Du sollst (k)einen anderen Gott haben neben mir

Thesen zum Verhältnis von Religion und Moderne

von Lothar Galow-Bergemann

Zuerst erschienen bei krisis – Kritik der Warengesellschaft.

Dieser überarbeitete Text beruht auf einem Zoom-Vortrag vom 11. Juni 2021, der hier einsehbar ist (ab der Zeitmarke 47:50).

1. Modern sein kann auch, was vor der Moderne entstand

Wann die Sache mit dem Patriarchat anfing, ist ungeklärt. Klar ist, dass es weit vor der kapitalistischen Moderne war. Sein Kern ist die hierarchische Spaltung in superiore Männlichkeit und inferiore Weiblichkeit. Abgesehen davon ist es äußerst anpassungs-, überlebens- und modernisierungsfähig. Entstanden als Herrschaft des allmächtigen Clanchefs, der über Leben und Tod entscheidet – und bis heute noch nicht einmal insoweit wirklich überwunden -, vermochte es sich in der Moderne sogar in der Logik des Kapitals einzunisten: als Abspaltung des Werts von seiner unverwertbaren, gleichwohl notwendigen und als weiblich konnotierten Rückseite. Während sein rein äußerliches Gewaltverhältnis in vielerlei Form auch in der Moderne weiterbesteht, wandelte sich das Patriarchat gleichzeitig dem Warenfetisch an und transformierte sich in eine gesellschaftliche Realität, die praktisch den Dingen selbst inhärent ist. Warenproduzierendes Patriarchat ist ein anderes, treffenderes Wort für Kapitalismus. Das uralte Patriarchat ist quicklebendig in altem und in modernem Gewand. Es ist nicht nur kompatibel mit der Moderne, es strukturiert sie auch.

Religionen werden, wie von jeder anderen Gesellschaftsform, auch von der kapitalistischen Moderne geprägt und modifiziert. Im Kern bleiben sie, was sie immer waren: menschengemachte „höhere Mächte“. Als Welterklärungen und -anschauungen stiften sie Identität und soziale Bindekraft und beruhen auf Glauben und Nichtglauben. Glauben an höhere Mächte, die über dem Menschen stehen und denen er sich vor und sogar noch nach seinem Tod fügen muss. Es ist zugleich ein Nichtglauben an die Fähigkeit des Menschen zur Selbstbestimmung. Vor allem aber findet sich auch hier wieder die hierarchische Spaltung in superior und inferior. Diese Gemeinsamkeit von Patriarchat und Religion ist kein Zufall. In diesem Kosmos der Unterwerfung bewegen sich selbst feministische Theolog*innen, die – zitternd vor ihrer eigenen Courage – eine „Göttin“ anrufen. Herrschaft bleibt Herrschaft, auch mit einer Frau an der Spitze. Das Gestrüpp aus Religion und Patriarchat nachzuzeichnen, würde ein ganzes Buch füllen. Es scheint nahezu unentwirrbar, weil es fest und dicht miteinander verwachsen ist.

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Stolen Time

Why Capitalism Forces Us to Do Without and Why We Could Work Less

By Lothar Galow-Bergemann and Ernst Lohoff

Excerpt from a text in the book Shutdown. Klima, Corona und der notwendige Ausstieg aus dem Kapitalismus ISBN 978-3-89771-292-8, Unrast Verlag, 14,00 €

deutsche Version

The world as we know it is disintegrating at a rapid pace. For years, the word crisis has taken on a life of its own – regardless of whether it is a matter of climate, finance, economics, social systems, democracy, migration, or international relations. In the critical social sciences, people talk of an age of „multiple crises“ (Brandt/Wissen 2017). With the spread of the corona virus, this general crisis has come to a head at a speed and scale that hardly anyone could have previously imagined.

The corona and climate crises demonstrate how ‚our economy‘ is failing to meet the existential challenges of the time. Eternal growth, maximum profit, and rising share prices are the lifeblood of the economy. Without them, it immediately begins to crumble. The climate crisis reveals that growth programmed for infinity will amount to the destruction of the planet in the medium rather than the long term. The challenge posed by the corona pandemic, on the other hand, has abruptly demonstrated that such an economy can produce mountains of corpses in a very short time1 if it is not subjected to massive intervention. At first, many countries tried to rein in the market economy to varying degrees and, on the whole, not very successfully. Incidentally, in doing so, they did a remarkable job, in the blink of an eye, of reducing to absurdity much of what had previously been considered irrevocable and sacred – from the “debt brake” to faith in the supposedly beneficial effects of the market itself. For a brief moment, it became clear that acting against the economic logic of capital is not only possible, but also necessary for survival. This is an important experience that should be sustained, because it is highly valuable for any emancipatory movement.

