Antiamerikanischer Antisemitismus bei Endgame

Zur Analyse einer Protestbewegung, die sämtliche Kategorien der Unfreiheit affirmiert

von Jonas Bayer

Endgame, dem Begriff nach einerseits englisch für „Endphase“, andrerseits Kurzform für „Engagierte Demokraten gegen die Amerikanisierung Europas“, entstand im Dezember 2014 unter dem Namen Pegada, ausgeschrieben „Patriotische Europäer gegen die Amerikanisierung des Abendlands“. Diese Bezeichnung diente dem Versuch, einerseits an die Erfolge der in den Medien damals stark vertretenen Pegida-Bewegung anzuknüpfen, zugleich aber den Fokus weg von der dort proklamierten Islamisierung hin zu einer vermeintlichen Amerikanisierung Europas zu verschieben. 

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung
2. Hauptteil: Analyse und Kritik der politischen Positionen Endgames
2.1.Informationen zum Forschungsgegenstand
2.2.Theorie des antiamerikanischen Antisemitismus
2.3. Antiamerikanischer Antisemitismus bei Endgame: Analyse und Versuch der Dekonstruktion
2.3.1. Analyse
2.3.1.1. Aufklärung und gesundes Volksempfinden
2.3.1.2 Volk und Parasiten
2.3.1.3 Volk und Zersetzung
2.3.1.4. Deutschland und die Westalliierten
2.3.1.5. Deutschland und der Schatten der Vergangenheit
2.3.2. Versuch der Dekonstruktion: Dem Ressentiment entgegentreten
2.3.2.1. Zur Kritik des regressiven Antikapitalismus: Warum weder Zinsen noch parasitäre Finanzspekulanten unser Unglück sind
2.3.2.2. Zur Kritik des autoritären Kollektivismus: Warum das biologistisch verstandene Volk eine menschenverachtende Kategorie ist
3. Fazit

 
1. Einleitung

Die politische Bewegung Endgame gründete sich im Dezember 2014 unter dem Namen Pegada. Mit ihr beschäftigt sich diese Arbeit. Zur Analyse wird, basierend der im selben Jahr von Heiko Beyer verfassten Soziologie des Antiamerikanismus, davon ausgegangen, dass Antiamerikanismus und Antisemitismus konkrete Ausformungen einer ressentimenthaft antimodernistischen Ideologie sind, die beiden zu Grunde liegt. Dadurch wird es möglich, unabhängig von den jeweiligen, beliebig austauschbaren Projektionsobjekten die Struktur der Argumentation selbst in den Blick zu nehmen. Die leitende Fragestellung lautet also: Wie konkret äußert sich der ressentimenthafte Antimodernismus auf den verschiedenen Politikfeldern im Diskurs Endgames und was kann jenem argumentativ entgegengesetzt werden? In Ermanglung einer geeigneteren Begrifflichkeit wird dabei das analysierte und kritisierte Weltbild als antiamerikanischer Antisemitismus bezeichnet. Es zeigt sich, dass – entsprechend der dichotomen Struktur des antiamerikanischen Antisemitismus – das Weltgeschehen bei Endgame in verschiedene Gegensatzpaare zerfällt. Die Analyse muss hier notwendigerweise unvollständig bleiben, fünf dieser Gegensatzpaare werden herausgegriffen und auf ihre Funktionsweise hin untersucht. Die beiden theoretisch wie praktisch zentralsten dieser Gegensatzpaare werden dann kritisiert, wobei gezeigt werden soll, dass die Gegnerschaft Endgames zum Kapitalismus auf einem falschen Begriff desselben basiert, und die zur Globalisierung einen Volksbegriff mobilisiert, der sich repressiv gegen das Individuum richtet.

Ebenfalls von Beyer wird in dieser Arbeit die Methode der stochastischen Genuswahl übernommen, d.h. das grammatikalische Geschlecht wird bei Personengruppen nach dem Zufallsprinzip verwendet. Beyer selbst gibt als Quelle hierfür die Autoren Nothbaum und Steins (2010) an.

2. Hauptteil: Analyse und Kritik der politischen Positionen Endgames

Für diese Arbeit werden zunächst kurz einige Hintergrundinformationen zum Forschungsgegenstand zusammengetragen, dann wird die diese Arbeit begleitende Theorie vorgestellt, anschließend wird versucht, den Diskurs der Endgame-Bewegung zu analysieren und zu dekonstruieren, d.h. dem Ressentiment, wo es auftaucht, Argumente entgegenzusetzen, und abschließend werden die Ergebnisse in einem Fazit noch einmal zusammengefasst.

2.1. Informationen zum Forschungsgegenstand

Endgame, dem Begriff nach einerseits englisch für „Endphase“, andrerseits Kurzform für „Engagierte Demokraten gegen die Amerikanisierung Europas“, entstand im Dezember 2014 unter dem Namen Pegada (vgl. Pegada 2014a), ausgeschrieben „Patriotische Europäer gegen die Amerikanisierung des Abendlands“. Diese Bezeichnung diente dem Versuch, einerseits an die Erfolge der in den Medien damals stark vertretenen Pegida-Bewegung anzuknüpfen, zugleich aber den Fokus weg von der dort proklamierten Islamisierung hin zu einer vermeintlichen Amerikanisierung Europas zu verschieben. Seit dem Abklingen Pegidas verzichtet Endgame auf Pegada als Selbstbezeichnung (vgl. Pegada 2015a). Hintergrund Endgames ist die Friedensbewegung 2014, deren – teils ehemalige – Protagonisten positiv rezipiert werden (vgl. Endgame 2015a). Entsprechend ähneln sich auch die Argumentationsmuster. Als konkreter politischer Akteur organisiert Endgame regelmäßige Demonstrationen, bisher in Halle (vgl. Afane 2015) und Erfurt (vgl. DIE WELT 2015). Dem Selbstverständnis seiner Anhänger nach handelt es sich um eine Bewegung, die politisch weder rechts noch links steht (vgl. Pegada 2014b; Afane 2015; Schmidt 2015). Die Diskursanalyse allerdings zeigt, dass es sich hierbei um ein Täuschungsmanöver handelt, da die Argumentationsmuster in der Tat vielfach dem Diskurs der neuen und alten Rechten entlehnt sind.

