Religionskritik, Diskriminierung und Emanzipation. Anmerkungen zur Islamdebatte.

von Lothar Galow-Bergemann

Aktualisierte Textfassung eines Vortrags vom 12. Mai 2017. Der Vortrag ist HIER auch zu hören.

Erschienen in associazione delle talpe / Rosa Luxemburg Initiative Bremen (Hrsg.): Maulwurfsarbeit IV, Bremen 2018, S. 101 – 107 Als pdf-Datei HIER herunterzuladen.

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Inhalt

1. Wachsende Bedeutung von Religion und Religionskritik

2. Den Islam gibt es nicht !?

3. Islamophobie oder Islamkritik?

4. Islamismus und präfaschistischer Rechtspopulismus

5. Das antimuslimische Ressentiment

6. Linke Versäumnisse

7. AntiBa – der Barbarei entgegentreten

1. Wachsende Bedeutung von Religion und Religionskritik

Seit einigen Jahren zeichnet sich international ein wachsender Trend hin zu autoritären FührerInnen ab, die Massen von Menschen hinter sich haben. Putin, Erdogan, Orban, Duterte, Trump, LePen, Hofer, Wilders, Höcke u.v.a.m. Bei aller Unterschiedlichkeit dieser Figuren springt eine Gemeinsamkeit ins Auge: sie haben einen ganz besonderen Bezug zur Religion. Entweder sie agieren als Vertreter der einzig wahren und richtigen Religion oder sie fühlen sich als berufene Kämpfer gegen die böse und schlechte Religion oder sie stützen sich auf eine Basis von sehr religiösen Menschen und auf mächtige religiöse Organisationen. Zum Teil trifft dies auch alles miteinander zu. Die gesellschaftliche und politische Bedeutung von Religionen wächst, von wenigen Ländern abgesehen, weltweit.

Keine Führer ohne Fans. Das eigentliche Problem sind ja nie die Führer. Es sind die Fans, die diese Führer brauchen, sich nach ihnen sehnen und sie so überhaupt erst erschaffen. Die verbreitete Sehnsucht nach dem starken Mann – der heute gerne auch mal eine starke Frau sein darf – und die Rückkehr des Religiösen in die Politik findet zeitgleich statt. Das ist kein Zufall. Der Glaube an den allmächtigen Chef im Himmel und der an den allmächtigen Chef auf Erden hatte schon immer viel miteinander zu tun. Beide vertragen sich meistens gut.

Es gibt allerdings auch in dieser Hinsicht keine kontinuierlichen Linien in der historischen Entwicklung. In Zeiten des aufsteigenden Kapitalismus, als seine Versprechungen noch für relativ viele Menschen attraktiv waren, ging Religiosität in manchen Weltgegenden deutlich zurück. Der aufsteigende, gewissermaßen „optimistische“ Kapitalismus trägt drei Botschaften in die Welt, die der Religion nicht schmecken können. Erstens: „Der Mensch ist allmächtig. Der Mensch kann alles“ Zweitens: „Dein Schicksal liegt in deiner Hand. Mach was aus Dir, Du kannst aufsteigen.“ Drittens: „Die Frage nach einem Leben nach dem Tod ist völlig irrelevant. Es geht um das Leben im Hier und Jetzt.“ Mit solchen, gelinde gesagt, religionsfernen Maximen kann Religiosität nichts anfangen. Im Zuge des nicht mehr ganz so neuen Kapitalismus und der Verschärfung seiner Krise, die auch von seinen wenigen noch verbliebenen Verfechtern nicht mehr geleugnet werden kann, verändern sich die Dinge. Je Mehr Krise, umso weniger Vertrauen in die Vernunft und Fähigkeit des Menschen, umso mehr Glaube an Steuerung durch vermeintliche „Höhere Mächte“, wie auch immer die im Einzelnen beschaffen sein mögen. Im Allgemeinen gilt: Je Mehr Krise, desto mehr Religiosität. Das erleben wir gerade. Dabei ist Religiosität nicht nur im engeren Sinn von „Kirche und Religion“ zu fassen. Sie kann in sehr unterschiedlichen Formen und Gewändern auftreten – klassisch gottesfürchtig, esoterisch und „spirituell“, ja sogar atheistisch. Der Marxismus-Leninismus ist z.B. so ein religiöses Weltbild, das im Gewand des Atheismus daherkommt.

Der berühmte Karl Marx’sche kategorische Imperativ, „alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“, wird ja leider fast immer nur zur Hälfte zitiert. Der Satz beginnt so: „Die Kritik der Religion endet mit der Lehre, dass der Mensch das höchste Wesen für den Menschen sei, also mit dem kategorischen Imperativ, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch …“ (MEW 1, 385) Hier geht es nicht um Marx-Philologie, sondern darum, dass das inhaltlich zusammengehört. Erst wenn der Mensch das höchste Wesen für den Menschen ist, ist es möglich, eine wirklich menschliche, humane Gesellschaft zu schaffen.

Leider betreiben heute die allermeisten Linken (ich verzichte auf die Definition von „links“ und spreche hier ganz allgemein von all denjenigen, die sich selbst „links“ verorten) kaum noch Religionskritik, während sie bei manch anderen Linken auf ausschließliche Islamkritik zusammengeschrumpft ist. Beides sind gefährliche Holzwege, die auf ihre Art die Krise der Linken beschreiben. Doch die Wiederbelebung von Religionskritik als emanzipatorisches Projekt ist dringend notwendig.

2. Den Islam gibt es nicht !?

„Es soll kein Zwang sein im Glauben“ (Sure 2,256) „Tötet die Ungläubigen, wo (immer) ihr sie findet“ (Sure 9,5) Diese beiden Aussagen widersprechen sich diametral. Erstaunlicherweise gibt es nicht wenige Leute, die entweder von der einen oder von der anderen behaupten, sie habe nichts mit dem Islam zu tun. Das ist mit Verlaub gesagt ziemlich gewagt. Natürlich hat beides mit dem Islam zu tun.

