Ansatzpunkte zu einer Theorie des Wutbürgertums

von Johann Jacoby, Januar 2012

Als Wutbürger werden Leute bezeichnet, von denen man lange Zeit nicht bemerkte, dass sie unzufrieden seien, sie gehen einem Stereotyp nach üblicherweise nicht auf die Straße, um für oder gegen etwas zu demonstrieren. Sie sind im Großen und Ganzen unauffällig, gehen einem geregelten, eben bürgerlichen Leben nach, es geht ihnen wirtschaftlich nicht schlecht, sie sind oft mit durchschnittlichen bis gehobenen Bildungsnachweisen ausgestattet. Dennoch, und dies fiel besonders im Zusammenhang mit den Protesten gegen den Bahnhofsneubau in Stuttgart 2010/2011auf, regen sich diese Leute anscheinend urplötzlich intensiv über Dinge auf, engagieren sich sichtbar und mit einem gewissen Wahrnehmungszwang in der Öffentlichkeit, behaupten staatsbürgerliche Rechte und Privilegien, beziehungsweise fordern diese “zurück” und legen dabei eine Tendenz zur Rabiatheit an den Tag, die man von ihnen nicht erwartet hätte.

Der Begriff des Wutbürgers und seine Verwendung geht auf Dirk Kurbjuweit zurück, der in der Nummer 41 des Spiegel im Oktober 2010 anlässlich der aus dem Ruder gelaufenen Stuttgart21-Proteste und der Sarrazindebatte die Bewusstseinslage derjenigen, die er als Wutbürger titulierte, diskutierte. „Wutbürger“ wurde darauf sogar Wort des Jahres 2010, gefolgt von „Stuttgart 21“ und „Sarrazin-Gen“. Seither manifestierte sich das, was wohl mit Wutbürgertum gemeint ist, zu weiteren Anlässen. Womöglich ist es aber ein Phänomen, das nicht an bestimmte Themen oder Debatten gebunden ist, sondern es äußert sich zu solchen Anlässen eine allgemeinere Orientierung oder Befindlichkeit, die in Abgrenzung zu den konkreten Äußerungen hier als strukturelles Wutbürgertum bezeichnet werden soll und im Fokus steht.

Das Wutbürgertum in konkreten thematischen Zusammenhängen, aber eben auch das strukturelle, treten in unserer Zeit besonders klar zu Tage durch die Möglichkeiten, sich – neben den natürlich neuartigen Phänomenen wie der Schlossparkbesetzung in Stuttgart oder den Occupy-Camps – an allerhand Stellen im Internet spontan und ungehemmt im Internet zu äußern: auf Webseiten, Blogs, sozialen Netzwerken wie Facebook oder Twitter. Womöglich ist also das Wutbürgertum gar nicht etwas so Neuartiges, sondern ist nur neuerdings deutlicher wahrnehmbar, dadurch, dass man am virtuellen Stammtisch auf Facebook oder bei Twitter Dinge und Leute mitbekommt, vor deren Äußerungen man in Zeiten vor Facebook verschont geblieben ist. Dazu wird am Ende zurückzukommen sein.

Die Themen oder Themenbereiche, in denen Wutbürgertum zu Tage tritt und ventiliert, sind unterschiedlich. Mal zieht ein Bahnhofsneubau und das Verfahren der Planung die Wut auf sich, mal ist es ein anderes Bauprojekt, aber auch Personen des öffentlichen Lebens wie Thilo Sarrazin oder Karl-Theodor von Guttenberg bzw. Ihre Äußerungen und das wofür sie (scheinbar oder tatsächlich stehen) und was ihnen geschieht, geben Anlass zur Empörung. Es finden sich Wutbürger auch unter denjenigen, die sich selbst als “Occupy-Bewegung” identifizieren, Anhängern, Fans und Sympathisanten von Wikileaks oder der Hackerbande Anonymous. Israel und die USA als Orte des Bösen, Kristallisationspunkte all dessen, was Wutbürgern unmoralisch, falsch und verwerflich ist sind ebenfalls beliebte Objekte der Wut. Was aber rechtfertigt die Kennzeichnung von Leuten, die sich in so disparat scheinenden Kontexten echauffieren, mit dem generalisierenden Begriff “Wutbürger”?

Letztlich scheint Wutbürgertum ein Phänomen zu sein, dass eben nicht an bestimmte Themen oder wutwürdige Gegenstände geknüpft ist. Zwar lassen sich Themen benennen, die eher unwahrscheinlich auf der Agenda von Wutbürgern erscheinen (z. B. Lohnarbeitszwang, Abschiebung von Menschen ohne deutsche Staatsangehörigkeit in gefahrenreiche “Herkunftsländer”) und vermutlich sind die bevorzugten und auch die vernachlässigten Themenbereiche nicht vollkommen zufällig. Allerdings ist strukturelles Wutbürgertum eher eine allgemeinere Befindlichkeit, die für gewöhnlich latent ist, und sich verhältnismäßig wahllos an Gegenständen manifestiert, an denen womöglich sogar das ein oder andere bemäkelt oder gar scharf kritisiert werden kann. Diese Anhaltspunkte für Kritik oder “Kritik” stellen sich aber bei etwas genauerer Betrachtung oft genug als Insignien von Bekenntnisvermarktung heraus, als symbolische Aufhänger eines inhaltlich ganz anderen Diskurses oder schlicht als vorgeschobene Argumente, die verschleiern, dass es Wutbürgern vielmehr um Pflege und Ausdruck von Ressentiments geht als um tatsächliche Kritik eines Bahnhofsprojektes oder der Berichterstattung über eine mittelthüringische Kleinstadt. Insofern scheint es lohnenswert, Hypothesen darüber zu formulieren, wie diese generellere Befindlichkeit gefasst werden kann und damit auch Anhaltspunkte dafür zu erhalten, wieso das Wutbürgertum bei Leuten zu Tage tritt, von denen man lange glaubte, sie seien alles andere als Chaoten, Randalierer, Querulanten und Schreihälse, die in öffentlichen Debatten hegemonial werden wollen oder tatsöchlich hegemonial werden. In diesem Sinn ist diese Einlassung ein Versuch, das Wutbürgertum als “strukturelles Wutbürgertum” zu verstehen.

Identitätsverwaltung und Assoziationsmanagement

Ein hervorstchendes Merkmal des Wutbürgertums ist die Weigerung oder Unfähigkeit (ist ja erstmal egal, welches nun), sich mit Dingen inhaltlich auseinanderzusetzen. Die Zurkenntnisnahme und gedankliche Auseinandersetzung mit Argumenten, Diskussionsbeiträgen und Stellungnahmen ist dem Wutbürger fremd. Stets geht es in Diskussionen und Auseinandersetzungen nicht darum, was jemand sagt, warum es falsch oder richtig sein könnte, was daran lobens- oder kritisierenswert wäre oder welche notwendigen Vorannahmen oder Implikationen ein Argument voraussetzt oder hat. Vielmehr dienen Gespräche, Kommunikation, Kommentare, An- und Bemerkungen und Stellungnahmen dazu, klar zu machen, also einem Gegenüber pädagogische Wohltaten angedeihen zu lassen darüber, dass man selbst ein durch und durch guter Mensch, über jegliche Kritik erhaben und von jedem als solcher wahrgenommenen Vorwurf freizusprechen sei. Und zwar gilt dies – auf den Gemeinschaftswahn der Wutbürger wird zurückzukommen sein – natürlich nicht für den Wutbürger selbst als Einzelnen, sondern gleich für alle mit, mit denen er sich gemeinschaftlich oder am liebsten gleich durch Blut und kollektive Identität verbunden fühlt. Außerdem gilt das natürlich für diejenigen Idole, die der Wutbürger sich aussucht, um an denjenigen, die die Idole hinterfragen, ihre Größe bezweifeln oder sich gar frech herausnehmen, sie zu kritisieren, seine Wut zu exekutieren.

