Kritik ja! Aber woran? Eine Debatte über Rassismus, Ressentiment und Islamkritik

mit

Birgit Rommelspacher

Professorin (em.) für Psychologie mit dem Schwerpunkt Interkulturalität und Geschlechterstudien an der Alice Salomon Hochschule Berlin

Lothar Galow-Bergemann

und

Markus Mersault

beide aktiv bei Emanzipation und Frieden

Ismail Küpeli

Politikwissenschaftler und Aktivist (Bundeskongress Internationalismus, Informationsstelle Militarisierung)
Als Kurzfassung erschienen in der Printausgabe der Zeitschrift iz3w – informationszentrum 3.welt Nr. 323 März/April 2011. Lesen Sie die Langfassung auf der Seite des informationszentrum 3. Welt
Iz3w: Gibt es in der gegenwärtigen Debatte über den Islam(ismus) einen antimuslimischen Rassismus? Wenn ja, worin besteht er und was ist das Spezifische an ihm?
Birgit Rommelspacher: Ja, viel an der so genannten „Islamkritik“ ist als ein Rassismus zu werten, da es sich hier um überwiegend pauschalisierende und abwertende Äußerungen handelt, die die  Betroffenen als Kollektiv diskreditieren. Dabei werden viele Menschen einfach als Muslime apostrophiert, unabhängig davon, ob sie sich selbst so verstehen. Es wird in der Regel nicht zwischen unterschiedlichen Strömungen innerhalb des Islam differenziert, und es kommen so gut wie nie die Betroffenen selbst zu Wort. So werden etwa im Zusammenhang mit der Frauenfrage die muslimischen feministischen Bewegungen so gut wie nicht zur Kenntnis genommen. Jeder „weiß“ heutzutage, was es mit „dem“ Islam und „den“ Frauen auf sich hat.

Nun finden wir Pauschalisierung und Stereotypisierung allenthalben, ob es – um ein klassisches Beispiel zu nennen – etwa um Ressentiments der Bayern gegen die Preußen geht und umgekehrt, oder heutzutage bei der Diskussion um die so genannte Deutschenfeindlichkeit. Der Unterschied zum Rassismus ist der, dass dieser auf ein gesellschaftliches Verhältnis abzielt: das heißt, dass durch die Diskreditierung auch real die Chancen der Betreffenden in der Gesellschaft beeinträchtigt werden. So wurde beispielsweise das islamische Kopftuch als ein Zeichen von Frauenunterdrückung gedeutet und in der Hälfte der Bundesländer im Öffentlichen Dienst verboten, was, wie kürzlich eine Berliner Untersuchung zeigte, dazu führte, dass muslimische Frauen generell deutlich schlechtere Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben. Die Benachteiligung ist so gravierend, dass sogar der Berliner Innensenator Körting inzwischen überlegt, das Kopftuchverbot aufzuheben. Insofern fragt sich, geht es den „IslamkritikerInnen“ tatsächlich um die Emanzipation der Frau?

Überhaupt fällt auf, dass die Folgen der Islamkritik in den allermeisten Fällen zu repressiven Maßnahmen geführt haben, angefangen vom so genannten Muslimtest, der ab 2005 vom Land Baden Württemberg entwickelt wurde und verknüpft wurde mit der Drohung, die Einreise zu verweigern oder gar den Aufenthalt nachträglich zu entziehen, bis hin zu Sprachanforderungen vor den Einreise, der Erhöhung des Einreisealters etc.. Wenn es tatsächlich um den Erhalt der Demokratie und im Falle der Frauen um deren Emanzipation ginge, dann wären eher Programme zu erwarten, die die Positionen der Frauen unterstützen und sie in ihrer Eigenständigkeit stärken.

Was also allseits übliche Ressentiments von Rassismus unterscheidet, ist dessen Auswirkung auf die soziale, politische und ökonomische Stellung der Betroffenen. Diese kann unbeabsichtigt oder auch intendiert sein. Mir kommen vielfach Zweifel an der Aufrichtigkeit vieler, die behaupten, dass ihnen die Emanzipation der muslimischen Frauen so sehr am Herzen liege, wenn ich sehe, welchen Effekt die ständige Beschwörung ihrer Unterdrückung hat und mit welcher Anmaßung von den Muslima letztlich eine Distanzierung vom Islam verlangt wird.

 

Lothar Galow-Bergemann/ Markus Mersault: Eine Debatte über Sinn und Unsinn des Kopftuchverbots ist legitim, sie wird aber schräg, wenn sie den diesem vorausgehenden Kopftuchzwang gar nicht mehr thematisiert – aus Angst, das sei rassistisch. Oder gar, noch schlimmer, wenn sie die damit praktizierte Frauenunterdrückung gleich ganz leugnet oder sie lediglich als „eine von mehreren möglichen Interpretationen“ in diskursive Luft auflöst. „Das islamische Kopftuch“ gibt es übrigens nicht. Es gibt zum Glück sehr viele Menschen beiderlei Geschlechts, die sich als muslimisch definieren und nichts von diesem abstoßenden patriarchalen Herrschaftsinstrument wissen wollen. Mit dem Islamismus gibt es weltweit viele negative Erfahrungen – die meisten Menschen, die sie machen, bekennen sich übrigens selbst zum Islam – und deswegen ist scharfe Kritik an ihm dringend notwendig. Jede Diskreditierung der Kritik am Islamismus, etwa unter Zuhilfenahme des abstrusen „Islamophobie“-Vorwurfs, ist ein Verrat an unverzichtbaren zivilisatorischen Standards und fällt gerade auch Millionen Muslimen in den Rücken.

