Bildschirmzeit als Symptom

Die Gefährdung durch Social-Media-Nutzung hat gesellschaftliche Ursachen

von Tom Thümmler

Das Unbehagen an exzessiver Social-Media-Nutzung von Jugendlichen und den sich dabei zeigenden destruktiven Verhaltensweisen ist berechtigt. Aber ein Social-Media-Verbot für Jugendliche würde nur Symptome bekämpfen, nicht die gesellschaftlichen Ursachen dieser Phänomene.

Heranwachsende sollten vor den Auswirkungen sozialer Medien geschützt werden – dieser Ansicht sind nicht nur viele Eltern, sondern auch immer mehr Regierungen und Parlamente. Einer EU-weiten Umfrage im Auftrag der EU-Kommission zufolge nutzen 13- bis 18jährige an Wochentagen durchschnittlich 4,5 Stunden ihr Smartphone, am Wochenende sogar 6,1 Stunden täglich. Allerdings sind nur 29 Prozent von ihnen der Meinung, dass sich das negativ auf ihr Leben auswirke. Bei ihren Eltern sind es 51 Prozent. Es ist dennoch die erwachsene Generation, die die Diskussion hauptsächlich führt.

Mit dem von der Europäischen Kommission vorgeschlagenen EU KIDS Act sollen nun Vorkehrungen getroffen werden, um »Eltern die Kontrolle zurückzugeben« (Kommissionpräsidentin Ursula von der Leyen), etwa ein Mindestalter von 15 Jahren für eigene Social-Media-Konten. Darauf, dass diese Jugendschutzdebatte autoritär daherkommt, hat an dieser Stelle bereits Elke Wittich hingewiesen. Doch was wird hier eigentlich verhandelt?

Kinder- und Jugendschutz ist ein modernes Thema. Ausgangspunkt war der Schutz vor übermäßiger Kinderarbeit. So wurde es Heranwachsenden unter neun Jahren 1839 in Preußen verboten, in Fabriken und Bergwerken zu arbeiten. Der kindliche Körper sollte geschützt werden, unter anderem damit dem Land die Soldaten nicht ausgehen. Heutzutage arbeiten immer noch weltweit etwa 138 Millionen Kinder und Jugendliche im Alter zwischen fünf und siebzehn Jahren.

Die moderne Gesellschaft beruhte damals wie heute auf Arbeit und der Verwertung von Wert. Einzelne müssen ihre Arbeitskraft verkaufen, um die eigenen Bedürfnisse und die ihrer Kinder erfüllen zu können. Die alltäglichen Zumutungen von Konkurrenz und Arbeitswelt sind leidvoll. Führt man Kinder zu früh an die Arbeit heran, mindert das deren lebenslange Gesamt­arbeitszeit. Die Schonfrist soll helfen, insgesamt länger zu arbeiten. Das Bildungssystem macht junge Menschen unterdessen bereits mit den Prinzipien der Arbeitswelt vertraut. Die Schonung ist also nur partiell.

Ähnliches gilt für das angestrebte Social-Media-Verbot: Heranwachsende sollen temporär vor Gefahren geschützt werden, die Erwachsene aushalten müssen. Die Psychologin Julia Brailovskaia hat ein 2025 von der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina veröffentlichtes Diskussionspapier mitverfasst, das strengere Regeln für die Nutzung sozialer Medien durch Kinder und Jugendliche fordert. Brailovskaia argumentiert, dass die hochfrequente Nutzung sozialer Medien die psychische Gesundheit beeinträchtigen könne. Sie korreliere mit Depressionen, Essstörungen, selbstverletzendem Verhalten, Einsamkeit sowie der Verminderung von Impulskontrolle beziehungsweise Selbstwertempfinden und anderen Formen von internalisierter wie externalisierter Destruktivität. Auch in einem im April von der Europäischen Kommission veröffentlichten Report wird diese Korrelation problematisiert. Ein Kausalzusammenhang kann nach derzeitigem Stand allerdings nicht nachgewiesen werden.