Hätten Sie’s gewußt? „So jemand zu mir kommt und hasst nicht seinen Vater, Mutter, Weib, Kinder, Brüder, Schwestern, auch dazu sein eigen Leben, der kann nicht mein Jünger sein“ sagt niemand anderes als Jesus Christus (Lukas 14,26) „Sag (den Juden): Kann ich euch etwas Schlimmeres verkünden als die Vergeltung Gottes? Welche Gott verflucht hat und über welche er zürnte, hat er in Affen und Schweine verwandelt“ steht im Koran (Sure 5, 60). „Ihr (Juden) seid von dem Vater, dem Teufel, und nach eures Vaters Lust wollt ihr tun. Derselbige ist ein Mörder von Anfang und ist nicht bestanden in der Wahrheit“ steht im Neuen Testament (Johannes 8, 44). „Und jene (Frauen), deren Widerständigkeit ihr befürchtet: ermahnt sie, meidet sie im Ehebett und schlagt sie!“ empfiehlt der Koran (Sure 4, 34), während sich die Aufforderung „Ist es aber Wahrheit, dass die Dirne nicht ist Jungfrau funden, so soll man sie hinaus vor die Tür ihres Vaters Hauses führen und die Leute der Stadt sollen sie zu Tode steinigen“ im Alten Testament findet (5. Mose 22,20). „Doch jene meine Feinde, die nicht wollten, dass ich über sie herrschen sollte, bringet her und erwürget sie vor mir“ sagt – auch wenn es die meisten total überrascht – wiederum Jesus Christus (Lukas 19,27). Der Wunsch „Ach Gott, wolltest du doch die Gottlosen töten!“ begegnet uns im Alten Testament (Psalm 139,19) und der Spruch „Wer eine Seele ermordet, ohne dass er einen Mord oder eine Gewalttat im Lande begangen hat, soll sein wie einer, der die ganze Menschheit ermordet hat. Und wer einen am Leben erhält, soll sein, als hätte er die ganze Menschheit am Leben erhalten“ steht im Koran (Sure 5,35). Um das Spiel auf die Spitze zu treiben: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“, ein Satz, den praktisch jedeR fraglos im Neuen Testament verortet, stammt aus dem Alten Testament (3. Mose 19,18) und Jesus beruft sich später nur darauf (Matthäus 22,34). So viel zur weit verbreiteten Vorstellung vom „Gott der Liebe“ des Neuen Testaments und vom „alttestamentarischen Gott der Rache“.

Die allermeisten ReligionsanhängerInnen, aber auch die allermeisten nichtreligiösen Menschen kennen die so genannten „Heiligen Schriften“ überhaupt nicht. Was wir kennen, sind lediglich einige ihrer mehr oder weniger gängigen Interpretationen. „Heilige Schriften“ sind widersprüchlich und bedürfen der Auslegung. Das eingebildete „Wort Gottes“ ist selbstverständlich menschliche Interpretation. Nicht weiter überraschend ist deshalb das Phänomen der Aufspaltung sämtlicher Religionen in verschiedene Lager, die sich ständig untereinander in den Haaren liegen, wenn sie sich nicht gleich gegenseitig die Köpfe einschlagen.

Die „besorgten Eltern“, die in Stuttgart demonstrieren, weil sie glauben, dass die Landesregierung ihren Kindern Pornofilme in der Schule zeigt, sind zum überwiegenden Teil evangelikale Christen. In diesen Familien sind nachgewiesenermaßen rüde Erziehungsmethoden wie Prügelstrafe etc. weit verbreitet. In Uganda fordern Hassprediger mit der Bibel in der Hand dazu auf, Homosexuelle zu ermorden. Der philippinische Präsident Rodrigo Duterte, der sich offen damit brüstet, schon viele Menschen umgebracht zu haben und dazu auffordert, noch viel mehr zu ermorden und verkündet „Ich schere mich nicht um Menschenrechte, glaubt mir“ ist demokratisch gewählt. Und zwar in dem religiösesten Land der Welt. Nirgendwo gibt es mehr Menschen, die sich selbst als gottesgläubig (93,5%) und weniger Menschen, die sich selbst als Atheisten bezeichnen (0,7%). Von diesen Gottesgläubigen sind 95 Prozent christlichen und 5 Prozent muslimischen Glaubens (ezw-berlin.de/html/15_2557.php abgerufen am 16.05.16). Und diese Bevölkerung wählt Duterte. In Zentralafrika schlachten christliche Milizen MuslimInnen ab (SPON 27.1.2014). Wer jedoch angesichts all dessen sagen würde „Schaut her, so ist das Christentum“, würde sehr vielen Christen nicht gerecht.

Die TeilnehmerInnen der regelmäßigen Massenaufstände gegen das verbrecherische Regime im Iran sind entweder allesamt ChristInnen und AtheistInnen – oder sie teilen eine etwas andere Interpretation des Islam als die Herrscher des Gottesstaates. Die Initiative Liberaler Muslime in Österreich erklärt: „Im Koran gibt es weder Kopftuch, Hijab, Niqab, Burka, Tschador oder eine Ganzkörperverschleierung. Das sind Symbole radikaler Islamisten, um Frauen zu unterdrücken und zu versklaven.“ Die türkische Radiomoderatorin Sinem Tezyapar verteidigt Israel mit dem Koran: „In Bezug auf den Zionismus ist es wiederum wichtig, dass Muslime auf das Wissen zurückgreifen, dass ihnen Gott im Koran darüber gegeben hat … nach dem Koran möchte Gott, dass das jüdische Volk im Heiligen Land lebt (Sure 5:20-21).“ (Jüdische Rundschau Oktober 2014) Für diese Auslegung des Koran wird sie von ihren islamistischen und djihadistischen Glaubensbrüdern gehasst bis aufs Blut. „Den Islam“ gibt es genau sowenig wie „das Christentum“. ReligionsanhängerInnen schaffen immer wieder das erstaunliche Kunststück, große Teile ihrer „Heiligen Schriften“ zu ignorieren und sich nur deren vermeintliche oder wirkliche Rosinen herauszupicken. Wie auch immer sie das hinbekommen – Religion ist jedenfalls in hohem Maße subjektive Auslegungssache.

Ich glaube mittlerweile allerdings, dass diese Aussage, wie wohl sie richtig ist, alleine nicht genügt. Es muss zwingend noch mehr dazu gesagt werden. Denn der Satz „Den Islam gibt es nicht“ kann sich oft auch zu einem regelrechten Sprechverbot über den Islam verfestigen. Nach dem unausgesprochenen Motto „Wenn es den Islam nicht gibt, dann kann man auch nicht darüber reden“. Das ist schon seit langem ein Problem, insbesondere im linksliberalen Milieu. Wer in dieser Umgebung den Satz fallen lässt „Der Islam ist intolerant“, wird mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit sehr schnell zu hören bekommen, dass es ja den Islam überhaupt nicht gebe. Sagt jemand allerdings „Der Islam ist tolerant“, so wird er diese Antwort kaum hören. So wird Religion sakrosankt und darf nicht mehr kritisiert werden. Sehr überzeugend entwickelt das Sama Maani in seinem kleinen, aber inhaltsschweren Büchlein „Respektverweigerung“ mit dem wunderbaren Untertitel „Warum wir fremde Kulturen nicht respektieren sollten. Und die eigene auch nicht.“

„Gewalt und Terror haben nichts mit dem Islam zu tun“, so hört man immer wieder. Das ist zu hinterfragen. Die Djihad-Terroristen wachsen ja nun mal nicht in den Elendsgebieten von Rio de Janeiro oder im Kongo auf. Der Djihadismus entsteht in muslimisch geprägten Communities. Wer wollte den Djihadisten absprechen, Muslime zu sein? Es ist nicht überzeugend, hier einen Zusammenhang abzustreiten. Natürlich haben Gewalt und Terror mit dem Islam zu tu. Problematisch wird es allerdings, wenn aus dieser Feststellung ausgesprochen oder unausgesprochen die Behauptung wird, Gewalt und Terror hätten ausschließlich mit dem Islam zu tun, der Islam sei sozusagen das einzige Problem.