Allerdings hat diese Medaille auch eine Kehrseite, die nicht weniger wütend zum Ausruck kommt: wenn der Wutbürger einmal etwas identifiziert hat, über das er sich echauffieren kann (oder sogar einem inneren Drang, der ihn gleich einem Homunculus antreibt, zufolge muss), so wird das Objekt der Wut, samt sämtlicher Gegenstände, Positionen und Menschen, die mit dem Objekt auch nur in diffuser Verbindung stehen, sogleich wesenshaft schlecht, böse und bekämpfenswert. Dann wird die Gemeinsamkeit, dass die verhasste Person X am morgen Mohnbrötchen gekauft hat zur Gemeinsamkeit mit seinem Nachbarn Y, der am Morgen in der Schlange hinter X stand und Kürbiskernbrötchen kaufte, und damit ist dann bereits der Beweis erbracht, dass Y ein ganz übler Geselle ist, dem man dann auch allerhand anderes Verwerfliches anbinden kann. Egal was, was einem halt so einfällt, Cholera, die Tierquälerei auf der Welt, Fußpilz und die Lindenstraße – alles ist plötzlich ganz offensichtlich die Schuld von Y, denn der hat ja mit dem X beim Bäcker im selben Verkaufsraum gestanden. Die Web-2.0 Variante des Assoziationswahns und der zu seiner sorgfältigen Ausgestaltung notwendigen frechen Schnüffelei ist die frenetische Suche danach, wer wen wann zitiert hat (ob offiziell gebilligt oder nicht, ist egal), wer wem – neben 4000 anderen sogenannten „Freunden“ bei facebook – mal durch einen Klick erlaubt hat, seine öffentlichen Äußerungen zu vernehmen, und wem man anhängen kann, von irgendeinem Blog aus in 17 Klicks über verschiedene Links irgendwie aufzufinden zu sein.

Der wutbürgerliche Schlüssel zur Übersicht darüber, was von einer Person X oder gar seinen Aussagen zu halten ist, ist sehr wirkungsvoll wenngleich auch primitiv: die zentralen Kategorien sind “gut” vs. “böse” einerseits und “ich/wir” vs. “andere” andererseits. Sämtliche Zusammenhänge, Verbindungen, inhaltliche Überschneidungen, inhaltliche Unterschiede und Widersprüche – alles kollabiert in zwei wichtige Fragen: “Gehört das zu mir?” und “Fühlt sich das irgendwie gut an?”. Wenn die erste Frage vom Wutbürger negativ beschieden wird, so ist eigentlich auch schon klar, dass es mit der zweiten Frage genauso gehen muss. Wenn die Antwort auf die erste Frage “ja” lautet, so muss recht eigentlich auch die zweite derart beantwortet werden. Für den Fall, dass ersteres im Assoziationswahn ganz eindeutig mit ja zu beantworten wäre, zweiteres aber nicht, gibt es zwei Auswege: Entweder wird sich in allerhöchster Vehemenz dagegen verwahrt, dass dieses irgendwie schlechte, böse, unanständige irgendetwas mit einem zu tun habe. Dabei scheut der Wutbürger nicht vor der kathartischen Überschussabwertung des Gegenstandes zurück, ganz so als sei die besondere Beteuerung des negativen Charakters des Gegenstandes ein noch schlagendenderer Beweis dafür, dass es dann ja nicht zu ihm gehören könne. Oder aber der Wutbürger verfällt dem Gegenstand, weil es sich gut und richtig anfühlt, und inkorporiert ihn fortan in sein Zugehörigkeitsuniversum.

Beispielhaft sei hier die Haltung des Wutbürgers zum Nationalsozialismus genannt: Alles was „Nazi“ heißt oder im Wähnen des Wutbürgers damit in Verbindung steht, ist schlecht. Etwaige Kritik daran, dass ein Wutbürger ein kleinkarierter Nationalist sei, wird daher strikt abgelehnt und als Beweis wird angeführt, dass er selbst doch kein Nazi sei, und man ihn deshalb auch nicht derart titulieren dürfe (egal, ob man es gar nicht getan hat). Er sei natürlich gegen Nazis und habe auch dabei geholfen, mit dem Runden Tisch der Stadt den „braunen Dreck“ aus der Stadt zu „verjagen“. Wenn der Gegenstand der Kritik allerdings etwas vom Wutbürger sehr liebgewonnenes ist, etwa, dass es die natürliche Rolle von Frauen sei, für die Kinder dazusein, dann wird Kritik an einer solchen Quatschauffassung mit einem überheblichen Lächeln abgewehrt und verwiesen darauf, dass doch daran nichts kritisierenswürdig sei, dass er etwas Gutes für die Kinder wolle, die Kritisierende sei wohl vollkommen verrückt geworden. Argumente werden hier keine geliefert, es muss doch wohl reichen, dass der Wutbürger, ein durch und durch guter und moralischer Mensch, es sagt, schließlich findet er das ja.

In beiden Fällen word offenbar: Vornehmster Modus der Auseinandersetzung mit der Welt und der Klärung des eigenen Verständnisses der Welt ist die Assoziation. “ich und wir gut – anderes schlecht” – alles, was droht, sich dieser Korrelation zu entziehen, wird hineingezwängt in Widerspruchsfreiheit und ein kohärentes Ganzes, und dabei gehen im höchsten Stadium des Wutbürgers sämtliche Möglichkeiten verloren, sich zu etwas anders zu äußern als im besten Falle noch mit eingeübten Phrasen und Listen auswendiggelernter “Argumente”, im schlechteren aber lediglich durch Affirmation der bereits geäußerten diffus positiven oder negativen Haltung zum Gegenstand unter gleichzeitigem Pochen auf die eigene moralische Unantastbarkeit.

Eine Kritik oder schon alleine die Ablehnung der Position des Wutbürger durch Dritte initiiert so in den seltensten Fällen eine diskursive und wenigstens minimal intellektuell stimulierende Debatte über Inhalte und Gegenstände, sondern gibt dem Wutbürger alleine Anlass, die Kritik zurückzuweisen mit dem heftigen Wiederholen der wahrgenommenen selbstevidenten Valenz des Gegenstandes seiner Wut oder aber mit der Zurückweisung der Kritik unter mehr oder weniger explizitem Verweis darauf, dass es eine Unverschämtheit sei, den Leumund des Wutbürgers dadurch in den Dreck zu ziehen, dass man es wagt, seine Haltung anzuzweifeln. Dieses Muster lässt sich paradebeispielhaft beobachten, wenn ein Wutbürger beispielsweise einer seiner Lieblingsbeschäftigungen, der “Israelkritik” nachgeht. Er behauptet beispielsweise wahrheitswidrig und diskussionsunwürdigerweise antisemitisch, “Die Israelis machen mit den Palästinensern, was die Nazis mit den Juden gemacht haben.”. Alleine die Andeutung, dass es sich um ein antisemitische Behauptung handele, beendet bereits für ein Gegenüber des Wutbürgers dessen Redezeit. Denn sogleich sieht er sich einem wüsten und gewaltig vorgetragenen Plädoyer ausgesetzt, das jedoch keineswegs inhaltlich belegt, dass es einen israelischen Massenmord an Palästinensern gebe – kein Wunder, denn jegliches solches Argument müsste von einer psychopathologisch orientierten Intervention zur Milderung halluzinatorischer Leiden gefolgt sein, aber nicht von einer weiteren Konversation, die den Wutbürger auch nur ansatzweise als vernunftbegabten Konversationspartner ernstzunehmen hätte. Anstelle dessen sucht das Plädoyer, die Reputation des Wutbürgers wiederherzustellen, denn noch gilt die Kennzeichnung eines Argumentes als antisemitisch auch den meisten der schlimmsten Wutbürger als etwas Negatives und Ablehnendes. Und so erhält man allerlei Belehrung darüber, dass der Wutbürger doch ein guter Mensch sei und auch seine Kehrwoche regelmäßig exekutiere, und daher keinesfalls ein schlechter Mensch sein könne, der mit einem antisemitischen Argument in Verbindung gebracht werden könne. Es ist ja klar: “Was ich sage und meine, ist gut und richtig, Antisemitismus ist aber irgendwie etwas Böses, das kann also alles nicht sein und es muss sich um einen unlauteren Versuch handeln, mir die Ehre abzuschneiden.”

