Die IG Metall und die Krise der Autoindustrie in Baden-Württemberg
von Lothar Galow-Bergemann
Weltweit haben sich nur wenige Regionen wirtschaftlich so vom Automobilbau abhängig gemacht wie Baden-Württemberg. Das Auto ist für viele Menschen geradezu identitätsstiftend. Weiß man etwa in Mannheim, dass das Auto von Carl Benz erfunden wurde und „schafft beim Benz“, erklärt man in Stuttgart im selben Brustton der Überzeugung, selbstverständlich heiße der Erfinder Gottlieb Daimler und man geht „zum Daimler schaffe’.“
Mit dem „schaffe’ gehe’“ hat es jahrzehntelang für viele nicht schlecht geklappt. Dass Baden-Württemberg eines der reichsten Bundesländer ist, hat viel mit der Automobilindustrie zu tun. Aber so langsam dämmert vielen, dass die guten Zeiten vorbei sein könnten. Die Angst geht um. Es gibt Umsatzeinbrüche und Stellenabbau bei den Vorzeige-Firmen Mercedes-Benz und Porsche. Bei renommierten Zulieferern wie Bosch, Mahle, Eberspächer, Allgaier und ZF werden Zehntausende Stellen abgebaut (Jungle World 35/2024). Menschen, die lange geglaubt hatten, sie stünden mit einer Stelle in der Autoindustrie auf der sicheren Seite, sind erschüttert.
Die IG Metall ist in einer wenig beneidenswerten Lage. Zu ihren stärksten Bastionen gehört die baden-württembergische Automobilarbeiterschaft. Und die hat berechtigte Angst, in der Weltmarktkonkurrenz den Kürzeren zu ziehen. Dass es gar sinnvoll sei, grundsätzlich weniger Automobile zu bauen, erscheint vielen, die davon leben, dass immer mehr gebaut werden, wie eine Idee vom anderen Stern. Schon eine relativ kleine Umstellung wie die auf Elektromobilität weckt große Befürchtungen. Denn viele der Komponenten, die deutsche Fabriken für die komplexen Verbrennermotoren herstellen, werden dann nicht mehr gebraucht.
Und so fordert denn auch IG-Metall-Bezirksleiterin Barbara Resch politischen „Pragmatismus“ ein. „Klimaschutz ja, aber nicht auf Kosten von Jobs“ – so fasste die Presseagentur Dpa einen gemeinsamen Brief zusammen, den Resch im Oktober gemeinsam mit dem SPD-Landesverband an die SPD-Bundestagsfraktion geschrieben hatte.
Wenn durch Klimaschutz Arbeitsplätze verloren gehen könnten, verzichtet man also lieber auf ihn. Die Gewerkschaft kann nun einen zweifelhaften Erfolg verbuchen: Die EU wird das für 2035 vorgesehene Ende der Neuzulassung von Autos mit Verbrennermotor mit Ausnahmen für Hybrid-Fahrzeuge versehen.
Grundsätzliche Kritik an der Logik der Wirtschaft hat es in der IG Metall traditionell besonders schwer (Jungle World 31/2023). Und so beschränkt sich ihre Krisenanalyse auch diesmal wieder auf den Vorwurf an das Management, irgendwelche Entwicklungen verpennt zu haben. Sprich: nicht fit genug für die Konkurrenz gegen China und andere zu sein.
Die IG Metall hat ihrer Belegschaft versprochen, dass Klima- und Umweltschutz keine Arbeitsplätze gefährden müssten. Beispielsweise hieß es 2017 in einer Broschüre unter dem Titel „Zukunft Auto“: Das „neue Auto kommt. Es ist gut für die Umwelt und wird in Baden-Württemberg gemacht.“ Wenn dabei die „Weichen richtig gestellt“ würden, könnten „bei uns unterm Strich noch zusätzliche Arbeitsplätze“ entstehen.
Jede seriöse Prognose sagt, dass für die Produktion von Elektroautos weniger Arbeitskräfte gebraucht werden. Hinzu kommt, dass die deutschen Konzerne bei der E-Mobilität hinter die ausländische Konkurrenz zurückfallen und zum Beispiel kaum eigene Batterien produzieren können. Ganz zu schweigen von der gerne verdrängten Tatsache, dass eine bloße Umstellung auf Elektroautos den Beitrag des Autoverkehrs zur Klimakrise keineswegs beseitigt, sondern selbst riesige ökologische Probleme schafft, solange die Zahl der Autos nicht deutlich reduziert wird (Jungle World 9/2022).
Es wäre also spätestens jetzt an der Zeit, den Mitgliedern klar zu sagen, dass die goldenen Zeiten des Automobilbaus vorbei sind. Und dass sie mit Blick auf die Erderwärmung und die Zukunft der jüngeren Generation auch nie wieder anbrechen sollten.
Am vernünftigsten wäre es, sich jetzt für allgemeine Arbeitszeitverkürzung einzusetzen. Der offensive Kampf für die Viertagewoche hätte könnte beträchtliche Popularität gewinnen und gesellschaftliche Widerstände gegen die derzeitigen Angriffe auf Arbeitsrechte und Sozialstaat aufnehmen. „Bock auf mehr Arbeit“, wie man ihn von den Menschen fordert, haben immer weniger von ihnen. Sie wollen „Mehr Zeit zum Leben, Lieben, Lachen“, wie es die IG-Metall-Frauen in den achtziger Jahren im Kampf um die 35-Stunden-Woche einforderten.
