Offene Türen

30 Jahre Freies Radio für Stuttgart

von Minh Schredle

Was anderswo keinen Platz hat, mag beim Freien Radio für Stuttgart einen Weg ins Programm finden: Seit 30 Jahren bereichert der Sender mit unkonventionellen Formaten die demokratische Stimmenvielfalt.

Jetzt mal unter Kolleg:innen: Kontext ist fast neidisch. Das Ziel der Redaktion, einmal in der „Tagesschau“ zitiert zu werden, ist bislang unerfüllt. (Die Website zählt nicht, es muss die Sendung sein.) Das Freie Radio für Stuttgart (FRS) konnte diesen Punkt schon vor weit über einem Jahrzehnt abhaken: als am 22. Oktober 2012 der „Stotterfunk“ vorgestellt wurde. Laut Selbstverständnis will das Format zeigen, dass man Stottern nicht verstecken muss, sondern damit sogar live im Radio moderieren kann: „Mit unseren Informationen wollen wir die Angst vor dem Stottern nehmen, bei allen Betroffenen wie auch bei den nicht stotternden Gesprächspartnern. Dazu gibt es Musik von Panflöte über Pop bis Punk.“

Weiterlesen →

Wissensbasiert wäre wunderschön

Beliebte Phrasen deutscher Politiker

von Minh Schredle

Gäbe es für jede abgedroschene Sprechblase aus den Reihen der Bundesregierung einen Euro ins Phrasenschwein, wäre die Staatskasse nicht ganz so klamm. Eine kleine Sammlung großer Täuschungen.

Wo es gilt, die Bevölkerung auf Opfer einzustimmen, wird gerne das große »Wir« beschworen. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) appelliert an jeden Einzelnen von »uns«: »Jetzt ist die Zeit, wo wir die Ärmel hochkrempeln müssen und wo wir uns gemeinsam anstrengen müssen. Und wenn ich sage ›wir‹ und ›gemeinsam‹, dann ist das nicht allein die Politik, sondern dann sind das auch Sie.« Vorgetragen hat der Kanzler das im Dezember beim Arbeitgeberverband Gesamtmetall, wo er betonte, dass »weltpolitische Gestaltungsfähigkeit« in einem »untrennbaren Zusammenhang« mit wirtschaftlicher Wettbewerbsfähigkeit stehe. »Wann denn, wenn nicht jetzt, und wer denn, wenn nicht wir, die Deutschen und die Europäer, sollte diese Chance nutzen – und sie wirklich beherzt ergreifen –, aus dieser Europäischen Union das zu machen, was wir einmal werden wollten, nämlich ebendiese wissensbasierte und wettbewerbsfähigste Region der Welt? Damit die Deutschen die Weltpolitik besser gestalten können, braucht es der Merz’schen Rechnung zufolge mehr Anstrengung.

Weiterlesen →

Die einfache Antwort: Marx hatte recht

von Minh Schredle

Finanzkrise, Erderhitzung, Konkurrenz durch KI: In Krisenzeiten tun viele Medien so, als würden sie sich mit marxistischen Ideen auseinandersetzen. Wie wenig das mit Marx‘ real existierenden Schriften zu tun hat, ärgert den Stuttgarter Sozialwissenschaftler Peter Schadt.

Vielleicht ist es gut für die Totenruhe, dass Verstorbene nicht widersprechen können. Andernfalls wären manche Menschen nach ihrem Ableben nur noch mit Richtigstellungen beschäftigt. Karl Marx schien geahnt zu haben, wie sehr seine Thesen zu Interpretationen einladen, und so ist der Satz überliefert: „Alles, was ich weiß, ist, dass ich kein Marxist bin.“ Allerdings wird es da schon ein wenig tückisch. Denn Marx hat den Spruch gar nicht selbst zu Papier gebracht, Friedrich Engels legte ihm das Zitat in mehreren Briefen an Sozialisten in den Mund.

Weiterlesen →

Der Raushalt-Haushalt

„Bürgerbeteiligung“

von Minh Schredle

Der Stuttgarter Bürgerhaushalt simulierte Mitsprache: Die Bevölkerung konnte Ideen einbringen, die Verwaltung und Gemeinderat regelmäßig ignoriert haben. Umgesetzt wurde so wenig, dass man’s auch gleich lassen kann – und das tut die Stadt jetzt auch.