Das ist eine von mehreren unverzichtbaren Seiten der Auseinandersetzung um das Thema. Eine andere ist die: Es gibt unter den „Urdeutschen“ (so Seyran Ates) ein grassierendes antimuslimisches Ressentiment, das sich oft in völliger Selbstverkennung als „Islamkritik“ versteht. Letztere, sofern sie denn wirkliche Religionskritik ist, halten wir für  dringend nötig. Höchst problematisch ist es jedoch, wenn unter diesem Signet ganze Bevölkerungsgruppen ausgegrenzt und diskriminiert werden. Warum Ressentiments anders als Rassismus keine Auswirkung auf die ökonomische, soziale und politische Lage der davon Betroffenen haben sollen, erschließt sich uns indes nicht.

Damit Kritik nicht hilflos ihrem Gegenstand gegenübersteht, bedarf es der Arbeit an und mit Begriffen, die jenem Gegenstand gerecht werden und seine wesentlichen Elemente auch tatsächlich benennen. Wir sprechen daher vom antimuslimischen Ressentiment statt von Rassismus, weil wir glauben dass spezifische Ressentiments gegen Menschen existieren, die als Muslime identifiziert werden. Wer sich die antimuslimische Internetplattform „Politically Incorrect“ oder den Verein „Bürgerbewegung Pax Europa“ anschaut, wird dem zustimmen müssen. Es lassen sich auch traditionell rassistische Elemente ausmachen, etwa die imaginierte Minderwertigkeit von Moslems, die sich auf ein vormaliges oder gegenwärtiges Produktivitätsgefälle beruft.

Aber zugleich weisen antimuslimische Ressentiments über rassistische Elemente hinaus, wenn sie – um nur zwei Spezifika zu nennen – in verschwörungsphantasierendem Duktus sich vor der „Gebärmutter als Waffe des Islam“ fürchten und die westliche Gesellschaft vor islamischer Überflutung und Unterjochung retten wollen. Zwar gibt es in der islamischen Welt tatsächlich weltherrschaftliche Ansprüche und Morde an Ungläubigen, doch längst nicht jede islamische Strömung sympathisiert mit ihnen oder agiert gar in ihrem Sinn. Zum anderen manifestiert sich im antimuslimischen Ressentiment, wie es in Deutschland kursiert, die gescheiterte Vergangenheitsbewältigung. Es bietet Entlastung, indem es Deutschen eine moralische Sanierung ermöglicht: Die Benennung des auch in der islamischen Welt virulenten Antisemitismus dient dem Zweck, das absolut Böse woanders auszumachen und so die deutsche Identität zu rehabilitieren. Auch erscheinen die Deutschen nunmehr als moderne Opfer an der Seite der wahren Opfer, nämlich der Juden. Beide Elemente finden sich im Rassismus typischerweise nicht. Der Begriff des antimuslimischen „Rassismus“ erzeugt aber gerade durch seine inflationäre Verwendung das Bild eines raumzeitidentischen Phänomens, das der Dynamik gesellschaftlicher Prozesse nicht gerecht wird.

 

Ismail Küpeli: Um die Ausgangsfrage zu beantworten, wäre es eigentlich sinnvoll, die Begriffe zu klären und auch die Beziehung zwischen dem Islam als Religion und Islamismus als moderner politischer Bewegung näher zu betrachten. Allerdings lässt sich dieser Anspruch in einer öffentlichen Debatte kaum aufrechterhalten.

Grundsätzlich kann die Feindschaft gegenüber Muslimen in Deutschland durchaus als Rassismus bezeichnet werden, wenn man von „Rassismus ohne Rassen“ (in Anschluss an Balibar/ Hall) ausgeht. Hier sind zwei Kriterien zentral: Erstens die Kategorisierung von Menschen aufgrund kultureller Eigenschaften, die als fest und relativ unveränderlich definiert werden. Zweitens die Ausgrenzung von Menschen aufgrund dieser Kategorisierung. Diese beiden Aspekte finden sich bei der Feindschaft gegen Muslime in Deutschland wieder. Dabei ist es recht unerheblich, dass statt „Rasse“ von „Kultur“ gesprochen wird, wenn „Kultur“ als etwas Essentielles und Unveränderliches verstanden wird. RassistInnen und AntisemitInnen sind durchaus in der Lage, die „Anderen“ gleichzeitig als minderwertig und gefährlich zu sehen. Diese beiden Aspekte sind in der Sarrazin-Debatte nochmals deutlich geworden – und ebenso die Geschwindigkeit, in der kulturalistischer in biologistischen Rassismus übergehen kann. Insofern lässt sich durchaus von einem antimuslimischen Rassismus in Deutschland sprechen.

