„Die Räte als Organismus der Klasse“

Zum Wirken Bernhard Reichenbachs

von Thomas Tews

Vor 137 Jahren wurde der jüdischstämmige linkskommunistische Politiker und Journalist Bernhard Reichenbach geboren. Sein Engagement für die „Überwindung einer Gesinnung, die das ‚Ich‘ und nicht die Gemeinde der Menschheit sucht“, bleibt aktuell.

Bernhard Reichenbach kam am 12. Dezember 1888 als Sohn des jüdischen Kaufmannes Bruno Reichenbach und der evangelischen Lehrerin und Erzieherin Selma Reichenbach, geborene Menzel, in Berlin zur Welt. Seine Großeltern väterlicherseits gehörten dem assimilierten jüdischen Bürgertum an und sein Vater hatte sich ein Jahr vor seiner Geburt taufen lassen, pflegte aber auch danach noch einige jüdische Traditionen.

Nach seinem Abitur arbeitete Reichenbach zunächst als Schauspieler in Hamburg und Bochum. Von 1912 bis 1914 studierte er dann Literatur und Kunstgeschichte in Berlin, wo er Mitglied der „Freien Studentenschaft“ sowie Mitherausgeber des „Aufbruchs“ war. Im Ersten Weltkrieg diente er von 1915 bis 1917 als Sanitäter und wurde anschließend in die Pressestelle des Auswärtigen Amtes versetzt. In der Pressestelle wurde Reichenbach die deutsche Kriegspropaganda bewusst, wie er sich später erinnerte:

Dort wurde mir erneut unsere [d. h. der Freistudenten] Haltung bestätigt, als ich die Einzelheiten über jenen Schwindel des Extrablattes vom 2. August 1914 erfuhr, das im moralischen Entrüstungston […] von französischen Bombenwürfen bei Nürnberg berichtete, mit denen dann am nächsten Tage die Kriegserklärung an Frankreich begründet wurde. Auch die verächtliche Reaktion der ‚Wilhelmstraße‘ auf den Friedensaufruf des Papstes 1918 und auf Wilsons 14 Punkte [vom Januar] 1918 machten mich endgültig zum Politiker.“i

Reichenbach wurde 1917 Gründungsmitglied der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD) und engagierte sich im Spartakusbund. Im Mai 1919 sprach er vor einer Schüler*innenversammlung und forderte

die Beseitigung von solchen staatlichen und gesellschaftlichen Ordnungen, die sich dem Geiste wahrer Menschlichkeit, den Geboten menschlicher Solidarität und aller verpflichtender Gemeinarbeit in Volk und Menschheit widersetzen! Revolution wollen wir, hartnäckige, allmähliche Überwindung einer Gesinnung, die das ‚Ich‘ und nicht die Gemeinde der Menschheit sucht.“ii

1920 gründete Reichenbach zusammen mit der aus der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) ausgeschlossenen ‚linken Opposition‘ die Kommunistische Arbeiterpartei Deutschlands (KAPD) und wurde einer ihrer Führer. Er war auch zeitweilig Redakteur der von der KAPD herausgegebenen „Kommunistischen Arbeiterzeitung“. Im März 1921 wurde er Vertreter der KAPD beim Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale, an deren III. Weltkongress im Juni/Juli 1921 er unter dem Pseudonym „Seemann“ teilnahm.

Nachdem Reichenbach im März 1922 zusammen mit der Gruppe um Karl Schröder, der sogenannten ‚Essener Richtung‘, aus der KAPD ausgeschlossen worden war, trat er 1925 der SPD bei. Diesen Schritt begründete er später gegenüber dem Rätekommunisten Anton Pannekoek, mit dem er in brieflichem Austausch stand, folgendermaßen:

Sie werden […] ersehen haben, dass wir alten Freunde nicht in den Schoß der SPD zurückgegangen sind, aus Resignation oder um nur irgendeinen ‚Betätigungsdrang‘ zu befriedigen, sondern um eine Basis zu finden, einen noch so bescheidenen Ausgangspunkt, von dem ausgehend wir auf Klassengenossen, insbesondere auch auf den Nachwuchs einwirken […] können.“iii