Für die Bundeszentrale für politische Bildung (BpB) war der Stuttgarter Bürgerhaushalt ein Vorzeigeprojekt, nämlich Pionierarbeit, die „neue Maßstäbe gesetzt“ habe. Ein Infotext aus dem Dezember 2024 geizt nicht mit Lob, die Geschichte des Bürgerhaushalts erzähle „von beeindruckenden Erfolgen“, eine „der wichtigsten Innovationen war die Digitalisierung des Prozesses“, heißt es hier. Weiterlesen →

Pikettys Plan gegen das Desaster

Der Global Justice Report

von Minh Schredle

Bessere Daseinsfürsorge, halbierte Arbeitszeiten und ein bewohnbarer Planet: Dem »Global Justice Report« von 45 Autor:innen um den Ökonomen Thomas Piketty zufolge ist das machbar, wenn man sich weltweit ans Vermögen der Milliardäre heranwagt. Als wichtigstes Instrument zur Restrukturierung der Weltwirtschaft sollen zwei riesige Fonds fungieren.

Die Glücksforschung hat Katastrophen zu vermelden. Für eine Studie zur weltweiten emotionalen Gesundheit befragte das Institut Gallup im Jahr 2025 Menschen aus 144 Ländern. Sie ergab, dass Sorgen, Stress und Wut im vergangenen Jahrzehnt deutlich zugenommen und sich nach der Covid-19-Pandemie auf hohem Niveau stabilisiert haben. Das World Inequality Lab (Wil), eine Forschungseinrichtung, die Daten zur globalen Wohlstandsverteilung sammelt und aufbereitet, stellt in Aussicht, dass die nahe Zukunft noch düsterer aussehen könnte – davor warnt der Co-Direktor des Wil, Lucas Chancel, für den Fall, dass sich die reaktionären IT-Milliardäre aus dem Silicon Valley mit ihren Vorstellungen weiterhin durchsetzen. Sie träumten von Kolonien auf dem Mars, während eine extrem verarmte Bevölkerung auf der Erde zurückbleiben solle, sagte Chancel am 4. Juni bei der Präsentation des »Global Justice Report«.

Weiterlesen →

Klimaanlagen-Existenzkrise: Der Preis ist dreist

von Minh Schredle

Der Mechanismus der Preisbildung entlarvt die Marktwirtschaft als perverses System der Menschenschinderei. Unser Autor schmollt, weil er sich keine Klimaanlage leisten kann.

Mit den Temperaturen steigt auch die Gefahr, dass einem die eigenen Ausdünstungen zu Kopf steigen. Wie ein Schmorbraten in der überhitzten Wohnung herumzuliegen und verdampfenden Schweiß zu inhalieren, kann der Qualität von Gedanken jedenfalls unmöglich zuträglich sein. Aber vielleicht ist gerade das eine Voraussetzung, um einen aktuellen Trend weiterzuführen. Denn mit Blick auf jenen Fiebertraum namens Weltgeschehen scheint es bisweilen, als müsse alles immer dümmer werden.

Heißer wird es allemal und die Gesamtmisere aufzudröseln – das wäre was für kältere Zeiten, es setzt einerseits Konzentration voraus, andererseits haben die meisten ja eh mitbekommen, dass wir uns, allgemein gesprochen, in einer misslichen Lage befinden mit dieser Klimakiste. Darüber nachzudenken, deprimiert: Ist das Schweiß oder eine Träne, die über meine Wange kullert?

Weiterlesen →

Palantir bei EnBW und Polizei: Demokratie ausgebootet

von Minh Schredle

Die Schweiz wollte die Palantir-Software Foundry nicht mal für umsonst, die EnBW nutzt sie seit Jahren. Aufsichtsrat und Finanzminister Danyal Bayaz (Grüne) übt Kritik – dabei hat die Landesregierung selbst ohne Rücksprache mit dem Parlament Palantir-Software für die Polizei eingekauft.

Zu viele Köche verderben den Brei – frei nach diesem Motto scheint manch ein Vertragsabschluss mit dem US-amerikanischen Software- und Überwachungsunternehmen Palantir abzulaufen. So hat Baden-Württembergs Finanzminister Danyal Bayaz (Grüne) offenbar erst kürzlich durch einen Bericht in der „Stuttgarter Zeitung“ (StZ) erfahren, dass das Energieunternehmen EnBW schon seit 2019 zum Kundenkreis des hochumstrittenen Konzerns gehört. Die EnBW-Aktien befinden sich zu 98 Prozent in öffentlicher Hand, Minister Bayaz sitzt im Aufsichtsrat. Doch dieses Kontrollgremium war nach Darstellung der StZ gar nicht in die Entscheidungsfindung einbezogen: Laut einem EnBW-Sprecher sei lediglich der „vom Aufsichtsrat etablierte Digitalisierungsausschuss“ unterrichtet worden. Dabei handelt es sich um ein beratendes Gremium, das nichts entscheiden darf.

