Hannah Arendts Plädoyer für Rätesysteme
von Thomas Tews
Die am 14. Oktober vor 120 Jahren geborene jüdische Philosophin und Publizistin Hannah Arendt stand rein repräsentativen Demokratien kritisch gegenüber und plädierte stattdessen für Formen direkter Demokratie wie Rätesysteme.
In ihrem Buch »Über die Revolution« beschreibt die politische Theoretikerin Hannah Arendt, wie in den Revolutionen des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts Räte bzw. Sowjets auftauchten, die aber nicht die ihres Erachtens verdiente Beachtung fanden:
»Immer wieder erschienen sie auf der Bildfläche des Geschehens als die spontan gebildeten Volksorgane, und sie entstanden nicht nur außerhalb aller Parteien, sie kamen den Parteien und Parteiführern jedesmal wieder gänzlich unerwartet. […] Niemand hat sich wirklich um sie gekümmert, kein Staatsmann und kein Historiker, keine politische Wissenschaft und vor allem keine revolutionäre Tradition. Auch die linke Geschichtsschreibung, deren Sympathie offensichtlich auf seiten der Revolution steht, hat mit ihnen kaum mehr anzufangen gewußt, als ihre Existenz immerhin zur Kenntnis zu nehmen; aber sie meinten stets, es mit offensichtlich zeitweiligen Kampforganen im Befreiungskampf zu tun zu haben, und sahen nicht, in welchem Ausmaß das Rätesystem bereits die künftige Staatsform darstellte und noch mitten in den Wirren der Revolution einen neuen politischen Raum für die Freiheit geschaffen hatte.«i
Mit Blick auf die Russische Revolution bemerkt Arendt, wie Lenin »die Räte, die neuen Organe der Freiheit, der Partei opferte«ii, »die bolschewistische Partei […] das revolutionäre Sowjetsystem aushöhlte und pervertierte«iii und »die Ein-Partei-Diktatur, also angeblich die Diktatur des Proletariats, in Wahrheit die der Berufsrevolutionäre, sich schließlich durchsetzte«iv. Arendt entgegnet »dem bewußten oder unbewußten Ignorieren der Realität der Räte bzw. dem Willen, es dürfe keine demokratische Alternative zu den heutigen Parteiensystemen geben«v mit der Aufzählung von Vorzügen des partizipatorischen Rätesystems gegenüber dem repräsentativen Parteiensystem:
»Aktion und direkte Teilnahme an öffentlichen Angelegenheiten, die innerhalb des Rätesystems lokal begrenzt sind und ihm durchaus entsprechen, sind offenbar tödlich für eine Institution, deren eigentliche Funktion die Nominierung von Abgeordneten und somit der Verzicht auf Macht zugunsten von Repräsentation ist. […] Dies aber heißt, daß die Institution der Partei von vornherein entweder voraussetzt, daß die bürgerliche Teilnahme an öffentlichen Angelegenheiten von anderen öffentlichen Institutionen garantiert wird – was, wie wir sahen, nicht der Fall ist – oder daß solche Anteilnahme gar nicht erwünscht ist, daß die Bevölkerungsschichten, welchen die Revolutionen soeben den Zugang zum politischen Raum eröffnet haben, sich mit Repräsentation zu begnügen haben. […] In allen Revolutionen des zwanzigsten Jahrhunderts hat der Konflikt zwischen dem Parteien- und dem Rätesystem eine entscheidende Rolle gespielt, und der Konflikt drehte sich immer um bloße Repräsentation auf der einen, um direktes Handeln und Teilnahme an öffentlichen Geschäften auf der anderen Seite. Immer waren die Räte Aktionsorgane, immer waren die revolutionären Parteien Repräsentationsorgane, und wiewohl die revolutionären Parteien höchst unwillig die Brauchbarkeit der Räte zum Zwecke des ›revolutionären Kampfes‹ anerkannten, haben sie doch nie davon abgelassen, selbst in diesem begrenzten Zeitraum zu versuchen, sie von innen zu dirigieren und zu zersetzen. Keine Partei, wie revolutionär sie sich auch gebärden möge, hat je daran gezweifelt, daß sie eine wirkliche Verwandlung des Staates in eine Räterepublik nicht würde überleben können. […] Im Grunde haben die Parteien von rechts bis links sehr viel mehr miteinander gemein, als auch die revolutionärste von ihnen je mit den Räten gemein hatte.«vi
Diesem in der Analyse sehr scharfen und wegweisenden Plädoyer Arendts für ein Rätesystem ist eine stärkere Rezeption zu wünschen, wozu dieser Artikel einen kleinen Beitrag leisten möchte.
Anmerkungen:
i Hannah Arendt: Über die Revolution. Herausgegeben von Thomas Meyer. Mit einem Nachwort von Jürgen Förster. Erweiterte Neuausgabe. Piper, München 2020, S. 371.
ii Ebd., S. 96.
iii Ebd., S. 368.
iv Ebd., S. 392.
v Ebd., S. 404.
vi Ebd., S. 405–408.
[zuerst erschienen am 14.Oktober 2026 bei haGalil.com]