Unabhängig von der Begriffswahl basiert die Feindschaft gegenüber Muslime auf einer Vorstellung des Islams als Religion, die grundsätzlich anders ist. „Der“ Islam sei gewalttätig und bedrohlich und gleichzeitig minderwertig und primitiv. Veränderungsprozesse werden dabei ausgeschlossen, und die Pluralität des „real existierenden“ Islams wird negiert. In einer frappierenden Übereinstimmung mit Islamisten gehen die deutschen „IslamkritikerInnen“ davon aus, dass der „wahre“ Islam gleichbedeutend mit einer reaktionären Interpretation des islamischen Rechts ist. Dass das islamische Recht etwas anderes als die Religion ist, der Islam in Südostasien etwas anderes als der wahhabitische Staat in Saudi-Arabien ist, dass selbst im Rahmen des islamischen Rechts sehr unterschiedliche Wertvorstellungen denkbar sind – dies alles und noch viele, viele andere Aspekte werden negiert, um eine eindeutige und essentialistische Definition des Islam zu schaffen.

Ausgehend hiervon gibt es weder eine Brücke zu einer emanzipatorischen Kritik des Islamismus als politischer Bewegung noch zu einer sinnvollen Religionskritik. Bevor wir also über Kopftuchverbote, Islamunterricht an deutschen Schulen und Islamisten reden, sollten wir  uns über die „unverzichtbaren zivilisatorischen Standards“ in der Debatte selbst klar werden. Sonst dienen linke Stimmen, die fatalerweise glauben, Menschenrechte verteidigen zu können, indem sie gegen Muslime agitieren, in der „Islamdebatte“ zur Legitimation des antimuslimischen Rassismus.

 

iz3w: Herr Galow-Bergemann, Herr Mersault, warum lehnen Sie die Begriffe „antimuslimischer Rassismus“ und erst recht  „Islamophobie“ so vehement ab?

Lothar Galow-Bergemann/ Markus Mersault: Noch einmal: Wir tragen die Reduzierung des antimuslimischen Ressentiments auf „Rassismus“ nicht mit. Der bloß formal bleibende (Neo-)Rassismusbegriff von Hall und Balibar beispielsweise abstrahiert gerade von konkreten Inhalten der Zuschreibungen, von Ursachen, Anknüpfungspunkten und sozialpsychologischen Funktionen der jeweiligen Ressentiments. Ein solch abstrakt-allgemeiner Begriff kann konkrete gesellschaftliche Phänomene nicht wirklich erhellen. Nicht zufällig ist für Balibar der differentialistische Rassismus der Form nach ein verallgemeinerter Antisemitismus, der Antisemitismus also ein Vorreiter des heute gängigen „kulturalistischen Rassismus“. Mit diesem inhaltsleeren Verständnis von Rassismus und Antisemitismus ist der verhängnisvolle Schritt zum Glauben nicht weit, der neue Antisemitismus heiße „Islamophobie.“

Diese Begriffsverwirrung kann nur da entstehen, wo die Besonderheit des Antisemitismus als der voll entfalteten regressiven Krisenverarbeitungsform des kapitalistischen Alltagsbewusstseins nicht verstanden ist. Während sich der Rassismus sein Objekt im imaginierten „Untermenschen“ sucht, lebt der Antisemitismus von der Personalisierung unpersonaler Herrschaft, vom Phantasma des Kampfes der verschlagenen Raffgier gegen die ehrliche Arbeit, der Gleichsetzung des Juden mit dem Geld, der Halluzinierung des wurzellosen Übermenschen, der mittels seiner Macht über das Geld die Welt beherrscht und „uns alle“ aussaugt. Kurz, Antisemitismus ist der unreflektierte Aufschrei gegen die Moderne, der mit der Vorstellung von „den Schaffenden und den Raffenden“ beginnt – wie auch immer er dieses vermeintliche Gegensatzpaar konkret benennen mag – und im Vernichtungsfuror endet. All dies geht im Rassismusbegriff nicht auf.

„Islamophobie“ ist kein analytischer, sondern ein Kampfbegriff, der jede Kritik an islamistischen Zuständen diskreditiert und dabei die notwendige Religionskritik (gerade auch die am Islam und seinen Schriften!) gleich mit entsorgt. Gesellschaftlich relevant wurde der Begriff nach der iranischen Revolution 1979, als die dortigen Mullahs mit jenem Begriff primär Frauen denunzierten, die sich nicht dem islamischen Recht, etwa der Zwangsverschleierung, unterordnen wollten. Aber dieser Bannstrahl traf auch alle, die scheinbar oder tatsächlich „Ehebruch“ begingen oder sich „blasphemisch“ äußerten.

Heutzutage verschanzen sich häufig all jene hinter dem Islamophobie-Vorwurf, die ein Kritikverbot bezüglich der Religion oder religiöser Praxen aufstellen wollen. Wir halten es – gerade auch im Hinblick auf Djihadismus und islamistischen Gottesstaat –  lieber mit Karl Marx: „Die Kritik der Religion endet mit der Lehre, dass der Mensch das höchste Wesen für den Menschen sei, also mit dem kategorischen Imperativ, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen sei.“ Wo dieser Anspruch als westlicher Rassismus gebrandmarkt wird, haben sich Linke aufgegeben.

 

iz3w: Frau Rommelspacher, Herr Küpeli: Ist für Sie Islamkritik auch als nichtrassistische Religionskritik vorstellbar? Und ist letztere nicht sogar dringend notwendig? Darauf drängen doch gerade auch viele Frauen und Männer, die als Betroffene anzusehen sind. Dennoch werden sie von der KritikerInnen des antimuslimischen Rassismus oft geschmäht, wie es etwa Ayaan Hirsi Ali, Seyran Ates und vielen anderen IslamkritikerInnen geschieht.