Weiterlesen →

Leise Verschiebungen

Eine Fotoausstellung über „Unordnung“

von Minh Schredle

Wenn Ordnung das halbe Leben ist, ist Unordnung die andere Hälfte. Im Württembergischen Kunstverein in Stuttgart nähert sich eine Fotoausstellung den vielen Facetten des Chaos: von wankenden Ökosystemen über verfälschte Erinnerungen bis zu unaufgeräumten Schreibtischen.

Auch in der Kontext-Redaktion prahlten zwei Mitarbeiter mit dem Chaos auf ihren Schreibtischen. Doch Joachim E. Röttgers zeigte sich unbeeindruckt. Der Fotografenmeister lichtet gerne Menschen in ihrer natürlichen Umgebung ab, also an ihrem Arbeitsplatz. In vielen Großraumbüros ist das Nomadentum eingezogen, niemand hat mehr einen festen Platz, die Wirkungsstätte des Tages muss zum Feierabend so hinterlassen werden, dass keine Rückschlüsse möglich sind, wer hier am Werkeln war – keine Pflanzen, keine Bilder, nichts Persönliches, englischer Rasen als Unternehmenskultur, weil hier die Gärtner das Unkraut einhegen.

Aber es gibt sie noch, die Orte, wo das Leben sprießen darf. Wo einsturzgefährdete Papiertürme tollkühn der Schwerkraft trotzen und überlebenswichtige Dokumente mit unsinnig vollgekritzeltem Schmierpapier zu einer Art Bürolasagne verschmelzen.

Weiterlesen →

Die klerikale Rechte im Krisenprozess

Workshop mit Minh Schredle

Freitag, 31. Juli 2026, 15.30 Uhr, Mühlhausen/Thüringen

Jugendherberge AntoniQ, Holzstr. 13, 99974 Mühlhausen

im Rahmen des Sommerseminars der Gruppe krisis vom 29. Juli bis 2. August 2026

Aus dem Ankündigungstext des krisis-Sommerseminars: Alle reden von der „Multiplen Krise“. Wir auch. Aber worum handelt es dabei überhaupt? Und was liegt ihr zugrunde? Wir sehen darin eine fundamentale Krise der warenproduzierenden Gesellschaft, die verschiedene Dimensionen hat. Auf unserem Sommerseminar wollen wir uns mit einigen dieser Dimensionen auseinandersetzen. Wir fragen, wie ökologische, wirtschaftliche, subjektive und politische Prozesse ineinandergreifen und welche gesellschaftlichen Dynamiken sich daraus ergeben. Welche Verbindungen bestehen zwischen Klimakrise und autoritärem Backlash? Warum geht die Sehnsucht nach starken Führungsfiguren häufig mit Technikbegeisterung und dem Hoffen auf technische Lösungen einher? Und wie wirken sich all diese Entwicklungen auf die Einzelnen aus: sozialpsychologisch, emotional und politisch?

Weiterlesen →

Gefährliche Zeiten für die Pressefreiheit

Rede auf der 810. Montagsdemonstration gegen Stuttgart 21 am 22. Juni 2026

von Minh Schredle, Redakteur der Kontext:Wochenzeitung

Liebe Demonstrantinnen und Demonstranten

ich möchte mich herzlich für die Gelegenheit bedanken, hier zu einem Thema reden zu dürfen, das in erster Linie nichts mit der Schnapsidee zu tun hat, für teuer Geld einen funktionstüchtigen Verkehrsknoten kaputt zu machen. Ich glaube aber, dass es um einen Fall mit grundsätzlicher Bedeutung geht. Und der könnte durchaus relevant werden für die Berichterstattung über skandalöse Großprojekte, dreiste Lügen und vertuschte Missstände.

Acht Jahre und 130.000 Euro – das sind Zahlen, die Kritikerinnen und Kritiker der Deutschen Bahn erstmal müde belächeln werden. Verglichen mit dem Maßstab S21 geht es um eine überschaubare Zeitspanne und eine mickrige Geldsumme. Das Medienprojekt Kontext hat sich aber mehr als seine halbe Lebenszeit mit diesem Fall auseinandergesetzt. Acht Jahre lang hat uns ein Rechtsstreit beschäftigt, der jetzt an einem unrühmlichen Ende angelangt ist.

