Wie der Westen lernte, die Sprache des arabischen Nationalismus zu sprechen

von Dastan Jasim

Antikurdische Gewalt durch Regime, Ideologien und politische Bewegungen in arabischen Ländern ist für Dastan Jasim Ausdruck eines geteilten rassifizierenden Verständnisses der kurdischen Präsenz als unvereinbar mit politischer Ordnung. Zugrunde liegt ihr eine pseudoantiimperialistische Lesart der Geschichte des Nahen Ostens, in der Araber:innen als das einzig wahre indigene politische Subjekt gelten. Westliche Länder haben diese Lesart übernommen.

„Es gibt kein Syrien“, sagte Nesrîn Abdullah, ranghohe Kommandantin und Sprecherin der Yekîneyên Parastina Jin, der kurdischen Frauenverteidigungseinheiten YPJ, kürzlich auf einer Pressekonferenz. Mit diesem Satz erfasste sie, in Arendt’schen Begriffen, die Banalität der wiederholten ethnisch und religiös motivierten Tötungen, die es seit der Machtübernahme des ehemaligen Al-Qaida-Terroristen Ahmed al-Sharaa im Dezember 2024 in Syrien gegeben hat. Für Abdullah, die in der YPJ gedient und den Islamischen Staat in Irak und Syrien mit besiegt hat, ist Syrien weniger ein Staat als das Produkt einer Anhäufung von Massakern. In ihren Worten lag die Erkenntnis, dass die Lage in Syrien gerade für Kurd:innen nie eine andere gewesen ist.

Wenn Gewalt so leicht fällt und sich so oft wiederholt, stellt sich die Frage: Wodurch wird sie befördert, und wie wird sie gerechtfertigt? Unter dem Banner jener Kriegsmüdigkeit, die vor allem in den USA mit Blick auf Syrien und den Nahen Osten immer wieder beschworen wird, präsentieren Teile des westlichen politischen und analytischen Diskurses den Rückzug als ethische Zurückhaltung und die Nichtintervention als Klugheit. Deshalb griff auch im jüngsten Konflikt niemand ein. Ein kurzer Blick zurück auf den Januar 2026 zeigt das Ausmaß des Problems. Nach tagelangen erbarmungslosen Angriffen der Streitkräfte der syrischen Übergangsregierung flohen über 150 000 kurdische Zivilist:innen aus den mehrheitlich kurdischen Vierteln Aleppos. Syrische Truppen töteten Dutzende. Berichte dokumentieren, wie syrische Kämpfer Zivilist:innen entführten, Geflüchtete umstellten, sie zwangen, sich auf den Boden zu setzen, und sie mit Beschimpfungen überzogen: Schweine, Ungläubige. Ein Kämpfer der syrischen Übergangsregierung warf den Leichnam einer kurdischen Kämpferin von einem Gebäude. Ein anderer präsentierte stolz einen geflochtenen Zopf, abgeschnitten vom Kopf einer kurdischen Kämpferin.

Auf diese Kampagne offener antikurdischer Gewalt folgte die rasche Einnahme der mehrheitlich arabischen Gebiete östlich des Euphrats, die bis dahin unter Kontrolle der kurdisch geführten Syrian Democratic Forces (SDF) gestanden hatten, durch die Kräfte der syrischen Übergangsregierung. Zu sehen waren jubelnde Mengen, die feierten, was als Befreiung von „kurdischer Besatzung“ inszeniert wurde. Dabei waren es kurdisch geführte Kräfte gewesen, die den IS nur wenige Jahre zuvor aus eben diesen Gebieten vertrieben hatten. Die Truppen der syrischen Übergangsregierung, in deren Reihen genau jene Kämpfer standen, die dem Anführer des IS, Abu Bakr al-Baghdadi, nach seiner Niederlage in Idlib Unterschlupf gewährt hatten, übernahmen die Kontrolle über Gefängnisse voller Mitglieder des IS. Diesen Angriffen auf die Kurd:innen vorausgegangen waren die Ermordungen von Alawit:innen in Latakia, von Christ:innen in Damaskus und Drus:innen in Suweida. Trotz dieser mörderischen Chronik reiste al-Sharaa nahtlos von Washington nach Paris, von New York nach Moskau, überbrückte scheinbar alle geopolitischen Gräben und schuf Fakten, im Wissen, dass die Welt seiner Strategie eines „vereinten Syriens“ viel Zustimmung entgegenbringt. In manchen westlichen Hauptstädten ist die Aussicht auf einen syrischen Machthaber, der sich mit geringem Aufwand handhaben lässt, hochwillkommen.