Gewalt und Terror haben auch mit dem Islam zu tun, aber nicht nur mit ihm. Warum zogen eigentlich 1970 keine djihadistischen Mordkommandos durch Bagdad, Mumbay, Paris und Brüssel? Islam war doch damals auch schon. „Hat mit dem Islam zu tun“ reicht folglich als Erklärung nicht aus. Es muss noch andere Faktoren geben.

Unter Islamismus verstehe ich die extrem reaktionäre und patriarchale, buchstabengetreue Interpretation des Islam mit dem Anspruch der Herrschaft über sämtliche Lebensbereiche. Unter Djihadismus den Heiligen Krieg gegen die Ungläubigen mit dem Ziel Weltherrschaft. Den Begriff Barbarei verwende ich im Sinne eines Zustands allgemeiner Verrohung, in dem die letzten Grenzen von Humanität und Zivilisation fallen. Die offene Barbarei braucht grundsätzlich immer ein von vielen geteiltes, in relevanten Teilen der Gesellschaften verankertes reaktionäres und menschenfeindliches Weltbild. Nazis fallen nicht vom Himmel, sie erwachsen aus einem großen reaktionären Umfeld, das im Grunde so denkt wie sie. Sie sind eingebettet in ein Heer von Sympathisanten, von dem sie im Ernstfall nichts zu befürchten brauchen, sondern mehr oder weniger offene Unterstützung erwarten dürfen. Diesen Zusammenhang gibt es natürlich auch zwischen djihadistischen Terroristen und ihrem islamistischen Umfeld.

Frühformen des Djihadismus tauchen zu Beginn des 19. Jahrhunderts auf, Ende des 20. Jahrhunderts kommt es zu einer explosiven Zunahme. Kaum jemand kann sich noch all die Namen neuer und neuester Terrorbanden merken, die in schneller Abfolge neu entstehen – Al-Qaida, IS, Hizbollah, Hamas, Iran, Taliban, Ansar al-Sharia, Boko Haram, Al-Shabaab, Al-Nusra etc. pp. Besonderes Gewicht kommt den iranischen Revolutionsgarden zu, denn man sollte trotz mancher Flötentöne aus Teheran in jüngster Zeit nicht vergessen, dass das iranische Regime die mit Abstand größte Terrorbande auf der Welt ist.

Ein Blick auf seine Entstehung und Entwicklungsgeschichte offenbart, dass der Djihadismus ein Phänomen der Moderne ist. Will man ihn verstehen, muss man sich folglich mit dieser Moderne befassen. Die kapitalistische Moderne kommt sehr zerrissen in die Welt. Es soll im Folgenden zunächst überhaupt nicht um „die Muslime“ oder „die arabische Welt“ gehen, sondern um den Westen, genauer gesagt um Europa, in dem diese kapitalistische Moderne das Licht der Welt erblickte. Diese Moderne brachte einerseits Freiheit und Gleichheit, andererseits neue Formen von Inhumanität und Krise: Befreiung aus Clanherrschaft und persönlicher Abhängigkeit und gleichzeitig Unterwerfung unter die abstrakte Herrschaft des Marktes. Anspruch und Realität gehen oft weit auseinander, man kann durchaus auch von den Versprechen und den Verbrechen des Kapitalismus reden. Diese zerrissene Moderne trifft auf scheinbar intakte vormoderne Strukturen personeller Herrschaft und ihr Erscheinen wird wahnhaft ideologisch verarbeitet: „Wer ist daran schuld, dass das alles über uns kommt und wer sind eigentlich wir noch in dieser Welt, die uns buchstäblich den Boden unter den Füßen wegzieht?“ Die Krisenbewältigung findet in Identitätsstiftung und im Ressentiment statt.

Dieses antiwestliche oder antimoderne Ressentiment – es geht immer noch um den historischen Prozess in Europa – richtet sich gegen eine imaginierte „Zersetzung der Moral“, gegen einen „Materialismus des Geldes“ gegen sexuelle Befreiung und Homosexualität, gegen die Emanzipation der Frau und Säkularität, gegen die so genannte „Gotteslästerung (Blasphemie) und Atheismus, gegen Individualität, die „Zerstörung der Gemeinschaft“ und den „Zerfall der Familie“. Irgendwer muss daran schuld sein, dass meine Welt, die jahrhundertelang so festgefügt und für die Ewigkeit gebaut schien und in der ich meinen festen Platz hatte, aus den Fugen gerät und dass mir alles, an das ich glaube, weggenommen wird. In seiner extremen Zuspitzung richtet sich dieses Ressentiment gegen die Juden: „Die Juden sind an all dem schuld“.

Je mehr die kapitalistische Moderne ihre Versprechen verrät, umso mehr erlangt dieses Phänomen wieder weltweit wachsende Bedeutung. Wenden wir jetzt den Blick auf die muslimisch geprägten Länder. Die Vision eines „arabischen Sozialismus“ à la Gamal Abdel Nasser hat in den 50er-bis 70er-Jahren -zig Millionen Menschen bewegt und ihnen Hoffnung auf ein besseres Leben gemacht. Es wurde bekanntlich nichts daraus, die Idee ist schon lange tot. Aber nicht nur das. Die allermeisten dieser Länder haben heute nicht die geringste Chance, zu konkurrenzfähigen Akteuren auf dem Weltmarkt zu werden. Die Menschen wissen das oder spüren zumindest, dass die Moderne ihre Versprechen verrät. Zwar muss niemand automatisch reaktionärer Ideologie verfallen, nur weil er „abgehängt“ ist – es gibt auch andere Beispiele – aber es ist doch wesentlich einfacher, dort zu landen als bei kritischer Reflektion der Verhältnisse. Schwarz-Weiß-Bilder gehen leider einfacher in die Köpfe als Krisenanalyse. Patriarchales oder gar antisemitisches Denken zu überwinden erfordert ein hohes Maß an Reflektionsarbeit, zu dem viele nicht willens oder auch nicht in der Lage sind.

Islamismus und Djihadismus sind geprägt durch den Islam und durch die kapitalistische Moderne. Während das reaktionär-religiöse Umfeld der Fanatiker auf den Zusammenhang mit dem Islam verweist, belegt die wachsende Zahl von Konvertiten eine zunehmende Attraktivität des religiösen Fundamentalismus für „westlich geprägte Menschen“.

