Wir deutschen Opfer sind die Guten

Wie der „Bund der Vertriebenen“ die Brücke zwischen Nazi-Großvätern und aktueller deutscher Selbstgerechtigkeit schlägt

„Wie Wellenbrecher stehen die Randgebirge dem fremden Anspruch im Wege. Manchmal schlug die imperialistische Springflut sturmgepeitscht über diese Wellenbrecher. Davon ist ein breites Band nationales Brackwasser zurückgeblieben. Das sind die sogenannten Sudetendeutschen.“ Franz Werfel in dem Aufsatz „Das Geschenk der Tschechen an Europa“, 1938 (nach dem 1945 verstorbenen Werfel ist – ohne seine Zustimmung – der Preis des „Zentrums gegen Vertreibungen benannt)

Er nennt sich „Bund der Vertriebenen“ (BdV) und nimmt für sich in Anspruch, als „Opferverband“ alle deutschen „Vertriebenen“ zu präsentieren. Mit der Bezeichnung „Vertriebene“ wird die Gruppe von Deutschen bezeichnet, die während bzw. in Folge des Zweiten Weltkrieges ihre Wohnorte verlassen musste. Anders als die Bezeichnung „Vertriebene“ nahelegt, geschah das in sehr unterschiedlichen Formen. So gehört dem Dachverband „Bund der Vertriebenen“ eine „Landsmannschaft der Baltendeutschen“ an. In ihr sammeln sich Angehörige der ehemaligen deutschsprachigen Minderheit im Baltikum und ihre Nachkommen. Diese Bevölkerungsgruppe wurde im Rahmen von Vereinbarungen zwischen Deutschland, Estland und Lettland nach freiwilliger Option der Mehrheit ihrer Mitglieder „heim ins Reich“ umgesiedelt. Vertrieben wurde jedenfalls keiner von ihnen. Vertrieben wurden allerdings Polen und Juden (noch bevor sie von den Deutschen nach dem Überfall auf die Sowjetunion ermordet wurden) im Zuge einer „Entpolonisierung und Entjudung“ aus dem annektierten Westpolen, um Platz für die baltendeutschen Neusiedler zu schaffen.

Auch die Pommern, Ostpreußen und Schlesier wurden nicht alle einfach vertrieben. Ein Teil floh aus eigener Motivation oder auf Anweisung der NS-Behörden vor der immer näher rückenden Ostfront. Weitere wurden bürokratisch um- bzw. ausgesiedelt. Die Selbstbezeichnung als „Vertriebene“ ist ein Konstrukt und sollte immer in Anführungsstrichen geschrieben werden, auch wenn es unzweifelhaft zu wilden Vertreibungen und dabei zu Menschenrechtsverletzungen kam. Neuere Forschungen halten die BdV-Angaben von zwei Millionen deutschen Opfern allerdings für übertrieben und sprechen von etwa 500.000 bis 600.000. (Vertriebenen-Verband nennt falsche Opferzahlen, Moderation: Stefan Koldehoff, http://www.dradio.de/dlf/sendungen/kulturheute/563831) Doch ohne den Holocaust und den rassistischen deutschen Vernichtungskrieg, ohne die über 50 Millionen Menschenleben, die auf das Konto der deutschen Verbrecher gingen, wäre es auch nicht zu den Übergriffen auf Deutsche gekommen, von denen sich im Übrigen sehr viele aktiv oder zumindest billigend an den monströsen Nazi-Verbrechen beteiligt hatten.

Im „Bund der Vertriebenen“ sammelt sich seit Jahrzehnten derjenige Teil der Ausgesiedelten und Flüchtlinge, der sich mental nicht in die Bundesrepublik und die Nachkriegsordnung integrieren wollte. Bis heute existiert ein nicht saturierter Flügel der Vertriebenenverbände, der nicht bereit ist, die Oder-Neiße-Linie als Grenze anzuerkennen. Trotzig heißt es hier bis heute: „Schlesien bleibt unser!“. Zur Aufrechterhaltung alter Ansprüche inszenieren sich die „Vertriebenen“ als „Volksgruppen im Exil“. Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs versuchte dieser Flügel ins neu zugänglich gewordene Osteuropa zu expandieren und hier Einfluss zu gewinnen. Die territoriale Expansion scheiterte, doch Einfluss konnten sich die finanzkräftigen deutschen „Vertriebenen“ im ärmeren Osteuropa durchaus verschaffen. Besonders die Vertriebenen-Nachwuchsorganisationen haben bis heute beste Verbindungen ins extrem rechte Lager. Mehr dazu hier.

Täter = Opfer. Frau Steinbachs Beitrag zum Umlügen der Geschichte.