 

Ismail Küpeli: „Islamkritik“ als nichtrassistische Religionskritik mag denkbar sein. Eine solche Kritik spielt in der gegenwärtigen Debatte allerdings keine erwähnenswerte Rolle. Ebenso bietet eine Kritik an „dem“ Islam wenig Anknüpfungspunkte für eine emanzipatorische Praxis. Sinnvoller wäre eine Kritik an konkreten Lehren und Praxen im „real existierenden“ Islam. Für eine konkrete Kritik etwa am Frauenbild oder dem Umgang mit AtheistInnen sind auch muslimische BündnispartnerInnen zu finden, da diese Aspekte unter Muslimen keineswegs unumstritten sind. Eine solche Kritik wäre aber etwas grundsätzlich anderes als das, was in Deutschland unter „Islamkritik“ verstanden wird.

Ohnehin findet die „Islamdebatte“ keineswegs im luftleeren Raum statt, sondern im Rahmen einer  breiten Auseinandersetzung darüber, welche Religionsgemeinschaften wieviel Zugang zu staatlichen Ressourcen und gesellschaftlicher Anerkennung erhalten sollen. Und in dieser ungleichen Auseinandersetzung können die christlichen Kirchen auf staatliche Unterstützung, eine breite Institutionalisierung und eine christlich geprägte Gesellschaft zurückgreifen. Dagegen erfahren nicht-christliche Religionsgemeinschaften eine skeptische bis feindliche Stimmung. In dieser Debatte müssen emanzipatorische Kräfte sich bewusst machen, dass ihre Argumente sehr leicht dafür instrumentalisiert werden können, Religionsgemeinschaften aus den Minderheiten Rechte vorzuenthalten.

Zu den erwähnten Islamkritikerinnen: Sie und viele andere, wie etwa Necla Kelek oder Mina Ahadi, sollten als politisch Handelnde ernst genommen werden, unabhängig von Lebensgeschichten. Wenn sie den Islam mit Faschismus gleichsetzen (Ahadi) oder den Muslimen in Europa eine „geheime Agenda“ zur Durchsetzung der Scharia unterstellen (Kelek, Hirsi Ali), dann gibt es keine Basis für eine gemeinsame emanzipatorische Praxis mit solchen „KritikerInnen“. Eine solche „Kritik“ dient nur dazu, die weitere Ausgrenzung der Muslime zu legitimieren. Und spätestens wenn „IslamkritikerInnen“ mit rechten Akteuren kooperieren, wie etwa mit Geert Wilders (Hirsi Ali), Udo Ulfkotte (Ahadi) und Thilo Sarrazin (Kelek), dann gibt es allen Anlass, sich deutlich abzusetzen.

Zugegeben: Bisher gibt es nur wenige Ansätze einer emanzipatorischen Position, die gegen den antimuslimischen Rassismus agiert und gleichzeitig eine überzeugende Kritik der religiösen Legitimierung menschenfeindlicher Praxen liefert. Fest steht aber, dass die gegenwärtige „Islamkritik“ kaum Anknüpfungspunkte für eine solche Position bietet. Oder positiv gewendet: Die Sackgassen zu kennen und die Fallen zu meiden, kann bereits ein Beitrag für die Stärkung einer emanzipatorischen Kritik sein.

 

Birgit Rommelspacher: In Bezug auf die genannten „Islamkritikerinnen“ ist zu ergänzen, dass sie in ihrer pauschalisierenden Abwertung „des“ Islam kaum als Expertinnen betrachtet werden können. Vielmehr vermischen sie soziale Fragen mit Migrationsproblemen und kulturellen, religiösen Aspekten. Ihre Expertise gründen sie vor allem darauf, dass sie selbst Muslima sind. Damit eignen sie sich vor allem als Alibi für die Mehrheitsgesellschaft, die von ihnen die Erlaubnis bekommen möchte, nun auch „den“ Islam pauschal verurteilen zu dürfen, denn schließlich können sie nun auf  Kronzeuginnen verweisen. Dieses Phänomen kennen wir gut aus der Geschichte des Antisemitismus, wo es auch immer Juden gab, die dem Antisemitismus gesellschaftliche Reputation verliehen haben. Anders lässt sich auch der phänomenale publizistische Erfolg dieser wissenschaftlich gesehen dürftigen Publikationen nicht erklären.

Heißt das nun, dass man „den“ Islam gar nicht kritisieren dürfe? Diese Frage ist ebenso gewollt naiv, wie die, ob man Israel nicht kritisieren darf. Natürlich kann man den Islam kritisieren, vorausgesetzt man hat die entsprechende Kenntnisse und ist auch in der Lage über Kontext und Folgen der Kritik und seine eigenen Intentionen zu reflektieren. Es gibt unendlich viel Kritik an den herrschenden Deutungen des Islam, und das seit Jahrhunderten. Wenn wir etwa die Frauenfrage betrachten, dann kennen wir spätestens seit Beginn der modernen Frauenbewegung Anfang des letzten Jahrhunderts beispielsweise in Ägypten intensive Auseinandersetzungen der Frauen mit patriarchalen muslimischen Deutungen. Ebenso setzen täglich hunderte IranerInnen ihr Leben aufs Spiel, um die herrschenden Islaminterpretationen der Machthaber zu kritisieren. Das Interessante ist, dass diese inhaltlichen Auseinandersetzungen die meisten hier gar nicht so genau interessieren. So auch nicht unsere Mitdiskutanten, Lothar Galow-Bergmann und Markus Mersault, die anscheinend wissen, dass das islamische Kopftuch ein „abstoßendes patriarchales Herrschaftsinstrument“ sei. Woher wissen sie das? Haben sie mit muslimischen Feministinnen gesprochen oder die entsprechende Literatur studiert?

