ – und die Botschaft findet flugs Verbreitung (wenn auch nicht überall unwidersprochen).

Wollmershäuser ist beim ifo übrigens auch Leiter der Konjunktur-Prognosen, die konsequent mit eigentlich jeder Vorhersage, an die sie sich heranwagen, daneben liegen. Das liest sich dann so:

22. September 2021: „Das ifo Institut hat seine Wachstumsprognose für 2021 um 0,8 Prozentpunkte gekappt und für 2022 um 0,8 Prozentpunkte erhöht.“

14. Dezember 2021: „Das ifo Institut hat seine Wachstumsprognose für 2022 um 1,4 Prozentpunkte gesenkt und für das Jahr 2023 um 1,4 Prozentpunkte angehoben.“

Mackie Messer hat das Geld entwertet!

In einem Diskussionsband, den das Institut vergangenen September zur Inflation veröffentlicht hat, bemüht der Volkswirt Thomas Mayer die Dreigroschenoper von Bertolt Brecht, denn die im Dunkeln sieht man nicht. Und im Dunkeln stehe gerade „die ungezügelte Geldvermehrung durch die gewaltigen Anleihekäufe der Notenbanken“ – das muss! zu Inflation führen, weiß Mayer, weil er seinen Milton Friedman gelesen hat (der diese Theorie schon vor rund 60 Jahren vertreten hat). Und Mayer wagt sich seinerseits an eine Prognose: „Am Ende bleibt der Bürger, der auf die ihm versprochene Geldwertstabilität vertraut hat, im Regen stehen. Bei Brecht hört sich das dann so an:

Und Schmul Meier bleibt verschwunden /
Und so mancher reiche Mann /
Und sein Geld hat Mackie Messer /
Dem man nichts beweisen kann.

Absurd? Nein, bewundernswert: Wo sich führende Fachleute mit einer Prognose nach der anderen blamieren, wo viele das Problem der Inflation nicht kommen sahen oder gar nicht für möglich hielten und es, als es da war, verfrüht für beendet erklärten, wo hochangesehene Professoren mit Inflationsastrologie aufwarten und die Teuerungen als eine Art psychosomatisches Phänomen auslegen, dass sich die Gesellschaft durch Selbstsuggestion hartnäckig einredet, kurzum: Wo die ganze Welt der etablierten Ökonomie fulminant im Nebel herumstochert – da gebührt als originellstem aller Einfälle jener Position ein ganz besonderer Respekt, die Mackie Messer für die Geldentwertung verantwortlich macht.