2.2. Theorie des antiamerikanischen Antisemitismus

Theoretisch stützt sich diese Arbeit vor allem auf Heiko Beyers (2014) Soziologie des Antiamerikanismus. Dort fasst Beyer den ressentimenthaften Antiamerikanismus als Reaktion auf die im 19. Jahrhundert krisenhaft hereinbrechende Moderne: Das durch den beschleunigten sozialen Wandel verunsicherte Individuum sei, so Beyer, bestrebt, jenen zu erklären und dadurch wieder beherrschbar zu machen. Eine Möglichkeit, die Moderne und den mit ihr einhergehenden beschleunigten sozialen Wandel zu rationalisieren, d.h. scheinbar zu erklären, besteht nach Beyer darin, deren Ursache in den Vereinigten Staaten von Amerika auszumachen. Zugleich würden hedonistische Selbstanteile, die das antiamerikanische Individuum an sich selbst verachtet und fürchtet, auf die USA projiziert.

Indem sowohl die Moderne samt ihrer vermeintlichen Lasterhaftigkeit als auch eigene hedonistische Persönlichkeitsanteile, die als Ausdruck eben jener Lasterhaftigkeit erscheinen, mit den USA verknüpft werden, entsteht ein negativer Bezugspunkt, über den das antiamerikanische Individuum sich selbst und die Gruppe, der es sich zugehörig fühlt, per Abgrenzung positiv definiert. (vgl. Hansen 2007: S. 34-37) Die konstruierte Antithese zwischen dem, was im Diskurs als amerikanisch erscheint, und dem, was diesem positiv gegenübergestellt wird, verselbstständigt sich, wie im Diskurs Endgames deutlich wird, im Extremfall zu einem Welterklärungsmuster, das sämtliche Entwicklungen – freilich nur innerhalb des antiamerikanischen Weltbilds – sinnvoll interpretierbar macht. Dieses Welterklärungsmuster allerdings liegt eine Ebene tiefer, seiner Struktur nach ist es nicht nur antiamerikanisch, sondern auch antisemitisch:

„Aus Sicht der Kognitionspsychologie handelt es sich bei antiamerikanischen und antisemitischen Einstellungen um Elemente eines gemeinsamen Kognitionsclusters. Die einzelnen Elemente werden durch Kognitionen, die eine Verbindung von Juden und Amerika begründet, getragen und in allgemeinere, beide Aspekte synthetisierende Welterklärungen eingepasst. Je nachdem, in welchem sozialen Kontext sich das Individuum befindet, manifestiert sich dann eher das antisemitische oder das antiamerikanische Element in der Kommunikation (vgl. Beyer/Liebe 2010). Gleichzeitig verweisen die analogen Inhalte der Ressentiments auf eine affektive Äquivalenz: Beide Objekte werden mit ähnlichen Vorstellungen besetzt, die dem Assoziationsfeld des Hedonismus zuzuordnen sind. Diese Objektverwandschaft ermöglicht die Verschiebung des Projektionsobjekts, so dass im Fall wahrgenommener sozialer Tabuisierung – hier vor allem des Antisemitismus – das jeweils andere Objekt gewählt wird.“ (Beyer 2014: S. 114)

Für den praktischen Teil der Arbeit wird also nicht nur der Antiamerikanismus relevant sein, sondern insbesondere das ihm zu Grunde liegende Welterklärungsmuster, das sich ebenso als Antisemitismus manifestieren kann und manifestiert (vgl. Strohm 2014). Da sich das Ressentiment im Diskurs Endgames trotz aller Tabuisierung immer wieder als ungeschönte Judenfeindschaft zeigt, scheint diese der bedeutendere der beiden Aspekte zu sein. Die bei Endgame zu analysierende und zu kritisierende Ideologie wird deshalb in dieser Arbeit als antiamerikanischer Antisemitismus bezeichnet.

2.3. Antiamerikanischer Antisemitismus bei Endgame: Analyse und Versuch der Dekonstruktion

Die im Folgenden vorgenommene Diskursanalyse basiert vor allem auf drei Primärquellen: Einem seitens Endgame positiv rezipierten und beworbenen (vgl. Pegada 2015b) Beitrag Andreas Popps, einem ebenfalls durch Endgame gefeierten und verbreiteten (vgl. Pegada 2015c) Beitrag Holger Strohms, und einer auf einer Endgame-Demonstration gehaltenen Rede Donatus Schmidts. Die Auswahl kann als repräsentativ gelten: Zum einen fanden und finden sowohl die Friedensbewegung 2014 als auch Endgame primär online statt – die „Gefällt mir“ – Angaben der entsprechenden Seiten in den sozialen Netzwerken übertreffen die Teilnehmerzahlen der Demonstrationen und Mahnwachen um ein Vielfaches, wie auch generell die Aktivitäten im Internet die auf der Straße weit übertreffen. Es ist daher legitim, zwei auf Youtube veröffentlichte Beiträge, aber nur eine tatsächlich auf einer Demonstration gehaltenen Rede zu analysieren. Die Wahl fiel dabei nicht zufällig auf Beiträge Popps und Strohms: Vor allem Ersterer ist einer der wichtigsten Stichwortgeber der verschwörungsideologischen Rechten in Deutschland. Seine Videos erreichen teilweise sechsstellige Aufrufe (vgl. Popp 2012; Popp 2013), und mit Wortschöpfungen wie beispielsweise der Titulierung der Kritikerinnen als „Nazitheoretiker“ (Popp 2014) gibt er seinen Anhängerinnen wirkungsmächtige Waffen für die politische Auseinandersetzung an die Hand. Auch Strohm fungiert als Ideologe (vgl. Strohm 2015), obgleich etwas weniger erfolgreich als Popp. Die durchwegs positiven Reaktionen auf alle drei Primärquellen lassen den Schluss zu, dass in ihnen Positionen vertreten werden, die von der Mehrheit der Endgame-Anhängerinnen geteilt werden.

2.3.1. Analyse

Als Prämisse wird jeweils zu Beginn eine geheime, die Geschicke der Welt lenkende Macht behauptet. So erklärt Popp (2015), dass „nahezu alle vermeintlich hoheitlichen Strukturen beziehungsweise Staaten […] der Macht des Finanzsystems [unterliegen]“, Strohm (2014) weiß von „satanische[n] Logen wie d[en] Bilderberger[n], die die Kontrolle über die ganze Welt haben“, zu berichten, und auch Schmidt (2015) beklagt ein „Wirtschaftssystem, in dem die Superreichen […] die Macht über die Geschicke der Welt haben“. Diese geheime Elite kann nun – entsprechend der Ambivalenz des Ressentiments – mit den USA oder mit Juden verknüpft werden: So erklärt Strohm (ebd.) „Rothschild“, jüdischer Bankier und Hassobjekt aller Antisemitinnen (vgl. Waschneck 1940), zur „Nummer [Eins] bei den Bilderbergern“, während Schmidt (ebd.) behauptet, die geheime Elite kontrolliere „die Regierung in den Vereinigten Staaten“ über die „Federal Reserve Bank“ und den „amerikanischen Dollar“. Wie und ob sich das Ressentiment manifestiert, ist für die Argumentation allerdings unerheblich, entscheidend ist, dass dem übermächtig erscheinenden sozialen Wandel ein übermächtiger Akteur zugeordnet wird. Der Kampf gegen die globale Verschwörung wird damit zum Kampf gegen den sozialen Wandel selbst, und der Kampf zwischen dem Verschwörungsideologen und der von ihm phantasierten Verschwörung wiederum reproduziert sich im antiamerikanischen Antisemitismus in Form verschiedener Gegensatzpaare, die ihn als Ideologie konstituieren.

