Kommodifizierung der Köpfe

Wie Gabor Steingart Bildung und Gesellschaft ökonomisiert

von Julian Bierwirth

James Carville, damals Chefstratege im Wahlkampf von Bill Clinton, ließ die zentralen Botschaften der Präsidentschaftskampagne gegen den amtierenden Präsidenten George H. W. Bush auf gut sichtbaren Schildern im Hauptquartier anbringen. Bis heute wird Clinton mit der eingängigsten dieser Parolen identifiziert: „The economy, stupid.“ Von dort aus trat der Satz eine erstaunliche Karriere an und gilt bis heute als einer der zentralen Talking Points des politischen Konservativismus, wenn es darum geht, Krisenprozesse spätkapitalistischer Gesellschaften zu thematisieren: Man habe die Gesetzmäßigkeiten der Wirtschaft aus dem Blick verloren und müsse sie wieder ins Zentrum politischer Entscheidungen rücken. Das gesellschaftliche Leben soll dafür stärker kommerzialisiert, individuelle Biografien enger an die Notwendigkeiten des Weltmarkts angepasst werden.

Dieses Credo treibt auch den Wirtschaftsjournalisten und Medienunternehmer Gabor Steingart an; er hat es als »Wirtschaft zuerst!« eingedeutscht. Der langjährige Chefredakteur und Herausgeber des Handelsblatts und Gründer des Online-Mediums The Pioneer veröffentlicht seit Jahren Bücher, in denen er den Abstieg der »deutschen Wirtschaftsmacht« konstatiert und den jeweiligen Regierungen Versagen attestiert.

In dieser Logik entfaltet Steingart auch seine Diagnose der deutschen Gegenwart. Wirtschaftswachstum müsse unbedingt Priorität haben, schreibt er in seinem jüngsten Werk, »Systemversagen – Aufstieg und Fall einer großartigen Wirtschaftsnation«: »Alle anderen Ziele – Deutschland soll gerechter, grüner, bunter, inklusiver, sportlicher und schöner werden – sind diesem Primat unterzuordnen.« Alle politischen Maßnahmen müssten darauf geprüft werden, ob sie die wertschaffenden Bereiche der Gesellschaft stärken, anstatt den Verbrauch der bloßen »Leistungsempfänger« zu steigern.

Steingart vergleich die jetzige ökonomische Situation des Landes mit dem Aufstieg Deutschlands nach 1945 und stellt fest, dass dieser seine Ursachen im Wesentlichen in einer technologischen Führungsrolle und der kontinuierlichen Innovationskraft des Landes gehabt habe. Wissen und „Humankapital“ seien die einzigen Rohstoffe, über die dieses Land verfüge – ein Mantra, das wir in der Politik immer wieder hören können. Die damit verbundenen Kompetenzen seien vielen Menschen im Land abhandengekommen.

Zugleich machten die technologischen Entwicklungen der Weltwirtschaft einfache, ausführende Tätigkeiten zunehmend überflüssig und erhoben das kreative Unternehmertum zur letzten Bastion ökonomischer Vernunft. Deshalb müsse nun eine neue Grundlage geschaffen werden, um „die grundlegenden Innovationen, die großen wie die kleinen Erfindungen, die am Beginn jeder Wertschöpfungskette stehen“, wieder ins Land zurückzuholen.

Daher tritt Steingart für eine „große Kampagne“ in der Bildungspolitik ein. Dabei geht es ihm jedoch nicht um Bildung im Sinne individueller Entfaltung, sondern um die zweckdienliche Erziehung der Bevölkerung. Er will „den gesellschaftlichen Fokus neu justieren“ und dafür nicht etwa den Bildungshunger der Menschen freisetzen, sondern ihnen die aus seiner Sicht richtige Einstellung zum gesellschaftlichen Leben vermitteln. Diese besteht für Steingart vor allem in der Anerkennung eines unternehmerischen Denkens, das wirtschaftliche Chancen erkennt, sie umstandslos ergreift und Deutschland so wieder auf den Wachstumspfad führen soll. Deshalb schwebt ihm „für Deutschland eine umfassende Ökonomisierungskampagne“ vor, in der wirtschaftsliberale Themen „in den Wochenplan jedes Heranwachsenden“ eingepflegt werden – und „auch Millionen von Erwachsenen müssen zügig nachgeschult werden.“