Dass die Korrelation “Was ich meine ist immer gut, und was andere tun ist immer schlecht” falsch ist, bedeutet keineswegs, dass der Wutbürger immer unrecht hat oder stets das Falsche meint. Aber er meint eben nur zufällig das Richtige, denn, dass er es meint, liegt nicht daran, dass er das Richtige daran erkannt hat, sondern dass es seine Meinung ist. Genau wie im Falle des Falschen, das er meint – auch dies meint er eben auch nicht, weil er sich genuin über Tatsachen täuscht oder Mangel an Informationen hat, sondern, weil es sich ihm eben richtig anfühlt, dieses Falsche zu meinen.

Der Wutbürger trifft also manchmal prinzipiell “ins Schwarze”, etwa wenn er den – für sich genommen – richtigen Satz “Nazis sind scheiße” bejaht. Das zeigen die hysterischen Reaktionen in Jena in letzter Zeit darüber, dass sich Medien erdreisteten zu erwähnen, dass die Mitglieder der Mörderbande des Nationalsozialistischen Untergrundes aus Jena stammten und dort auch ihr ideologisches Rüstzeug und den kamaradschaftlichen Rückhalt für die Vernichtung von Menschenleben erhielten. Natürlich sind alle möglichen Leute in Jena “gegen Nazis” und sie setzen auch permanent “mutige Zeichen gegen Hass und Gewalt und für Demokratie und Toleranz” durch den Besuch von Großveranstaltungen mit Peter Maffay und Diskussionsrunden, in denen Stadtoffizielle immer wieder ganz plump empirisch feststellbar wahrheitswidrig sagen, dass in Jena kein Platz für Rechte sei. Aber sie sind es eben, weil sie wissen, dass “Nazis” etwas Böses sind, und sie wollen nicht damit in Verbindung gebracht werden, was vor dem Hintergrund ihrer Heimatverbundenheit und ihres Gemeinschaftsgefühls mit anderen Leuten, mit denen sie nicht mehr gemein haben, als im selben Einwohnermelderegister geführt zu werden, allerdings nicht so leicht plausibel zu machen ist. Deswegen muss der Imageschaden, das Ansehen der eigenen Person in gestalt des “Jenaers”, des “Thüringers” und am Ende “des Deutschen” dadurch abgewendet werden, dass man Nazis um so mehr abwertet, sie verdammt und beteuert, dass das alles mit Jena und Thüringen nichts zu tun habe.1 Wären die NSU-Krieger ursprünglich aus Erfurt, oder eben aus Kassel oder Chemnitz gewesen, hätte in Jena sich kein Schwein dafür interessiert und es hätte kein Konzert mit Lindenberg und den ganzen anderen Pappnasen gegeben. Darin wird deutlich, dass die Jenaer Wutbürger eben nicht gegen Nazis sind, sondern nur dagegen, dass diese Nazis mit ihnen in Verbindung gebracht werden könnten. Und über diese Besorgnis vergisst man als Wutbürger gerne auch mal, dass der Skandal am NSU ist, dass Menschen umgebracht wurden und der Verfassungsschutz das womöglich noch finanziert und anderweitig unterstützt hat, nicht aber, dass irgendein Wessi, der mit dem ICE von München nach Berlin reist und im Bahnhof Jena Paradies kurz anhält, und aus dem Fenster schauend beim Anblick eines irregeleiteten Jugendlichen mit Hakenkreuz auf dem T-Shirt, der auf die Regionalbahn nach Rudolstadt wartet, denkt: “Typisch Jena!”.

Dem Wutbürger ist das alles auch nicht in dem Sinne präsent, und so kommt es ab und zu zu Szenen wie der bei einer der Podiumsdiskussionen vor dem ersten von NPD und Freien Kameradschaften in Jena organisierten Nazikarneval “Fest der Völker”, bei der sich die “Bürger Jenas” gegenseitig schonmal vorab versicherten, dass Nazis in Jena keinen Platz hätten. Nach zwei Stunden der verbalen Naziteufelaustreiberei nämlich meldete sich ein Student zu Wort, es sei ja irgendwie klar, dass alle gegen Nazis und gegen das Fest der Völker seien und auch er fände es gut, wenn da soviel wie möglich dagegen getan werde, aber er wolle doch nochmal fragen, ob man ihm mal Argumente geben könne, warum man gegen Nazis sein sollte. Er habe in Diskussionen da oft keine korrekten Informationen, um zu argumentieren. Zum Glück war die Veranstaltung aber eigentlich schon am Ende, sonst hätte man wohl noch schweigend eine halbe Stunde herumsitzen müssen.

Auch im Zusammenhang mit dem Anschlag des rechtsgerichteten und antisemitischen Anders Breivik in Norwegen ließ sich ein solches Assoziationsmanagement beobachten, allerdings mit umgekehrten Vorzeichen: Nicht der Wutbürger sah sich hier genötigt, seinen Leumund zu verteidigen, sondern er nahm das Attentat zum Anlass, mal endlich mit einem abzurechnen, den er noch nie leiden konnte, mit dem frechen Judenbengel Broder. Der redet manchmal dummes Zeug und scheint gelegentlich lieber Wutbürger durch seine Unklarheit provozieren zu wollen, als den völkischen Trotteln von PI und den Wutbürgern gleichzeitig legitimerweise ans Bein zu pinkeln. Allerdings hat er nun mal mit dem Abknallen von Kindern und Jugendlichen und mit Sprengstoffanschlägen null zu tun. Einige Wutbürger allerdings sahen Breiviks durchgeknalltes 1500seitiges Konvolut, das er als Manifest zum Attentat veröffentlicht hatte, durch, und fanden den Namen „Broder“ an einer Stelle. Nämlich dort, wo Breivik Broder zitierte mit dem Satz . Nicht, aber auch gar nichts hatte Broder gesagt, das Breivik als Legitimation für seine Mordtaten gelten könnte, er hatte keine ideologische Unterfütterung geliefert, er kannte Breivik nicht, er hat nicht zu Breivik gesagt: „Hier, knall doch mal ein paar Sozi-Kinder ab.“, er hat ihm keine Unterstützung angeboten. Allerdings reichte dem Wutbürger, dass Broders Name mit der Tat Breiviks irgendwie assoziiert wurde und zwar lediglich dadurch, dass Breivik die paar Worte zitiert und Broders Namen hinschreibt. Das reicht dem Wutbürger als Beleg, als Argument dafür, dass doch Broder irgendwie auch so einer sei wie Breivik und sein Tun im Grunde so wie das Breiviks. Nichts davon ist wahr, aber in der Weltsicht des Wutbürger assoziiert es halt irgendwie.