2.3.1.1. Aufklärung und gesundes Volksempfinden

Der Diskurs Endgames richtet sich – wie zu erwarten – gegen die Aufklärung und die sie tragenden Institutionen. Die medizinische Forschung, so Strohm (ebd.), sei „von der Lobby“ gesteuert, es ginge lediglich ums Geschäft. Auf der Website Pegadas (2014c) findet sich zudem die Forderung nach „Aufklärung in den Bereichen Gesundheit, Medizin, Impfen und kreiierte [sic!] Krankheiten!“ Und Popp (ebd.) behauptet, dass ein „akademisches Studium“ für das Erkennen der sozialen Realität „eher hinder[lich]“ sei. Als positive Antithese nennt er den „gesunde[n] Menschenverstand“. Auch die Presse erfährt ausschließlich Ablehnung: Für Popp (ebd.) sind Medien „Propagandamaschinen“, die ausschließlich im Sinne der „Finanzmacht“ berichteten, und Strohm (ebd.) erklärt:

„Es herrscht […] Zensur. […] Keiner der Journalisten wagt es, die Wahrheit zu sagen. […] Journalisten [betreiben] ständig Kriegshetze. […] Überall, wo Aufstände sind, sind die ersten Ziele die Journalisten, weil sie als Teil des Krieges betrachtet werden.“

Strohm unterstellt also zunächst, dass Medien Teil der Verschwörung seien und absichtlich desinformierten, um dann dem Volk – der Begriff ist, wie sich zeigen wird, zentral für den Diskurs Endgames – zu attestieren, dass es, sofern es sich im Bestreben, sich gegen das „Machtsystem“ (Popp ebd.) zu erheben, gegen Journalistinnen wendet, damit durchaus die Richtigen trifft. Sowohl bei Popp als auch bei Strohm ist der Instinkt des Volks der eigentliche Quell der Erkenntnis, Wissenschaft und Journalismus erscheinen bestenfalls als nutzlos, tendenziell eher als propagandistisch und schädlich. Vor dem theoretischen Hintergrund vermag das kaum zu überraschen, sind doch eine freie Presse, die Schulmedizin und generell die moderne Wissenschaft sämtlich Ausdrücke des durch die Moderne stark beschleunigten sozialen Wandels.

2.3.1.2 Volk und Parasiten

Das Weltbild, aus dem der antiamerikanische Antisemitismus schöpft, betrachtet auf der ökonomischen Ebene den Zins als Wurzel allen Übels:

„Dieses Wirtschaftssystem mit Zins und Zinseszins führt uns immer tiefer in die Katastrophe. Die Probleme weltweit nehmen immer mehr zu, auf Grund eines kranken und kaputten Wirtschaftssystems, welches exponentielles Wachstum braucht, um zu überleben.“ (Schmidt, ebd.)

Entsprechend konstatieren antiamerikanische Antisemitinnen im Kapitalismus, den sie auf seine abstrakte Seite reduzieren, eine „Umverteilung von fleißig nach reich“ (Popp ebd.). Das vermeintlich betrogenen Kollektiv der ehrlich Arbeitenden, zu dem auch Industrielle gezählt werden, erscheint im Diskurs wiederum als Volk, wobei der Begriff hier durchaus nicht ethnisch verstanden wird. Diesem Volk wird eine kleine Minderheit gegenübergestellt, welche die hart arbeitende Mehrheit – eben das Volk – durch die Wirkungsweise des Zinses auspresse:

„Fast alle amerikanischen Präsidenten haben von der Verschwörung des Großkapitals, der Rothschilds, Rockefellers und Morgens gesprochen. Und dass das amerikanische Volk von ihnen geplündert werde.“ (Strohm, ebd.)

„Wir haben erkannt, dass auch das israelische Volk letztlich Opfer dieser Machenschaften ist. Es geht um die Drahtzieher, die diese Machenschaften aushecken.“ (Schmidt, ebd.)

Dieser völkische Antikapitalismus zielt auf Vernichtung, weil er die sozialen und ökologischen Verwerfungen, die der Kapitalismus produziert, an einer kleinen Personengruppe und deren Charaktereigenschaften festmacht und damit die Utopie einer von ökonomischer Ausbeutung befreiten Gesellschaft an die Vernichtung dieser Personengruppe bindet. Den ersten Schritt hin zur Vernichtung – nämlich die Entmenschlichung der zu Vernichtenden – macht Endgame im Diskurs selbst:

„Es geht um die Drahtzieher, die diese Machenschaften aushecken, die sich erdreisten, über uns Menschen zu herrschen, und denen es völlig egal ist, was mit uns Menschen ist, die unser Blut einfach vergießen, nur für ihre wirtschaftlichen Interessen, nur für ihre perversen Machtgelüste!“ (Schmidt ebd.)

Der diskursiv erzeugte Gegensatz zwischen den „Drahtzieher[n]“ und „uns Menschen“ lässt nur einen Schluss zu: Für Endgame-Redner Donatus Schmidt sind jene, die er für unser Unglück hält, keine Menschen. Auch Andreas Popp (ebd.), der sich positiv auf „alle Menschen“ bezieht, zugleich aber gegen „unproduktive Spekulanten“ agitiert, entmenschlicht in der Konsequenz letztere.

Zur theoretischen Rückversicherung muss geklärt werden, wie Zins, „Drahtzieher“ beziehungsweise „unproduktive Spekulanten“ und sozialer Wandel zusammenhängen. Auskunft hierzu gibt Samuel Salzborn (2010) in Antisemitismus als negative Leitidee der Moderne. Dort zeigt er, dass „in der antisemitischen Phantasie Juden zum Symbol für das Abstrakte als solches [werden].“ (ebd. S. 321) Das Abstrakte aber ist Erscheinung der Moderne, da Finanzmärkte und Börsen selbst, deren Handlungen im Diskurs die Antithese zur konkret-stofflichen Herstellung von Dingen bilden, Erscheinungen der Moderne sind und der antiamerikanischen Antisemitin damit als Auswüchse des als übermächtig und bedrohlich wahrgenommenen sozialen Wandels gelten.