 

iz3w: In der Tat haben sich einige migrantische IslamkritikerInnen in zweifelhafte Gesellschaft begeben. In vielen Fällen war dies aber eine Reaktion darauf, dass sie von Seiten der antirassistischen Linken nicht ernst genommen wurden oder sie aktiv in die rechte Ecke gedrängt wurden. Dies gilt insbesondere für Hirsi Ali. Oder ein Beispiel aus Deutschland: Necla Kelek wurde jüngst von der linksliberalen Publizistin Hilal Sezgin in der taz unwidersprochen als „Klageweib“ geschmäht. Wieso tut sich die Linke mit einer aufgeklärten, nichtrassistischen Islamkritik so schwer und überlässt das Feld weitgehend den Rechten? Religionskritik am Christentum hingegen ist eher links besetzt.

 

Ismail Küpeli: Die Ignoranz der deutschen Linken ist doch kein Freifahrtschein dafür, Munition für den antimuslimischen Rassismus zu liefern oder mit rechten Akteuren zusammenzuarbeiten. Zur Frage: Warum gibt es in Deutschland keine aufgeklärte, nichtrassistische Islamkritik? In vielen muslimischen Ländern gibt es nichtrassistische Islamkritik, so etwa in der Türkei. Von KemalistInnen bis hin zu AnarchistInnen gibt es viele AutorInnen, die aus unterschiedlichen politischen Positionen heraus grundsätzliche Kritik äußern. Insbesondere in Ägypten und der Türkei lassen sich bereits im frühen 20. Jahrhundert säkulare Diskurse nachweisen, die sehr kritisch gegenüber der islamischen Tradition sind.

In Deutschland überlappt aber die „Islamdebatte“ mit dem sozial ungleichen Verhältnis zwischen der deutschen Mehrheitsgesellschaft und der muslimischen Minderheit. Und in einer solchen Konstellation ist eine emanzipatorische „Islamkritik“ ohne ein Eintreten für die Überwindung von sozialer Ungleichheit (oder zumindest für die rechtliche Gleichstellung) nicht denkbar. Aber hier fallen Hirsi Ali und Kelek selbst hinter die Mindestnormen des bürgerlichen Liberalismus zurück: Wenn Religionsgemeinschaften bestimmte Rechte haben, dann müssen die Rechte allen Gruppen zustehen, und nicht nur den Religionsgemeinschaften der Mehrheitsgesellschaft. Oder man tritt für eine Reduzierung der Religion auf eine reine Privatsache ein. Das finde ich persönlich sinnvoll – dann aber bitte konsequent und gleichberechtigt für alle.

 

Lothar Galow-Bergemann / Markus Mersault: Ismail Küpeli hat recht, wenn er die Gleichbehandlung der Religionen fordert, möglichst als Privatschrulle. So ist etwa die bürgerliche Errungenschaft der Religionsfreiheit gegen das Schweizer Minarettverbot zu verteidigen. Doch deswegen darf Religiosität nicht jenseits von Kritik stehen; vielmehr gilt es sowohl für Religionsfreiheit als auch für Freiheit von Religion einzutreten. Das umfasst auch die Kritik einflussreicher Islamströmungen, die – zugegebenermaßen – auch in Teilen der Linken oftmals unter der unzulässigen Verallgemeinerung einer „Kritik des Islam“ kursiert.

Wir haben sehr viel gegen die menschenfeindliche globalisierte Marktwirtschaft, vermögen aber nicht einzusehen, warum selbst aufgeklärte Islamkritik nur dann geäußert werden darf, wenn sie auch das kritisiert, was Ismail Küpeli „soziale Ungleichheit“ nennt. Dass der Islamismus ein Kind der Armut sei, ist eine bequeme, aber schon lange widerlegte These – nicht erst angesichts gewisser saudischer Milliardärssöhnchen. De facto münden solche Restriktionen in einem Kritikverbot des natürlich nicht einheitlichen, sondern pluralen Islam, in dem es jedoch in einigen Regionen und einflussreicher als im heutigen Christentum oder Judentum Strömungen gibt, die massive Kritik verdienen.

Die Empathie mit Muslimen verlangt doch förmlich, nicht zu schweigen. KritikerInnen „unabhängig von Lebensgeschichten“ zu bewerten, wird den Menschen nicht immer gerecht. Natürlich ist etwa Hirsi Alis Anbiederung an neokonservative oder xenophobe Strömungen nicht akzeptabel, aber wie unerträglich muss dieser Frau eine Linke sein, die sich nicht für Individuen, sondern nur für Kulturen, Antiimperialismus und „Kritik“ an Israel und Amerika interessiert? Trägt eine solche Linke keine Verantwortung dafür, dass sich Hirsi Ali nicht zu ihr zählt? Warum kann, wer jedenfalls in Teilen berechtigte Kritik vorträgt, nicht in seiner Ambivalenz wahrgenommen werden? Verantwortlich dafür scheint uns unter anderem ein antiwestliches Ressentiment, das es dem linken Mainstream so schwer macht, eine aufgeklärte, nichtrassistische Islamkritik zu formulieren.