3. Islamophobie oder Islamkritik?

Mir fiel kürzlich ein Transparent auf, das eine recht weit verbreitete Argumentation wiedergibt: „Beleidigt man Schwarze, dann ist das Rassismus. Beleidigt man Juden, dann ist das Antisemitismus. Beleidigt man Frauen, dann ist das Sexismus. Warum gilt es dann eigentlich als ‚Meinungsfreiheit‘, wenn man unseren Propheten und den Islam beleidigt?“ Für oberflächliches Denken irgendwie einleuchtend. Doch hier werden Äpfel mit Birnen verglichen. Schwarze, Juden und Frauen sind schließlich Menschen, während der Prophet und der Islam für eine Religion stehen, also für Produkte des menschlichen Kopfes. Auf dieser Verwechslung beruht auch der ebenso verbreitete wie unsinnige Begriff der „Islamophobie“. Obwohl er sich mittlerweile in sehr vielen Köpfen festgesetzt hat, hilft er nicht im geringsten, die Dinge zu verstehen, ganz im Gegenteil trägt er zur Verschärfung des Problems bei. Im Alltagssprachgebrauch gilt ein Phobiker als „irgendwie krank“. Dass aber Kritik an einer Religion „irgendwie krank“ ist, wollen uns Fundamentalisten aller Religionen schon immer erklären. Dass ausgerechnet Linke auf einen solchen Kampfbegriff hereinfallen, verweist auf die sträfliche jahrzehntelange Entsorgung der Religionskritik vieler Linker. Die rächt sich heute bitter.

Eine wichtige Leitschnur durch die Wirrnisse der so genannten Islamdebatte lautet: Menschen sind vor Diskriminierung zu schützen, aber Religionen nicht vor Kritik. Das wird immer wieder verwechselt. Das Diskriminierungsverbot gilt selbstredend auch für alle Menschen, die wegen ihrer Religion diskriminiert werden. Das darf jedoch nicht dazu führen, dass ihre Religion selbst von Kritik ausgenommen ist.

Der Verlust dieser Unterscheidungsfähigkeit gebiert Abstruses. Ein beredtes Beispiel bietet die aufgeregte Debatte über die „Verletzung religiöser Gefühle“. Dass es krank sei, Religionen nicht ernst zu nehmen, meint beispielsweise auch Matthias Matussek, der sich darüber aufregt, dass es Menschen gibt, die am Karfreitag tanzen: „Eine Gesellschaft, die Trauer nicht erträgt und Religion nicht ernst nehmen kann, ist krank.“ Viele wissen nicht, dass es auch in Deutschland noch den Straftatbestand der so genannten „Blasphemie“ gibt. §166 StGB legt fest: „Wer öffentlich oder durch Verbreiten von Schriften den Inhalt des religiösen oder weltanschaulichen Bekenntnisses anderer in einer Weise beschimpft, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.“ Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen – „in einer Weise, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören“ – das heißt, wenn ReligionsanhängerInnen der Meinung sind, dass etwas ihren Frieden stört, kann der Verursacher in den Knast wandern. Geltendes Recht in der Bundesrepublik Deutschland im Jahr 2017. „Es wird das soziale Klima fördern, wenn Blasphemie wieder gefährlich wird“, meint Martin Mosebach, Träger des Georg-Büchner-Preises der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, in einem Text mit der bezeichnenden Überschrift „Vom Wert des Verbietens“ (Berliner Zeitung 12.06.2012) Der Heilige Vater, angesprochen auf das Thema „Verletzung religiöser Gefühle“, meint „Wer meine Mutter beleidigt, kriegt eins mit der Faust“. Der Vatikan schiebt schnell eine Erklärung nach, dass es ihm aber nicht um Gewalt gehe. Natürlich wäre es daneben, den Papst mit Djihadisten gleichzusetzen. Und doch ist interessant, was einem religiösen Führer spontan in den Sinn kommt, wenn es ums Thema „Gotteslästerung“ geht.

Islamkritik? Ja selbstverständlich. “De omnibus dubitandum est” (An allem ist zu zweifeln) antwortete Karl Marx – der auch in dieser Hinsicht besser war als viele Marxisten – auf die Frage nach seinem Lieblingsmotto. Kritik kann nie Ressentiment sein. Und doch ist bei politischer Intervention das problematische gesellschaftliche Umfeld mitzudenken, in dem wir leben. Es gibt jede Menge Moslemhasser, die in ihrer Selbstwahrnehmung und -darstellung selbstredend allesamt – Islamkritiker sind. Sie behaupten, es gebe keinen gemäßigten Islam und so etwas könne es auch gar nicht geben. Also exakt das gleiche, was die Islamisten auch sagen. Daraus folgt: Man muss Islamkritik betreiben und sich gleichzeitig entschieden von einer verbreiteten Fremdenfeindlichkeit und antimuslimischem Ressentiment absetzen.

Islamkritik muss deswegen keineswegs relativiert werden. Es ist nun einmal Tatsache, dass religiöser Fundamentalismus und extrem reaktionär-patriarchale Auslegung „Heiliger Schriften“ im islamischen Kontext besonders stark verbreitet sind. Selbstmordattentäter glauben an die „Belohnung im Paradies“, ohne Religion würde das nicht funktionieren. Man sollte viel mehr als bisher zur Kenntnis nehmen, was eine wachsende Anzahl kritischer MuslimInnen oder Ex-MuslimInnen zu sagen hat. Beispielsweise Ayaan Hirsi Ali: „1989, als Khomeini dazu aufrief, Salman Rushdie zu töten wegen Beleidigung Mohammeds, dachte ich, dass er Recht hätte. Jetzt glaube ich das nicht mehr. Ich glaube, dass der Prophet im Unrecht war, als er sich und seine Ideen über kritisches Denken gestellt hat. Ich glaube, dass der Prophet Mohammed Unrecht hatte, als er die Frauen den Männern unterordnete“ (zitiert nach: Patrick Bahners, Fanatismus der Aufklärung – Zur Kritik der Islamkritik,
Blätter für deutsche und internationale Politik 9/2010) Ayaan Hirsi Ali weiß aufgrund leidvoller Erfahrung nur zu gut, wovon sie spricht. Ahmad Mansour, ein israelischer Araber oder arabischer Israeli, wuchs in der Westbank auf, geriet als Zwölfjähriger in die Fänge von Islamisten, konnte sich aus diesem Gedankengefängnis befreien, studierte in Tel Aviv Psychologie und wanderte schließlich aus Angst vor palästinensischen Terroranschlägen aus Israel aus. Er ist bekennender Muslim, grenzt sich entschieden vom Islamismus ab und bekämpft ihn. Seit Jahren macht er in Berlin eine ganz hervorragende Arbeit gegen Ehrenmorde, Frauenfeindlichkeit und Antisemitismus in islamisch geprägten Milieus. Er berichtet davon, dass in den Elternhäusern eine ausgeprägte Angstpädagogik herrscht. Kindern wird Angst vor der Hölle eingeimpft, wenn sie sich Allah und dem Familienpatriarchen nicht unterwerfen. Mansour geht sehr scharf mit diesem religiösen Kindesmissbrauch ins Gericht: „Selbst ich kriege das mein Leben lang nicht mehr aus mir raus, jedes mal, wenn ich im Flugzeug sitze und es Turbulenzen gibt, steigt die Angst in mir auf: was wird mir passieren, wenn ich tot bin?“ Religionskritik ist kein „westlicher Rassismus“. Das sollten Linke endlich kapieren.