Weiterlesen →

Eingeschränkte Mitsprache

Die Bundesregierung will weniger Rücksicht auf Kröten und Anwohner, damit schneller gebaut werden kann

von Minh Schredle

Eine Reform des Baurechts soll dafür sorgen, dass mehr Wohnungen ge­baut werden. Das geht zu Lasten von Umweltschutz und Bürgerbeteiligung.

Der Wohnungsmangel in Deutschland hat nach Einschätzung des Pestel-Instituts das größte Ausmaß seit 30 Jahren erreicht. Dem Anfang 2026 veröffentlichten Sozialen Wohn-Monitor zufolge lag das Defizit Ende 2024 bei etwa 1,4 Millionen Wohnungen. Besonders schwer bei der Wohnungssuche haben es demnach Menschen unter 25, zum Beispiel Auszubildende und Berufs­einsteiger:in­nen. Studierende, die nicht mehr bei den Eltern leben, gaben der Untersuchung zufolge durchschnittlich 53 Prozent ihres Monatsbudgets für Mietkosten aus. Aber auch für diejenigen, die nach Abschluss ihres Arbeitslebens eine schmale Rente einfahren, macht sich der Mangel immer stärker bemerkbar.

Weiterlesen →

Ein Sadist bei der Polizei

Langsames Disziplinarverfahren

von Minh Schredle

Seit 2017 ist bekannt, dass der Polizist Rainer Jäger (Name geändert) mit Gewalttaten prahlt – zum Beispiel, wenn „Zecken“ nach dem 1. Mai nicht mehr laufen können. Ein Disziplinarverfahren stehe kurz vor dem Abschluss, versichert das zuständige Präsidium in Göppingen seit zehn Monaten.

Jeder einzelne Fall sei „einer zu viel!“, war im April 2021 in der „Polizei-Zeitschrift Baden-Württemberg“ (DPZ) zu lesen. Nachdem diverse Skandale um rechtsextreme Chatgruppen öffentlich geworden waren, ist damals gerade die „Koordinierungsstelle Werte“ gegründet worden. Diese stellt sich in dem Heft vor, versichert, ein Problem mit strukturellem Rassismus oder sonstiger Diskriminierung gebe es nicht bei der Polizei. Aber die Messlatte hängt „für uns aufgrund unserer besonderen Stellung als Trägerin des staatlichen Gewaltmonopols und unserer Aufgabe als Demokratieschützerin hoch“. Das „Fehlverhalten Weniger“ könne „uns alle zu Unrecht in ein falsches Licht rücken“, heißt es weiter. Und daher, erklärt Andreas Renner, der federführende Verantwortliche für die gelebte Wertekultur bei der Polizei, „ist es Zeit, den Blick verstärkt nach innen, auf uns selbst, zu richten“.

Weiterlesen →

Die Leiden des Branchenprimus

Deutschlands größter Immobilien­konzern Vonovia hat sich hoch verschuldet

von Minh Schredle

Die Investoren sind missvergnügt. »Der Kurs der Aktie ist alles andere als erfreulich«, sagte Marc Tüngler, der Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz, bei der Hauptversammlung des Immobilienunternehmens Vonovia am 21. Mai. Im Vergleich zum Höchststand von 2020 ist der Kurs der Aktie um beinahe 60 Prozent eingebrochen, der Verlust gegenüber dem Vorjahr liegt bei rund 18 Prozent. Zugleich hat das größte deutsche Wohnungsunternehmen dem Manager-Magazin zufolge knapp 39 Milliarden Euro an Schulden angehäuft.

Vor diesem Hintergrund bezeichnete Hendrik Schmidt von der Fondsgesellschaft DWS die Abschiedsvergütung für den früheren Vorstandsvorsitzenden von Vonovia als »übermäßig großzügig«. Nach zwölf Jahren schied Rolf Buch zum Jahresende 2025 vorzeitig aus. Außer einer Abfindung in Höhe von 5,8 Millionen Euro bewilligte ihm der Aufsichtsrat ein Aktienpaket und eine sogenannte Karenzzahlung, für deren Erhalt sich Buch verpflichtete, in den folgenden zwölf Monaten nicht bei der Konkurrenz anzuheuern. Das Handelsblatt schätzte, dass insgesamt mehr als 15 Millionen Euro für Buch zusammenkommen könnten.