Es zählt zu den zentralen Prinzipien des aufgeklärten unternehmerischen Denkens, die Dinge um uns herum in Waren zu verwandeln und auf diese Weise aus Geld mehr Geld zu machen. Übertragen auf das Bildungswesen führt diese Logik dazu, dass Wissen verknappt und in verkaufbare Produkte verwandelt wird – ein Prozess, den die kritische Ökonomietheorie als „Kommodifizierung“ bezeichnet. Bereits seit einigen Jahrzehnten macht diese Entwicklung auch vor dem Bildungswesen nicht halt. Sie ist bereits im Begriff, auch diesen Bereich gesellschaftlicher Daseinsvorsorge zunehmend zu ökonomisieren und damit in die Warenform zu überführen. Auf diese Weise nimmt die Ökonomisierung diesem Bereich jedoch seinen allgemeinen und grundlegenden Charakter, den auch Steingart als „Startvoraussetzung“ der vereinzelten Konkurrenzsubjekte eigentlich nicht antasten will.

Zwei Stunden pro Woche also sollen alle Einwohner:innen zwischen Vorschule und Ruhestand mit zusätzlicher ökonomischer Bildung verbringen – nicht nur in den Bildungsinstitutionen, sondern auch »als verpflichtende Unterrichtseinheit« in den »Unternehmen selbst«.. Unterrichten sollen jedoch nicht professionelle Wirtschaftspädagog:innen, sondern Menschen aus der Praxis. „Unternehmer, Selbständige, Gründer und Handwerker“ sollen die geplante „Alphabetisierungskampagne“ für ökonomisches Basiswissen tragen. Steingart ist sich sicher: Diese »brauchen keine Bezahlung vom Staat«, sie werden von sich aus zu dieser Arbeit motiviert sein.

Für die angehenden Pädagog:innen bedeutet das, dass sie die geforderte Zeit entweder von ihrer unternehmerischen Tätigkeit oder von der ohnehin knappen Zeit mit der Familie abzweigen müssten. Da es sich nun aber gerade bei diesen Menschen um die soziale Gruppe handelt, die unternehmerisches Denken – und damit das Prinzip, alles Handeln darauf auszurichten, aus einem Euro zwei zu machen – verinnerlicht und zu ihrem Leitmotiv gemacht hat, bleibt es doch fraglich, warum sie sich auf ein solches Engagement einlassen sollte. Schließlich widerspricht es dem eigenen Selbstverständnis, Zeit und Energie in ein Projekt zu investieren, das keinen unmittelbaren ökonomischen Nutzen verspricht.

Doch für Steingart ist das kein Widerspruch. Er unterstellt die Motivation der Leistungselite als Teil ihrer Zugehörigkeit zu einem mythischen Kollektiv: der deutschen Nation. Die vereinzelten Individuen, die vom ökonomischen Liberalismus angesprochen werden, sollen sich zugleich dem „Volk“ als naturhafter, überindividueller Größe verbunden fühlen und daraus ihre Opferbereitschaft ableiten. In dieser Logik erscheint der Gegensatz zwischen ökonomischer Selbstoptimierung und selbstlosem Einsatz für das Gemeinwohl gar nicht als Widerspruch, sondern als selbstverständliche Pflicht gegenüber dem Ganzen.

Steingarts autoritäres Verständnis von Bildung und Gesellschaft zeigt sich nicht nur in der Konstruktion eines nationalen Kollektivs, sondern auch im Umgang mit demokratischen Entscheidungen. Denn wenn sich die realen Menschen nicht so verhalten, wie Steingart das in seiner ökonomisch verengten Sichtweise gerne hätte – wenn etwa in Berlin „über eine Millionen Wähler für die Enteignung von Wohneigentum votiert“, dann ist das für ihn kein Zeichen demokratischer Souveränität, sondern Ausdruck eines Bildungsversagens. Als legitim gelten ihm die Entscheidungen der vereinzelten Individuen immer nur dann, wenn sie mit seinen Vorstellungen von der Welt übereinstimmen. Auf diese Weise wird Steingart zum exemplarischen Vertreter eines autoritären Liberalismus.

[In leicht veränderter Form zunächst erschienen in Jungle World 2026/02]