Die Logik der Ausgrenzung ist in Syrien dieselbe geblieben. Verändert hat sich die Bereitschaft internationaler Beobachter:innen und politisch Verantwortlicher, diese Logik zu übernehmen, zu reproduzieren und zu rechtfertigen. Sie bedienen sich einer globalen technokratischen Sprache, die sich mit zutiefst antimodernen Vorstellungen von Nation und Ethnizität vermengt. Sie greifen auf die Darstellung des arabischen Nationalismus zurück, wonach Kurd:innen Marionetten des Auslands seien, fremde Körper, deren bloße Existenz eine Provokation darstelle. Diese Kommentator:innen verwandeln arabische Vorherrschaft in „Stabilität“, während sie jede Infragestellung dieser Herrschaft als unnötige Störung eines ohnehin fragilen Gleichgewichts zeichnen. Die kurdische politische Präsenz erscheint in dieser Lesart als Unruheherd, der schon durch seine Artikulation, durch seine bloße Existenz Instabilität erzeugt. Dass es sich um eine indigene Kontinuität handelt, um eine defensive Antwort auf existenzielle Bedrohung, kommt darin gar nicht erst vor. So erscheint Gewalt gegen Kurd:innen als unglückliche Folge komplexer Umstände, westlicher Kriegsmüdigkeit und konkurrierender Ansprüche. Der mörderische Rassismus und die politische Ausgrenzung, die Kurd:innen mit ihrem Leben bezahlen, verschwinden hinter dieser Kulisse.

Kein uralter Hass: ein geschaffenes System der Verleugnung

Angesichts dieser Rahmung überrascht es kaum, dass sich manche Berichte und Analysen noch weiter von der Realität entfernt haben. Manche Journalist:innen zitierten unkritisch „die Einwohner:innen Raqqas“ als authentischen Ausdruck des Volkswillens und machten die Reaktionen der arabischen Mehrheit so zum neutralen Barometer der Legitimität. Die zahlreichen kurdischen Bewohner:innen der Stadt wurden dabei schlicht übergangen. Solche Berichte positionieren Kurd:innen implizit als Urheber:innen des Ressentiments, das ihnen entgegenschlägt, und zeichnen sie als fremde Herrscher, deren Sturz die soziale Ordnung erst wiederherstelle. Die iranischstämmige deutsche Journalistin Golineh Atai vom ZDF etwa stand vor dem Camp al-Roj, aus dem soeben hunderte Familienangehörige von Mitgliedern des IS freigekommen waren, und behauptete, diese seien der kurdischen Bewachung entkommen. Sie sprach von ihrer Sorge, Mazloum Abdi habe seine Streitkräfte nicht unter Kontrolle, und von Araber:innen, die vor Angst „zitterten“, weil es in den vergangenen zehn Jahren böses Blut zwischen ihnen und den Kurd:innen gegeben habe. Dieses Framing schiebt die gesamte Verantwortung den Kurd:innen zu und porträtiert die Araber:innen zugleich als Opfer ohne Agency. Atai behauptete außerdem, „ein Krieg“ sei „verhindert“ worden, als hätte es die Dutzenden ermordeten Kurd:innen, die humanitäre Belagerung kurdischer Gebiete und die auf Video dokumentierte rassifizierende Gewalt nie gegeben. Diese performative Inszenierung ausschließlich arabischer Narrative als „Authentizität“ verleugnet und eliminiert kurdische Verluste, Vertreibung und Tod.

In ähnlicher Manier fragte kürzlich ein Artikel im Spiegel, „welches Spiel die mächtigste Kurden-Miliz in Syrien treibt“, und zeigte damit, wie selbst vermeintlich kritische Berichterstattung den Verdacht auf kurdische Akteure projiziert. Dieses Framing setzt Doppelzüngigkeit und versteckte Agenden auf kurdischer Seite voraus, während das Handeln der umgebenden arabischen und türkischen Akteure als bloße Rahmenbedingung durchgeht und keiner vergleichbaren Prüfung unterzogen wird. Kurdische Selbstverwaltung erscheint als Rätsel oder als Bedrohung. Dass es sich um ein politisches Projekt mit historischen Wurzeln, sozialer Legitimität und klar formulierten Zielen handelt, bleibt außen vor. Die Frage lautet nie, wogegen Kurd:innen sich verteidigen. Sie lautet, was sie im Schilde führen. Diese Umkehrung spiegelt dieselbe rassifizierende Einbildung, die den regionalen Diskurs seit langem beherrscht, wonach Kurd:innen bestimmte angeborene Eigenschaften besäßen, nun übersetzt in die Sprache des Investigativjournalismus.