Weiterlesen →

Rechtswidrige Mieterhöhungen – Kreativ à la Vonovia

von Minh Schredle

Irgendjemand wird schon drauf reinfallen: Vonovia erfindet Gründe für Mietaufschläge, die vor Gericht zwar nicht standhalten. Aber man muss sich wehren: Wer sich im Unwissen darauf einlässt, mehr zu zahlen, zieht die Arschkarte.

Die Vonovia hält sich für eine großartige Vermieterin – zumindest wenn sie tatsächlich glaubt, was sie schreibt. Das Wohnungsunternehmen verstehe sich als „Teil der Gesellschaft“, heißt es über das eigene Geschäftsverständnis. „Deshalb pflegen wir unsere Gebäude“, man übernehme „Verantwortung für sicheres, gutes und bezahlbares Wohnen“, rücke „Mieterinnen und Mieter und ihre Bedürfnisse in den Mittelpunkt“. Mit denen „kommunizieren wir auf Augenhöhe“, man behandle sie „fair und gleichberechtigt“, kümmere sich „um ihre Sorgen, Nöte und Wünsche“ und, das steht da wirklich, „wir fördern das Miteinander“.

Vielleicht hat sich jemand in der Marketingabteilung einen subversiven Scherz erlaubt und dem Auftraggeber eine Satire untergejubelt? Oder ist auf einer grundsätzlichen Ebene etwas durcheinander geraten? Eigentlich müsste da so etwas stehen wie: „Wir lassen unsere Gebäude verkommen, bis wir überteuert modernisieren können, wollen Wohnen immer teurer machen und rücken die Bedürfnisse unserer Aktionäre in den Mittelpunkt.“ Kaum ein deutsches Unternehmen tut so viel für die Spaltung der Gesellschaft und verwandelt dabei Wünsche in Sorgen und Nöte.

Weiterlesen →

Recherche gegen Rechts

Projektvorstellung

mit Minh Schredle

Donnerstag, 28. Mai 2026, 19.30 Uhr, Ludwigsburg Wird verschoben. Neuer Termin folgt.

DemoZ, Wilhelmstraße 45/1, 71638 Ludwigsburg

Seit 2018 befindet sich die Kontext:Wochenzeitung im Rechtsstreit mit einem Neonazi. Dank einer erfolgreichen Spendenkampagne kann die Wochenzeitung sich diese Auseinandersetzung leisten. Und nicht nur das: das Spendenziel wurde übertroffen, so dass mit dem Geld außerdem das Projekt „Recherche gegen Rechts“ aufgebaut werden konnte, um einschlägigen Strukturen in Baden-Württemberg auf den Zahn zu fühlen und Recherchen zu finanzieren, die ansonsten unbezahlbar für die Zeitung wären.

Am 28. Mai stellt Kontext-Redakteur Minh Schredle die dabei entstandene Broschüre im DemoZ vor und gibt einen Einblick in das Projekt und die Recherchen.

Grüne und CDU: Koalition mit einem Kindergarten

von Minh Schredle

Seit der Wahlniederlage am 8. März präsentiert sich Baden-Württembergs CDU im dauerhaften Schmollmodus. Doch die Mängel bei der nötigen charakterlichen Reife für Regierungsverantwortung reichen viel weiter.

Bereits Monate vor der Landtagswahl zeichnete sich ab: Baden-Württembergs nächste Landesregierung wird entweder schwarz-grün oder grün-schwarz. Mit der AfD will niemand zusammenarbeiten, andere Möglichkeiten, rechnerisch eine Koalition bilden zu können waren laut Umfragen sehr unwahrscheinlich. Seit dem Wahltag – und dem Scheitern von Linken und FDP an der Fünf-Prozent-Hürde – ist endgültig klar: Andere Bündnisse sind mathematisch unmöglich. Und da die Grünen 27.279 Stimmen mehr bekamen als die Konservativen, wird es grün-schwarz.

Weiterlesen →

Kein Frühling für die Mittellosen

Unsoziale Reformen

von Minh Schredle

Die Bundesregierung kündigt für den Frühling ein umfassendes Reform­programm an. Es soll um Steuern, Renten, Gesundheit und Arbeitszeiten gehen. Ihr Versprechen, dabei vor allem Menschen mit geringem Einkommen zu berücksichtigen, löst sie insofern ein, als dass die mit zusätzlicher Belastung rechnen dürfen.