4. Islamismus und präfaschistischer Rechtspopulismus

Statt von „Rechtspopulismus“ sollte besser von Präfaschismus gesprochen werden. Die AfD ist (noch) keine faschistische Partei, aber es finden sich sehr viele Faschisten in ihren Reihen, darunter auch viele ausgesprochene Nazis. Die Entwicklung dieser Partei kennt seit ihrer Gründung nur eine Richtung: von Tag zu Tag immer weiter nach rechts.

In das präfaschistische Weltbild passt die dichotomische Vorstellung vom Kampf zwischen „dem bitterbösen Islam“ und „dem wunderbaren Christentum“. AnhängerInnen der präfaschistischen AfD meinen, „Der Islam gehört nicht zu Deutschland“, was nicht nur ihren identitären Bezug auf „Deutschland“ zu erkennen gibt, sondern vor allem auch ihre absolute Unfähigkeit zur Selbstreflektion. Denn wären sie in der Lage, in den Spiegel zu schauen, müsste ihnen aufgehen, dass sie denen, die sie bekämpfen, viel ähnlicher sind als sie glauben. Der Spitzenkandidat der AfD in Berlin sieht eine Frau mit Kopftuch und ist begeistert: „Schauen Sie mal: Diese Frau hat wahrscheinlich einen sehr großen Familiensinn. Das ist bei vielen Muslimen so. Da ist die Familie im Mittelpunkt. Auch wir von der AfD sehen in der Familie den wichtigsten Baustein einer Gesellschaft. Auch für uns gehört die Familie ins Zentrum.“ (Welt online, 15.09.2016)

Die einen machen eine „Sharia-Polizei“ und die anderen eine „Hoolizei“. Das ist ziemlich genau die gleiche Denke. Als der IS ankündigte, das deutsche Kanzleramt abzubrennen, schrieb eine rechte Seite mit dem Namen „Deutsche Revolution“: „Endlich mal gute Nachrichten. Aber nur wenn Merkel und die anderen Verräter drin sind.“ Der Generalbundesanwalt ermittelt gegen eine „Freitaler Bürgerwehr“ wegen Terrorverdacht. Man erinnert sich noch an die „Schießbefehl-Äußerungen von Frauke Petry und Beatrix v. Storch. Die wurden tagelang in allen Medien rauf und runter behandelt. Niemand kann sagen, dass er davon nichts gewusst hat. Was war das Ergebnis? Die Umfragewerte der AfD stiegen weiter. Jede Illusionen in dieses Klientel und sein Gewaltpotential wäre unangebracht, ja sträflich. Selbst das Bundeskriminalamt warnt vor dem „Entstehen rechter Terrornetzwerke“.

Wenn Ahmad Mansour sagt, „Wir Muslime brauchen eine ernsthafte innerislamische Debatte, wir brauchen ein 1968, wir müssen wie die 68er gegen unsere Väter rebellieren“, dann kann er damit beim AfD-Vorsitzenden Jörg Meuthen jedenfalls kaum auf Sympathie hoffen. Für welchen Satz bekommt Meuthen auf dem 5. Parteitag in Stuttgart den größten Beifall? Wenn er in die Mikrofone ruft: „Wir wollen weg vom links-rot-grün versifften 68er Deutschland!“ Da hält es zweitausend Leute nicht mehr auf den Plätzen, die ganze Halle springt auf, Jubel, standing ovations, zweieinhalb Minuten lang – für keine Aussage auf dem Parteitag gibt es mehr Beifall. „1968!“ – das bricht aus ihnen heraus, wenn sie in einem Wort sagen sollen, was sie zutiefst hassen. Mit einem kritischen Muslim wie Ahmad Mansour können sie folglich nichts anfangen.

Was prägt den Islamismus? Ein patriarchales Familienbild. Homophobie. Frauenfeindlichkeit. Antiwestliches und antisemitisches Ressentiment. Ein ausgeprägter Kult um die „Gemeinschaft“. Eine verbindliche „Leitkultur“. Hass auf Intellektuelle. Ein Verschwörungs-Weltbild. Die Ablehnung von Selbstbestimmung und Emanzipation. Ein personalisierender Pseudo-Antikapitalismus. Und die Rekrutierung verrohter Gewalttäter. Das alles begegnet uns auch beim „rechtspopulistischen“ Präfaschismus. Die riesigen Schnittmengen fallen ins Auge.

Was sich gegenwärtig in Deutschland und vielen anderen Ländern abspielt, ist eine Konformistische Rebellion. Was meint dieser Begriff? Wer die basalen Kategorien der kapitalistischen Gesellschaft nicht als solche erkennt, sondern Arbeit-Ware-Wert-Staat-Nation-Kapital für so etwas wie „Natur“, also für unhintergehbar hält, der hat, wenn er mit der Krise konfrontiert wird, im Prinzip zwei Möglichkeiten. Entweder er meint, man könne ja eh nichts machen, fügt sich in sein Schicksal und nimmt alles hin. Oder er phantasiert sich „schuldige Bösewichter und Verschwörungen“ zusammen, fordert autoritäre Krisenlösungen statt grundlegender gesellschaftlicher Veränderung und versinkt schlimmstenfalls im antisemitischen Vernichtungswahn. Schon einmal konnten die konformistisch Rebellierenden ihren Wahn bis zum furchtbaren Ende ausleben – im deutschen Nationalsozialismus.