2.3.1.3 Volk und Zersetzung

Kommt der antiamerikanische Antisemitismus für seine Analyse des Kapitalismus noch ohne rassistischen Volksbegriff aus, ändert sich dieses zügig, sobald er sich gegen die ebenso verhasste Globalisierung wendet. Hier reproduziert sich das Ressentiment als konstruierter Widerspruch zwischen „heimatgebundene[n], stolze[n] Völker[n] mit innerem Zusammenhalt“ (Popp ebd.) und Einflüssen, die diese zu zersetzen drohen: Konkret nennt Popp (ebd.) „McDonalds“, „Burger King“, „Hollywoodfilme, Fernsehserien und Popmusik“. Dass es überhaupt verschiedene Völker im rassistischen Sinne gebe, wird bei Endgame mit größter Selbstverständlichkeit proklamiert:

„Wir sind dagegen, dass sich ein Volk über andere Völker stellt, beziehungsweise eine Rasse sich über andere Rassen stellt!“ (Schmidt ebd.)

Wie alles, was der antiamerikanischen Antisemitin schlecht erscheint, werden auch besagte zersetzende Einflüsse als Böswilligkeit einer halluzinierten geheimen Elite gedeutet: „Das Machtsystem“ verfolge nämlich „die politische Strategie, alle Völker der Welt zu destabilisieren“. (Popp ebd.) Zu diesem Zweck würden die verschiedenen Völker absichtsvoll durchmischt und dadurch aufgelöst:

„Vermischt man […] die drei Malfarben rot, gelb und blau, ist das Ergebnis immer braun – und diese Farbe prägte lang genug einen Teil unserer Geschichte. Das Ziel ist offensichtlich: Auf allen Seiten werden ethnische Wurzeln verletzt, aus denen ein Widerstand gegen das tatsächlich menschenverachtende Machtsystem hervorgehen könnte. Heimatgebundene, stolze Völker mit innerem Zusammenhalt waren erfahrungsgemäß stärker bei der Verteidigung ihrer Lebensführung und Tradition, als es bei ethnisch zusammengewürfelten Menschen in heimatfremden Ländern der Fall ist.“ (Popp ebd.)

„Man möchte eine Regierung, ein Volk, eine Rasse, also im Grunde das, was Hitler schon wollte.“ (Strohm ebd.)

Indem gerade das, wogegen sich das Ressentiment richtet, in die Nähe des Nationalsozialismus gerückt wird, vollzieht sich die Verdrehung, die, wie sich zeigen wird, für die Geschichtsauffassung des antiamerikanischen Antisemitismus recht typisch ist. Zugleich verraten die dergestalt Verdrehenden, dass ihnen bewusst ist, dass sie mit ihrer Aversion gegen das „Multi-Kulti-Dogma“ und den „zentralistisch gesteuerten Globalisierungswahn“ (Popp ebd.) bei gleichzeitigem positiven Bezug auf „Tradition“, „Heimat“ (Popp ebd.), „Völker“ und „Rassen“ (Schmidt ebd.) selbst Gedankengut vertreten, dass der politischen – auch extremen – Rechten keineswegs fremd ist.

Dass auch hier die Verunsicherung durch die Moderne und den sozialen Wandel die tiefere Ursache ist, verrät Popp (ebd.), wenn er bei Pegida Überfremdungsängste und Volkstodphantasien auf folgende Weise einerseits konstatiert, aber auch rechtfertigt und offenbar auch teilt:

„Stellt man sich einmal irgendwo in einen öffentlichen Park, auf einen Spielplatz oder in eine belebte Einkaufsstraße, und realisiert bewusst den Anteil der ausländischen Mitbürger, dann ergibt ein Vergleich der gewonnen Eindrücke mit Erinnerungen von zum Beispiel vor 20 Jahren eine starke Reduktion des deutschen Anteils. Mit einer Überschlagsprognose für die nächsten 20 Jahre kann man recht einfach die Befürchtung vieler Deutscher nachvollziehen, als das Volk in die Geschichte einzugehen, dessen Regierungen sinkende Geburtenraten durch zunehmende Einwanderung auszugleichen versuchten.“

Der „deutsche Anteil“ sinkt also mit der Zeit, damit ist das als Bedrohung wahrgenommene Absinken desselben Teil des sozialen Wandels. Und da die Mobilität seit dem 19. Jahrhundert extrem zugenommen hat, ist auch die „zunehmende Einwanderung“ und damit die im Diskurs Endgames beschworene Vermischung der Völker im Weltbild des antiamerikanischen Antisemitismus an die Moderne gebunden.

2.3.1.4. Deutschland und die Westalliierten

Grundsätzlich versucht Endgame, an den Diskurs des marxistisch-leninistischen Antiimperialismus anzuknüpfen, der das Geschehen auf der Welt als Kampf zwischen dem US-Imperialismus und unterdrückten, um ihre Freiheit ringenden Völkern interpretiert (vgl. Haury 1998). Anders als in der traditionellen Linken allerdings rücken bei Endgame nicht nur Palästinenser und Iraner, sondern insbesondere die Deutschen als unterdrücktes Volk in den Mittelpunkt des Interesses:

„Freiheit für Palästina und für alle Völker! […] Freiheit für die Ukraine und für den Donbass! Freiheit für Russland! Freiheit für China und Uganda! Freiheit für Afghanistan, für den Irak! Für Palästina selbstverständlich. Und selbstverständlich für Deutschland, dass man endlich wieder vernünftig und normal seine Meinung äußern kann, ohne in irgendwelche Schubladen gesteckt zu werden!“ (Afane ebd.)