Diese besondere Verletzlichkeit von Kindern und Jugendlichen ist in der Diskussion zentral, wird aber selten im Zusammenhang mit gesellschaftlichen Verhältnisse betrachtet. 

Geg­ner:in­nen des Verbots argumentieren, wie Wittich an dieser Stelle, dass das Verbot ohnehin nicht durchgesetzt werden könne. Als Beispiel dient Australien, wo die Nutzung sozialer Medien für unter 13jährige bereits untersagt ist und das Verbot vielfach unterlaufen wird. Andere, wie die Erziehungswissenschaftlerin Nina Kolleck, betonen die Bedeutung sozialer Medien als Sozialisierungsinstanz. Kolleck fordert statt eines Verbots die erziehenden Institutionen dazu auf, jungen Menschen einen reflektierten Umgang beizubringen und die Plattformen stärker zu regulieren, auch durch integrierte technische Schutzmechanismen wie Filter gegen bestimmte Inhalte für Minderjährige.

Wittich wies auf die Widersprüche der phrasenhaften Forderung nach Verboten und Medienbildung hin. Für die Jugendlichen sei es blanker Hohn, dass Erwachsene, die selbst auf jeden Betrug hereinfallen und ständig Absonderlichkeiten, Fake News oder KI-generierte Texte und Bilder teilen, ihnen die Partizipation an dem Spaß verbieten wollen. Stattdessen solle man dafür Sorge tragen, dass problematische Inhalte gar nicht mehr verbreitet werden. Denn für Selbstoptimierungswahn und Werbelügen seien alle Nut­zer:in­nen anfällig – Jugendliche allerdings ganz besonders, da »Unsicherheit und Angst vor Ablehnung zwingend zur Pubertät« gehören.

Diese besondere Verletzlichkeit von Kindern und Jugendlichen ist in der Diskussion zentral, wird aber selten im Zusammenhang mit gesellschaftlichen Verhältnisse betrachtet. Dafür ist es hilfreich, über eine statische Vorstellung von der Jugend hinauszukommen und stattdessen über den Prozess der Adoleszenz nachzudenken, der mehr als eine natürlich-körperliche Veränderung meint und sich gewissermaßen zwischen Individuum und Gesellschaft abspielt. Der Sozialpsychologin Vera King zufolge wurde genau das erst in der modernen Gesellschaft möglich. Weil in der Adoleszenz individuell und gesellschaftlich Neues entstehen kann, wird sie als ein psychosozialer Möglichkeitsraum bezeichnet. Er birgt sowohl die Hoffnung auf individuelle Selbstentfaltung als auch die Erwartung an das Individuum, sich die vorgefundenen gesellschaftlichen Verhältnisse aktiv anzueignen, sie zu verinnerlichen und sie zu verändern. Möglich wird das dadurch, dass die jungen Menschen von den Erfordernissen des Erwachsenenlebens zunächst verschont sind. Am Ende dieser Phase sollen individuierte Subjekte stehen, die Verantwortung für sich und die Gesellschaft übernehmen.

Jugendliche im Leistungs- und Optimierungsdruck

Der Abbau sozialer Sicherungssysteme sowie steigender Leistungs- und Konkurrenzdruck hätten in den vergangenen Jahrzehnten jedoch dazu geführt, dass dieser psychosoziale Möglichkeitsraum immer enger wird, argumentiert der Sozialpsychologe Lutz Eichler. Er weist darauf hin, dass Jugendliche besonders häufig von Prekarisierung und Armut betroffen sind. Sie erleben den verbreiteten Leistungs- und Optimierungsdruck daher besonders leidvoll. Diese gesellschaftlichen Anforderungen wirken als Katalysatoren verschiedener Formen von nach innen und außen gerichteter Destruktivität, die sich beispielsweise als Selbstverletzungen, Rauschtrinken oder Gewalttätigkeit äußert und einen Nährboden für Misogynie, Rassismus und Antisemitismus bildet. Auch die exzessive Nutzung von Plattformen wie Tiktok muss als selbstschädigendes Verhalten gesehen werden: Der stundenlange Konsum von Kurzvideos bietet nur scheinbar eine Flucht aus dem Alltag, führt in Abhängigkeit und erzeugt häufig eine gestörte Selbstwahrnehmung. Der übermäßige Konsum sozialer Medien kann also durchaus ein Symptom sein, ist aber keineswegs die Ursache für destruktives Verhalten.