Antisemitismus ist das genaue Gegenteil von Kritik an der kapitalistischen Moderne, er ist das Ressentiment gegen sie, das die Herrschaft von Markt und Kapital als persönliche Herrschaft bösartiger Menschen phantasiert, im Vernichtungswahn gegen die vermeintlich Schuldigen kulminiert und die Juden damit identifiziert. Das Ressentiment gegen die kapitalistische Moderne kennt verschiedene Entwicklungsstufen. Wo zwar von der Herrschaft bösartiger Menschen phantasiert wird, aber die Juden nicht mit ihnen identifiziert werden – und jedem, der sagt, er habe nichts gegen Juden, ist bis zum Beweis des Gegenteils zu glauben – lässt sich noch nicht von Antisemitismus reden. Das Ressentiment bewegt sich allerdings bereits in einer gefährlichen Nähe zum Antisemitismus und besitzt das Potential, früher oder später vollends in ihn umzuschlagen. In den Köpfen und Bäuchen der konformistisch Rebellierenden macht sich eine Biologisierung des Kapitalismus breit (Moishe Postone, Nationalsozialismus und Antisemitismus). Sichtbar wird dieses Phänomen beispielsweise dann, wenn auf einer Demonstration gegen TTIP ein Transparent gezeigt wird, auf dem fette Schweine als ekelhafte Kapitalisten dargestellt sind, die Frau Merkel diktieren, was sie schreibt und sagt. Auch wenn in den Gesichtszügen der „Kapitalistenschweine“ auf diesem Transparent noch keine klassisch antisemitischen Klischees zu erkennen sind, können diese im Handumdrehen auftauchen. So brachten beispielsweise Aktivisten während einer großen linksradikalen Demonstration am Bauzaun der europäischen Zentralbank ein großes Gemälde an, auf dem unter dem Motto „Die Gier nach Geld zerstört die Welt“ ein Bombenwerfer mit Hakennase und großen Lippen zu sehen ist. Antisemitismus endet mit „Tötet die Juden!“, er beginnt viel früher.

Es gibt erschreckend viel Antisemitismus in allen Parteien und in ihrer Anhängerschaft. In der AfD ist er allerdings so stark verbreitet wie in keiner anderen Partei. Das zeigen nicht nur tägliche politische Praxis und Alltagserfahrung. Der klassische Antisemitismus ist laut einer Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung unter der AfD-Anhängerschaft mit 19 Prozent mindestens dreimal so hoch verbreitet als unter der anderer Parteien, während sogar 47 Prozent der AfD-AnhängerInnen israelbezogenen Antisemitismus teilen (andere Parteien maximal 27Prozent) (FES, Mitte-Studie 2016). Selbst wenn man unterstellt, dass die FES eher zu enge Kriterien für Antisemitismus anlegt und die Zahlen deswegen wahrscheinlich insgesamt noch höher liegen, spricht das Ergebnis doch Bände. Sich das zu vergegenwärtigen ist besonders wichtig vor dem Hintergrund des Bemühens mancher AfD-Funktionäre, sich als besonders israelfreundlich darzustellen. Ein Vorgang im baden-württembergischen Landtag sagt eigentlich alles über diesen Schwindel. Daniel Rottmann, AfD-MdL, erschien mit einem „I like Israel“- T-Shirt im Plenarsaal, geht auf seinen Parteikollegen Wolfgang Gedeon zu und drückt ihm demonstrativ und in fester männlicher Verbundenheit die Hand. Eben jenem Antisemiten Wolfgang Gedeon, der „Die Protokolle der Weisen von Zion“ für echt und die Juden für „den inneren Feind des christlichen Abendlands“ hält und der dafür nicht aus der AfD ausgeschlossen wurde und weiterhin im Landtag sitzt. „Israel-Solidarität“ à la AfD heißt nicht Kampf gegen Antisemitismus und Antizionismus, sondern ist der Versuch, Israel als Kanonenfutter für den von den präfaschistischen Rechtspopulisten herbeigeredeten und herbeigewünschten Krieg gegen den Islam und die Muslime zu missbrauchen.

5. Das antimuslimische Ressentiment

Immer wieder begegnet einem die Meinung, Antisemitismus sei im wesentlichen ein Phänomen der Vergangenheit, während „die Juden von heute“ doch eigentlich die Muslime seien. Mit Verlaub gesagt – das ist einfach Unfug. Wer das sagt, offenbart, dass er nicht die Bohne vom Antisemitismus verstanden hat. Niemand unterstellt den Muslimen, sie seien die Herrscher des Geldes und regierten die Finanzsphäre. Niemand unterstellt ihnen, dass sie – obwohl sie doch so wenige seien – mittels geheimer Netzwerke im Verborgenen das Schicksal der Menschen leiten. Dass solche Vorstellungen überhaupt Verbreitung finden können, verweist darauf, dass zu völlig unbrauchbaren Schlüssen kommen muss, wer Antisemitismus lediglich für so etwas wie ein Vorurteil oder eine Unterart von Rassismus hält.

Die absurde Rede von „den Muslimen als den Juden von heute“ ist aber nicht nur unfähig, den Antisemitismus zu verstehen, sie leistet auch keinen brauchbaren Beitrag zur Erklärung des weit verbreiteten Ressentiments gegen Muslime.

Der Begriff des antimuslimischen Ressentiments ist demjenigen des antimuslimischen Rassismus vorzuziehen. Nicht nur, weil offener Rassismus, selbst wenn er in jüngster Vergangenheit wieder mehr geäußert wird, heute immer noch weitgehend diskreditiert ist, sondern vor allem, weil in dieses Ressentiment Phänomene eingehen, die mit Rassismus nicht oder nur sehr unzureichend beschreibbar sind. Das wird an der gängigen „Argumentation“ gegen eine befürchtete „Überfremdung“ deutlich. Das Schlimme daran, dass „wir“, so diese Rede, in absehbarer Zeit zu „Fremden im eigenen Land“ werden könnten, wird in aller Regel nicht als drohende Übernahme durch eine fremde „Rasse“ imaginiert, sondern durch eine fremde „Kultur“. Diese passe nicht zu der „unseren“, denn „wir“ seien schließlich für Demokratie und Menschenrechte – ganz im Gegensatz zu den Muslimen, die gar nicht aufgeklärt und säkular sein könnten. Während also den Menschenrechten ideologisch ein hoher Stellenwert eingeräumt wird, spielen sie keine Rolle mehr, wenn es wirklich drauf ankommt. Dann erklärt nämlich der AfD-Vorsitzende Alexander Gauland: „Die Menschen wollen … nicht gesagt bekommen: ,Das können wir doch nicht machen. Das ist gegen die Menschenrechte.‘ Sondern sie wollen ganz deutlich hörbar von den Politikern eine Aussage haben: wer passt zu uns und wer nicht?“ (Welt online 15.09.14)

Das antimuslimische Ressentiment beinhaltet Elemente „normaler“ Fremdenfeindlichkeit, aber es ist mehr als nur das. Es hat mindestens drei Spezifika, die darüber hinaus gehen. Das erste ist jener verlogene Menschenrechtsdiskurs. Das zweite sind Elemente von Verschwörungstheorie, die in der Vorstellung von der „Gebärmutter als Geheimwaffe des Islam“ gipfeln. Das dritte ist seine spezifisch deutsche Entlastungsfunktion, weil es ermöglicht, mit dem Finger auf die Muslime zu zeigen und zu sagen „Da schaut her, die sind doch die Antisemiten und nicht wir. Wir gehören doch zu den Guten.“ Das alles geht weder in dem Begriff der „Fremdenfeindlichkeit“ noch in dem mitunter ziemlich inflationär verwendeten Begriff des „Rassismus“ auf. Es handelt sich um ein sehr ernstzunehmendes, außerordentlich gefährliches Ressentiment, das massenhaft verbreitet ist und viel Gewaltpotential mobilisieren kann, wie wir leider immer häufiger erfahren müssen.