Diese Neuinterpretation des Antiimperialismus ermöglicht einen revisionistischen Blick auf die Zeit des Nationalsozialismus, auf die seiner Entstehung, und auch auf die nach 1945. So behauptet die Bandbreite (2014), eine sich in ihrer Selbstwahrnehmung als antifaschistisch definierende Politband (vgl. Geppert 2015), die für Endgame mobilisiert (vgl. Die Bandbreite 2015a) und auf den entsprechenden Demonstrationen auftritt (vgl. Die Bandbreite 2015b), dass es „ohne Großbritannien“, d.h. ohne britische Einflussnahme „keine Nazis“ in Deutschland gegeben hätte. Ferner hätte Hollywood, das heute fortwährend „den deutschen Schuldkomplex“ aufrecht erhalte, die Shoa in den 40er Jahren absichtlich ignoriert. Auch amerikanische Einflüsse hätten „das Monster [gefüttert]“, amerikanische Bomber entsprechend die Vernichtungslager geschont. Fazit, im Che Guevara Shirt vorgetragen:

„Weil seit jeher die Sieger die Geschichte schreiben, übersieht man schon mal gern bedeutungsvolle Kleinigkeiten. (…) Jetzt sollen wir dankbar sein, den Doktor Frankensteins, die dieses Monster schufen, um uns dann davon zu befreien.“ (Die Bandbreite 2014)

Der Nationalsozialismus erscheint also als diabolischer Plan, geschmiedet, um anschließend das deutsche Volk unterdrücken zu können – einerseits durch eine imaginierte moralische Gängelung, aber eben auch ganz konkret als Besatzungsmacht. Strohm (ebd.) behauptet in diesem Zusammenhang: „Wir sind nicht befreit worden, sondern wir sind versklavt worden.“ Und Schmidt (ebd.) bekennt:

„Wir sind für eine Befreiung Deutschlands, wir sind für ein souveränes Deutschland, damit wir endlich frei unsere Entscheidungen als Volk treffen können, und zwar Entscheidungen, die für uns gut sind, für unser Volk gut sind. Was wir augenblicklich erleben, ist eine sogenannte Bundesregierung, welche ja lediglich eine Verwaltungsorganisation der Besatzungsmächte ist. Wir erleben, wie unsere Besatzungsmacht vorschreibt, Entscheidungen zu treffen, die nicht gut sind für unser Volk, die schädlich für unser Volk sind.“

Diese Aversion gegen die politische Elite, die in der Logik des antiamerikanischen Antisemitismus das deutsche Volk dem schädlichen und zersetzenden Einfluss der Globalisierung, des Kapitalismus und anderer vermeintlicher Auswüchse der Moderne aussetzt, manifestiert sich bei Strohm (ebd.) als ungeschminkte Judenfeindschaft:

„Angela Merkel, die ja selber Jüdin ist, wie zuvor ganz viele Politiker, Helmut Kohl, oder aber Joschka Fischer, oder wir können jetzt durchmarschieren, ich könnte hier für eine halbe Stunde… Alle die, die wirklich Macht haben in Deutschland. Nun könnte man sagen: ‚Das spielt doch keine Rolle.‘ Ja doch, schon, weil die Juden uns Deutsche als Feinde sehen.“

Im Diskurs Endgames gilt die Ablehnung also nicht der deutschen Regierung als deutsche Regierung, sondern gilt derselben gerade als undeutsche, gar antideutsche, zugespitzt: jüdische Regierung. Sie erscheint als Teil des übermächtigen Akteurs, gegen den die Verschwörungsideologin ihrem Selbstverständnis nach ankämpft, und in der antiimperialistischen Logik als Statthalterin Amerikas. Sie repräsentiere nicht das deutsche Volk, sondern sei vielmehr zentral an seiner Unterdrückung beteiligt. Entsprechend erklärt Endgame-Redner Konstantin Stößel (2015):

„Es wird langsam Zeit, dass dieses Land hier aufwacht!“

Die Deutschen, die als unterdrückt und gegängelt, als die eigentlichen Opfer erscheinen, werden also letztlich dazu aufgerufen, das durch den Engame-Diskurs selbst konstruierte Joch abzuschütteln. Dass bei einem solchen „Aufst[a]nd“ (Strohm ebd.) Gewalt gegen vermeintliche Vertreterinnen des „Machtsystems“ (Popp ebd.), beispielsweise Journalisten, durchaus denkbar scheint, wurde bereits bei der Analyse des Verhältnisses Endgames zur Aufklärung und bei der des vernichtungsorientierten Antikapitalismus gezeigt.

2.3.1.5. Deutschland und der Schatten der Vergangenheit

Der Diskurs, den Endgame um Israel führt, kann als Lehrstück des sekundären (vgl. Gessler 2006), israelbezogenen Antisemitismus gelten. Der jüdische Staat wird fortwährend mit Vokabeln belegt, die ihn nicht nur dämonisieren und delegitimieren, sondern die im öffentlichen Diskurs der BRD auch notwendigerweise mit der Shoa verknüpft sind: Afane (ebd.), der von einem „Genozid an [seinem] Volk […] in Gaza“ zu berichten weiß, gilt Zionismus als „Faschismus“, Schmidt (ebd.) will „in Israel“ einen „Völkermord“ ausgemacht haben, und Strohm (ebd.) sieht bei „harten Zionisten“ Ambitionen, „Groß-Israel“ zu errichten. Ferner zitiert er zustimmend den „vorherige[n] Papst“, der angeblich den Gaza-Streifen als „Warschauer Ghetto“ bezeichnet hätte. Von hier leitet er dann mit folgender Bemerkung zur oben zitierten, offen judenfeindlichen Passage über:

„Und die Tragik ist darin, dass das Unrecht, was man den Juden angetan hat […], das tun nun die Israelis den Arabern an.“ (Strohm ebd.)

Damit aber wird die – ansonsten auch nicht unbedingt glaubwürdige – strikte Trennung zwischen Judentum und Zionismus, zwischen Juden und Israelis (vgl. Afane ebd.) im Endgame-Diskurs selbst aufgehoben. Indem nun die Opfer von einst im Diskurs als Täter von heute erscheinen, wird das Kollektiv, dem sich die große Mehrheit der Endgame-Anhänger selbst zurechnet, nämlich das – in einem biologischen Sinn interpretierte – deutsche Volk, entlastet. Entsprechend erklärt Popp (2013):

„Wir werden zum Beispiel in bestimmten Sendern immer wieder an unsere dunkle Vergangenheit erinnert, und das permanent, und das gebetsmühlenartig, und ich glaube, die Meisten können es einfach kaum noch ertragen. […] Wenn die Leute zum Beispiel zu mir sagen: ‚Willst du die Deutschen reinwaschen?‘, dann sage ich: ‚Nein, aber ich will den Dreck ein bisschen gleichmäßiger verteilen.’“

Weitere Entlastung bringen unpassende Holocaust-Gleichsetzungen, die in der Konsequenz stets auf eine Verharmlosung der tatsächlichen Shoa hinauslaufen:

„DAMIT MUSS SCHLUSS SEIN! KEINE TIER KZs MEHR!“ (Pegada 2015d)

Grundsätzlich gilt, dass Bezüge zum NS-Faschismus bei Endgame ausschließlich in Zusammenhang mit jenen „ähnlichen Vorstellungen“ (Beyer ebd.) auftauchen, gegen die sich der antiamerikanische Antisemitismus als Ressentiment richtet und die ihn konstituieren, d.h. in Zusammenhang mit den angelsächsischen Nationen, insbesondere den USA, mit Israel und dem Zionismus, mit der Globalisierung, und – im letzten Fall – mit Konsum und Streben nach menschlichem Glück, die Popp (2015) wiederum als Zeichen modernistischen Verfalls gelten:

„Erkennt man neben der gezeichneten Gefahr eines zunehmenden Islamismus nicht die gewaltige Zunahme der Geldmacht, des Egoismus und des Materialismus?“

Bezeichnender Weise nennt er hier von drei Items, von deren Ablehnung Beyer (vgl. ebd.: S. 109) auf verdrängte hedonistische Selbstanteile schließt, immerhin zwei – Egoismus und Materialismus – wörtlich.