Andere Wutbürger wiederum beharrten darauf, dass Breivik irre sei, klinisch gestört, und sein Wahn, dass die Kultur des Abendlandes zerstört werde, nichts zu hätte mit ihrem eigenen Wahn, dass die Kultur des Abendlandes zerstört werde. Sie haben es trappsen gehört, dass sehr wohl Breiviks Tat etwas mit der Verzweiflung zu tun hat, die sie selbst gelegentlich verspüren, nämlich übermächtigen Feinden ihrer Kultur und ihres Volkes gegenüberzustehen, mit denen ein Kampf um Leben und Tot bevorsteht. Aber mit dem Abschlachten von Kindern haben sie nichts zu tun, und deshalb muss ihre Assoziation mit Breivik und seinem Gefasel von Kultur und untergehendem Volk flugs aufgelöst werden. Allerdings nicht etwa durch eine inhaltliche Argumentation und Auseinandersetzung mit dem Untergangssentiment, sondern durch Verdammung Breiviks und das Beharren darauf, dass sie selbst doch gut seien.

Schließlich sei Geissler erwähnt, der beim Schlichtungsverfahren um den Bahnhofsneubau in Stuttgart die Parteien irgendwann anschrie: „Wollt ihr den totalen Krieg?“ Er bestätigte und bekräftigte später diese Aussage mit der Begründung, es sei doch „ein verbaler Krieg, den wir dort haben“ und „eine heftige Auseinandersetzung, die die Stadt spaltet und die Leute gegeneinander aufbringt“. Außerdem habe es „über 100 Verletzte gegeben, ein Mensch ist total blind geworden bei dieser Auseinandersetzung“ (http://www.dradio.de/dlf/sendungen/interview_dlf/1518980/). Ein totaler Krieg, nach dem man in dieser Diktion fragt, ist nun einmal etwas vollkommen anderes als Polizeieinsätze, bei denen es über 100 Verletzte gibt und jemand sein Augenlicht verliert, und schon sowieso etwas anderes als ein verbaler Krieg. Dass Geissler hier aber trotzdem zu solch einem drastischen Vergleich griff, illustirert einmal mehr, wie wenig Wortwahl und Inhalt dessen, was wutbürgerlich rausgehauen wird, mit irgendwelchen Gegenständen oder inhaltlichen Aussagen zu tun hat, aber wieviel mit einer Sprache, die einfältigerweise blumig intendiert daherkommt, so blumig wie ein röhrender Hirsch über dem Sofa, oder ein Gedicht von Mario Barth, und die vor allem eins soll: „wachrütteln“ und auftrumpfen damit, dass man stets alles Böse mit einem Superlativ des Negativen belegt, Hauptsache das Gegenüber reißt die Augen weit auf und ist wie geschlagen von dem eben Gelogenen. Denn was „Nazi“ ist, macht Aufsehen, damit drückt der Wutbürger aus, dass er etwas ganz, ganz schlimm findet. Dass dabei jede Verhältnismäßigkeit, jede inhaltliche Angemessenheit und auch jede Achtung vor den Opfern des deutschen totalen Krieges den Bach runter geht, muss hinter dem Expressionbedürfnis des Wutbürgers hintanstehen.

Ähnliche Phänomene sind auch in der Aufregung um Guttenberg im vergangenen Jahr oder um Sarrazin und sein „Buch“ im Jahr davor zu beobachten gewesen. In allen Fällen finden sich zwei Lager, die sich spinnefeind gegenüber stehen, sich aber ähnlicher sind, als ihnen lieb ist. Denn beide versuchen, sich und das, was in ihnen denkt, als gut und richtig darzustellen; das, was ihnen als gut gilt, als solches zu affirmieren und das, was ihnen schlecht gilt, zu verdammen. Wer inhaltliche Kontroverse sucht, argumentativen Schlagabtausch, kritische Auseinandersetzung, muss woanders hingehen.

Gratiskenntnisse und Transparenzwahn

So wie der Wutbürger aber unfähig ist, sein diffuses Etwas-gut-oder-schlecht-Finden von relevanter inhaltsbezogener Auskunft und Äußerung zu unterscheiden, so fällt es ihm auch schwer, Informationen, die ihm angeboten werden zu sortieren in solche, die ihn zum Denken anhalten und seine Auseinandersetzung mit einem Gegenstand befeuern und solche, die einfach nur irrelevantes Faktengehubere sind.

Der Wutbürger hält sich in aller Regel für sehr wissend, gebildet und schlau. Während Intelligenz oder gar Intellektualität ihm längst zu Schlagworten einer „abgehobenen Elite“ geworden sind, Kennzeichen derer, die zu ihm, dem Wutbürger, den „einfachen Menschen“ den Kontakt verloren hätten, hält er sich jedoch selbst für ausgebufft und bauernschlau. Er weiß geheime Fakten, er sucht und findet solche geheimen Fakten und er zieht aus ihnen die „richtigen“, die wahren Schlüsse. Um derart an Fakten zu kommen und sie zur Ideologie verrühren zu können, dürstet es den Wutbürger nach Transparenz. Hier wird offenbar, dass Wutbürger eben nicht klassische Spießer sein müssen mit Wackeldackel und Häkelbezug bewehrter Klopapierrolle auf der Hutablage, sie können auch Mitglieder der Piratenpartei sein oder sich als Widerstandskämpfer wähnende Fans von Anonymous oder Julian Assange sein. Auch die blöken begierig nach Trasparenz, nach dem Aufhäufen von Fakten, nach dem Zugang zu all dem geheimen Wissen, dessen Geheimheit dem Mythos zufolge bislang das Gute in der Welt verhinderte. Sie erheben einen Anspruch auf die Gesamtheit des Wissenswerten und -unwerten und behaupten, teilhaben zu wollen, mündig sein zu wollen. Dabei wollen Wutbürger im Zuge der Transparenz doch immer nur das als Wissen präsentiert haben, was sie im harmloseren Fall eh schon „wissen“ und mit gerunzelter Stirn und einem zustimmenden Nicken quittieren, oder aber laut johlend als Tabubruch und rebellische Rede abfeiern. Alles, was ihrer Einstellung widerspricht, wird als Lüge, Verschleierung oder Propaganda abgetan. Das Präsentiert-Bekommen von Fakten ist insofern dem Wutbürger weniger informationaler Zugewinn, intellektuelle Stimulation und Mittel zur differenzierten Auseinandersetzung mit einem Gegenstand. Vielmehr bedeutet es ihm Teilhabe an etwas, es kommuniziert ihm Respekt und Anerkennung, die er aber als Entscheidungsmacht versteht und als Gelegenheit, endlich durchzudrücken, was er für das Richtige hält.

