Das in vielen US-Bundesstaaten geltende Verbot von Konversionstherapien könnte fallen
von Minh Schredle
Noch sind in vielen US-Bundesstaaten sogenannte Konversionstherapien für Minderjährige verboten. Der inzwischen mehrheitlich mit religiösen Rechten besetzte Supreme Court könnte dies allerdings in absehbarer Zeit ändern.
»Maulkorberlass« – so nennt die Therapeutin und praktizierende Christin Kaley Chiles aus dem US-amerikanischen Bundesstaat Colorado das dortige gesetzliche Verbot, homo- und transsexuelle Minderjährige einer sogenannten Konversionstherapie zu unterziehen, einer pseudowissenschaftlichen Praktik, die darauf abzielt, die sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentität gesellschaftlichen oder religiösen Normen zu anzugleichen.
Chiles setzt sich derzeit vor dem Supreme Court, dem Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten, gegen das Verbot ein. Sie argumentiert, die Regelung, die in ihrem Bundesstaat seit 2019 gilt, verletze ihr Recht auf freie Meinungsäußerung. Denn ihre Überzeugung sei es, dass sich Menschen am besten entwickeln, »wenn sie im Einklang mit Gottes Schöpfung leben – einschließlich des biologischen Geschlechts«. Das Urteil steht noch aus. Bei einer Anhörung im Oktober zeichnete sich allerdings ab, dass Chiles eine Mehrheit der konservativen Richter:innen überzeugen dürfte. Mehr als deutlich machte das Richter Samuel Alito: Das Verbot sei eine »eklatante Diskriminierung«.
Noch ist die sogenannte Konversionstherapie in 22 US-Bundesstaaten untersagt. Doch die größte queere Jugendorganisation warnt bereits davor, dass sich das rapide zu ändern droht: Eine Studie aus dem vergangenen Jahr ergab, dass jedem fünften queeren Jugendlichen (22 Prozent) im Alter zwischen 13 und 24 Jahren schon einmal eine solche Maßnahme angedroht wurde; im Jahr zuvor waren es elf Prozent gewesen. Schätzungsweise 700.000 US-Bürger sollen bislang ein solches Programm erlitten haben; teilweise in Umerziehungscamps, die Slogans wie »pray the gay away« verwenden. Eine andere Variante ist es, die Betroffenen zu konditionieren, indem man ihnen Elektroschocks zufügt oder mutwillig Erbrechen herbeiführt, während beispielsweise Schwulenpornos gezeigt werden. Ein UN-Bericht von 2020 kam zu dem Ergebnis, dass man die Methoden teils als Folter auslegen kann.
Erhebliche psychische Schäden
Der Bundesstaat Colorado versuchte es in einem Schriftsatz vor dem Supreme Court mit einer evidenzbasierten Argumentation: Demnach kommt eine überwältigende Mehrheit der wissenschaftlichen Studien zum Schluss, dass »Konversionstherapien« unsicher und ineffektiv sind. Eine Umfrage unter mehr als 27.000 transgeschlechtlichen Erwachsenen habe festgestellt, dass solche Praktiken zu erheblichen psychischen Schäden führen können, inklusive erhöhtem Suizidrisiko. Richter Alito allerdings zweifelt den medizinischen Konsens an und stellte in Frage, ob die entsprechende Forschung nicht »politisiert« und »von bestimmten Ideologien übernommen« worden sei.
In der Geschichte der USA gehen einige progressive Entscheidungen gegen die Diskriminierung von LGBTIQ-Personen auf den Supreme Court zurück, darunter 2003 die Abschaffung der sogenannten Sodomiegesetze, die einvernehmlichen Analverkehr zwischen erwachsenen Männern unter Strafe gestellt hatten, und 2015 die Legalisierung der gleichgeschlechtlichen Ehe in allen Bundesstaaten. Über die vergangenen Jahre haben sich die Mehrheitsverhältnisse in dem neunköpfigen Gericht aber deutlich hin zur religiösen Rechten verschoben.
Richter Alito ist bereits 2006 unter Präsident George W. Bush berufen worden. Er hat 2022 das Urteil verfasst, wonach die Verfassung kein implizites Recht auf Schwangerschaftsabbruch enthalte – eine drastische Abkehr von der Rechtsprechung der vorangegangenen 50 Jahre, die Alito als »von Beginn an völlig verfehlt« bezeichnete. Zudem ist der Richter bereits mehrfach mit fragwürdiger Beflaggung seines Hauses aufgefallen. Kurz nachdem militante Maga-Anhänger:innen am 6. Januar 2021 das Kapitol erstürmt hatten, wurde bei den Alitos eine umgedrehte US-Flagge gehisst. Später folgte eine »Appeal to Heaven«-Flagge: Zeichen einer Bewegung, die eine christlichere Regierung will. Beide Symbole waren beim Sturm aufs Kapitol prominent vertreten. Als Kritik aufkam, ließ Alito wissen, seine Frau habe die beiden Flaggen ohne sein Zutun gehisst.