1928 veröffentlichte Reichenbach in der Zeitschrift des Frankfurter Institutes für Sozialforschung „Archiv für die Geschichte des Sozialismus und der Arbeiterbewegung“ den ersten Beitrag zur Geschichte der KAPD. Er war ab 1930 am Aufbau der Gruppe „Rote Kämpfer“ beteiligt und 1931 Mitgründer der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (SAPD), einer linken Abspaltung der SPD. In einem Brief an Pannekoek vom 23. August 1931 skizzierte Reichenbach die damaligen Herausforderungen:

Überall entwickeln sich oppositionelle Strömungen, noch keineswegs sehr geklärt in der Zielbewusstheit, aber doch offene Köpfe für die neuen Notwendigkeiten und nun taucht hier die Organisationsfrage auf. Die Räte als Organismus der Klasse in der ausbrechenden Revolution – aber wie organisieren sich die zum Klassenbewusstsein kommenden Kader, ebenso lange keine Zeit großer Massenkämpfe eingetreten ist, diese aber politisch vorbereitet werden müssen. Natürlich also in der Partei. Die Aufgabe und die Fragen, die dieserhalb viel an uns gestellt werden, sind zuerst die: Wie verhindert man auch in dieser neuen Organisation die Apparatherrschaft, die Tendenz der Verselbständigung eines Apparates statt des Ausbaues und sich Auswirkens der Entwicklung ‚von unten nach oben‘?“iv

Die außerordentlich schwierige Ausgangssituation für linkskommunistisches Engagement beschrieb Reichenbach in demselben Brief wie folgt:

Wie sehr es heißt, eigentlich ‚von vorn anfangen zu müssen‘, wie wenig das Proletariat aus den Ereignissen der Jahre 1918–1923 gelernt hat, das wird gerade uns deutlich, jetzt in unserer Arbeit. Die unaufhörliche Geschichtsfälschung, die von SPD und KPD in die Köpfe der Arbeiterschaft hineingehämmert wird – die reichen finanziellen und organisatorischen Mittel, mit denen diese Umnebelung der Köpfe betrieben wird –, hat dazu geführt, dass die Proletarier geradezu ahnungslos, verwirrt und unklar in die neue revolutionäre Periode der kapitalistischen Wirtschaft und Gesellschaft hineingetrieben werden. Mangels der nötigen Mittel auch noch so bescheidenen Umfangs, ist es für uns außerordentlich schwer, Errungenes festzuhalten, neue Verbindungen zu pflegen und publizistisch uns auszubreiten. […] Die Tatsache, dass heute die Dauererwerbslosigkeit gegenüber dem früher spezifisch fluktuierenden Charakter so breite Massen erfasst hat, führte zu folgender Konsequenz: einerseits einer ‚Lumpenproletarisierung‘ breiter proletarischer Schichten mit allen Folgen der Hoffnungslosigkeit, Verbitterung und Unfähigkeit zu revolutionärem Kampf, andererseits die Furcht der Betriebsarbeiter, eben diesem Schicksal zu verfallen. Das lässt sie sich ängstlicher als je an ihren Betrieb klammern, macht sie schwach im Kampf gegen die verschärfte Ausbeutung, Abbau der Löhne usw.“v

1933 gehörte Reichenbach zur illegalen Reichsführung der Roten Kämpfer. Nachdem er 1934 ein Berufsverbot erhalten hatte, emigrierte er im April 1935 nach Großbritannien, wo er Mitglied der Labour Party wurde und zu seinen jüdischen Wurzeln zurückkehrte. Das dortige Fehlen eines linkskommunistischen Umfeldes sowie die allgemeine politische Perspektivlosigkeit beklagte er in einem Brief an Pannekoek vom 15. September 1937:

Ich lebe nun 2 ½ Jahre hier in England und versuche mit bescheidenen Erfolgen mir hier eine neue Existenz aufzubauen. Am meisten ist es die politische Isoliertheit, in der man hier leben muss, die einen sehr bedrückt, besonders wenn man als Zuschauer des Geschehens sehen muss, wie stark sich der Kapitalismus in seinen neuen Formen entwickelt und wie sich im Lager der Arbeiterschaft so gar nichts neuen Erkenntnissen zuwendet. […] Es ergibt sich, dass das Proletariat erst in einem viel späteren Stadium – sei es Weltkrieg oder neue schwere Krise – Ansätze zu klassenbewusster Organisation in neuen Formen entwickeln wird, dass dazu die Enttäuschungen erst ausgereift sein müssen, die es jetzt in Spanien macht.“vi

Reichenbach wurde 1940/1941 auf der Isle of Man interniert und betätigte sich als Redakteur der Kriegsgefangenenzeitung „Die Wochenpost“. Auch nach 1945 blieb Reichenbach in London, wo er als Korrespondent für deutsche Zeitungen und den Rundfunk arbeitete.