Die Konsequenz, mit der nationalsozialistisches Gedankengut – ohne ernsthafte Begründung – den Siegern und Opfern von einst zugeschrieben wird, während das – biologisch verstandene – deutsche Volk fortwährend entlastet wird, zielt eindeutig auf Revision der Geschichte. Das dritte Reich muss verleugnet werden, damit ein viertes möglich wird.

2.3.2. Versuch der Dekonstruktion: Dem Ressentiment entgegentreten

Vor dem theoretischen Hintergrund erscheinen die unter 2.3.1.1., 2.3.1.2. und 2..3.1.3. behandelten Aspekte als Elemente des dem antiamerikanischen Antisemitismus zu Grunde liegenden Weltbilds, die sich jeder Zeit als Judenfeindschaft oder Feindschaft gegen die USA manifestieren können, aber nicht notwendigerweise in jeder Situation müssen, während es sich bei den unter 2.3.1.4. und 2.3.1.5. abgehandelten Punkten bereits um konkrete Ausformungen des Ressentiments handelt. Für die Dekonstruktion sind also vor allem die oben genannten drei Abschnitte entscheidend – um den Rahmen dieser Arbeit nicht zu sprengen, wird dabei der Punkt Aufklärung und gesundes Volksempfinden außer Acht gelassen.

2.3.2.1. Zur Kritik des regressiven Antikapitalismus: Warum weder Zinsen noch parasitäre Finanzspekulanten unser Unglück sind

Wie oben gezeigt, richtet sich der Antikapitalismus Endgames gegen den Zins und seine vermeintlichen Nutznießer. Als Gegenmodell bieten Rico Albrecht und Andreas Popp (2011) in ihrem Plan B, auf den sich auch Schmidt (vgl. ebd.) positiv bezieht, „fließendes Geld“ (S. 7) an. Dieses würde – anders als heute – nicht mehr verliehen, weil die Verleihende den Zins erhält, sondern weil gehortetes, „der Realökonomie“ (S. 8) vorenthaltenes Geld mit einer Strafgebühr belegt wäre. Mit der Abschaffung des Zinses wäre dann der „Kapitalismus“ (Popp 2015) selbst abgeschafft, das „Machtsystem“ (Popp ebd.) gestürzt und die „Umverteilung von fleißig nach reich“ (Popp ebd.) gestoppt, während „innovative Unternehmer“ gemeinsam mit dem „Staat (also [uns] alle[n]!)“ (Albrecht/Popp 2011: S. 9) für blühende Landschaften sorgen würden.

Gegen diese Art der „Vulgärökonomie“ (S. 405) hat ein gewisser Karl Marx (1983) schon im vorletzten Jahrhundert Stellung bezogen. Für ihn war der Zins unter kapitalistischen Bedingungen ebenso notwendig wie selbstverständlich, und die schon seinerzeit allgegenwärtige Aversion gegen denselben Ausdruck eines notwendig falschen Bewusstseins:

„Wie bei der Arbeitskraft wird der Gebrauchswert des Geldes hier der, Wert zu schaffen, größren Wert, als der in ihm selbst enthalten ist. Das Geld als solches ist bereits potentiell sich verwertender Wert und wird als solcher verliehen, was die Form des Verkaufens für diese eigentümliche Ware ist. Es wird ganz so Eigenschaft des Geldes, Wert zu schaffen, Zins abzuwerfen, wie die eines Birnbaums, Birnen zu tragen. Und als solches zinstragendes Ding verkauft der Geldverleiher sein Geld. Damit nicht genug. Das wirklich fungierende Kapital, wie gesehn, stellt sich selbst so dar, daß es den Zins nicht als fungierendes Kapital, sondern als Kapital an sich, als Geldkapital abwirft.“ (Marx ebd.: S. 405)

Dieses Trugbild, das das zinstragende Kapital, welches ja Gegenstand der Aversion im Diskurs Endgames ist, nicht als fungierendes Kapital und damit als Teil der im Plan B lobend erwähnten „Realökonomie“ (Albrech/Popp ebd.: S. 8) erscheinen lässt, sondern eben als Kapital an sich, verschleiere, so Marx (ebd.: S. 405) die tatsächliche Quelle des Zinses:

„Während der Zins nur ein Teil des Profits ist, d.h. des Mehrwerts, den der fungierende Kapitalist dem Arbeiter auspreßt, erscheint jetzt umgekehrt der Zins als die eigentliche Frucht des Kapitals, als das Ursprüngliche, und der Profit, nun in die Form des Unternehmergewinns verwandelt, als bloßes im Reproduktionsprozeß hinzukommendes Accessorium und Zutat.“

Die Ideologen im Umfeld Endgames betreiben also in der Tat „Kapitalmystifikation in der grellsten Form“ (Marx ebd.: S. 405) – nicht nur, um mit der „Macht des Finanzsystems“ (Popp ebd.) ein opportunes, mit ihren sonstigen Ressentiments nicht gerade inkompatibles Hassobjekt (vgl. Kurz 1995) zu erhalten , sondern auch, um die als natürlich, konkret, vernünftig und wohl irgendwie auch deutsch halluzinierten Aspekte der warenproduzierenden Gesellschaft – eben die bereits erwähnte „Realökonomie“ samt „innovative[r] Unternehmer“ (Albrecht/Popp ebd.: S. 8) – aus der Kritik auszuklammern, unter anderem dadurch, dass der durchwachsen konnotierte Begriff Kapitalismus bei ihnen der verhassten Zirkulationssphäre vorbehalten bleibt. Eine solche Position aber kann sich nicht antikapitalistisch rühmen, noch kann sie irgendeinen Beitrag zu einer befreiten oder wenigstens freieren Gesellschaft leisten. Denn selbst, wenn sich „[d]ie schwache Utopie des Geldes, das kein Geld mehr sein soll“ (Kurz ebd.) in einer ansonsten weiterhin kapitalistischen Gesellschaft verwirklichen ließe, änderte das rein gar nichts daran, dass