Dass Birgit Rommelspacher ausgerechnet mit der iranischen Oppositionsbewegung gegen uns zu argumentieren versucht, mutet skurril an. Um den islamistischen Tugendterror wahrzunehmen, darunter auch den Kopftuchzwang, gegen den sich insbesondere sehr viele Frauen im Gottesstaat wehren, muss man nicht erst einen Berechtigungsschein bei einer bestimmten Sorte von IslamwissenschaftlerInnen erworben haben. Es genügt ein Gespräch mit den iranischen Frauen, die im letzten Sommer auch in vielen deutschen Städten gegen das Regime protestiert haben. Und die sehr frustriert waren, weil sie dort kaum (ur)deutsche Linke angetroffen haben. Diese fürchteten offenbar, dass ihr antiamerikanisches und antizionistisches Weltbild irritiert werden könnte. Anders ist ihre beschämende Abstinenz von der Solidarität mit dem iranischen Widerstand nämlich nicht zu erklären.

 

Birgit Rommelspacher: Ich verstehe jetzt etwas besser, was Lothar Galow-Bergemann und Markus Mersault meinen, wenn sie auf dem Begriff des antimuslimischen Ressentiments bestehen. Was ich jedoch nicht verstehe, dass in ihrem Rassismusbegriff die Machtdimension völlig außen vor bleibt. Gerade wenn sie sich auf Hall und Balibar beziehen; denn nicht die Funktion, auch nicht die damit transportierten Bilder machen die unterschiedlichen „Ressentiments“ zum Rassismus, sondern ob sie dazu dienen, gesellschaftliche Machtverhältnisse durchzusetzen. Und das gilt für die Ausgrenzung der Juden durch den Antisemitismus genauso wie die Rechtfertigung von Imperialismus und Sklaverei durch den kolonialen Rassismus. Und dazu gehört eben auch der antiislamische Rassismus. Der Begriff Ressentiment hingegen verbleibt alleine auf der sozialpsychologischen Ebene und kann jedes emotional aufgeladene Vorurteilssystem bezeichnen. Antimuslimische Ressentiments werden zum Rassismus, wenn sie in ein institutionalisiertes System der Benachteiligung eingebunden sind. Etwa wenn die Kritik am islamischen Kopftuch den betreffenden Frauen massive Benachteiligungen auf dem Arbeitsmarkt einbringen.

Zur Frage nach emanzipatorischer Kritik am „Islam“: Kritik ja, aber woran? Geht es wirklich um „den“ Islam? Vielfach werden in der innerdeutschen Debatte soziale Faktoren, Migrationsprobleme und kulturelle Faktoren durcheinander geworfen, wenn es etwa um das Thema Jugendgewalt geht. Insofern ist diese Kritik ein Medium der Kulturalisierung. Sie macht die Probleme dieser Jugendlichen nahezu ausschließlich am Islam fest. Wenn demgegenüber die Gewalttaten mehrheitsdeutscher Jugendlicher analysiert werden, dann bemüht man sich, ökonomische, soziale und psychologische Ursachen zu finden. Das gilt auch für das Thema Gewalt in Familien oder auch für politische Radikalisierung – etwa in der Rechtsextremismusforschung, wo man sich alleine auf die komplexen Ursachen der Mehrheitsdeutschen konzentriert, während man die Radikalisierung muslimischer Jugendlicher allein als ein Problem „des“ Islam versteht.

Kann „der“ Islam als solches kritisiert werden? Was würden wir sagen, wenn angesichts der Gewaltgeschichte des Christentums und angesichts der Diktaturen in vielen christlichen Ländern Europas und Lateinamerikas im letzten Jahrhundert behauptet wird, das Christentum sei eine imperiale Gewaltreligion? Zumindest würden die meisten Christen sich da nicht wieder finden. (Man sollte sich nicht so schnell in die Säkularität flüchten, denn auch diese hat ihre Gewaltgeschichte). Die Christen hingegen verstehen ihre Religion in erster Linie als eine des Friedens und der Nächstenliebe. Offensichtlich ist diese Religion in sich so vieldeutig angelegt, dass sich mit ihr sehr viel rechtfertigen lässt. Und das ist bei allen Weltreligionen so, sonst wären sie keine.

Wozu dient die also Kritik? Ist es Sorge um den Bestand der Demokratie, der Menschenrechte und Frauenemanzipation? Interessant ist, dass bereits im Kolonialismus die Kolonialmächte sich für die „Befreiung“ der muslimischen Frauen einsetzten. So  versuchte etwa Lord Cromer, der Vertreter der englischen Kolonialmacht in Ägypten, mit aller Gewalt die Gleichberechtigung der ägyptischen Frauen mithilfe der Entschleierung durchzusetzen. In England hingegen hatte er einen Verein gegen das Wahlrecht von Frauen gegründet. Ebenso finden wir heute eine breite Front von Männern und Frauen, die von Patriarchatsanalysen noch nie etwas gehört haben und gerne auch Feministinnen diskreditieren, aber an vorderster Front stehen, wenn es um die „Emanzipation“ der muslimischen Frauen geht. Das Messen mit zweierlei Maß ist insofern typisch, als mit diesen Emanzipationsforderungen die diskreditierte Gruppe zugleich in den Bereich von Vormoderne und Traditionalität verwiesen wird und man so den Begriff der Moderne für sich reserviert. Damit wird die Emanzipationsforderung zur Forderung nach Anpassung und Unterwerfung und erzielt oft genug den gegenteiligen Effekt.