Beim Faktensammeln gerät auch außer Sichtweite, dass eben Fakten und ihr Besitz alleine noch keine Weltverbesserung verursachen, selbst dann nicht, wenn so viele von ihnen geheim wären, wie der Wutbürger es sich einbildet. Zunächst ist beispielsweise eine Zahl, z. B. irgendeine Kostenschätzung für die Beurteilung des Bahnhofsprojekts in Stuttgart noch überhaupt keinen Pfifferling wert, so lange man keine Verhältnismäßigkeit schätzen kann. Sind 7 Milliarden oder 14 Milliarden viel oder wenig für ein solches Projekt, zu dem es ja keine Vergleiche gibt wie beim Kauf eines Mobiltelefons? Da kann man schnell herumschauen bei verschiedenen Anbietern und sehen: „Dieses oder jenes Gerät kostet hier 319 Euro, beim anderen aber 289 Euro. Es ist teurer beim ersten Anbieter, ich sollte es beim zweiten kaufen.“ Beim Bahnhofsbau ist eine solche Einschätzung diffiziler – natürlich kostet ein unterirdischer Bahnhof nicht 8000 Mark. Aber dem Wutbürger ist das ohnehin gleich, ob und wie man nun solch einen Betrag schätzen könnte, kann und sollte – ihn interessiert das ohnehin nur, wenn er daraus ein schreihalsiges „Argument“ machen kann für das, wofür er ist, und gegen das, wogegen er ist. Betrag X ist viel zu viel, wenn der Wutbürger den alten hässlichen Bahnhof in Stuttgar behalten will, und angemessen und eine lohnende Investition, wenn er den unterirdischen Bahnhof will, der es Reisenden wenigstens erlaubt, durch Stuttgart zu fahren, ohne diesen Ort anschauen zu müssen. Die Information ist eben scheißegal, sie wird ohnehin nur dann akzeptiert und weiterverwurstet von dem, was im Wutbürger denkt, wenn es ihm in den Kram passt. Wenn nicht, dann nicht.

Damit ist hier nicht gesagt, dass man solche Debatten und Entscheidungen „den Experten“ überlassen sollte, und auch nicht, dass Expertentum eine Garantie sei für eine „richtige“ Entscheidung oder eine optimale Lösung. Wutbürger jedoch behaupten genau dies, nämlich, dass es richtige und beste Entscheidungen gebe, allerdings seien diejenigen, die in der gegenwärtigen bürgerlichen Gesellschaft als Experten figurieren, eben keine wahren Experten. Und so beanspruchen sie für sich, sogar in vollkommener Ahnungslosigkeit, ihr assoziatives und Valenzgetriebenes Meinen, ihr „gesunder Menschenverstand“ (der oft genug dem halluzinierten „Volkswillen“ entspricht) sei das Maß aller Dinge und sie sollten endlich was zu sagen haben. Nun ist nicht jeder, der Experte genannt wird, oder sich selbst dazu ernennt, ein solcher, und selbst wenn er einer ist, ist er natürlich weder unfehlbar, noch gefeit vor Interessenslagen, Urteilsfehlern oder unvollständigem Wissen. Aber umgekehrt weiß eben nicht notwendig jeder, der keine Ahnung hat, am besten Bescheid. Dem Wutbürger ist solcherlei fremd.

Wutbürger brüsten sich gerne damit, etwas schon vorher gewusst zu haben. Dass sie dabei oft genug einer statistischen Illusion zum Opfer fallen, nämlich der, sich Vorhersagetreffer genau zu merken, und das Versagen bei der Vorhersage von Ereignissen zu verdrängen, wissen sie nicht, oder wollen sie nicht wissen. Aber auch hier gilt: „Was geht mich eine Vernunft an, wenn sie nicht zu dem passt, was ich eh schon meine?“

Die Selbstevidenz, die der Wutbürger an seinen eigenen aus „Fakten“ und „trasparenten Informationen“ zusammengekochten Argumentoiden schätzt, ist er noch nicht einmal in der Lage, zu reflektieren oder zumindest soweit als solche zu erkennen, dass er in der Lage wäre, einem Gegenüber etwas plausibel zu machen, wozu dieses Gegenüber eine andere Ansicht hat. So kann der Wutbürger häufig dabei beobachtet werden, wie er penetrant immer wieder auf irgendwelchen als Argumente verkleideten Fäktchen oder Informatiönchen herumreitet, sie einfach immer wieder wiederholt, als Antwort auf Widerspruch, tatsächliche Gegenargumente oder Kritik. Ganz so, als sei das gegenüber zu blöd, um zu hören, was der Wutbürger sagt, oder schwerhörig, oder aber höre wie ein ungezogenes Kind in der Schule nicht richtig zu. In der Hoffnung, die einfache Wiederholung werde es schon richten, wird einfach immer wieder der selbe Hammer auf den Tisch gehauen, fest im Glauben daran, dass es fürs Gegenüber ja irgendwie „logisch“ (der Wutbürger vergewaltigt diesen Begriff „logisch“ regelmäßig) und – eben – selbstevident sein müsse, dass der Wutbürger Recht hat.

Beliebt ist bei dieser Gebetsmühlenübung das Heranziehen externer Eigenschaften, die der Wutbürger für ebenso zwingende Argumente hält wie die Affirmation seiner Haltung selbst. So ist es fast schon niedlich anzusehen, wie Wutbürger mit dem Verweis darauf, dass etwas „Volkswille“ sei, dass es „die Mehrheit“ auch so sehe, oder aber, dass irgendwas irgendwo geschrieben stehe, vermeint, in einer Kontroverse dem Gegenüber einen schweren argumentativen Schlag beigebracht zu haben und dann völlig außer sich gerät, wenn das Gegenüber nüchtern verkündet, es interessiere ihn nicht, was das Volk wolle, weil es einen Volkswillen (und bereits so etwas wie ein „Volk“, etwas, das über die Einzelpersonen, die es angeblich konstituierten, hinausgehe) außer im fiebernden Wutbürgerkopf nicht gebe.

Ein bemerkenswertes Beispiel hierfür ist das Lamentieren der Linkspartei-Abgeordneten Annette Groth. Diese machte sich 2010 zusammen mit allerhand Judenhassern auf einem Schiff auf den Weg nach Gaza (im Frauendeck eingesperrt), um dort Israel und seine Marine vorzuführen und damit den israelischen Staat zu delegitimieren und dämonisieren. Sie tritt allenthalben zum „Thema Nahost“ – wie das gerne wichtigtönend genannt wird – auf und verkündet dort permanent, dass es linken Antisemitismus nicht geben könne; weil „links“ und „antisemitisch“ sich ausschlössen. Klaren Illustrationen, historischen Analysen und reichhaltigen Sammlungen z. B. von Äußerungen prominenter Linksparteimitglieder begegnet sie immer gleich, und immer gleich bräsig mit dem Ruf „Links und Antisemitismus, das gibt es einfach nicht.“ Sie macht sich nicht die Mühe, das zu widerlegen oder in Zweifel zu ziehen, was andere sagen oder anführen. Wie ein bockiges Kind stampft sie immer wieder auf und gibt salbungsvoll wieder und wieder das zum Besten, was sie zeigen, plausibel machen, oder belegen will. Aber es hilft eben nicht, immer und immer wieder eine Konklusion vorzubeten, die nachweislich im Widerspruch zu den Prämissen steht, und so zu tun, als habe man es nicht nötig, ein Argument zu machen – es wird einfach kein Argument daraus. Aber Leute wie Groth werden nicht müde, einfach immer wieder die Lüge zu wiederholen, die sie nicht aussprechen können, ohne sie selbst zu glauben – ganz so, als hofften sie darauf, dass diejenigen, die anderer Meinung sind, irgendwann entnervt aufgeben, einfach „Ja, ja“ sagen und ihr endlich glauben würden. Dabei verrennen sie sich häufiger als nie in einen Wahn, bei dem sie schließlich Sätze sagen, die der inhaltlichen Struktur nach in nichts dem nachstehen, wenn ein ausländerfeindlicher Spießer sagt „Ich bin nicht ausländerfeindlich, aber ich hasse Kanaken.“