„wir in einer Gesellschaft leben, in der nicht die Bedürfnisse von Menschen den Grund zur Produktion liefern, sondern […] das Streben nach der Verwertung von Kapital. Nicht, weil Menschen Schutz vor der Natur brauchen, werden Wohnungen gebaut, sondern schlicht und einfach weil sich damit Geld verdienen lässt. Nicht, weil Menschen Hunger haben, wird Essen hergestellt, sondern weil die Produktion von Lebensmitteln profitabel ist.“ (Grigat 2013)

Auch das Prinzip kapitalistischer Konkurrenz, das, indem es sämtliche Marktteilnehmer anhält, ohne Rücksicht auf Mensch oder Natur die Verwertung des Werts voranzutreiben, für eine andauernde soziale und ökologische Misere verantwortlich ist (vgl. Kurz ebd.), soll unangetastet bleiben. Es zeigt sich also, dass der Antikapitalismus Endgames umgekehrt gerade die größtmögliche Affirmation eben dieses Kapitalismus darstellt, dabei gegen den Popanz finsterer Mächte und würgender Zinsschlingen ficht, wodurch das Wesen des Kapitalismus vollkommen unkenntlich wird, und es obendrein fertig bekommt, gesellschaftspolitisch noch hinter diesen zurückzufallen. Denn wie alle Aspekte des Weltbilds, aus dem der antiamerikanische Antisemitismus schöpft, ist auch das Ressentiment gegen den Zins letztlich ein Ressentiment gegen die Moderne und damit – im klassischen Sinne – reaktionär. Entsprechend urteilt Kurz (ebd.) über den Plan B und andere, „auf Silvio Gesells Ideen basierende“ (vgl. Albrech/Popp ebd.: S. 9) Ökonomieentwürfe, wenngleich nicht unbedingt sachlich, so doch zumindest zutreffend:

„Wenn diese Absurdität überhaupt einen sozialökonomischen Sinn macht, dann ist es der einer ebenso peinlichen wie offenkundigen »kleinbürgerlichen« Ideologie im klassischen Sinne. In der Tat kann man sich hinter der gesellianischen Geldutopie bestenfalls einen idealtypischen Kleinproduzenten vorstellen, dem die Mächte der kapitalistischen Verwissenschaftlichung fremd bzw. eher unheimlich sind und der sich an der »ehrlichen Arbeit« in seiner jämmerlichen Klitsche für einen »ehrlichen Markt« und für ein »gutes Geld« festklammert, um von den Widersprüchen, Krisen und Katastrophen einer hochrationalisierten und globalisierten Warenproduktion verschont zu bleiben. Dieser bornierte ökonomische Idiot, der natürlich nichts anderes verdient, als von der Marktwirtschaft (seiner angebeteten Idealbraut) in ihrer scheußlichen Realgestalt aufgefressen zu werden, ist eigentlich schon ein Anachronismus.“

2.3.2.2. Zur Kritik des autoritären Kollektivismus: Warum das biologistisch verstandene Volk eine menschenverachtende Kategorie ist

Zunächst bleibt festzuhalten, dass es sich beim biologistischen Volksbegriff im besten Sinn des Wortes um ein Konstrukt handelt: Das – zum Beispiel deutsche – Volk existiert wirklich, sofern die Konstruktion desselben in der Bevölkerung wirkmächtig ist, es zerfällt in Individuen, sobald dies nicht mehr der Fall ist. Dass seine Apologeten ihn seit jeher als etwas Natürliches anpreisen, kann nicht darüber hinweg täuschen, dass der irrationale Zusammenhang zwischen den Mitgliedern eines solchen Volks in der Tat künstlich geschaffen wurde: Nämlich durch die eigene, rassistische Propaganda eben jener Apologeten.

Repressiv ist diese Propaganda im Diskurs Endgames in gleich zweifachem Sinn: Einerseits gegen jene Migranten, die dazu gehören wollten, die aber, so sehr Popp (ebd.) beteuert, mit ihnen „freundschaftlich verbunden“ zu sein, letztlich als Fremdkörper wahrgenommen werden, als Agenten des „Machtsystems“, deren geheime Mission in der „Reduzierung des deutschen Anteils“ und damit in der Zersetzung des deutschen Volks besteht. So wenig Migranten für die vermeintliche Überfremdung der BRD verantwortlich gemacht werden, so wenig können sie aus dieser Perspektive jemals vorbehaltlos freundlich empfangen und als Bereicherung wahrgenommen werden. Zum anderen richtet sich der autoritäre Kollektivismus Endgames gegen jene Deutschen, die gar keine sind, weil sie sich mit den verschiedenen Vorstellungen dessen, was deutsch sei, nicht identifizieren, „Heimat“ und „Tradition“ (Popp ebd.) als Werte nicht anerkennen und auch von „innerem Zusammenhalt“ (Popp ebd.), der ja unter anderem auch Zusammenhalt mit den Protagonistinnen von Endgame bedeutete, nichts wissen wollen. Ob sie im Diskurs nun als Deutsche dem Volk zwangsweise einverleibt werden (vgl. Geppert ebd.) oder – wie die Bundeskanzlerin (vgl. Strohm ebd.) – als undeutsches Element die Antithese zu eben jener völkischen Gemeinschaft der Deutschen bilden (vgl. Endgame 2015b): Eines ist bei Endgame für das Individuum jedenfalls nicht vorgesehen, nämlich radikal anders zu denken und trotzdem Teil dieser Gesellschaft zu sein, weil die simple Dichotomie von „Volk“ und „Machtsystem“ (Popp ebd.) keine Zwischentöne zulässt. Während Afane (ebd.) also „Freiheit“ für „alle Völker […] [u]nd selbstverständlich [auch] für Deutschland“ fordert, besiegelt Popp (ebd.) die Unfreiheit des Individuums unter Zuhilfenahme einer religiösen Formel:

„Unser Ziel muss es sein, auf der gesamten Erde menschen- und naturwürdige Grundlagen vorzufinden, damit jeder in der eigenen Heimat ein angemessenes Leben planen und umsetzen kann. Der zentralistisch gesteuerte Globalisierungswahn aber verursacht exakt das Gegenteil. Wie heißt es im fünften Buch Moses […]? ‚Du sollst deines Nächsten Grenze nicht zurücktreiben, die die Vorfahren gesetzt haben in deinen Erbteil, dass du erbtest in dem Lande, das dir der Herr, dein Gott, gegeben hat, einzunehmen.’“