Der adoleszente Möglichkeitsraum entstand historisch zusammen mit den Machbarkeitsvorstellungen des aufstrebenden Bürgertums, denen zufolge das individuelle Leben wie auch gesellschaftliche Entwicklungen zu einem gewissen Grad gestaltbar seien. Heutzutage hingegen erscheint Zukunft eher als Verhängnis, Apokalyptik beherrscht das Tagesgeschäft und utopisches Denken hat kaum mehr einen Platz. Bereits in der Schule müssen sich Heranwachsende einem stets wachsenden Konkurrenzdruck fügen und werden so früh mit den entscheidenden Vermittlungsprinzipien der Gesellschaft vertraut gemacht. Es geht um Gewinnen oder Verlieren: Als Zukunftshoffnung bleibt nur, dass vielleicht die eigenen Aussichten gerettet werden können.

Die individuelle Aneignung der gesellschaftlichen Anforderungen findet so vor einer immer bedrohlicher erscheinenden Kulisse statt. Dies ist umso bedenklicher, da Adoleszenz unvermeidlich zwar einen Aufbruch in ein vermeintlich selbstgestaltetes Leben, aber auch den Verlust früher Bindungen und des kindlichen Körpers bedeutet. Erwartungen und Zukunftsängste werden dabei von Erziehungspersonen und Medien an Heranwachsende weitergegeben und im Umgang mit Gleichaltrigen – heutzutage nicht nur analog, sondern auch digital – durch Konkurrenzverhältnisse, soziale Hierarchien und Vergleiche bestärkt.

Letztlich sollen Jugendliche mit dem Social-Media-Verbot also vor den Folgen gesellschaftlicher Prozesse geschützt werden: ökonomische und alltägliche soziale Unsicherheit, Konkurrenz und der Druck zur Selbstoptimierung, um nur einige zu nennen. Doch genau das wird in der Debatte unterschlagen.

Die Verbots-Debatte lenkt von den wichtigen Problemen ab

Die Aufmerksamkeitsökonomie der sozialen Medien kann unheilvolle gesellschaftliche Dynamiken zwar befeuern, ist aber nicht deren Ursache. Essstörungen, Selbstverletzungen oder auch rechtsextreme Gewaltphantasien finden im Internet Raum, sie verfangen jedoch bei Jugendlichen aufgrund verhängnisvoller gesellschaftlicher Verhältnisse, mit deren Last die Einzelnen nicht mehr zurechtkommen. Die Krux ist, dass hier der unmögliche Versuch unternommen wird, die Jugend­lichen vor der neoliberalen Gesellschaft und ihren Erscheinungen selbst zu schützen, während sie an der Integration in bestehende Zwangsmechanismen leiden. Das kann nur scheitern.

Verantwortung für Heranwachsende zu übernehmen, hieße, sie nicht als außerhalb der Gesellschaft stehend zu betrachten, sondern mit ihnen gemeinsam zu versuchen, sich mit den verselbstständigten Verhältnisse aus­einanderzusetzen, um der Hilflosigkeit zu entfliehen und sie schließlich doch noch verändern zu können. Von diesen grundlegenden Problemen, die Adoleszenz und Kindheit heutzutage prägen, lenkt die Debatte über das Verbot sozialer Medien ab.

[zuerst erschienen in Jungle World 2026/41 v. 8. Oktober 2026]