Wenn dieser Fall nicht eintritt, nämlich das Einsehen, dass der Wutbürger einfach Recht habe, schlägt die als Engelsgeduld sich wähnende nervige monotone Affirmation der immer gleichen (oft genug falschen) Behauptung um in den Verdacht einer Verschwörung. Denn woran soll das liegen, dass der andere nicht einsieht, was einem doch selbst so unwiderlegbar selbstevident erscheint, wenn nicht daran, dass das Gegenüber eine ganz üble Agenda verfolgt? Hier trifft sich die Frustration dann mit der Sehnsucht danach, dunkle Machenschaften aufzudecken, etwas ganz Verschlagenes ans Tageslicht zu zerren und der vermeintlichen Demontage preiszugeben: Diejenigen, die dann sich nicht dem Singsang der Affirmation hingeben wollen, müssen ihrem Wesen nach etwas Bösartiges an sich haben. Sie sind – im Falle von sogenannten palästinafreundlichen Wutbürger – bezahlte Agenten des Mossad oder des internationalen Imperialismus, oder sie sind Rechtsradikale, die sich angeblich als Linke „verkleiden“, Rechtspopulisten im Gewande von Kommunisten, Agenten des Zionismus, Kapitalistenknechte… Dass es Menschen gibt, die im Besitz durchschnittlicher geistiger Kraft sind und von sich aus eine andere Ansicht haben als der Wutbürger, ist unvorstellbar. Liegen doch die selektiv ausgewählten und hingebogenen Fakten, die dem Wutbürger die fixe Idee geben, er habe die Wahrheit erkannt, so offenkundig vor, ist es doch so unverneinbar richtig, was er sagt, meint und fühlt – da muss etwas anderes dahinter stecken, wenn jemand widerspricht: Raffgier, Söldnertum, eine „eigentlich“ rechte Einstellung, kurz: etwas als wesenshaft Böses identifiziertes.

Die Identität des Anderen

Es war die Rede davon, dass der Wutbürger nicht nur unfähig oder unwillig ist, eigene Äußerungen reichhaltig und relevant auf einen Gegenstand zu beziehen, sondern spiegelbildlich auch nicht Äußerungen und Inhalte aufzunehmen, die an ihn herangetragen werden. Ein ähnliches Spiegelbild zeigt sich hinsichtlich der Frage, wer jemand ist, wer er für mich ist, und wie ich mich zu ihm in Beziehung setze. Macht es, wie oben skizziert, stark den Anschein, dass die Wahrnehmung der eigenen Person dem Wutbürger recht rudimentär von der Frage charakterisiert ist, ob er gut oder schlecht sei, und der Sorge darum, mit welchen guten oder schlechten Momenten er assoziiert werde, so ist auch das Verhältnis zu Anderen maßgeblich geprägt von dieser Frage, hinsichtlich dieser Anderen. So ist es dem Wutbürger recht wichtig, wie der andere heißt, wo er her kommt, welche anderen Eigenschaften er als Referenz für seine moralische Integrität anführen kann. Auch wenn der Name einer Person, ihre Anschrift oder ihr Profilbild bei Facebook in einem aktuellen inhaltlichen Zusammenhang vollkommen irrelevant ist, sperrt sich der Wutbürger gerne mal dagegen, in eine Debatte um einen Gegenstand überhaupt einzutreten, bevor das gegenüber sich nicht „zu erkennen“ gegeben hat. Bereits die Tatsache, dass beispielsweise eine Person im Internet kein deutlich identifizierbares Portrait als Profilbild hat, ihren bürgerlichen Namen scheinbar oder tatsächlich durch ein Pseudonym vorenthält, ansonsten wenig freigiebig mit weiteren Informationen zur eigenen Person ist, oder aber nicht bereit ist, seine Anschrift herumzuposaunen, weckt im Wutbürger Misstrauen. Das, was von einer solchen Person geäußert wird, ist ihm bereits deswegen suspekt, weil diese Person angeblich nicht zu ihrer Meinung stehe, sie nicht ihre gesamte Identität und Persönlichkeit als Argumente anführt und sich mit Haut und Haar in eine Diskussion begibt, in der eben – für den identitätsmanagementmotivierten Wutbürger – die Feststellung und Verwaltung der „Identität“ ansteht. Dem Wutbürger ist es suspekt, dass jemand zwischen sich und den seinen Äußerungen zu einem Gegenstand unterscheidet und nicht vollkommen eins wird mit dem was er denkt, meint und findet. Schnell ist der Verdacht erregt, es handele sich bei dieser Trennung von Identität und Äußerung um ein Manöver zur Verschleierung illegitimer Ziele und Pläne. So gilt wutbürgerliche Aufregung in der Debatte um das Recht auf Anonymität und Pseudonymität in sozialen Netzwerken und anderen Internetangeboten wie Blogs, Foren oder ganz ordinären Webseiten eben nicht der Gefahr für die individuelle Freiheit, die ein Klarnamenzwang darstellt, sondern der Gefahr, die angeblich von anonymen Individuen ausgehe, die unter dem „Mantel der Anonymität“ allerhand Übles anstellen könnten. Unter anderem eben, dem Wutbürger zu widersprechen.

Angst vor dem Scheitern und Gescheitert werden

Wutbürger sind anständige Menschen. Diese Selbstwahrnehmung schließt im Kapitalismus mit ein, dass sie sich als arbeitswillig, leistungsbereit, fleißig und strebsam sehen. So sehr sie sich in einigen Fällen auch gegen dasjenige wenden mögen, was sie für den Kapitalismus halten (nämlich böse Heuschrecken, „die da oben“, jeden der das schöne Leben in der Warengesellschaft zumindest sucht bzw. die Idee davon noch nicht völlig begraben hat) – sie haben die Moral der echten Arbeit in sich aufgesogen und sind erfüllt von ihr.

Nun macht der Kapitalismus ein Glücksversprechen, das er aus verschiedenen Gründen nicht halten kann, und allen droht ständig das Scheitern, ja den meisten droht es nicht mal, sondern sie müssen den Traum vom schönen Leben – wenn sie ihn je hatten – jeden Tag aufs Neue begraben. Dem Wutbürger schwant das auch irgendwie, aber er möchte eben doch funktionieren, beitragen, konstruktiv sich einbringen. Also muss er ständig das Scheitern im Auge haben, sich dagegen schützen. Dabei wird er ungeheuer sensibel für Aspekte und Tatsachen, die unter Umständen eventuell später irgendwann einmal als Argument verwendet werden könnten in einem Lamento darüber, dass man schon immer benachteiligt war. Alles, was einmal später verwendet werden könnte, um – im Denken des Wutbürger – nachzuweisen, dass man ungerecht und schlecht behandelt wurde, und damit die eigene moralische Integrität zu sichern – wird bereits antizipativ thematisiert und skandalisiert. Im höchsten Stadium sieht der Wutbürger eigentlich nur noch solche zukünftig verwendbaren Indizien dafür, dass er belogen und betrogen, übervorteilt, verarscht und unterdrückt wurde. Die Welt und vor allem die eingebildet schuldigen Personen, die ihm nur Böses wollen, wird zur Standardeinstellung der Wahrnehmung.