Wer glaubt, der BdV sei nur eine folkloristische Trachtengruppe, geht fehl. Scheinbar moderatere, in Wahrheit aber eher pragmatischere Teile der „Vertriebenen“-Verbände haben sich seit einiger Zeit vom erfolglosen Gebietsrevisionismus abgewandt und versuchen sich nun lieber in einer Geschichtsumschreibung. Berufs“vertriebene“ wie die BdV-Präsidentin Erika Steinbach (übrigens die 1943 geborene Tochter eines Besatzungssoldaten in Polen) betreiben aktiv und erfolgreich Lobbyarbeit für ein Geschichtszerrbild, das zunehmend auch von der deutschen Mehrheitsgesellschaft geteilt wird. Wenn die „Vertriebenen“ zu den eigentlichen Opfern des Zweiten Weltkrieges erklärt werden, so passt das hervorragend in die hierzulande seit

einigen Jahren äußerst beliebte Entdeckungstour deutscher „Opfer“ und das Jammern über Bombennächte, Gustloff etc. Steinbachs Selbstgerechtigkeit ist leider nicht von gestern, sondern topaktuell: Sie verträgt sich gut mit der verbreiteten „Schlussstrich“-Mentalität: „Wir wollen nichts mehr hören, lasst uns in Ruhe, wir wollen endlich eine ganz normale Nation und stolz sein dürfen, Deutsche zu sein“ – so schreit es aus der Volksseele., Die ausgesprochene Opfermentalität ist dabei spätestens seit dem Versailler Vertrag kein wirklich neues Element im deutschen Nationalismus. In diesem Diskurs sind die Deutschen immer Opfer: der Entente, der Juden, der Freimaurer, der Amis, des perfiden Albion, der Russen bzw. Bolschewisten… Der Zweite Weltkrieg erscheint in dieser Perspektive als Bestandteil einer bereits vor Jahrtausenden begonnenen und auch heute fortgesetzten weltweiten Praxis von Krieg und Vertreibung. Heraus kommt bei dieser schamlosen „Neuinterpretation“ der Geschichte, dass „wir alle“ doch irgendwie die Opfer waren. Ursache und Wirkung werden vertauscht, Täter und Opfer nicht mehr unterschieden, ja selbst einer „Holocaustisierung“ des Flucht- und Vertreibungsdiskurses wird so der Weg geebnet. (Andreas F. Kelletat, www.bohemistik.de/kelletat.html )

Die „Charta der Heimatvertriebenen“ von 1950 – ein Grund zum Feiern?

Die „Charta“ wurde am 5. August 1950 von Männern beschlossen und unterzeichnet, die ohne eine Legitimation als Repräsentanten ihrer jeweiligen „Volksgruppe“ auftraten. Sie wurde am 6. August in Stuttgart auf einer Protest-Versammlung gegen die fünf Jahre zuvor stattgefundene Potsdamer Konferenz verkündet, in der die Mitglieder der Anti-Hitlerkoalition weite Teile der Nachkriegsordnung festlegten. Stuttgart war übrigens nicht zufällig gewählt, denn die Stadt hat eine besonders unrühmliche Tradition: Hitler verlieh ihr bereits 1936 in „Würdigung ihrer Verdienste um die Deutschen und das Deutschtum im Ausland“ den „Ehrentitel Stadt der Auslandsdeutschen“. (http://von-zeit-zu-zeit.de/index.php?template=bild&media_id=391) Der „Tag der Heimat“ wurde eine feste Tradition des BdV. Ihm gilt die „Charta“ als das „Grundgesetz der vertriebenen Deutschen“ (Herbert Czaja) und als moralische Grundlage für das „Zentrum gegen Vertreibungen“. Heute stets betont wird der in der „Charta“ festgeschriebene „Verzicht auf Rache und Vergeltung“. Nun kann aber nur auf das verzichtet werden, was einem legitimerweise zusteht. Die hochindustrialisierte deutsche Gesellschaft, die sich so viel auf ihre „Kultur“ und Wissenschaft zugute hielt, hatte die monströsesten Verbrechen des 20. Jahrhunderts zu verantworten. Angehörige dieser Gesellschaft, die in der Mehrheit die NS-Verbrechen mit trug und die sich, wie es in der „Charta“ heißt, „im Bewusstsein ihres deutschen Volkstums“ sehen, verzichten also auf Rache an ihren ehemaligen Opfern. Zu großmütig! Ganz und gar zur Realsatire wird dieses Verzichts-Schauspiel, wenn man sich die Biografien der Unterzeichner genauer anschaut, die in ihrer Mehrheit aktive Nazis waren. Kein Wunder, dass die „Charta“ ein „Recht auf Heimat“ einfordert und behauptet: „Die Völker der Welt sollen ihre Mitverantwortung am Schicksal der Heimatvertriebenen als der vom Leid dieser Zeit am schwersten Betroffenen empfinden.“ Folgerichtig wird auch nirgendwo in der „Charta“ die Vorgeschichte zu der Vertreibung und Aussiedlung der Deutschen erwähnt. „Diese Äußerungen der Vertriebenenfunktionäre sind an Realitätsblindheit, Wahrnehmungsschwäche, Egozentrismus und mangelnder Empathie für das Leiden anderer schwerlich zu überbieten.“ (Michael Brumlik) Diese „Charta“ ist bis heute gültig! Statt sie zu feiern, sollte sie besser dorthin wandern, wo sie von Anfang an hingehörte: auf den Müllhaufen der Geschichte.

Weiterführendes:

* Micha Brumlik: Wer Sturm sät. Die Vertreibung der Deutschen, Berlin 2005. * Erich Später: Kein Frieden mit Tschechien, Hamburg 2005. * Samuel Salzborn: Grenzenlose Heimat? Geschichte, Gegenwart und Zukunft der Vertriebenenverbände, Berlin 2000. * Jenseits von Steinbach, Zur Kontroverse um ein Vertreibungszentrum im Kontext des deutschen Opferdiskurses, http://.agi.blogsport.de

Emanzipation und Frieden, Juli 2010

Lesen Sie die Flugschrift hier im Layout: Wir deutschen Opfer sind die Guten

Siehe dazu auch Interview mit Erich Später

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