Pikettys Plan gegen das Desaster

Der Global Justice Report

von Minh Schredle

Bessere Daseinsfürsorge, halbierte Arbeitszeiten und ein bewohnbarer Planet: Dem »Global Justice Report« von 45 Autor:innen um den Ökonomen Thomas Piketty zufolge ist das machbar, wenn man sich weltweit ans Vermögen der Milliardäre heranwagt. Als wichtigstes Instrument zur Restrukturierung der Weltwirtschaft sollen zwei riesige Fonds fungieren.

Die Glücksforschung hat Katastrophen zu vermelden. Für eine Studie zur weltweiten emotionalen Gesundheit befragte das Institut Gallup im Jahr 2025 Menschen aus 144 Ländern. Sie ergab, dass Sorgen, Stress und Wut im vergangenen Jahrzehnt deutlich zugenommen und sich nach der Covid-19-Pandemie auf hohem Niveau stabilisiert haben. Das World Inequality Lab (Wil), eine Forschungseinrichtung, die Daten zur globalen Wohlstandsverteilung sammelt und aufbereitet, stellt in Aussicht, dass die nahe Zukunft noch düsterer aussehen könnte – davor warnt der Co-Direktor des Wil, Lucas Chancel, für den Fall, dass sich die reaktionären IT-Milliardäre aus dem Silicon Valley mit ihren Vorstellungen weiterhin durchsetzen. Sie träumten von Kolonien auf dem Mars, während eine extrem verarmte Bevölkerung auf der Erde zurückbleiben solle, sagte Chancel am 4. Juni bei der Präsentation des »Global Justice Report«.

45 Autor:innen haben an dem Bericht mitgewirkt, der prominenteste unter ihnen ist Thomas Piketty. Der französische Ökonom meint, im Vergleich zu den IT-Nationalisten fehle es dem internationalistischen und egalitären Lager im derzeitigen Kulturkampf an Energie. Dem wollen die Autor:in­nen mit einem langfristigen Plan abhelfen, denn, so Piketty weiter: »Wir müssen eine Zukunft anbieten, die begehrenswert und ansprechend ist.« Chancel erklärt, ihr Plan bestehe darin, »das System (…) zu verändern, um nicht kopfüber in ein Desaster zu rennen«.

Thomas Piketty meint, im Vergleich zu den IT-Nationalisten fehle es dem egalitären Lager im derzeitigen Kulturkampf an Energie. »Wir müssen eine Zukunft anbieten, die begehrenswert und ansprechend ist.«

Dieses Desaster zeichnet sich seit geraumer Zeit nicht mehr nur in Pro­gnosen ab, besonders deutlich an unbewohnbar werdenden Erdregionen. Zugleich steigen die globalen Treib­hausgasemissionen immer weiter: Der jüngste Bericht über das »Global Carbon Budget« stellt fest, dass diesbezüglich im vergangenen Kalenderjahr erneut ein noch nie dagewesener Höchststand erreicht worden sei. Bei allen fossilen Brennstoffen stieg der Verbrauch: im Vergleich zum Vorjahr um 0,8 Prozent bei der Kohle, ein Prozent beim Erdöl und 1,3 Prozent beim Erdgas. Am meisten beigetragen zu dem neuen Allzeitrekord bei den freigesetzten Treibhausgasen haben die USA und Indien, aber auch in der EU gibt es ein leichtes Plus.

Steigende Treib­hausgasemissionen und Temperaturen

Bis die Emissionen ihre volle Wirkung aufs Klima entfalten, ist mit einem Zeitverzug von circa zehn bis 20 Jahren zu rechnen. So lange muss man aber keineswegs auf alarmierende Meldungen warten: Seit Temperaturen erfasst werden, ist in Westeuropa noch nie ein heißerer Juni gemessen worden als in diesem Jahr. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts gab es in der Geschichte der Bundesrepublik noch nie mehr Todesfälle an einem einzelnen Tag als am 28. Juni – als Temperaturen in vielen Orten zum dritten Mal in Folge über 40 Grad erreichten und in teilweise nicht klimatisierten Notaufnahmen keine angemessene Behandlung von Patient:in­nen mehr möglich war.