Aber statt endlich in die Offensive zu gehen, weicht die IG Metall zurück und stellte im Mai die Forderung nach der Viertagewoche „vorerst zurück“. Fairerweise muss gesagt werden, dass ihr auch Teile der eigenen Mitgliedschaft Probleme machen. Der einen oder anderen Funktionärin ist vermutlich klar, dass in Zeiten sinkender Umsätze Zugeständnisse beim Lohn naheliegen, um möglichst viele in Beschäftigung zu halten. Und dass die Gewerkschaft gleichzeitig Projekte und Bewegungen unterstützen müsste, die Wohnen, Energieversorgung, Gesundheit und Nahverkehr der Marktlogik entziehen wollen. Was ja nichts anderes hieße, als die Bedeutung der Lohnhöhe für ein gutes Leben schrittweise zu reduzieren.
„Arbeitszeitverkürzung nur bei vollem Lohnausgleich“, also dass der Lohn gleich hoch bleibt, wenn die Arbeitszeit verkürzt wird – das fordern viele Gewerkschaftsmitglieder, gerade in der überdurchschnittlich gut verdienenden Automobilarbeiterschaft. Sie wollen, dass alles so weiterläuft wie bisher, nur eben wieder erfolgreich. Wenn die Gewerkschaft nicht dasselbe anstrebt, ist die Gefahr zu groß, dass die Mitglieder davonlaufen. Die rechte Pseudogewerkschaft „Zentrum“, die bereits in einige Betriebsräte bei Daimler, BMW und Porsche einzog, wittert ihre Chance (Jungle World 6/2022). Von März bis Mai werden die Betriebsräte bundesweit neu gewählt.
In einer ähnlichen Situation befinden sich die Grünen. Es ist kein Zufall, dass ihr konservativster Landesverband der von Baden-Württemberg ist. Wo man stolz aufs „Schaffe’“ und den eigenen Beitrag zum Wirtschaftsstandort Deutschland ist, macht sich schnell unbeliebt, wer Grundsätzliches in Frage stellt. Am 8. März wird der Landtag neu gewählt. Der langjährige Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) tritt nicht mehr an. Sein Parteikollege Cem Özdemir, der ihn im Amt des Ministerpräsidenten beerben will, gibt sich große Mühe, möglichst konservativ zu erscheinen. Er tourt durch „the Länd“ und preist weltweite technische Innovationsführerschaft als Antwort auf die heimische Wirtschaftskrise an. Pech für ihn, dass alle anderen genau dasselbe sagen, darunter auch sein schärfster Konkurrent, der CDU-Rechtsaußen Manuel Hagel, dessen Partei in Umfragen momentan deutlich in Führung liegt, während die AfD inzwischen bei 20 Prozent steht.
Welche Idee man wohl in Bayern und Niedersachsen, in China und den USA hat? Die anderen aus dem Feld schlagen, Konkurrenz statt Kooperation – die Wirtschaft, von der alle abhängen, erfordert eine Ellenbogenmentalität. In Deutschland hat kaum jemand ein Problem mit den Regeln dieses Spiels, man hat nur große Angst zu verlieren.
Wo „E-Auto statt Verbrenner“ die einzige Alternative ist, die man zu denken wagt, ja wo selbst das vielen schon zu viel ist, schaut man nicht über den Tellerrand. Ändert sich nichts am immanenten Wachstumszwang „unserer Wirtschaft“, wäre selbst bei erfolgreicher Umstellung das Resultat trostlos: mit Elektroautos vollgestopfte Städte, zehn- und zwölfspurige Autobahnen und die Rente mit 80, weil „meine“ Firma mehr produzieren muss als die Konkurrenz.
Dass es reparaturfreundliche und 30 Jahre lang haltbare Automobile bräuchte, anstatt alle zwei Jahre neue Modelle mit noch mehr PS und Schnickschnack, nur damit gekauft, gekauft, gekauft wird, ist unmittelbar einsichtig. Doch das widerstrebt nicht nur den Kapitaleignern, sondern zwangsläufig auch denjenigen, die die Ware Arbeitskraft verkaufen müssen. Selbst die Automobilarbeiterin, die die Klimakrise verstanden hat und nur noch mit dem Fahrrad fährt, ist darauf angewiesen, dass der Umsatz nicht sinkt. Schließlich hängt ihr Lebensunterhalt und der ihrer Familie davon ab. Wer der Illusion anhängt, die Arbeiterklasse sei der geborene Widerpart des Kapitals, scheitert aus guten Gründen seit Jahrzehnten.
Viele verschließen immer noch die Augen vor der Klimakrise, reagieren gar aggressiv auf das Thema. Denn es zwingt sie, über ein paar grundlegende Dinge nachzudenken. Viel bequemer ist ein Weltbild, das den 3-A-Horizont bedient: „Arbeit, Auto, Ausländer raus“. Wie das vierte A heißt, das bei der Landtagswahl Triumphe feiern wird, ist nicht schwer zu erraten.
[zuerst erschienen in Jungle World 2026/01 v. 1. Januar 2026]