Lothar Galow-Bergemann/ Markus Mersault: Warum erhält ein Ressentiment erst dann den Adel der Wirkmächtigkeit, wenn es in den Stand des Rassismus erhoben wird? Zur Erläuterung der „Institutionalisierung“ eines Ressentiments ist dieser Begriff entbehrlich. Das antisemitische Ressentiment hat seine Wirkmächtigkeit wahrhaft zur Genüge bewiesen und tut es weiterhin, etwa in Form der antizionistischen Projektion auf den jüdischen Staat.

Zweifelsohne darf soziale Diskriminierung nicht negiert werden. Jugendgewalt etwa alleine auf „den Islam“ zurückzuführen, ist in der Tat Folge von Ressentiments. Völlig inakzeptabel ist es jedoch, wenn dieses Diktum zum faktischen Kritikverbot an religiös und patriarchal motivierter Unterdrückung führt. Wer „Kritik am Kopftuch“ verantwortlich für Benachteiligung am Arbeitsmarkt macht, aber kein Wort über den brachialen Ausschluss vieler Frauen und Mädchen vom Arbeitsmarkt durch ihre sich religiös legitimierenden Patriarchen zuhause verliert, muss sich eben dies vorwerfen lassen. Auch bleibt die Machtdimension bei einer solchen Bewertung völlig ausgeblendet. Denn Macht hat nicht nur die Mehrheitsgesellschaft über die Minderheit, es gibt auch innerhalb der Minderheit jede Menge Machtverhältnisse, deren Negierung oder Relativierung ebenfalls auf einen faktischen Verrat an Unterdrückten und Gedemütigten hinausläuft.

Dass jemand in England gegen das Frauenwahlrecht agitierte und in Ägypten für die Entschleierung, verweist auf Heuchelei, ist aber kein Argument gegen die Entschleierung. Und wenn es Anfang der 1920er Jahre in Ägypten bereits von Frauen organisierte öffentliche Entschleierungen gab, so ist nur bedauerlich, dass so etwas derzeit kaum mehr vorstellbar ist.

In der Tat können Religionen äußerst unterschiedlich interpretiert, besser gesagt in unterschiedlichem Maß von außen eingehegt werden. Denn auch die christlichen Reform(ation)en entstanden ja nicht wirklich aus dem Christentum selbst und können, wie der aktuelle Aufschwung des Fundamentalismus auch unter Christen zeigt, infolge nachlassenden Drucks von außen schnell wieder in der Versenkung verschwinden. Gerade deswegen verdient der Appell von Seyran Ates so viel Unterstützung: „Ich möchte alle aufgeklärten Muslime und Musliminnen aufrufen, sich der Verantwortung nicht zu entziehen und sich einzumischen in die Reformbewegungen im Islam, die notwendig sind, um der Diskriminierung von Frauen, der Gewalt und dem Terror, der im Namen des Islam betrieben wird, Einhalt zu gebieten.“

Zur Frage: „Wozu dient die Kritik?“ Richtig, der Standpunkt, von dem aus man Kritik betreibt, ist nicht egal. So gibt es bekanntlich auch die Kritik am Kopftuch, es sei zu liberal und müsse durch die Burka ersetzt werden. Ein humaner und emanzipatorischer Standpunkt kann sich nur auf den Marx’schen Imperativ beziehen. Und muss dann allerdings – auch insoweit täte die Erinnerung an Marx gut – „rücksichtslose Kritik alles Bestehenden, rücksichtslos sowohl in dem Sinne, dass die Kritik sich nicht vor ihren Resultaten fürchtet und ebenso wenig vor dem Konflikte mit den vorhandenen Mächten“ sein. Mit allen vorhandenen Mächten wohlgemerkt, nicht nur mit einer.

 

Ismail Küpeli: Positiv an der Debatte hier finde ich, dass zwar die Unterschiede und Gegensätze sehr deutlich wurden, aber einige gemeinsame Grundsätze sichtbar wurden. Diese Grundsätze machen eine emanzipatorische Intervention überhaupt erst möglich. Erstens wird die gegenwärtige „Islamdebatte“ als ein antiemanzipatorischer Diskurs angesehen, unabhängig davon, ob man hier von Rassismus oder Ressentiments sprechen möchte. Zweitens soll die Marginalisierung und Ausgrenzung der muslimischen Minderheit durch die deutsche Mehrheitsgesellschaft im Zentrum der Analyse stehen, ohne dabei die Unterdrückungsverhältnisse innerhalb muslimischer Communities zu negieren. Drittens ist eine emanzipatorische Kritik an diesen Unterdrückungsverhältnissen nur möglich, wenn sie kulturalistische Deutungen vermeidet und sich auf konkrete Lehren und Praxen bezieht. Viertens ist Emanzipation nur denkbar durch gemeinsame soziale Bewegungen quer durch die kulturell und ethnisch gesetzten Grenzen.

