von Lothar Galow-Bergemann
Ein junger Linker betritt ein großes Zelt. Die SDAJ hat eingeladen. Proppenvoll. Sicher fünfhundert Leute. Kurze Reden. Laute Musik. Transparente gegen Vietnamkrieg, Lehrlingsausbeutung, alte Nazis, Berufsverbote. Und dann der Sänger. Setzt sich auf den Stuhl ziemlich vorne auf der Bühne, Gitarre überm Knie. Es kämen jetzt ein paar notwendige Takte zu den so genannten undogmatischen Linken. Also ihr, mit eurem So- oder So- oder Sozialismus – was macht ihr denn eigentlich wirklich? Ich meine, was kommt denn dabei raus? Ihr produziert Papier. Aber schaut, da drüben steht die DDR. Ja, sie hat ein paar Kratzer. Aber da steht sie. Und sie wird gehasst. Wer hasst die DDR? Die alten Nazis hassen die DDR, die Bildzeitung hasst die DDR, die Vietnamkriegsbefürworter hassen die DDR, die, die euch als Faulenzer und langhaarige Gammler beschimpfen, hassen die DDR. So schlecht kann die DDR nicht sein.
Bald ist der junge Linke in der DKP. Halbe Sachen sind sein Ding nicht. Täglich sieht und erlebt er so viel Unmenschliches, Ungerechtes, Empörendes. Im Kampf für eine bessere Welt wird er zum Leninisten. Bald auch zum Parteisoldaten, der sich selbst so versteht. Keine halben Sachen. Voller Einsatz. Rund um die Uhr. Der Klassenkampf ist hart, da muss man besser organisiert sein als der Gegner. Und eine Revolution ist gewiß das autoritärste Ding, das es gibt. Sagt er nicht immer laut. Aber weiß er. Von Engels. Und ist ja irgendwie auch logisch. Und dass die Arbeiterklasse die richtige Führung braucht, damit sie ihre Interessen auch wirklich erkennt, weiß er auch. Von Lenin.
15 Jahre nach dem Besuch im Zelt bricht die DDR zusammen. Und peu à peu sein Weltbild. Die Arbeiterklasse hat keinen Finger gerührt, um ihre angebliche Macht zu verteidigen. Der immer noch recht junge Linke lernt den Wert von Ent-Täuschung kennen. Die Täuschung hat ein Ende. Genauer gesagt die Selbsttäuschung. Bis dahin war die Welt übersichtlich. Hier Gut, da Böse. Und er auf der richtigen Seite. Er glaubte daran, weil er daran glauben wollte. Das gab Orientierung. Aber jetzt zieht ein nerviges kleines Männlein in seinen Hinterkopf ein: Überprüfe dein Denken. Stimmt es wirklich?
Mit dem Männlein werden die Dinge kompliziert. Hätten er und die seinen die Macht übernommen, hätten sie auch eine Parteidiktatur installiert. Und er hätte sich schuldig gemacht. Langsam, zäh, unter Schmerzen durchdenkt er neu, was ihm bis dato mittels „Klassenanalyse“ geklärt schien: Parteikonzept, Ökologie, Feminismus… Ein ums andere sicher dazu Geglaubte gerät ins Wanken. Hält der Kritik nicht mehr stand. Beim Antisemitismus dauert’s am längsten. Dabei schien gerade das doch immer besonders leicht. Er hat nichts gegen Juden, also Thema erledigt. Stellt sich aber als das Schwierigste heraus. Weltverschwörungs- und Welterlösungsphantasie. Vernichtungswahn. Nie wieder Opfer sein. Vor den Konsequenzen schwindelt ihm.
50 Jahre nach dem Event im Zelt geht ein anderer junger Linker zur Demo. Die Welt ist in einem schrecklichen Zustand. Hunger, Klimakrise, Kriege, Faschos. Und Rente wird er sowieso nie kriegen. Das soll Zukunft sein? Die Zeit drängt. Nicht nur Papier produzieren, was tun. Jetzt. Für eine bessere Welt. Nach der Demo geht er zu seinem Lenin-Lesekreis. Lernt, dass die Arbeiterklasse die richtige Führung braucht und eine Revolution gewiß das autoritärste Ding ist, das es gibt. Dass man die Welt mithilfe des Klassenwiderspruchs zwischen Proletariat und Bourgeoisie verstehen kann. Hier Gut, da Böse. Und er auf der richtigen Seite. Das gibt Orientierung.
Was wird ihn vom Holzweg abbringen? Opas erhobener Zeigefinger sicher nicht. Auch wird die DDR nicht mehr zusammenbrechen. Aber abseits von Demo und Aktiventreff, ganz mit sich allein, dort wo er keine Angst haben muss, mit falschen Fragen aufzufallen, bohrt es irgendwann in ihm. Was ist denn eigentlich aus dem autoritären Sozialismus geworden? Schließlich hatten Lenins Lehren, die so einleuchtend klingen, jahrzehntelang Zeit, sich auszuleben. Ob das Experiment womöglich an sich selbst zugrunde ging? Ob Emanzipation wirklich von oben verordnet werden kann? Ob andere, die schon früher zu zweifeln begannen, vielleicht doch recht hatten?
Er traut sich nicht, das in seiner Gruppe zu sagen. Wer will schon Verräter sein. Aber es lässt ihn nicht mehr los. Er wird nicht resignieren, so wie andere. Auch wenn er nicht mehr zum Lenin-Lesekreis geht, wird er sich weiter für eine bessere Welt engagieren. Gegen Hunger, Klimakrise, Kriege, Faschos. Für das gute Leben für alle. Und er wird es besser machen.
Ich mag ihn. Und wünsche ihm, dass er nicht so lange braucht wie ich damals, um einige entscheidende Dinge zu verstehen. Und dass das kleine Männlein im Hinterkopf sein Freund wird.
[zuerst erschienen am 31.März 2026 bei Mehr-Grau-Kollektiv]