Höcke bewegt Menschen. Gegner*innen wie Anhänger*innen.
von Lucius Teidelbaum
Am 28. Februar 2026 demonstrierten nach Veranstalter-Angaben 5.000 Menschen gegen den Auftritt Höckes in der Wittumhalle in Reutlingen-Rommelsbach. Etwa 700 Menschen befanden sich dagegen im Innneren der Halle und lauschten den Rednern. Es war damit die bisher erfolgreichste Veranstaltung der AfD im Kreis Reutlingen.
Viele der Gegendemonstrant*innen kamen aus der Nachbarstadt Tübingen. Im dortigen linksliberalen Milieu und der linken Szene ist die Ablehnung von Höcke fast einhellig. Andererseits wurde in Tübingen trotz seiner bekannten rassistischen Tiraden im Oktober 2022 Boris Palmer im ersten Wahlgang zum Oberbürgermeister wiedergewählt. Auch hier scheint eine abgeschwächte Variante von rechtem bzw. reaktionärem Populismus in der Bevölkerung mehrheitsfähig bzw. tolerabel zu sein. In ihren Positionen sind Palmer und Höcke trotzdem weit entfernt voneinander. Allerdings versucht Palmer Türöffner für Kräfte rechts von ihm zu sein. So empfahl Palmer am 25. September 2024 im Interview mit dem „Bayrischen Rundfunk“ der CDU in Thüringen eine Koalition mit der Höcke-AfD: „Im konkreten Fall von Thüringen hab ich auch gesagt, vielleicht sollte die CDU etwas Ungewohntes wagen und der AfD anbieten, wenn wir den Ministerpräsidenten stellen und den Innenminister dürft ihr mal ausprobieren, ob ihr überhaupt in der Lage seid euch konstruktiv an der Regierung zu beteiligen.“
Wer ist Höcke?
Höckes Ideologie schimmert zwar in Parteiprogramm-Passagen mancher Landesverbände durch, muss aber als eigenständige Ideologie analysiert werden. Ist Höcke ein Nazi? Auch wenn man ihn gerichtsfest als Nazi bezeichnen kann, gibt es darüber weiter Diskussionen. Hinweise auf NS-Bezüge gibt es einige. Der Historiker Volker Weiß wies beispielsweise in einer Vorlesung des „Institut für Rechtsextremismusforschung“ in Tübingen darauf hin, dass das offizielle Logo von Höckes inzwischen offiziell aufgelöster Strömungs-Organisierung „Der Flügel“ dem Flügel des NS-Reichsadlers und nicht des Bundesadlers entnommen worden zu sein scheint. Auf jeden Fall ist Höcke von seiner Ideologie her ein Faschist. Er bezieht nach Eigenbekunden sein „geistiges Manna“ aus der Ideologieschmiede in Schnellroda, einem kleinen Ort in Sachsen-Anhalt. Hier hat der Verlag „Antaios“ seinen Sitz und das zugehörige Strategiemagazin „Sezession“. Beide recyceln die Ideen faschistischer Vordenker aus der Zwischenkriegszeit. Von Expert*innen wird diese ideologische Strömung als radikale Neue Rechte bezeichnet.
Höcke wurde von Alexander Gauland einmal als „nationaler Träumer“ bezeichnet. Das war sicherlich verharmlosend gemeint, traf aber trotzdem einen richtigen Punkt. Höcke steht nicht nur für einen völkischen Nationalismus, sondern auch für die damit eng verbundene Deutsche Romantik.
Seine schwärmenden Anleihen stehen weniger für eine historische Realität als mehr für nationale Mythen. Er konstruiert die langen Ahnenreihen. Nicht ohne Grund fanden die Treffen seiner Anhänger*innen mehrere Jahre beim Kyffhäuser-Berg in Thüringen statt. Dort schläft der Sage nach Kaiser Barbarossa, um in Zeiten der Not seines Volkes wieder zu erwachen. Auch AfD-Politiker*innen aus Baden-Württemberg wie Steffen Degler aus Stuttgart oder Karl Schwarz aus Freiburg pilgerten zu diesen Treffen.
