Zur Kritik der »neuen Klassenpolitik«
von Ernst Lohoff und Lothar Galow-Bergemann
zuerst erschienen im Online-Magazin Telepolis unter dem Titel „Die Wiederentdeckung der Arbeiterklasse als Ausdruck linksidentitärer Sehnsucht“
Um möglichen Missverständnissen vorzubeugen: Wir bestreiten nicht die Existenz von Klassen. Dies ist weder ein Beitrag gegen die Arbeiterklasse noch gegen Klassenkämpfe, schon gar nicht gegen die Solidarität mit allen Ausgebeuteten und Unterdrückten und erst recht ist es keine Rede für den Kapitalismus. Wir sind davon überzeugt, dass der Kapitalismus dringend überwunden werden muss und beziehen uns auf Marx. Wir halten große gesellschaftliche Gegenbewegungen und harte soziale Kämpfe für nötig und machbar. Wir glauben aber, dass der Bezug auf Klasseninteresse und Klassenidentität die Entfaltung der dringend notwendigen antikapitalistischen Kämpfe alles in allem eher behindert als fördert. Er vermag weder deren Herausforderungen theoretisch genügend tief zu erfassen noch praktisches Rüstzeug dafür an die Hand zu liefern, die Systemfrage wirklich auf die Tagesordnung der gesellschaftlichen Auseinandersetzungen zu stellen.
Linke,
die jahrzehntelang vor allem auf Identitätspolitik gesetzt und die
soziale Frage vergessen haben, üben sich zu Recht in Selbstkritik;
denn mit dieser Ausrichtung überließen sie die Deutung wichtiger
gesellschaftlicher Konflikte den Liberalen und Konservativen. Viele
erhoffen sich von der Rückbesinnung auf die Klasse und ihre Kämpfe
einen Ausweg aus dieser Sackgasse. Wir nicht.
Zunächst
befassen wir uns mit dem fundamentalen Unterschied zwischen einem
analytischen
und
einem
identitär
aufgeladenen Klassenbegriff.
Sodann wollen wir anhand dreier zentraler Konfliktfelder – Wohnen,
Arbeitszeit und Klima – skizzieren, warum nur solche Kämpfe, deren
Akteure sich nicht in den theoretischen wie praktischen Fesseln von
Identität und Interesse bewegen, wirklich antikapitalistischen
Charakter annehmen können.
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