Die Forderung, dass die Wirtschaft dafür nachhaltiger werden müsse, damit der Planet bewohnbar bleibe, war eine Zeitlang sehr präsent in der öffentlichen Debatte. Lange vor den Protesten von Fridays for Future und anderen wurde Severn Suzuki bekannt als »das Mädchen, das die Welt zum Schweigen brachte«: nachdem sie als Zwölfjährige eine Rede vor den Vereinten Nationen gehalten hatte, bei der Konferenz über Umwelt und Entwicklung 1992 in Rio de Janeiro, auf der erstmals globale Vereinbarungen zum Klimaschutz getroffen wurden. Damals belief sich der globale CO2-Ausstoß auf circa 22 Milliarden Tonnen pro Jahr, 2025 waren es 38 Milliarden Tonnen.

Trotz eines tödlichen Sommers mit sicherer Aussicht auf weitere Verschlimmerung in den kommenden Jahren scheint das Medieninteresse an einer Diskussion darüber eher abzuebben.

Das Problem ist schon lange bekannt. Kompliziert bleibt die Frage, wie es in den Griff zu bekommen ist. Trotz eines tödlichen Sommers mit sicherer Aussicht auf weitere Verschlimmerung in den kommenden Jahren scheint das Medieninteresse an einer Diskussion darüber eher abzuebben. Über den »Global Justice Report« wurde hierzulande kaum berichtet. Dabei stehen die Pläne von Piketty und Co. in scharfem Kontrast zu denen der Bundesregierung und könnten durchaus als Anstoß für eine größere Debatte dienen.

Während die Republik es sich leistet, Vermögen nicht zu besteuern, wird bei der Gesundheitsvorsorge gespart, die Krankschreibung erschwert und beim Klimaschutz gebremst. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) fordert von der Bevölkerung, mehr zu arbeiten. Die Vorschläge aus dem »Global Justice Report« zielen auf das Gegenteil. In ihrem Szenario für die Entwicklung bis zum Jahr 2100 heißt es: »Beinahe 90 Prozent der Weltbevölkerung verdoppeln ihr Einkommen, während sie halb so viele Stunden wie heute arbeiten.« Aus durchschnittlich 2.100 Arbeitsstunden pro Jahr sollen demnach circa 1.000 werden. Zugleich sollen die Ausgaben für Gesundheit und Bildung weltweit stark steigen. Dabei wird angestrebt, die Lebensstandards des sogenannten Globalen Südens und die des Nordens anzugleichen. Derzeit liegen die Ausgaben für Gesundheit dem Bericht zufolge je nach Weltregion zwischen 110 Euro und 8.300 Euro pro Kopf und Jahr. Bis zum Ende des Jahrhunderts sollen sie sich im Szenario des »Global Justice Report« auf dem Niveau von 14.400 Euro annähern. Zugleich nimmt in diesem Zukunftsentwurf die Dekarbonisierung der Weltwirtschaft einen zentralen Platz ein, um die Erderhitzung auf circa 1,8 Grad im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter zu begrenzen.

Umverteilung in noch nie da gewesenem Maßstab

Für die finanzielle Grundlage schwebt den Autor:innen eine Umverteilung in noch nie da gewesenem Maßstab vor. »Der Anteil der ärmeren Hälfte« der Weltbevölkerung »am globalen Wohlstand nimmt von zwei Prozent auf 30 Prozent zu, während der Anteil der Milliardärsklasse von sechs Prozent auf 0,05 Prozent sinkt«, heißt es im Szenario. Dafür schlagen die Wissenschaftler:innen eine globale Vermögensteuer in Höhe von 20 Prozent für Milliardäre vor. Und außerdem eine globale Einkommensteuer mit einem Spitzensatz von 90 Prozent für diejenigen, die im weltweiten Maßstab am allerbesten verdienen.

Springers Welt schlägt Alarm. Als eine der wenigen deutschen Zeitungen, die überhaupt über den Report berichtet hat, warnt sie vor einem »Verarmungsprogramm für Milliarden von Menschen«. Was da als wissenschaftliche Studie verkauft werde, sei in Wahrheit »das Manifest einer globalen Planwirtschaft«. Das eigentliche Ziel sei es, die Marktwirtschaft abzuschaffen.