Er ist nicht der einzige Richter am Supreme Court, dessen Gattin offenbar mit zwielichtigen Kreisen sympathisiert. Clarence Thomas, der dem Gericht schon seit 1991 angehört, ist dort derjenige Richter, der sich mit seinen Ansichten am häufigsten in der Minderheit befunden hat – zum Beispiel 2003 mit dem Standpunkt, dass Strafen für einvernehmlichen Sex unter Gleichgeschlechtlichen vielleicht »silly« seien, aber nicht verfassungswidrig. Gegen Thomas’ Frau Virginia wurde im Zusammenhang mit dem Sturm auf das Kapitol ermittelt. Sie hatte Medienberichten zufolge SMS an Mark Meadows, den damaligen Stabschef im Weißen Haus, verfasst, in denen sie verlangte, »die Wahl von 2020 rückgängig zu machen«, und ankündigte, der »kriminelle Biden-Clan« werde in »Booten vor Guantánamo« landen.
Thomas und Alito sind seit langer Zeit als ultrakonservativ bekannt – aber mit den Neubesetzungen in der ersten Amtszeit von Präsident Trump hat die religiöse Rechte die Vorherrschaft am Obersten Gericht übernommen. 2017 wurde dort der katholisch erzogene, aber sich zum Protestantismus bekennende Neil Gorsuch vereidigt, der als stramm konservativ gilt; 2018 der praktizierende Katholik Brett Kavanaugh, dem mehrere Frauen sexuelle Belästigung vorgeworfen haben; 2020 folgte Amy Coney Barrett, die der christlichen Splittergruppe People of Praise angehört: Die etwa 1.800 Mitglieder zählende Strömung der in der Hauptsache katholischen charismatischen Bewegung betrachtet den Mann als natürliches Oberhaupt der Familie und lehnt nicht nur gleichgeschlechtlichen, sondern auch vorehelichen Sex ab. Die neuen Mehrheitsverhältnisse am Supreme Court zeigten sich unter anderem 2022, als Schwangerschaftsabbrüche im Bundesstaat Mississippi weitestgehend verboten wurden: Die Entscheidung wurde mit 5:4 Stimmen getroffen.
Bereits am ersten Tag seiner zweiten Amtszeit ordnete Präsident Trump an, dass Regierungsinstitutionen nur noch zwei Geschlechter anzuerkennen. In offiziellen Dokumenten ist seitdem nur noch das bei der Geburt festgestellte zugelassen. In den ersten drei Wochen nach Amtsantritt folgte das Vorgehen gegen staatliche Diversitätsprogramme, die von der Trump-Regierung als Diskriminierung von weißen Männern dargestellt werden. Dann folgte ein weiteres Dekret, das transgeschlechtliche Personen vom Militärdienst ausschließt. Trump bezeichnete transgeschlechtliche Soldat:innen explizit als »schädlich«.
Familie und Ehe angeblich durch Wokeness sabotiert
Zugleich werden Strömungen stärker, die zum traditionellen konservativen Familienbild zurückkehren wollen. Im 900 Seiten umfassenden Strategiepapier »Project 25« der erzreaktionären Heritage Foundation, das als Blaupause für den autoritären Staatsumbau in Trumps zweiter Amtszeit gilt, werden im Vorwort die großen konservativen Versprechen skizziert: die Wiederherstellung der Familie als Kernstück des US-amerikanischen Lebens, der Abbau des Verwaltungsstaates, die Verteidigung der Souveränität und der Grenzen der Nation und die Sicherung der gottgegebenen individuellen Rechte auf ein Leben in Freiheit.
Zu viele Kinder, heißt es in dem Papier, würden von unverheirateten Müttern geboren – und kein Regierungsprogramm könne das Loch füllen, das die Abwesenheit eines Vaters in Kinderseelen reiße. Aber die Linke versuche, Familie und Ehe durch Wokeness zu sabotieren; bald würden sie sich »mit ihren totalitären Absichten« christliche Schulen vorknöpfen.
Daher obliegt es der Heritage Foundation zufolge dem nächsten konservativen Präsidenten, die »noxious tenets« (verderblichen Lehren) namens critical race theory und Gender-Ideologie von den Lehrplänen aller öffentlichen Schulen zu streichen: »Diese Theorien sind Gift für unsere Kinder.« Weiter heißt es: »Jeder Bedrohung für die Stabilität der Familie muss entgegengetreten werden.«
[zuerst erschienen in Jungle World 2026/05 v. 29. Januar 2026]