Eine Fotoausstellung über „Unordnung“
von Minh Schredle
Wenn Ordnung das halbe Leben ist, ist Unordnung die andere Hälfte. Im Württembergischen Kunstverein in Stuttgart nähert sich eine Fotoausstellung den vielen Facetten des Chaos: von wankenden Ökosystemen über verfälschte Erinnerungen bis zu unaufgeräumten Schreibtischen.
Auch in der Kontext-Redaktion prahlten zwei Mitarbeiter mit dem Chaos auf ihren Schreibtischen. Doch Joachim E. Röttgers zeigte sich unbeeindruckt. Der Fotografenmeister lichtet gerne Menschen in ihrer natürlichen Umgebung ab, also an ihrem Arbeitsplatz. In vielen Großraumbüros ist das Nomadentum eingezogen, niemand hat mehr einen festen Platz, die Wirkungsstätte des Tages muss zum Feierabend so hinterlassen werden, dass keine Rückschlüsse möglich sind, wer hier am Werkeln war – keine Pflanzen, keine Bilder, nichts Persönliches, englischer Rasen als Unternehmenskultur, weil hier die Gärtner das Unkraut einhegen.
Aber es gibt sie noch, die Orte, wo das Leben sprießen darf. Wo einsturzgefährdete Papiertürme tollkühn der Schwerkraft trotzen und überlebenswichtige Dokumente mit unsinnig vollgekritzeltem Schmierpapier zu einer Art Bürolasagne verschmelzen.
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