But it did not take long for the brutal constraints of capital exploitation to gain more and more ground against the lukewarm health policy measures. Weiterlesen

Wer vom Kapitalismus nicht reden will sollte von Nachhaltigkeit schweigen

Warum wir mit „unserer Wirtschaft“ nie eine nachhaltige Gesellschaft erreichen werden

Vortrag und Diskussion mit Lothar Galow-Bergemann

Samstag, 24. Juli 2021, 16.00 bis 17.30 Uhr, Stuttgart

Zelt-Emma, Stadtgarten (bei der Universitätsbibliothek Stadtmitte)

Eine Veranstaltung im Rahmen von Kesselbambule Klimacamp 2021

Alle sind für Klimaschutz, aber die globale Erwärmung nimmt unaufhörlich zu. Alle sind für soziale Gerechtigkeit, aber Kinder- und Altersarmut wachsen. Alle wünschen sich mehr freie Zeit zum Leben, aber müssen immer mehr und länger arbeiten. Niemand will die Krise, aber keiner kriegt sie in den Griff. Wunsch und Wirklichkeit gehen so weit auseinander, weil das herrschende Wirtschaftssystem existentiellen Herausforderungen nicht gewachsen ist. Klima- und Coronakrise demonstrieren eindrücklich: Unendliches Wachstum ist ihm wichtiger als Mensch und Natur, maximaler Profit wichtiger als Gesundheit und Lebensqualität, steigende Aktienkurse wichtiger als das Leben künftiger Generationen. Das ewige „Weiter so“ hat ausgedient. Es hat uns die Krise beschert. Was immer als unhinterfragbar galt, ist zu hinterfragen. Doch immer wieder scheitern gut gemeinte „Alternativvorschläge“. Denn gegen den Kapitalismus sind viele. Aber haben sie auch etwas von dem verstanden, was ihm den Namen gibt – vom Kapital?  Eine ökologisch und sozial nachhaltige Gesellschaft ist machbar, aber keine „ökologische Marktwirtschaft“.

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Corona und die Zukunft der Arbeit

Vortrag und Diskussion mit Lothar Galow-Bergemann

Moderation: Martin Gohlke

Montag, 5. Juli 2021, 19.00 Uhr, Aurich

Saal der KVHS Aurich, Oldersumer Straße 65-73, 26605 Aurich

Eine Veranstaltung von Partnerschaft für Demokratie im Landkreis Aurich

Der Referent Lothar Galow-Bergemann fragt nach dem Verhältnis von Corona-Krise und unserem Verständnis von Arbeit. Eine Wirtschaft, die soziale Verwerfungen produziert, weil sie infolge der Corona-Krise nicht wachsen kann, ist seines Erachtens nicht zukunftsfähig. Aber auch ohne die Pandemie gäbe es genug Gründe, an der gesellschaftlichen Leistungsfähigkeit einer Ökonomie zu zweifeln, die Wachstum zum Selbstzweck erhebt. Wie können wir in einer Zukunft, die uns vor großen ökologischen Herausforderungen stellt, die Gesellschaft krisenresistenter gestalten?
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Audio: Ausrastende Insassen – Coronakrise, Kapitalismus und Konformistische Rebellion

Vortrag von Lothar Galow-Bergemann

gehalten am 10. Mai 2021

Die Coronakrise ist nur zum kleinen Teil ein Naturereignis. In erster Linie ist sie die hausgemachte Folge einer Wirtschaftsweise, die ohne ewiges Wachstum und maximalen Profit umgehend ins Taumeln gerät. Nicht wegen des Virus, sondern wegen dieser Wirtschaft sterben massenweise Menschen in „nicht zahlungskräftigen“ Weltregionen, die keinen Impfstoff erhalten, fallen weltweit Millionen in Armut und Hunger. Auch in den reicheren Ländern wachsen Armut und Existenzunsicherheit, müssen viel zu viele Menschen arbeiten gehen und sich dabei gegenseitig anstecken. Viele erkranken und sterben nur deswegen, weil sich diese Wirtschaft keinen richtigen Lockdown leisten kann.

Leider gibt es kaum Widerstand gegen diese Zumutungen. Keine Streiks, die die Schließung nicht unmittelbar lebensnotwendiger Betriebe erzwingen. Keine Massendemonstrationen für ein bedingungsloses Grundeinkommen. Keine breite gesellschaftliche Bewegung, die eine andere, vernünftigere Wirtschaftsweise einfordert, die während einer Pandemie kein zusätzliches Leid verursacht.

Allerdings formiert sich eine Opposition ganz anderer Art. Sie nimmt nicht etwa Halbherzigkeit und Inkonsequenz staatlicher Maßnahmen zum Gesundheitsschutz aufs Korn, sondern fordert deren Ende. In völliger Verkennung der Realität bestreiten oder verharmlosen ihre Anhänger*innen die Pandemie, verhalten sich entsprechend verantwortungslos und gefährden Gesundheit und Leben ihrer Mitmenschen – und ihr eigenes.