Die Wachstumsprognosen der führenden deutschen Wirtschaftsinstitute erwiesen sich seit der Jahrtausendwende häufig als zu optimistisch. Das ergab eine Auswertung des Handelsblatts, basierend auf Daten des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung in Halle. Das scheint auch auf die Erwartungen für das laufende Jahr zuzutreffen, die gerade nach unten korrigiert werden mussten. Statt des zunächst prognostizierten Wachstums von 1,3 Prozent erwarten fünf Institute in ihrem Anfang April vorgestellten, gemeinsamen Frühjahrsgutachten nur noch 0,6 Prozent. Als Hauptursache nannte Timo Wollmershäuser, der Leiter der Konjunkturforschung und -prognosen des Ifo-Instituts, den »Energiepreisschock« im Zuge des Iran-Kriegs.

Da deshalb mit steigender Inflation zu rechnen ist, schrieb »ZDF heute«,  müsse sich die Bundesregierung eigentlich an einer »Quadratur des Kreises« versuchen, also »die Wirtschaft ankurbeln und zugleich radikal sparen«. Weiterlesen →

Saftladen

CDU-Netzwerke im Innenministerium Baden-Württemberg

von Minh Schredle

Ein CDU-Netzwerk hat Günstlingen zu Spitzenposten in Baden-Württembergs Polizei verholfen. Ein CDU-Staatssekretär schließt vorbei am Parlament Deals mit Demokratiefeinden ab. Der verantwortliche CDU-Minister ist immer noch da.

Zwölf Jahre lang saß Thomas Strobl der CDU Baden-Württemberg vor, von 2011 bis 2023 – und in diese Zeit fallen die beiden schlechtesten Ergebnisse, die seine Partei bei Landtagswahlen im Südwesten je eingefahren hat. Der historische Tiefstand war 2021 erreicht: Die Union kommt auf 24,1 Prozent, der Chef schneidet unterdurchschnittlich ab (23 Prozent), landet im Wahlkreis Heilbronn sieben Punkte hinter der grünen Kontrahentin Susanne Bay und verpasst den Einzug in den Landtag.

„Parteipolitik ist ein Mannschaftssport“, lautete zu dieser Zeit eine Kritik aus den eigenen Reihen: „Wenn man den Ball nicht mehr trifft, muss man bessere Spieler aufs Feld lassen.“ So äußerte sich der CDU-Politiker Günther-Martin Pauli, Landrat des Zollernalbkreises. Er fragte sich, wie Strobl die baden-württembergische Union wieder auf Erfolgskurs bringen solle, „wenn er selbst in seinem Wahlkreis die Menschen nicht mehr überzeugen kann“.

Andere wären mit einer vergleichbaren Bilanz schnell von der Bildfläche verschwunden. Aber Strobl vergeht nicht. Genau wie in der vorangegangenen Legislaturperiode sicherte er sich in der Neuauflage der grün-schwarzen Koalition die Ämter als Innenminister und Regierungsvize.

Weiterlesen →

Bibeltreue im Schwabenland

Recherche gegen Rechts – christliche Rechte

von Minh Schredle

Evangelikale haben die US-Wahl mitentschieden. Und auch hierzulande ziehen Freikirchen und Bibeltreue offensiver gegen Queerness, Transgeschlechtlichkeit und Abtreibungen zu Felde. Baden-Württemberg erweist sich als Hotspot.

Hartmut Steeb ist stolz auf seine zehn Kinder, von denen nicht ein einziges schwul geworden sei, wie er gerne betont. Der 72-jährige Diplom-Verwaltungswirt aus Stuttgart hat sich seit vielen Jahrzehnten dem Kampf gegen Homosexualität verschrieben und positionierte sich jüngst auf Facebook gegen eine Resolution, die die Parlamentarische Versammlung des Europarats am 29. Januar dieses Jahres verabschiedet hat. Diese fordert von allen EU-Mitgliedsstaaten ein Verbot sogenannter Konversionstherapien, die darauf ausgelegt sind, gleichgeschlechtliche Liebe und trans Personen zu „heilen“ – etwa durch die Konditionierung mit Elektroschocks, während Schwulenpornos laufen. Ein Bericht der Vereinten Nationen verwies 2020 darauf, dass es sich dabei nicht um seriöse Therapien handle, sondern pseudowissenschaftliche Praktiken, deren Methoden man teils als Folter bewerten müsse. Bei Betroffenen liege demnach ein verdoppeltes Suizidrisiko vor. Steeb, der in der sogenannten Lebensschutz-Bewegung aktiv ist, betont hingegen: „Gott kann verändern – und er wird es sich nicht verbieten lassen!“

Weiterlesen →