Diese Scharade angeblicher Berichterstattung vor Ort hat der sich ausbreitenden Gewalt gegen Kurd:innen ihre politische Bedeutung genommen. Bestenfalls präsentieren solche Analysen den Konflikt zwischen Arabern und Kurden als Folge uralten Hasses oder wechselseitiger Vorurteile, als wäre die Gewalt organisch aus ungelösten kommunalen Spannungen erwachsen. Häufig heißt es auch, die Gewalt der vergangenen zehn Jahre kurdischer Kontrolle über ehemalige Gebiete des IS sei vor allem von Kurd:innen ausgegangen. Diese Erklärung entleert den Konflikt seines politischen Gehalts und fungiert als eine Form der Verleugnung. Auf dem Spiel steht der Erfolg des modernen politischen Projekts Syrien, das die kurdische Existenz als unvereinbar mit Ordnung, Fortschritt und nationaler Souveränität definiert hat. Mit dem Fortbestehen prämoderner Feindseligkeiten hat das nichts zu tun. Der Ausschluss der Kurd:innen war auch kein Überbleibsel von Rückständigkeit. Er gehörte zu den Instrumenten, mit denen sich Syrien als moderner Staat artikulierte.

Die Geschichte antikurdischer Ideologie

Der Fall Syrien illustriert die Logik des Antikurdischen mit besonderer Klarheit. Die Arabisierungspolitik der Mitte des 20. Jahrhunderts war konstitutive Praxis, durch die der Staat festlegte, wer dazugehörte und wer nicht. Von einem Randexzess oder einem politischen Betriebsunfall kann keine Rede sein. Die sogenannte Studie der kurdischen Region Syriens aus dem Jahr 1963 (Dirasat ʿan Muhafazati al-Jazirati min al-Nawahi al-Qawmiat al-Siyasiat al-Aijtimʿaeia, „Eine Studie der Provinz Al-Jazira aus nationaler, politischer und sozialer Perspektive“) von Mohammed Talib Hilal, einem ba’athistischen Offizier von Militär und Polizei in Syrien, brachte eine Weltsicht zum Ausdruck, in der die kurdische Präsenz als existenzielle Bedrohung galt, vergleichbar mit Israel selbst, das Hilal verächtlich „Yahudistan“ nannte: „Judenland“, gebildet nach dem Muster von Kurdistan. Hilal warf die kurdische Existenz in dieselbe Kategorie des ewigen Feindes wie die Israelis. Araber:innen, so seine These, müssten Kurdistan und Israel gleichermaßen mit einem umfassenden Plan begegnen statt nur partiell oder ad hoc, denn beide seien Vehikel imperialer Intervention gegen den arabischen Nationalismus. In diesem Rahmen brauchte man sich mit kurdischen politischen Ansprüchen weder auseinanderzusetzen noch über sie zu verhandeln, denn die kurdische Existenz lag außerhalb des Bereichs legitimer Politik. Hilals Studie lieferte die Rechtfertigung für den „arabischen Gürtel“ (al-Hizām al-ʿArabī) der syrischen Regierung: die Ansiedlung arabischer Bevölkerung im Nordosten Syriens, um die Region weniger kurdisch zu machen.