Der Glaube an das echte Wahre

Der Wutbürger glaubt an das Gute, Echte, Ursprüngliche. Insofern hat er die Naturalisierung des Kapitalverhältnisses verinnerlicht, wonach Dinge einen echten Wert an sich haben, der sich unter günstigen Bedingungen (also unter Abwesenheit des Wirkens böser, dunkler Mächte wie etwa Heuschreckenmanagern) im Tauschwert manifestieren. Die Dinge sind ihm für sich selbst „etwas Wert“, und so liebt er es, bei Manufactum die guten Dinge zu bestellen, auch wenn er sich dumm und dusselig dabei bezahlt. Er findet die „guten Dinge“ nicht schön oder praktisch, sondern es ist ihm eine politische Haltung, Gebrauchsgegenstände zu kaufen, die er vor seinem inneren Auge von einem schwitzenden Handwerker in „ehrlicher Handarbeit“ hergestellt sieht, in einer kleinen dunklen Werkstatt in einer ländlichen Region. Bereits der Slogan von Manufactum: „Es gibt sie noch, die guten Dinge“ inszeniert die feilgebotenen Waren als letzte ihrer Art (die es aber eben nur bei Manufactum gibt), er gemahnt an den Untergang, der eben noch verzögert werden kann, dem aber der Wutbürger wenigstens moralisch überlegen, von Echtheit erbaut und befriedigt entgegensieht.

In diesem Zug ist der Wutbürger also nicht spezifisch, sondern nur ein Beispiel der Introjektion des Warenverhältnisses, die auch bei Nicht-Wutbürgern verbreitet ist und ihnen zumindest den Schein vermittelt, es gebe etwas, das konkret ist, angefasst werden kann, und nicht morgen schon völlig anders sei. Im Festhalten an diesem Echten, Ursprünglichen ist der Wutbürger, auch wenn er grün wählt, so konservativ wie die bürgerliche Gesellschaft insgesamt, die nach einem Festen, scheinbar Bekannten sucht, das es ihr erträglich macht, anderen Menschen – insbesondere denen, die ihnen die für den Lebensunterhalt notwendigen Tauschmittel zur Verfügung stellen – auch nur das zu sein, was in Äquivalenten monetärer oder nicht-monetärer Form aufzuwiegen ist.

Diese Gemeinsamkeit der wutbürgerlichen Bewusstseinslage zeigt, wie wenig nonkonform die Empörung des Wutbürger ist. Obwohl Wutbürger sich gerne als Aufbegehrende, Rebellen und Widerstandskämpfer feiern, perpetuieren sie das Vertrauen ins Bewahren, die Rückbesinnung auf scheinbar Ursprüngliches und Althergebrachtes, sie revoltieren gegen etwas, das sie als Fehlentwicklung sehen, und wollen Altes wiederherstellen. Insofern kann Wutbürgertum – scheinbar widersprüchlich – treffend als konformistische Revolte bezeichnet werden.

Gemeinschaft

Eine wichtige Kategorie ist dem Wutbürger die Gemeinschaft. Auch darin unterscheidet er sich gar nicht signifikant von vielen Anderen, und auch hier offenbart sich die Flüchtigkeit der Rebellen-Pose des Wutbürgers.

Gemeinschaft erscheint ihm als Selbstzweck, als an sich selbst unbegründbar Gutes. „Wir in der Region“, die Betriebsgemeinschaft, die Dorfgemeinschaft, mit einem schick tönenden Anglizismus bezeichnet die „Community“, die durch die technischen Möglichkeiten hergestellt werden kann, ganz ohne, dass man die anderen Teile des als organisches Ganzes vorgestelltes je sah oder sehen wird. In computervermittelten Gemeinschaften kommt so noch viel stärker der eine Zug zum Vorschein und tritt deutlicher hervor, den der W am Anderen schätzt: die Tatsache, dass er auch einer „von uns“ ist. Eine wichtige Eigenschaft im vorhin genannten Kampf um die Identitäten des Wutbürgers ist eben jene Gruppenzugehörigkeit. Die Mitgliedschaft in der „eigenen“ – im weitesten Sinn – Gruppe, der auch der Wutbürger angehört, ist in diesem Sinn ein basaler Ausweis der Redlichkeit, die in einer anderen Gruppe bereits Anlass zu Misstrauen.

„Wir“, „uns“, „unser“ – diese Kategorien gelten dem Wutbürger bereits als Ausweis der Richtigkeit eines Anliegens. So stehen die Wutbürger gegen Stuttgart 21 mit den Wutbürgern für Stuttgart 21 im Wettbewerb darum, wer das Gemeinwohl und den „Willen des Volkes“ am besten und am richtigsten im Auge hat. Dass man sich dabei schwer verrechnen kann, hat die Volksabstimmung zum Bahnhofsbau in Stuttgart am 27. November 2011 gezeigt. Dies wird allerdings der fixen Idee keinen Abbruch tun, dass das, was das sogenannte „Volk“, oder die halluzinierte Gemeinschaft aller Leute oder nach einer populären Parole zumindest 99% von ihnen in Baden-Württemberg will, eben nicht alleine dadurch bereits richtig ist. Das Wutbürgertum wird sich auch weiterhin massgeblich auf das als sich selbst legitimierend gewähnte Gemeinwohl berufen. Dass dieses Gemeinwohl empirisch häufig eben nur ein sozialer Marketingtrick ist, der die privaten Interessen verschleiern soll, sei hier am Rande erwähnt, aber selbst wenn es so etwas wie ein Gemeinschaftsinteresse gäbe, das mehr ist als die Summe der Einzelinteressen, ist offenkundig, dass es überhaupt kein Gütemerkmal eines Interesses ist, von vielen (also einer „Gemeinschaft“) gehegt zu werden. Aber das interessiert den Wutbürger nicht, es geht ja eben nicht um die inhaltliche Auseinandersetzung mit einen Gegenstand, sondern um den Schutz der Identität.

Die Äußerung von privaten, partikularen Interessen – also ein Indiz dafür, dass jemand eben nicht wie der Wutbürger prominent damit beschäftigt ist, soziale Identität zu managen und in Anschlag zu bringen –, ist dem Wutbürger suspekt und gibt leicht Anlass zu allerhand Verdachtsmomenten, Vermutungen über illegitime Ziele und Mittel, und im Zweifelsfall der Empörung gegen denjenigen, der sich nicht – wie es sich doch gehöre – vorgestellten Gruppenziele und -interessen unterwirft und diese Gruppenziele und -interessen zu den eigenen macht.

Der Fall ins Autoritäre

Das Wutbürgertum, vor allem, wenn es beispielsweise in einem grünwählenden Milieu sich manifestiert, nimmt für sich Fortschrittlichkeit in Anspruch. Allerdings ist auch dieser Anspruch häufig mehr Claim auf etwas als der eigenen Identität gefälligst positiv Zuzurechnendes, ein Labels, dass mit der eigenen Person assoziiert werden soll, als inhaltlich angemessene Zusammenfassung emanzipativer Momente der Empörung. Eben ist bereits bemerkt worden, dass Wutbürgertum wegen seines konservativen und in maßgeblichen Aspekten rückwärtsgewandten, gelegentlich modernitätsfeindlichen Charakters gerade nicht notwendigerweise emanzipativ ist.

Ein weiteres Indiz dafür findet sich beim Betrachten dessen, was geschieht, wenn Wutbürger ihren Willen nicht bekommen, und mitansehen müssen, dass sich andere nicht wie sie empören, oder gar an ihnen Kritik üben. Der aus dem Unverständnis dafür, dass jemand anders denkt als sie, gespeiste Verdacht, dass es sich hier um eine illegitime Machenschaft, Intrige oder Ähnliches handeln muss, fließt dann zusammen mit der charakteristischen Handlungstendenz der Wut, mit dem furiosen Handeln gegen etwas bzw. Jemanden. Dabei zeigt sich der im Grunde autoritäre Charakter im Wutbürgertum, der ganz traditionell und regressiv sich strafend gegen die wendet, die anders sind, eine andere Meinung haben.