Letztlich ist die Frage, ob das Individuum im Mittelpunkt steht oder doch eines der es versklavenden Kollektive, eine Wertentscheidung, nichts, was mit logischen und sachlichen Argumenten noch geklärt werden könnte. Es gibt viele Stimmen für eine individualistische und humanistische Sichtweise, deren Werturteile dem Endgames an dieser Stelle entgegengehalten werden könnten. Eines davon hat Kurt Tucholskys (1930) formuliert, drei Jahre vor der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler:

„Und wenn alles vorüber ist –; wenn sich das alles totgelaufen hat: der Hordenwahnsinn, die Wonne, in Massen aufzutreten, in Massen zu brüllen und in Gruppen Fahnen zu schwenken, wenn diese Zeitkrankheit vergangen ist, die die niedrigen Eigenschaften des Menschen zu guten umlügt; wenn die Leute zwar nicht klüger, aber müde geworden sind; wenn alle Kämpfe um den Faschismus ausgekämpft und wenn die letzten freiheitlichen Emigranten dahingeschieden sind–: dann wird es eines Tages wieder sehr modern werden, liberal zu sein. Dann wird einer kommen, der wird eine gradezu donnernde Entdeckung machen: er wird den Einzelmenschen entdecken. Er wird sagen: Es gibt einen Organismus, Mensch geheißen, und auf den kommt es an. Und ob der glücklich ist, das ist die Frage. Daß der frei ist, das ist das Ziel. Gruppen sind etwas Sekundäres – der Staat ist etwas Sekundäres. Es kommt nicht darauf an, dass der Staat lebe – es kommt darauf an, dass der Mensch lebe. Dieser Mann, der so spricht, wird eine große Wirkung hervorrufen. Die Leute werden seiner These zujubeln und werden sagen: »Das ist ja ganz neu! Welch ein Mut! Das haben wir noch nie gehört! Eine neue Epoche der Menschheit bricht an! Welch ein Genie haben wir unter uns! Auf, auf! Die neue Lehre –!« […] Und dann wird sich das auswirken, und hunderttausend schwarzer, brauner und roter Hemden werden in die Ecke fliegen und auf den Misthaufen. […] Und das wird dann so gehen, bis eines Tages…“

3. Fazit

Bei Endgame handelt es sich um eine – wie der Name vermuten lassen würde – antiamerikanische Bewegung. Es handelt sich aber ebenso auch um eine antisemitische Bewegung, nicht nur, weil sie Israel, also den jüdischen Staat, dämonisiert und delegitimiert, nicht nur, weil sie die Geschichte des Nationalsozialismus revidiert, noch nicht einmal primär deshalb, weil sie in mindesten einem Fall offene Judenfeindschaft positiv rezipiert und weiterverbreitet hat, sondern vor allem, weil die gesamte, bei Endgame vorherrschende Weltanschauung ressentimenthaft gegen die Moderne gerichtet ist und somit die handfeste Manifestation als Feindschaft gegen die Vereinigten Staaten von Amerika, Israel oder Juden bereits im Kern in sich trägt. Ob, wann und wie diese Manifestation stattfindet, reduziert sich auf eine bloße Frage politischer Taktik, insofern muss man Holger Strohm für seine Offenheit beinahe – aber nur beinahe – dankbar sein. Diese ressentimenthaft antimoderne Weltanschauung, die in dieser Arbeit im Zusammenhang mit Endgame als antiamerikanischer Antisemitismus bezeichnet wird, konstituiert sich durch verschiedene Gegensatzpaare, deren Analyse in einer Arbeit diesen Umfangs notwendigerweise unzulänglich bleiben muss: Positive Bezüge sind, wie gezeigt wurde, das Volk, sowohl in seiner biologistisch-rassistischen Bedeutung, die gegen die Globalisierung mobilisiert wird, als auch – gegen den Kapitalismus gerichtet – als Kollektiv der ehrlich Arbeitenden, die Nation im Generellen als Antithese zum wurzellosen Internationalismus und Deutschland im Besonderen als positiver Bezugspunkt gegenüber den verhassten „heimatfremden Ländern“ (Popp ebd.) Israel und USA, und der Instinkt, der gegen Journalismus und Wissenschaft, ergo gegen die Aufklärung in Anschlag gebracht wird. Weitere konstruierte Antithesen, die teilweise schon anklangen und in weiteren Analysen herauszuarbeiten wären, verlaufen zwischen dem Natürlichen und dem Künstlichen, zwischen moralischer Enthaltsamkeit und egoistischem Streben nach Glück und Selbsterfüllung, zwischen dem Gesunden und dem Kranken, und, insbesondere im Bereich des Ökonomischen, zwischen Konkretum und Abstraktum. Auf den letzten Punkt wurde bei der Dekonstruktion des Kapitalismusbegriffs Endgames bereits teilweise eingegangen. Unter anderem dabei zeigte sich, dass Endgame sämtliche Kategorien der Unfreiheit affirmiert: Von der kapitalistischen Tretmühle über die Zwangskollektive Volk und Nation bis hin zu Kants selbstverschuldeter Unmündigkeit, wobei sich die Unmündigen noch mit einigem Stolz selbst als „erwacht“ (Immhof 2015) ausweisen. Während diese Arbeit von vorne herein nicht neutral angelegt war, was in der Auseinandersetzung mit einem politischen Akteur, in dessen Dunstkreis offen gegen „die Juden“ (Strohm ebd.) agitiert wird, auch nicht angemessen wäre, zeigt sich in der Konfrontation mit den oben genannten, normativen Grundpositionen ein Grundproblem wissenschaftlichen Arbeitens: Es gibt keine wissenschaftliche Methode, mit der gezeigt werden könnte, dass das biologisch aufgefasste Volk als Vorstellung abzulehnen sei. Formallogisch gesehen sind völkischer Nationalismus und Humanismus als normative Behauptungen gleichwertig. Es ergibt sich also das Dilemma, menschenverachtende Grundpositionen und Wertentscheidungen entweder unwidersprochen zu lassen, was gesellschaftlich verantwortungslos wäre, oder aber gegen diese eigene Grundpositionen und Wertentscheidungen vorzubringen, was notwendigerweise die Wissenschaftlichkeit einer Arbeit negativ beeinträchtigt. Aufgrund der Aktualität des Themas wurde in dieser Arbeit letzteres in Kauf genommen.

 

 

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