Diese antikurdische Logik stand weder im Widerspruch zum religiösen Fundamentalismus, noch wurde sie durch den säkularen Modernismus neutralisiert. Arabischer Nationalismus und politischer Islam fanden wiederholt in demselben rassifizierenden Verständnis der kurdischen Präsenz zusammen, das Kurd:innen als unveränderliche, fremde und inhärent minderwertige Gruppe zeichnet. Diese Konvergenz zeigt sich mit brutaler Klarheit an Saddam Hussein, der ba’athistische Modernisierungsrhetorik mit islamischer Symbolik verband und zugleich während der Operation Anfal 1988 genozidale Gewalt gegen Kurd:innen als rationalen Akt der Staatserhaltung verübte. In Syrien behandelten ba’athistische Figuren wie Salah Jadid, gern als Neomarxist bezeichnet, obwohl seine politische Karriere ausgerechnet in der Syrischen Sozialen Nationalistischen Partei (SSNP) begann, der Schwesterpartei der Nazis, sowohl den Islam als auch die kurdische Gesellschaft als rückständige Kräfte, die im Namen des Fortschritts unterdrückt werden müssten. Für Syriens alawitische Eliten fungierte der extreme arabische Nationalismus als Modus der Integration in eine sunnitische arabische politische Landschaft, so wie der palästinensische Nationalismus historisch palästinensischen Christ:innen als Vehikel der Zugehörigkeit diente. Der Modernisierungsrassismus stand in keinem Widerspruch zu religiöser oder nationalistischer Ideologie. Er wirkte durch beide hindurch und schuf eine langlebige Grammatik, in der es immer wieder als Fortschritt gelten konnte, Kurd:innen zu töten, ihre Kultur zu zerstören, sie als wegwerfbar zu behandeln.

Die Wiederholung antikurdischer Gewalt über Regime, Ideologien und politische Bewegungen hinweg folgt einer Genealogie. Mit Zufall hat sie nichts zu tun, ebensowenig mit schlichten Antipathien auf arabischer Seite, die erst nach dem Krieg gegen den IS und der angeblichen Besetzung arabischer Gebiete entstanden wären. In ihr zeigt sich eine tiefe und, wie die ba’athistische Ideengeschichte belegt, hochentwickelte, wohldefinierte Ideologie des antikurdischen Rassismus. Sie bezeugt ein geteiltes rassifizierendes Verständnis der kurdischen Präsenz als unvereinbar mit politischer Ordnung und eine pseudoantiimperialistische Lesart der Geschichte des Nahen Ostens, in der Araber:innen als das einzige indigene politische Subjekt gelten. In diesem Rahmen erscheint die kurdische Existenz entweder als imperiale Fabrikation oder als demographische Bedrohung, nie als legitime historische Kontinuität. Dieses ideologische Rosinenpicken erlaubte es dem arabischen Nationalismus und späteren islamistischen Bewegungen, der Reflexion über die eigenen Herrschaftsformen auszuweichen und kurdischen Widerstand als Kollaboration, Abweichung oder Verrat darzustellen.

Die Schwächung des Regimes von Assad seit Beginn der syrischen Revolution und des Bürgerkriegs im Jahr 2011 brachte diese rassistische Logik keineswegs zum Einsturz. Sie setzte sich fast nahtlos im Diskurs der Opposition gegen Assad fort, die kurdische Autonomie als Fragmentierung, Verschwörung oder Fremdsteuerung darstellte. Von Selbstverteidigung war darin keine Rede. Unabhängig von ihren jeweiligen Praktiken, Allianzen oder ideologischen Bekenntnissen zeichneten diese Oppositionsgruppen kurdische politische Organisation durchgängig als illegitim. Die rassistischen Vorstellungen blieben intakt, während Banner, Slogans und Schutzherren wechselten. Diese Kontinuität erklärt, warum sich die Allianzen zwischen syrischen islamistischen Milizen und der Türkei so leicht rechtfertigen ließen, die die kurdisch geprägte Region Afrin im Nordwesten Syriens und mehrheitlich kurdische Städte im Nordosten wie Serêkaniyê, arabisch Ras al-Ayn, und Girê Spî, arabisch Tal Abyad, angriffen. Dasselbe rassistische Bild der Kurd:innen brach sich Bahn, als der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan während seiner Offensive gegen die syrischen Kurd:innen 2019 indirekt den „arabischen Gürtel“ beschwor. Der Nordosten Syriens sei „praktisch Wüste“, behauptete er, und die Araber:innen die „wahren Besitzer“ der Stadt Manbij. Währenddessen wies er auf eine Karte, auf der die mehrheitlich kurdischen Regionen, von den kurdischen Gebieten der Türkei nur durch die willkürlich gezogene Staatsgrenze zwischen Syrien und der Türkei getrennt, als jene Gebiete markiert waren, die die Türkei als „Sicherheitszone“ besetzen wollte.

