Audio: Wiederkehr des Verdrängten. Zur Kritik der “Kritischen Weißseinsforschung”

Vortrag von Magnus Klaue

gehalten am 30. April 2014 im Buchtreff:Büchergilde in Stuttgart

Was seit einigen Jahren unter dem Label „kritische Weißseinsforschung“ bzw. „Critical Whiteness“ an den Universitäten als theoretisch besonders avancierte Form der Rassismuskritik figuriert, ist in Wahrheit ein Rückfall hinter die Kritik des Rassismus, wie sie in der Tradition der Kritik der politischen Ökonomie, der kritischen Theorie und der Psychoanalyse formuliert wurde. Indem sie den Begriff der Rasse nicht mehr auf das widersprüchliche Verhältnis zwischen erster und zweiter Natur bezieht, also vor dem Hintergrund einer dialektischen Naturgeschichte deutet, sondern ihn als diskursives Konstrukt in diversen, als ebenso kontingent wie unentrinnbar gedachten „Sprechorten“, „Positionierungen“ und „Adressierungen“ aufgehen läßt, ist die „Critical Whiteness“-Forschung nicht nur mindestens genauso projektiv wie ihr vorgeblicher Gegenstand. Sie verwandelt vielmehr jede Diskussion über den Begriff, seine Geschichte und den Sinn und Unsinn seiner Verwendung – und tendenziell jede Diskussion überhaupt – in einen so vorhersehbaren wie autoritären Wettkampf in moralischer Selbsterhöhung. Diese für die Reste bürgerlicher Öffentlichkeit insgesamt charakteristische, doktrinäre Moralisierung von Politik hat im Fall von ‚Critical Whiteness‘ aber noch einen anderen Zweck: endlich vom Antisemitismus schweigen zu dürfen, indem man vom Rassismus redet. Nicht zufällig betreiben die Apologeten der ‚kritischen Weißseinsforschung‘ mit derselben Vehemenz die Verharmlosung des Islam, die Verteidigung antisemtischer Selbstmordattentäter als subversive Märtyrer und in letzter Konsequenz die Verharmlosung des Nationalsozialismus selbst, der als bloße Spielart eines selbst geschichtslos gewordenen Rassismus ausgegeben wird. Wie ‚Critical Whiteness‘ auf diese Weise die linksprogressive Wiederkehr der notwendig unbewältigten  Vergangenheit betreibt, soll nach einer kurzen Darstellung von deren wesentlichen Thesen und einem Blick auf die Geschichte der Rassismusforschung erläutert werden.

Magnus Klaue ist freier Autor und publiziert u.a. in den Zeitungen konkret, Jungle World und Bahamas. Im Februar ist im ça ira Verlag sein Buch „Verschenkte Gelegenheiten. Polemiken, Glossen, Essays“ erschienen.

 

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