Am Vorabend der Volksabstimmung zu Stuttgart 21 sprühte ein unbekannter in der Nähe des Bahnhofs in Stuttgart in großen Buchstaben „Nein“ auf den Boden. Mit „Nein“ mussten Befürworter des Bahnhofs bei dieser Volksabstimmung stimmen, weil die Frage der Abstimmung dem Gehalt nach nicht „Soll das Projekt weiter realisiert werden?“ war, sondern „Soll das Projekt gestoppt werden?“. Daraufhin entbrannte auf dem Kurznachrichtendienst Twitter eine kurze wilde Jagd, die zum Ziel hatte, den „Übeltäter“ zu identifizieren, ihn dingfest zu machen, und ihn anzuzeigen wegen Sachbeschädigung. Es ist vornehmes Merkmal des autoritären Strafbedürfnisses, Handlungen auch dann zu sanktionieren, wenn sie keine negativen Auswirkungen haben, also auch, wenn jemand etwas auf einen Gehweg sprüht, wovon bereits durch die Füße der Passanten zwei Tage später nichts mehr übrig ist. Signifikant ist dem autoritären Charakter, dass gegen etwas verstoßen wird, unabhängig vom (in diesem Fall fehlenden) Schaden. Und verstoßen wurde hier gegen den Mythos, dass alle gegen das Bahnhofsprojekt seien, was die zwitschernden Wutbürger auf die Palme brachte. So lachhaft dieser Ausdruck des autoritären Charakters schließlich bleiben musste – man wurde des „Täters“ nicht habhaft, so deutlich verweist die Episode darauf, dass die Strafverfolgungsbehörden, die ansonsten bei S21-Gegner sich nicht gerade wohlwollender Zuneigung erfreuen, hier dann wieder angerufen und herbeigewünscht wurden, auf dass sie dem Bösewicht die nichtigen Flausen austreiben. Wenn Wutbürger könnten, wie sie wollen, werden sie sich im Ernstfall nicht scheuen, gegen „die anderen“ oder wen sie auch immer als „die da oben“ ausmachen vorzugehen. Man möchte hoffen, sie bedienen sich dabei tatsächlich des staatlichen Gewaltmonopols und sehen von Selbstjustizmaßnahmen ab.

Ein weiteres kleines, aber sehr deutliches Beispiel ist die Reaktion des Bremer Linksparteimitglieds Arn Strohmeyer auf einen Beitrag des Blogs des Aktionsbündnis gegen Wutbürger (abgwb.wordpress.com). In diesem Beitrag mit dem Titel „Bremer Zustände II – Der Hues- und der Strohmann“ hat das Aktionsbündnis Äußerungen des Mitglieds eines für seinen Israelhass notorischen Landesverbands der Linkspartei zitiert und als antisemitisch ausgewiesen. Ob diese Charakterisierung zutrifft oder nicht, steht hier gar nicht zur Debatte. Allerdings meldete sich Strohmeyer umgehend bei dem Blog des Aktionsbündnisses und schrieb:

„nach Rücksprache mit meinem Anwalt teile ich Ihnen Folgendes mit: Ich fordere Sie auf, aus Ihrem Artikel „Bremer Zustände II – Der Hues- und der Strohmann“ auf Ihrer Webseite „Aktionsbündnis gegen Wutbürger“ alle Behauptungen und Unterstellungen, die in Bezug auf meine Person ehrverletzend oder verleumderisch sind und die mich in irgendeiner Weise in die Nähe des Nationalsozialismus bringen, bis Sonntag den 11. Dezember 2011, 24 Uhr herauszunehmen, andernfalls werde ich Anzeige gegen Sie erstatten und gerichtlich gegen Sie vorgehen.“

Auch hier droht ein Wutbürger damit, die staatliche Gewalt damit zu beauftragen, scharfe Kritik an dem, was er sagt, zu unterbinden. Er antwortet nicht inhaltlich auf die Anwürfe des Aktionsbündnisses, er geht nicht auf seine eigenen Äußerungen und die Einschätzung des Aktionsbündnisses ein. Sondern er bastelt sich selbst zusammen, dass er in die „Nähe des Nationalsozialismus“ gebracht werde – dabei bewegt er sich, wenn überhaupt, in dieser Nähe durch seine eigene delegitimierenden Einlassung über den Staat Israel und die Juden. Jemand anderem mit Anzeige und gerichtlichem Vorgehen zu drohen dafür, dass er es sich herausnimmt, einen zu kritisieren für das, was man selbst als selbstevidente Wahrheit betrachtet (schließlich ist es ja die eigene, persönliche Meinung) – das ist Ausweis einer durch und durch autoritären Bewusstseinslage, die noch dazu besonders absurd daherkommt vor dem Hintergrund, dass der Strafandrohende selbst andernorts die staatliche Gewalt des Staates Israels gegen diejenigen, die Israel und die Juden vernichten wollen, mit Lust geißelt und anklagt. Dieser Mensch möchte Israel die Existenzverteidigung verbieten, nimmt aber selbst in Anspruch, durch ein Gericht davor geschützt werden, mit seinen eigenen Aussagen kritisch konfrontiert zu werden.

Schluss

Zu Beginn wurde darauf verwiesen, dass in diesen Ansatzpunkten der Wutbürger, und das Wutbürgertum, seine ideologische Orientierung und Denk-, Mein- und Fühlweise keineswegs vollständig und abschließend im positivistischen Sinne definiert werden sollen. Auch sind natürlich nicht alle Wutbürger genau so wie hier versuchsweise beschrieben, und zeigen alle der skizzierten Symptome. Das ist auch gar nicht das Ziel der gegenwärtigen Diskussion.

Vielmehr soll ein Ausgangspunkt geschaffen werden, von dem aus ein Begriff dessen, was das Wutbürgertum ausmacht, verfeinert, differenziert und verändert werden kann. Dabei ist das Wutbürgertum selbstverständlich ausführlicher ins Verhältnis zu setzen zum Autoritären Charakter, es wäre zu untersuchen, ob und ggfs. welchen modulierenden Einfluss inhaltliche Einstellungen des Wutbürgers und die jeweiligen ihm empörungswürdigen Gegenstände auf die hier vorgeschlagene abstraktere strukturelle Verfassung des Wutbürgers haben. Womöglich erweist sich, dass das Wutbürgertum im Grunde als eine spezielle Erscheinungsform des in der Warengesellschaft verbogenen bürgerlichen Bewusstseins angemessen charakterisiert werden kann, und so gar nicht als spezifische Kategorie differenziert werden müsste. Wie eingangs angesprochen ist das Wutbürgertum womöglich gar kein so junges Phänomen, sondern tritt nur jetzt erst deutlich zu Tage durch die sich weiterentwickelnden Möglichkeiten medialer Infrastruktur und die mit ihnen einhergehenden Entwicklungen dessen, was als öffentlicher Raum gelten kann, in dem ein öffentlicher Diskurs stattfindet.

Was auch immer das Wutbürgertum ist oder nicht ist, wird sich zeigen, unter anderem in der Auseinandersetzung mit dieser Einlassung.

Siehe auch die Radiosendung vom 27. Januar 2012

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