Kurdenhass, reproduziert als Expertise

Die strukturelle Natur des antikurdischen Rassismus zeigt sich am deutlichsten in den konkreten Momenten, in denen kurdische politische Agency bewertet, interpretiert und gemaßregelt wird, weit mehr als in abstrakten Erklärungen. Einer dieser Momente, heute weitgehend vergessen, ist der Austausch zwischen Leyla Zana, als Kurdin ehemalige politische Gefangene des türkischen Staates, und Leila Khaled, palästinensische Flugzeugentführerin, auf einer Frauenkonferenz 2013. Zana vertrat eine Position der Koexistenz: Der palästinensische Befreiungskampf müsse die Auslöschung eines anderen Volkes gar nicht erst verlangen, und Frieden zwischen Völkern setze gegenseitige Anerkennung voraus, auch unter Bedingungen der Besatzung. Khaled wies diesen Rahmen kategorisch zurück. Sie lehnte jede Form von Anerkennung ab, die Israels Fortbestand erlauben würde, und zog eine starre Grenze zwischen nationalen Anliegen, die als legitim gelten, und solchen, die als unversöhnlich abgeschrieben werden, etwa, weil das Auslöschen des einzigen jüdischen Staates der Welt nicht ihre Minimalforderung ist.

Damals verstanden viele Kurd:innen dies als eine Meinungsverschiedenheit, die allein den Konflikt zwischen Israel und Palästina betraf. Im Rückblick legte der Austausch eine tieferliegende politische Grammatik offen: Arabische und palästinensische nationale Anliegen gelten als indigen, absolut und unverhandelbar, während die Existenz der Kurd:innen als Nation, wie die der jüdischen Israelis, als konditional, zweitrangig und auf unbestimmte Zeit aufschiebbar behandelt wird. Kurdische Beteiligung an arabischen politischen Kämpfen belegt somit weniger eine gegenseitige Solidarität als vielmehr eine ungleiche Beziehung, in der kurdischer Einsatz für die arabische Sache erwartet und mobilisiert wird, während die arabische Anerkennung des kurdischen Kampfes nie Teil des politischen Deals war.

Diese Asymmetrie bleibt keineswegs auf regionale politische Bewegungen beschränkt. Sie wandert nahtlos in den westlichen akademischen und politischen Diskurs, wo sie in der Sprache des Pragmatismus, der Stabilität und des Risikomanagements neu formuliert wird. Ein vielsagendes Beispiel liefert Charles Lister, Resident Fellow am Middle East Institute in Washington, D.C. Lister schreibt: „for years, the SDF had proven a loyal and dependable local partner, but at the end of the day, it was a non-state actor, whose Kurdish base had long been a trigger for wider instability, both inside Syria and, to an extent, beyond it“. Kurdische Beiträge erwähnt Lister durchaus, wenn auch flüchtig. Aufschlussreich ist etwas anderes: Seine Formulierung verortet die Instabilität in der kurdischen Existenz selbst. Loyalität, Effektivität und Opferbereitschaft treten zurück hinter eine ethnische Diagnose, die die kurdische Präsenz als inhärent destabilisierend fasst, als intrinsische Bedrohung. Türkische Militäraggression, dschihadistische Gewalt und Jahrzehnte der Repression durch den arabischen Nationalismus verschwinden aus der Analyse, ersetzt durch die Annahme, die bloße Existenz der Kurd:innen sei das eigentliche Problem, das es zu managen gelte.

Eine ähnliche Logik ist in der Analyse Ostsyriens des Princeton-Akademikers Faris Zwirahn am Werk, in der kurdische Selbstverwaltung durch die Behauptung delegitimiert wird: „These cadres are often foreign nationals (mainly from Turkey and Iraq) rather than Syrians“. Die Beobachtung wird als Beweis kurdischer Fremdheit präsentiert, während der syrische Staat tausende ausländische Kämpfer, darunter uigurische Dschihadisten, in seine Streitkräfte integriert hat, ohne dass dies vergleichbar hinterfragt würde. Der Streitpunkt liegt in der ungleichen Interpretation, kaum in der faktischen Richtigkeit. Solche Analysen deuten kurdische grenzüberschreitende Bindungen als Infiltration und demographische Manipulation, während die Militarisierung ausländischer, nichtarabischer Kämpfer auf Seiten arabischer Staaten entweder ignoriert oder als Kriegsnotwendigkeit normalisiert wird. Was hervortritt, ist eine Hierarchie der Legitimität, in der kurdische Mobilität per definitionem verdächtig ist, während die Praktiken arabischer Staaten von entsprechender Kritik verschont bleiben.