6. Linke Versäumnisse

Die unter nicht wenigen AntirassistInnen beliebte These „Islamfeindlichkeit ist Rassismus“ ist unhaltbar. Und zwar nicht nur wegen des weiter oben bereits kritisierten unsinnigen Begriffs der „Islamophobie“. Nach Angaben der Bundesregierung vom April 2007 lebten damals rund 3,4 Mio. Muslime in Deutschland. Als „Muslime“ gelten dabei allerdings unterschiedslos sämtliche MigrantInnen, die aus einem „mehrheitlich muslimischen“ Land kommen. Es wird also völlig ignoriert, dass nicht jede Iranerin eine Muslima und jeder Ägypter ein Muslim ist. Dass nicht wenige Menschen aus diesen Ländern anderen Religionen oder auch gar keiner angehören, fällt unter den Tisch. Befragt nach ihrem Verhältnis zur Religion bezeichneten sich 18 Prozent dieser 3,4 Millionen Menschen als religiös, 20 Prozent äußerten sich eher indifferent und 62 Prozent gaben an, keine religiöse Praxis zu leben (zitiert nach https://hpd.de/node/2906). Im Licht dieser Zahlen wird deutlich, dass die Aussage, Islamfeindlichkeit sei rassistisch, die Menschen auf ihre wirkliche oder zugeschriebene Religion reduziert und ihnen abspricht, sich auch vom Islam abwenden können. Sie schreibt letztlich die Zugehörigkeit zum Islam als ethnisches Merkmal fest und offenbart sich damit als das, wogegen sie sich vermeintlich stellt: als rassistisch nämlich.

In der leidigen Debatte um das Kopftuch zeigen sich weitere jahrzehntelange Versäumnisse vieler Linker. Auf der Seite „My stealthy freedom“ (Meine heimliche Freiheit) zeigen sich mutige Frauen im Iran ohne Kopftuch. Millionen Frauen im Gottesstaat leiden unter dem Kopftuchzwang. Das wären doch die Leute, mit denen Linke mit emanzipatorischem Anspruch solidarisch sein müssten. Leider spielt das unter den meisten Linken keine große Rolle. Stattdessen ist man der Meinung, das Kopftuch sei doch die „freie Entscheidung“ der Frauen, die respektiert werden müsse. Selbst Feministinnen feiern das Kopftuch mitunter sogar als Symbol selbstbestimmter Freiwilligkeit. Nun, wer kann schon in Menschen hineinsehen und sich im Einzelfall ein Urteil erlauben? Bekannt ist jedenfalls, dass das mit der Freiwilligkeit so eine Sache ist. Wenn Frauen auf dem so genannten „Marsch für das Leben“ gegen das Recht auf Abtreibung protestieren, also gegen das Recht, über sich selbst und ihren Körper zu bestimmen, so darf man vermuten, dass sie kaum dazu gezwungen wurden, also wohl tatsächlich glauben, dass sie das freiwillig tun. Eva Herman (Das Eva Prinzip. Für eine neue Weiblichkeit) schreibt: „Ist es das wert? Welchen Preis zahlen wir eigentlich dafür, emanzipiert und selbstbewusst zu sein? Sind wir überhaupt noch Frauen? Oder haben wir unsere Weiblichkeit verloren?“ Ein Haufen Frauen wählt Donald Trump. Vieles, das für freiwillig gehalten wird, ist es vielleicht letztendlich doch nicht. Zwänge können jedenfalls auch so internalisiert sein, dass sie gar nicht mehr als solche wahrgenommen werden.

Vor einigen Jahren war mit Aygül Özkan (CDU) zum ersten mal eine Muslima in der niedersächsischen Landesregierung vertreten. Kurz vor ihrem Amtsantritt als Sozialministerin vertrat sie öffentlich eine sehr vernünftige Position. Sie sprach sich für ein Kruzifix-Verbot an staatlichen Schulen aus. Christliche Symbole gehörten nicht an staatliche Schulen, die Schule müsse ein neutraler Ort sein. Darum hätten auch Kopftücher „in Klassenzimmern nichts zu suchen.“ Das provozierte einen Aufstand in ihrer eigenen Partei und wenn sie es nicht sofort wieder zurückgenommen hätte, hätte ihre Karriere geendet, noch bevor sie begann. Nun war nicht allzu überraschend, dass es in der CDU rumort, wenn es jemand wagt, das Kruzifix zu thematisieren. Aber es gab damals auch keine nennenswerte linke Solidarität mit Aygül Özkan – nicht von der SPD, nicht von den Grünen, nicht von anderen. Obwohl sie doch eigentlich eine ur-linke, emanzipatorische Forderung vertreten hat, nämlich die Trennung von Staat und Religion.

Verharmlosung des Islamismus schadet MuslimInnen am meisten. Auch wenn sie in bester antirassistischer Absicht geschieht. Ein bezeichnendes Beispiel dafür findet sich in dem Buch „Feinbild Moslem“ von Kay Sokolowski (in dem, das sei betont, auch viel Richtiges und Vernünftiges steht.) Dort lesen wir, aus der Erinnerung an den Holocaust resultiere „die moralische Verpflichtung, die andern zu akzeptieren wie sie sind“ (S.34) Das stimmt, wenn daraus der Kampf gegen Menschenfeindlichkeit folgt.
Das stimmt aber ganz und gar nicht, wenn daraus ein Kritikverbot an Menschenfeindlichkeit folgt, nur weil sie von „anderen“ geteilt wird. Genau das aber ist das Problem vieler Linker. Die weitaus meisten Opfer des Islamismus sind Muslime und vor allem Musliminnen. Man denke nur an die von Terrorbanden wie Boko Haram oder Islamischer Staat massenweise furchtbar misshandelten Mädchen und Frauen. Warum wollen viele Linke deren Leid nicht so recht wahrnehmen und reden es mitunter sogar klein? Weil sie Angst haben, andernfalls „rassistisch“ zu sein. Doch de facto verhalten sie sich gerade mit ihrer Geringschätzung des Leids der „anderen“ – und entgegen ihrer Intention – selbst rassistisch und sexistisch. Das führte jahrzehntelang und bis heute zu einem der schwersten Versäumnisse der Linken. Aus Angst davor, rassistisch zu sein, führte sie keinen migrationsfreundlichen Diskurs gegen Antisemitismus, Homophobie und Frauenunterdrückung und ermöglichte so den „rechtspopulistischen“ Hetzern die Lufthoheit in einem migrationsfeindlichen Diskurs über diese Themen. Dass sich AfD&Co als die Einzigen aufspielen können, die über diese Themen reden, ist nicht zuletzt einem großen Versagen der Linken geschuldet. Indem sie diese Themen nämlich nicht oder nur äußerst unzureichend behandelte, hat sie den Aufstieg der „Rechtspopulisten“ mitverschuldet und dem Kampf gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit letztendlich einen Bärendienst erwiesen.