Am 14. Dezember 1950 schrieb er in einem Brief an Susanne Leonhard:

Es ist ja für alle, die links stehen, eine große Enttäuschung gewesen, dass das kommunistische Experiment der Russen so vollständig schief gegangen ist. Und es ist unbegreiflich, dass es noch so viele unter den Linksstehenden gibt, die das nicht wahrhaben wollen. Ich kann mir denken, dass es da viel helfen würde, wenn jemand wie Du darüber schreibt, der einmal mit fliegenden Fahnen zu den russischen Kommunisten übergegangen war und dann am eigenen Leibe erfahren hat, wie das System von innen aussieht.“vii

Durch die von Nikita Chruschtschow auf dem XX. Parteitag der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) am 25. Februar 1956 gehaltene ‚Geheimrede‘ über den Personenkult um Stalin und die damit verbundenen Verbrechen sah sich Reichenbach in seiner jahrelangen Sowjetkritik bestätigt:

Wie da dreißig Jahre eines Tyrannenregimes angeprangert werden, wie da aus dem Kreis der engsten Mitarbeiter Stalins die Helfer und Nutznießer seines Regimes das bekennen, was wir schon die ganzen dreißig Jahre gesagt haben, das wirkt auch hier [in Großbritannien] wie ein Schlüssel zum Verständnis der jüngsten Vorgänge und politischen Erklärungen, die in so neuer Sprache aus Moskau herübertönen.“viii

Reichenbach erhielt 1958 das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse und veröffentlichte 1959 die erste Darstellung der Geschichte der Roten Kämpfer.

Im Sommer 1969 führte der 29-jährige Rudi Dutschke mit dem 51 Jahre älteren Reichenbach ein Interview zu dessen politischen Aktivitäten in der Weimarer Republik. Darin begründete Reichenbach seine damalige Räteorientierung:

Du musst bedenken, dass Ende 1918 eine revolutionäre Situation in Deutschland herrschte. Die Teilnahme am Parlamentarismus war in unseren Augen Verrat. Das Parlament wurde, neben anderen Dingen, für den Krieg verantwortlich gemacht. 1919 fand die gesamte linke Politik in den Arbeiterräten statt, nicht in den Gewerkschaften oder im Parlament.“ix

Im Alter von 86 Jahren verstarb Reichenbach am 19. Februar 1975 in London.

Literatur:

  • Stürmer 2025: Rhena Stürmer: Jenseits des Bolschewismus. Lebenswege Weimarer Linkskommunisten zwischen den Systemen des 20. Jahrhunderts. Wallstein, Göttingen 2025.
  • Walk 1988: Joseph Walk: Reichenbach, Bernhard. In: Ders.: Kurzbiographien zur Geschichte der Juden 1918–1945. Hrsg. vom Leo Baeck Institute, Jerusalem. K G Saur, München/New York/London/Paris 1988, S. 307.
  • Weber/Herbst 2008: Hermann Weber/Andreas Herbst: Reichenbach, Bernhard. In: Dies.: Deutsche Kommunisten. Biographisches Handbuch 1918 bis 1945. 2., überarb. und stark erw. Auflage. Dietz, Berlin 2008, S. 712 f.

Anmerkungen:

i Stürmer 2025, S. 105.

ii Ebd., S. 132.

iii Ebd., S. 231.

iv Ebd., S. 259.

v Ebd. S. 261.

vi Ebd., S. 279 f.

vii Ebd., S. 342.

viii Ebd., S. 343.

ix Ebd., S. 12.

[zuerst erschienen am 12. Dezember 2025 bei haGalil.com]