Der mit dieser Sage verbundene Glaube an eine nationale Wiedergeburt ist ein Kern der Ideologie von Höcke und seinen Anhänger*innen. Vom liberalen Faschismusforscher Roger Griffin wird diese nationale Wiedergeburt als Grundmotiv des Faschismus benannt.
Höcke hat eine feste fanbase in seiner Partei. Für die ist er geradezu eine Erlösungsfigur. Außerhalb davon wirkt er mit seinem nationalen Pathos und Heroismus oft wie aus der Zeit gefallen. Selbst den meisten AfD-Wähler*innen dürften die Themen Wohlstand und Sicherheit wichtiger sein als nationale Mythen. Höcke ist eine Art extrem rechter Postmaterialist: Die Nation ist alles, der Einzelne ist nichts. Sein Volk ist für ihn eine Entität, die er in seinen Reden wie ein Kind anspricht, um das er sich Sorgen macht. Deutlich ist seine Rührung in der Sorge um die (weißen) Deutschen zu hören.
Innerhalb der AfD gibt es in Westdeutschland in Teilen zwar keine echte Distanzierung mehr von Höcke, aber ein Abrücken und Kleinreden. Zu offen artikulierte faschistische Positionen könnten die rechtskonservativen Wähler*innen verschrecken, die man von der CDU versucht hinüber zu locken. Höcke ist zu umstritten, um ein geeignetes Wahlkampf-Zugpferd in Südwestdeutschland zu sein.
Nicht grundlos trat er im ganzen AfD-Landtagswahlkampf in Baden-Württemberg nur ein einziges Mal auf. Offenbar auf Betreiben des Direkt- und Listen-Kandidaten Max Gerner. Der 23-Jährige kann zu den jungen Wilden seiner Partei gezählt werden. Mit dem Listenplatz 22 ist ihm der Einzug in den Landtag am 8. März 2026 gelungen.
Höckes Auftritt in Reutlingen
Die in der Halle versammelten Menschen waren vor allem wegen Höcke da. Seine Vorredner Maximilian Gerner, der Landtagsabgeordnete Sandro Scheer und der Landtagsabgeordnete Christian Zaum aus NRW waren insofern nur die Vorbands vor dem Hauptact. Bezichnenderweise lautete eine Mikrofon-Ansage nach der Veranstaltung: „Herr Höcke steht auch noch für Selfies und Autogramme zur Verfügung.“
Doch schon beim Vorredner tauchte in einer Rede etwas auf, was die AfD bis heute auszeichnet: Der innerparteiliche Streit. Christian Zaum meinte, die neue Partei-Jugend solle „nicht von 60-jährigen Boomern geführt werden“. Das war eine Anspielung auf den Fall von Kevin Dorow, einem Vorstandsmitglied der neu gregründeten AfD-Jugendorganisation „Generation Deutschland“ (GD). Dorow hatte in seiner Bewerbungsrede für den GD-Vorstand in Gießen gefordert, Jugend müsse durch Jugend geführt werden, was auch ein Motto der Hitler-Jugend gewesen ist. Wegen dieser möglichen NS-Anleihe und weiterer Vorwürfe wurde vom AfD-Bundesparteivorstand ein Parteiausschlussverfahren (PAV) gegen Dorow beschlossen. Unklar ist, wie ernst das gemeint ist, da solche PAVs öfters wieder ‚versanden‘. Zaums chiffrierte Solidarisierung mit Dorow dürfte nicht von ungefähr kommen. Beide sind Mitglieder von Burschenschaften im Dachverband „Deutsche Burschenschaft“.
Wenige Tage später wurde bekannt, dass das PAV gestoppt wurde. Mutmaßlich war es eine nicht ernst gemeinte symbolische Disziplinierungsmaßnahme, die der GD klar machen sollte, wer jetzt das Sagen hat. Anders als in der Vorläufer-Organisation „Junge Alternative“ ist die GD ein fester Bestandteil der AfD, womit der Bundesvorstand direkten Durchgriff hat.
Höckes Rede bot für Kenner*innen kaum etwas Neues. Höcke verteidigte sich, er sei bei der Verurteilung wegen der Benutzung der SA-Parole „Alles für Deutschland!“ falsch verstanden worden. Trozdem sei er „stolz darauf“ in einem „politischen Prozess“ verurteilt worden zu sein.