Noch deutlicher zeigt sich dieses Muster in der Arbeit von Analysten wie Hassan I. Hassan, Gründer und Chefredakteur des New Lines Magazine, und Rasha al-Aqeedi, Autorin desselben Magazins, deren Kommentare kurdische Autonomie als fremdgesteuerte Disruption darstellen. Dass es sich um eine indigene politische Antwort auf existenzielle Bedrohung handeln könnte, hat in dieser Deutung keinen Platz. Hassan etwa behauptet, die SDF habe „never won a battle without close U.S. air support“, anders als Hayat Tahrir al-Sham (HTS), die dschihadistische Gruppe, die al-Sharaa an die Macht brachte. Tatsächlich verdankt HTS ihren Erfolg jahrelanger türkischer Finanzierung, der Präsenz des einzigen UN-Korridors für humanitäre Güter in ihrem Gebiet sowie der umfangreichen Unterstützung des Westens im De-Listing von HTS-Leuten von Terrorlisten, weiten EU- und US-Unterstützungsformaten und einer breiten internationalen Legitimierung.

Kurdische Institutionen erscheinen in diesen Analysen als Proxys, als bloße Instrumente oder als ungewollte Nebenfolgen westlicher Intervention. Solche Denkfiguren erinnern an Mohammed Talib Hilal. Akteure des arabischen Nationalismus und des Islamismus erscheinen in solchen Texten als reaktive, von den Umständen geformte Kräfte, als hätten sie mit aktiver Herrschaft nichts zu schaffen. Die Kurd:innen sind in dieser Lesart destabilisierende Außenseiter, während arabische Gewalt gegen Kurd:innen als bedauerlich, aber eben auch als nachvollziehbare Form des Antiimperialismus durchgeht. Kurdische Selbstverteidigung wird zu einem Problem, das wegerklärt werden muss. Als Forderung, die ernst zu nehmen wäre, gilt sie nirgends.

Der Preis des geopolitischen Fatalismus

Was diese Fälle verbindet, ist eine geteilte epistemische Struktur, in der arabische politische Dominanz als Standardordnung vorausgesetzt wird. Individuelle Vorurteile oder analytisches Versagen greifen als Erklärung zu kurz. In dieser Sprache des Realismus, der Nichtintervention und der Kriegsmüdigkeit kann sich Gewalt gegen Kurd:innen fortsetzen, ohne moralische oder analytische Brüche zu provozieren, während kurdischer Widerstand mit erhöhtem Misstrauen bedacht wird.

An dieser Stelle erfüllt der geopolitische Fatalismus seine zentrale Funktion. Indem er die Kontrolle durch den arabischen Nationalismus als die am wenigsten disruptive und „natürlichste“ Option präsentiert, deutet der politische Diskurs den militärischen Rückzug des Westens aus Syrien in Zurückhaltung um und das stille Gewährenlassen in ethische Reife. Kurdisches Leben wird verhandelbar, weil der Rahmen, in dem Ordnung gedacht wird, von vornherein festlegt, wessen Ansprüche als legitim gelten dürfen. Mit chaotischen Umständen hat das wenig zu tun. Kurdische Selbstverwaltung gilt als illegitime, disruptive Neuerung. Arabische Herrschaft gilt als natürliche Ordnung. Diese Ordnung ändern zu wollen, erscheint als aussichtsloses Unterfangen, weshalb als einzige Strategie bleibt, den arabisch dominierten Nahen Osten als gegeben hinzunehmen. Ein Antiimperialismus, in dem sich manche Imperien dem Misstrauen entziehen dürfen, wird zu einem Vokabular, das Herrschaft in sich aufnimmt, statt sie zu konfrontieren.

Diese Übereinkunft hält sich in regionalen wie westlichen Diskursen, weil sie auf einer rassifizierenden Konzeption von Indigenität beruht, die Araber:innen als das einzig authentische politische Subjekt der Region behandelt. Kurd:innen, jüdische Israelis, Christ:innen, Alawit:innen, Drus:innen, Jesid:innen und andere werden zu störenden Präsenzen, zu Völkern, deren bloße Existenz destabilisierend wirke. Die Folgen dieses Denkens sind mit dem Blut Unschuldiger geschrieben.

[zuerst erschienen im Fathom Journal, März 2026]

Dastan Jasim beschäftigt sich in ihren wissenschaftlichen und journalistischen Arbeiten mit Themen der Sicherheitspolitik und Demokratisierung, insbesondere im kurdischen Kontext und im Nahen Osten. Weitere Forschungsschwerpunkte sind der Islamismus sowie Rassismus.