7. AntiBa – der Barbarei entgegentreten

Was tun?

Erstens. Kompromisslos gegen Antisemitismus, Frauenfeindlichkeit, Homophobie und Faschismus eintreten – selbstverständlich auch bei MuslimInnen und MigrantInnen. Dass viele Linke ein Problem damit hatten, über „Köln“ zu reden, ist Folge des beschrieben Versäumnisses. Dabei ist doch das Dümmste, was man tun kann, Tatsachen abzustreiten. Da hilft auch kein gut gemeinter und sicher auch zutreffender Verweis auf die ekelhaften Vorkommnisse beim Oktoberfest. Man weiß doch seit Jahren bzw. man könnte wissen, wie es z.B. in Ägypten aussieht. So berichtete etwa Spiegel online am 3.9. 2014 unter der Überschrift „So ergeht es jungen Frauen auf der Nil-Brücke“ über eine mutige junge Frau, die ein Video ins Netz stellte, das sie während ihres Weges über die Brücke drehte und das unglaublich üble Szenen zeigt: „Sexuelle Belästigung ist in Ägypten ein weit verbreitetes Phänomen, das alle Frauen betrifft – Ausländerinnen wie Ägypterinnen, jung und alt. Immer wieder kommt es dabei auch zu Übergriffen oder sogar Vergewaltigungen.“ Das ist bei weitem nicht die einzige Meldung, die man seit Jahren hätte zur Kenntnis nehmen können. Unter der Überschrift „Wir sind nicht eure Kuscheltiere“ wandte sich Ahmad Mansour in einem sehr lesenswerten Essay speziell an Linke: „Traditionelles Islamverständnis befördert sexuelle Tabus und sexuelle Gewalt. Es hat enormen Einfluss auf das Verhalten der Geschlechter zueinander. Was in der Kölner Silvesternacht passiert ist, hat sein Vorbild auf dem Kairoer Tahrirpatz und anderswo. Von der ‚religiösen Tradition‘ zur sexuellen Abstinenz gezwungene junge Männer greifen auf Frauen in der Öffentlichkeit zu. Das festzustellen ist nicht rassistisch, sondern ein Fakt. Wir, die Muslime, haben das Problem – die kritischen unter uns benennen es und brauchen die Solidarität der Demokraten im Land. Von der AfD, von Pegida wollen wir sie nicht, denn sie ist keine. Eine offene, tabufreie Debatte wird zu Lösungen führen, zum Nachdenken und zu besserer Prävention. Und sie wird die Rechtsradikalen und die Islamisten schwächen.“ (Ahmad Mansour, Wir sind nicht eure Kuscheltiere, taz 9.7. 2016 – Pflichtlektüre für Linke) Man kann es auch anders sagen: Die Wahrheit wird uns befreien. Und nur sie.

Zweitens. Solidarität und Kooperation mit säkularen MuslimInnen und MigrantInnen. Immer mehr von ihnen melden sich zu Wort. Und es gibt nicht nur die Prominenten, die es auch mal ins Fernsehen schaffen, es gibt auch viele vor Ort, die sich engagieren. Wie z.B. die Gruppe „12th MemoRise“ junger Muslime im Ruhrgebiet, die mit Aktionen gegen Salafismus an die Öffentlichkeit treten. Viele von ihnen werden bedroht. Sie haben Solidarität verdient. Auf solche Leute muss man zugehen. Im Allgemeinen hapert es da noch sehr. Antifa ist, ob sie will oder nicht, eine ziemlich weiße, deutsche, männliche Mittelschichtsveranstaltung. Antifa hat Hausaufgaben. Sie widerspiegelt noch lange nicht die heutige Zusammensetzung der Gesellschaft. Schon deswegen ist sie in ihrer Wirkungsmöglichkeit beschränkt. Ein hervorragendes Beispiel ist die Antifa Saar. Den einen dort sieht man an, dass ihre Großmütter wahrscheinlich auch schon im Saarland geboren sind, die Großmütter der anderen sind vermutlich ein paar tausend Kilometer weiter weg geboren. Was ein lächerlicher äußerer Unterschied. Die machen zusammen die Antifa Saar. Und sie nehmen sich neben den klassischen Antifa-Themen auch den Islamismus vor. Da gibt es dann auch Aktionen unter dem Motto „No Jihad. Stop Boko Haram, Al-Quaida, Hamas, Isis. Keinen Kompromiss mit der Barbarei. Islamismus bekämpfen.“

Drittens. Solidarität mit MuslimInnen und MigrantInnen gegen Diskriminierung und Angriffe. Das ist sowieso selbstverständlich und bedarf keiner weiteren Erläuterung.

Viertens. Das Wichtigste: Das Gift der Kritik in den Köpfen verbreiten. Religionskritik. Ideologiekritik. Kritik der Politischen Ökonomie, also Kapital-ismuskritik. Der Bindestrich zwischen Kapital und ismus soll unterstreichen, dass es notwendig ist, dasjenige zu verstehen, was dem Kapitalismus seinen Namen gibt. Die allermeisten der vermeintlichen KapitalismuskritikerInnen – manchmal hat man ja den Eindruck, als sei seit Beginn der Krise 2008 fast jedeR irgendwie gegen den Kapitalismus – haben allerdings nichts oder kaum etwas vom Kapital verstanden. Da bleibt noch außerordentlich viel zu tun.

Menschliche Emanzipation muss Herrschaft von Zwangsgemeinschaften überwinden . Sei es „Die Deutschen“, sei es „Die Umma“. Sie benötigt kritische, selbstbestimmte und verantwortungsbewusste Individuen. Es geht darum, dass kein Mensch unterworfen wird und dass kein Mensch sich selbst unterwirft. Oder auch: AntiBa – Der Barbarei entgegentreten.

Erschienen in associazione delle talpe / Rosa Luxemburg Initiative Bremen (Hrsg.): Maulwurfsarbeit IV, Bremen 2018, S. 101 – 107 Als pdf-Datei HIER herunterzuladen.

 

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