Auch seine öfters angebrachte Seifen-Metapher verwendete er und warnte davor, dass dieses Land drohe, sich wie eine Seife unter einem heißen Wasserstrahl aufzulösen. Sonst drohe die „Finis Germania“, Latein für Ende Germaniens.
Über die Demonstration draußen vor der Halle meinte er, dass ein Großteil Berufsdemonstranten seien. Außerdem fordert er eine autoritäre Aufarbeitung des „Corona-Unrechts“: „Und ja, ich will Handschellen klicken hören.“
Auffällig bei Höcke war seine Essenzialisierung der eigenen politischen Positionen. Wenn gerade der Ideologe Höcke fordert, „endlich wieder sachlich diskutieren“ zu können, dann ist das vermutlich kein Trick, sondern ernst gemeint. In einer Art ideologischer Selbstverblendung erkennt er nicht seine Konstruktionen, sondern hat sie naturalisiert bzw. essentialisiert. Die von ihm geschaffenen Prämissen werden nicht mehr hinterfragt, sondern sind gegeben. Ideologisch sind dann immer nur die Anderen, man selber verkörpert den ‚gesunden Menschenverstand‘, wie ein früherer Beiname der AfD lautete.
Eine weitere Auffälligkeit war die gezielte Umdeutung der Begriffe. Höcke warnte, dass das Land von einem „real existierenden Regierungsextremismus bedroht“ sei. Hier nennt ein extremer Rechter die Regierung ‚extremistisch‘.
Dass er sich kurz darauf über die vermeintliche Wilkür gegen einen wegen Rechtsterrorismus angeklagten Mann empört, stellt für Höcke keinen Widerspruch dar. Er hält den Fall der „Sächsischen Separatisten“ offenbar ohnehin nur für einen politischen Prozess.
Höcke forderte zwar, die „Multikulturalisierung [zu] stoppen und da wo es geht rückabwickeln“ bzw. meinte auch in Reutlingen „Ja, wir müssen über Remigration sprechen“, aber seine Lageanalyse ist nicht nur rassistisch. Er kommt aus der extrem rechten Strömung der radikalen neuen Rechten. Diese sieht den gesellschaftlichen Liberalismus als das eigentliche Problem an. Migration, Frauen-Emanzipation oder Sichtbarkeit queeren Lebens sind nur die Folgeerscheinungen. Auch Höcke meinte in Reutlingen: „Unser Land wird auch von Dekadenzphänomenen beherrscht.“ Er verwies auf eine angebliche Charakterwäsche der Deutschen, denen der Identitätskern geraubt wurde. „Charakterwäsche“ lautete auch der Titel eines 1965 erschienenen Buchs von Caspar von Schrenck-Notzing (1927-2009), einem Vordenker der „Neuen Rechten“. Im Jahr 2018 erschien eine Neuauflage im Kopp-Verlag mit Sitz in Rottenburg im Reutlinger Nachbarkreis Tübingen.
Höcke zeigte auch, dass es in der extremen Rechten eine starke Anfälligkeit für Verschwörungsmythen gibt. Möglicherweise auch deswegen, weil Mythen und Verschwörungsnarrative sich sehr ähneln. Beiden wohnt ein Raunen inne; Höcke raunte in Reutlingen: „Ich hab das Gefühl, dass Deutschland fremdbestimmt ist.“ Gefühle lassen sich bekanntlich nur schwer mit Fakten widerlegen.
Nur auf Höcke als Person zu fokussieren wäre eine personalisierte und damit eine verkürzte AfD-Kritik. Die AfD ist ein Sammmlungsprojekt, in dem völkische Hardliner wie Höcke einen festen Platz haben, aber auch antidemokratischen Marktradikale oder christliche Rechte. So ist die AfD auch, aber nicht nur eine Höcke-Partei. Am Höcke-Flügel kommt niemand mehr vorbei, die oder der bundesweit in der AfD Karriere machen will. Man könnte auch sagen: Höcke gehört zur AfD wie das Bier zu Deutschland.