 

Birgit Rommelspacher: Will Kritik emanzipatorisch sein, muss sie sich darüber bewusst sein, dass Kritik an der „Traditionalität“ oder „Unzivilisiertheit“ der „Anderen“ ein jahrhundertelang eingeübtes und in unserer Gesellschaft tief verankertes Medium kultureller Dominanz ist. Es ist sicherlich nicht immer einfach abzuklären, ob und inwiefern eine Kritik tatsächlich hilft, Machtverhältnisse abzubauen, insbesondere da es um komplexe Situationen geht, in denen verschiedene. vor allem patriarchale, politische und ökonomische sowie kulturelle und religiöse Dominanzen zwischen und innerhalb von Mehrheits- und Minderheitengesellschaften zusammen spielen. Die in der BRD gängige Kritik an „dem“ Islam hat jedenfalls bisher verheerende Wirkung gezeigt, da sie Muslime und alle, die dafür gehalten werden, mehr denn je stigmatisiert und ausgegrenzt. Und sie verhärtet und entdemokratisiert die Mehrheitsgesellschaft zunehmend. Die wenigen positiven Effekte wie etwa die einer stärkeren Förderung der Sprachkompetenz von Einwandererkindern haben mit „dem“ Islam nichts zu tun.

Insofern gilt es genau hinzuschauen, was man eigentlich kritisiert, wenn man „den“ Islam meint. Und ich kann nur Ismail Küpeli zustimmen, dass es jeweils  darum gehen muss, spezifische Praxen und Einstellungsmuster zu kritisieren, und zum anderen zu prüfen, ob diese Kritik ungerechte Machtverhältnisse abbaut oder verstärkt.

 

Lothar Galow-Bergemann/ Markus Mersault: Ismail Küpelis Aufzählung der Gemeinsamkeiten können wir so nicht unterschreiben. Beim Streit um „Rassismus“ und „Ressentiment“ handelt es sich keineswegs um eine akademische Diskussion. Der analytische Vorzug des Begriffs „antimuslimisches Ressentiment“ besteht darin, dass er besser in der Lage ist, moderne Phänomene regressiver Krisenverarbeitung zu fassen, die sich im Zuge der Post-9/11-Ära herausgebildet haben und die nicht mehr mit klassischen Zuschreibungen gefasst werden können. Es geht um mehr als eine bloße Neuauflage xenophober Strömungen. Angesichts diverser Pro-Parteien oder der Internetplattform Politically Incorrect, die sich in der Tradition der Aufklärung wähnen, deutlich von Neonazis abgrenzen und eine demonstrative, wenn auch durchsichtig instrumentelle „Solidarität mit Israel“ vor sich hertragen, verfehlt eine Kritik, die nicht über den Begriff des Rassismus hinauskommt, ihr Objekt und damit ihren Zweck, den Ressentiments durch deren Begreifen entgegentreten zu können.

In der „Islamdebatte“ finden wir nicht nur antiemanzipatorischen, sondern durchaus auch emanzipatorischen Gehalt. Autorinnen wie Ayaan Hirsi Ali oder Seyran Ates haben auf den Zusammenhang zwischen Zwang, Gewalt und Islam hingewiesen. Dieser Zusammenhang ist kein notwendiger, ein Moslem muss nicht gewalttätig sein. Aber wenn er es ist, muss er seine heiligen Schriften dafür nicht entfremden oder instrumentalisieren – sie geben die vermeintliche Rechtfertigung von Gewalt her, genauso wie dem Christen die seinen. Die häufig lust- und individualitätsfeindliche Erziehung im reaktionären Alltagsislam legt dem Einzelnen moralische Ge- und Verbote auf, die – erst einmal internalisiert – zur Abwehr und Bekämpfung jener führen, die an die eigenen Entsagungen erinnern. Dass freiwilliges Kopftuchtragen auch internalisierter Zwang sein kann und dass die Abwehr sich oftmals auch praktisch manifestiert gegen Homosexuelle, Ungläubige, und liberale Moslems, mag nicht überraschen. Aber insofern es sich hier um die Vermittlung religiöser Vorstellungen handelt, gehören diese und die ihnen zugrunde liegenden Überlieferungen benannt und kritisiert.

Natürlich kann man sich nur vordergründig für Emanzipation der Frauen oder der Homosexuellen einsetzen und in Wahrheit dabei seiner Fremdenfeindlichkeit frönen, indem man unter dem Deckmantel der Islamkritik einzig den Menschen, den Moslem, angreift. Doch aus Angst  davor, dass die notwendige Islamkritik im Jargon der Halbgebildeten aufgegriffen wird von den Sarrazins dieser Welt, darf Menschenfeindliches im Islam nicht von der Kritik ausgenommen werden.

Birgit Rommelspacher ist Professorin (em.) für Psychologie mit dem Schwerpunkt Interkulturalität und Geschlechterstudien an der Alice Salomon Hochschule Berlin.

Lothar Galow-Bergemann und Markus Mersault sind aktiv bei der Gruppe Emanzipation und Frieden und leben in Stuttgart (www.emanzipationundfrieden.de).

Ismail Küpeli ist Politikwissenschaftler und Aktivist (Bundeskoordination Internationalismus, Informationsstelle Militarisierung).

Die Debatte wurde per Email geführt und von Christian Stock (iz3w) moderiert.

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Siehe zum Thema auch Sendereihe Islamophobie? Rassismus? Islamkritik? Über begriffliche und inhaltliche Verwirrungen einer aktuellen Debatte Mit Beitraegen von Floris Biskamp, Klaus Blees, Markus Mersault und Lothar Galow-Bergemann Anhören oder Download

 

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