Das klingt vielversprechend, wird aber Pikettys Standpunkt nicht gerecht. Als 2014 sein breit diskutiertes Buch »Das Kapital im 21. Jahrhundert« erschien, betonte er im Gespräch mit der FAZ: »Ich bewundere den Kapitalismus, ich bewundere das Privateigentum und ich bewundere die Marktwirtschaft.« Auch wenn der Titel des Buchs an das Hauptwerk von Karl Marx gemahnt, bleiben die Gemeinsamkeiten überschaubar. Pikettys Vorgehen ist quantitativ, seine Untersuchungen sind voller Zahlen und Diagramme, die eindrucksvoll belegen, wie ungleich das globale Vermögen derzeit verteilt ist. Zugleich verweist Piketty regelmäßig darauf, dass die Unterschiede zwischen Arm und Reich nicht immer so groß waren. Bereits 2014 befand er, in den USA sei die soziale Ungleichheit »höher als in jeder anderen Gesellschaft – und das seit Menschengedenken und überall auf der Welt«. Das war noch lange bevor Elon Musk zum ersten Billionär überhaupt wurde. (Das Magazin Forbes schätzte Musks Vermögen damals auf 10,3 Milliarden US-Dollar; als reichsten Mensch der Welt nannte es Bill Gates mit 76 Milliarden.) Und schon damals urteilte Piketty, die einseitige Wohlstandsverteilung begründe eine »Tendenz hin zu einer Oligarchie«.

Nach den Vorstellungen der Autor:in­nen soll der sogenannte World Sov­ereign Fund, ein »aktives Portfolio mit nachhaltigen Anlagen«, auf ein Volumen von ungefähr 60 Prozent des globalen BIP anwachsen.

Auch der jüngst erschienene »Global Justice Report« versteht sich keineswegs als Abgesang auf Warentausch und -produktion, sucht keinen Bruch mit der Logik des Kapitals. Vielmehr liegt dem Bericht die Kernidee zugrunde, dass mehr Menschen von Aktien profitieren sollten – so wie es derzeit vor allem die Reichen tun. Dem aktuellen »Global Wealth Report« der Boston Consulting Group zufolge wächst die Kluft zwischen Arm und Reich weiter. Die »Tagesschau« zitiert Michael Kahlich, einen Co-Autor der Studie: »Die Konzentration des Vermögens an der Spitze nimmt weiter zu – wer mehr hat, kann breiter streuen und in renditestärkere Anlageklassen wie Aktien oder Private Equity investieren.« Der Vermögenszuwachs entsteht demnach nicht durch hochgekrempelte Ärmel leistungswilliger high performer. Wirklich reich wird man vor allem durch Gewinne an den Aktienmärkten.

Piketty und Co. wollen nach dem Vorbild des Norwegischen Staatsfonds nicht allein Privatinvestoren von der Vermögensanlage profitieren lassen, sondern die gesamte Menschheit. Als wichtigstes Werkzeug dafür schweben den Autor:innen des »Global Justice Report« zwei riesige Fonds vor, die zunächst mit dem Geld der Milliardäre aufgebaut werden und sich später durch Rendite tragen sollen. Dabei geht es um gewaltige Größenordnungen. Nach den Vorstellungen der Autor:in­nen soll der sogenannte World Sov­ereign Fund, ein »aktives Portfolio mit nachhaltigen Anlagen«, auf ein Volumen von ungefähr 60 Prozent des globalen BIP anwachsen.

Fonds als Vergesellschaftung?

Das geht teilweise sogar zaghaft in Richtung Vergesellschaftung: Dem Bericht zufolge sollen die geplanten Fonds einen größer angelegten Versuch darstellen, die Struktur des Eigentums generell zu transformieren, indem eine neue Form von »gemischtem Eigentum« etabliert wird. Ein Teil der Börsengewinne soll bei Unternehmen reinvestiert werden. Daneben ist eine »Länderdividende« vorgesehen, durch die Geld aus den globalen Fonds an die Nationalstaaten fließt. Dabei soll der ausgezahlte Betrag proportional zur Bevölkerungsgröße eines Landes sein und an Auflagen geknüpft werden, zum Beispiel dass die ausgeschüttete Summe für Investitionen in den Klimaschutz, die Gesundheitsvorsorge oder Bildung genutzt werden muss.

Durch nachhaltige Investitionen die Börse begrünen – diese Idee hatte bereits Larry Fink, CEO und Mitgründer des weltgrößten Vermögensverwalters Blackrock. Er fragte 2020 in einem Rundbrief an die wichtigsten Blackrock-Stakeholder, wie langjährige Verträge noch funktionieren sollen, beispielsweise Hypotheken über 30 Jahre, »wenn Kreditgeber nicht mehr in der Lage sind, die Folgen von Klimarisiken über einen derart langen Zeitraum abzuschätzen«. Er schreibe das »nicht als Umweltschützer«, sondern »als Kapitalist«. Als solcher brauche er Planungssicherheit.

Bislang allerdings ist die Art Vermögensanlage, die ökologische Folgen einrechnet, bei der globalen Investitionspraxis noch nicht zum Mainstream avanciert. Der »Global Justice Report« will grünes Wachstum; die Profitabilität soll nicht das alleinige Kriterium bei der Frage sein, wo Geld investiert wird. Dafür soll eine demokratische Plattform im globalen Maßstab eingeführt werden, bei der das Prinzip gilt: ein Kopf, eine Stimme. Hier zeigt sich aber zugleich eine große Schwachstelle. Denn der Report setzt bei seinen Prognosen bis 2100 voraus, dass die demokratische Mehrheit schon so abstimmen werde, dass es zu seinen Szenarien passt, etwa mit Blick auf das notwendige Maß an Dekarbonisierung. Schaut man sich an, welche politischen Kräfte derzeit Erfolge feiern können, scheint das mehr als optimistisch.

Bislang fehlen die Institutionen, die so etwas wie eine globale Vermögenssteuer überhaupt rechtskräftig einführen könnten. Dem steht die Standortkonkurrenz um die Gunst des Kapitals rivalisierender Nationen entgegen

Eine wohl noch größere Schwierigkeit dürfte sein, wie sich die vielen Nationalstaaten auf diesem Planeten überhaupt auf ein gemeinsames und verbindliches Vorgehen einigen sollen. Bislang fehlen die Institutionen, die so etwas wie eine globale Vermögenssteuer überhaupt rechtskräftig einführen könnten. Dem steht die Standortkonkurrenz um die Gunst des Kapitals rivalisierender Nationen entgegen, die sich gegenseitig mit Steueroasen und deregulierten Handelszonen unterbieten. Wenn da nun künftig die ganze Welt an einem Strang ziehen soll, mit verbindlichen Mindeststandards im globalen Maßstab, bräuchte es dafür wohl ein in der Menschheitsgeschichte bislang noch nie beobachtetes Ausmaß an diplomatischem Geschick. Man führe sich nur vor Augen, worüber im Europaparlament teils gestritten wird.

Auf diese Kritik hin hat Piketty der französischen Zeitung Le Monde einen Vorschlag unterbreitet, für den sich vielleicht sogar der US-Präsident begeistern könnte: Länder, die nicht mitmachten, könnten mit Ausgleichszöllen belegt werden. Im Nachsatz betont der Ökonom allerdings, dass der Report nicht als fertiger Fahrplan zu verstehen sei, sondern als Arbeitsgrundlage im Rahmen einer größeren Debatte. Und da sei es eine wichtige Botschaft, dass die materiellen Grundlagen, dem Großteil der Menschen ein auskömmliches Leben zu ermöglichen, durchaus vorhanden seien.

»Mit den modernen Produktionsmethoden ist die Möglichkeit gegeben, dass alle Menschen sicher und behaglich leben können; wir haben es stattdessen vorgezogen, dass sich manche überanstrengen und andere verhungern. Bisher sind wir noch immer so energiegeladen arbeitsam wie zu der Zeit, als es noch keine Maschinen gab; das war sehr töricht, aber sollten wir nicht irgendwann einmal gescheit werden?« Diese Frage wurde schon häufiger aufgeworfen, zum Beispiel 1932 vom Philosophen Bertrand Russell in seinem »Lob des Müßiggangs«.

Auf der einen Seite stehen die spektakulären Produktivitätssteigerungen der vergangenen Jahrzehnte – auf der anderen verelendende Massen und ein verwüsteter Planet. Dass eine Zukunft, die »begehrenswert und ansprechend« (Piketty) ist, anders aussieht, wäre eine Einschätzung, die vermutlich viele Menschen teilen würden. Debatten auszulösen, wie sich die gesellschaftlichen Verhältnisse neu strukturieren ließen, erscheint daher grundsätzlich sinnvoll. Und wo die großen Kuchenstücke außer Reichweite scheinen, sind ein paar Krümel manchmal besser als gar nichts.

[zuerst erschienen in Jungle World 2026/32 v. 6. August 2026]