Warum gibt es fast keine vernünftigen, aber so viele absurde Proteste? Warum glauben immer mehr Menschen haarsträubenden Unfug? Warum schützen auch Bildung und Intelligenz nicht davor? Und warum finden da Leute zusammen, denen man doch eigentlich nicht viel Gemeinsamkeit zutraut? Alternative Esoterik- und wirtschaftsliberale Kapitalismus-Fans, Nazis und Hippies, Linke und Reichsbürger, Gutbürgerliche und Antiautoritäre…

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Die Islamdebatte – Diskriminierung oder Emanzipation?

Online-Vortrag und Diskussion mit Lothar Galow-Bergemann

Mittwoch, 9. Juni 2021, 19.30 Uhr

Eine Veranstaltung des AStA der Universität Vechta

Zugang zur BigBlueButton-Konferenz HIER

Migrant*innen sind nicht nur dem Rassismus der Mehrheitsgesellschaft ausgesetzt. Nicht wenige leiden auch unter patriarchalen und emanzipationsfeindlichen Ideologien innerhalb ihrer Communities. Dies gilt insbesondere für „den Islamismus“. Denn trotz ihres äußerlichen Gegensatzes verbindet Islamist*innen im Kern eine enge Seelenverwandtschaft mit Anhänger*innen rechtspopulistischer und faschistischer Parteien. Sie alle teilen die Sehnsucht nach homogener, patriarchal-autoritärer Gemeinschaft und verschiedene Formen von Antisemitismus. Kann man islamistische Unterdrückung und Gewalt kritisieren, ohne Vorurteile und Ressentiments weiter zu befördern? Welche Fallstricke hat die Islamdebatte? Wie hilfreich sind Begriffe wie „Islamophobie“ oder „Islamkritik“? Was macht sie problematisch?

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Ausrastende Insassen – Coronakrise, Kapitalismus und Konformistische Rebellion

Online-Vortrag und Diskussion mit Lothar Galow-Bergemann

Freitag, 4. Juni 2021, 14.00 Uhr

Eine Veranstaltung der NAJU Baden-Württemberg im Rahmen des Aufstand 2021: Das Jugendumweltfestival

  • HIER zur Teilnahme anmelden

Die Coronakrise ist nur zum kleinen Teil ein Naturereignis. In erster Linie ist sie die hausgemachte Folge einer Wirtschaftsweise, die ohne ewiges Wachstum und maximalen Profit umgehend ins Taumeln gerät. Nicht wegen des Virus, sondern wegen dieser Wirtschaft sterben massenweise Menschen in „nicht zahlungskräftigen“ Weltregionen, die keinen Impfstoff erhalten, fallen weltweit Millionen in Armut und Hunger. Auch in den reicheren Ländern wachsen Armut und Existenzunsicherheit, müssen viel zu viele Menschen arbeiten gehen und sich dabei gegenseitig anstecken. Viele erkranken und sterben nur deswegen, weil sich diese Wirtschaft keinen richtigen Lockdown leisten kann.

Leider gibt es kaum Widerstand gegen diese Zumutungen. Keine Streiks, die die Schließung nicht unmittelbar lebensnotwendiger Betriebe erzwingen. Keine Massendemonstrationen für ein bedingungsloses Grundeinkommen. Keine breite gesellschaftliche Bewegung, die eine andere, vernünftigere Wirtschaftsweise einfordert, die während einer Pandemie kein zusätzliches Leid verursacht.

Allerdings formiert sich eine Opposition ganz anderer Art. Sie nimmt nicht etwa Halbherzigkeit und Inkonsequenz staatlicher Maßnahmen zum Gesundheitsschutz aufs Korn, sondern fordert deren Ende. In völliger Verkennung der Realität bestreiten oder verharmlosen ihre Anhänger*innen die Pandemie, verhalten sich entsprechend verantwortungslos und gefährden Gesundheit und Leben ihrer Mitmenschen – und ihr eigenes.

Warum gibt es fast keine vernünftigen, aber so viele absurde Proteste? Warum glauben immer mehr Menschen haarsträubenden Unfug? Warum schützen auch Bildung und Intelligenz nicht davor? Und warum finden da Leute zusammen, denen man doch eigentlich nicht viel Gemeinsamkeit zutraut? Alternative Esoterik- und wirtschaftsliberale Kapitalismus-Fans, Nazis und Hippies, Linke und Reichsbürger, Gutbürgerliche und Antiautoritäre…

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Gretchenfrage Religion

Online-Diskussion über das Verhältnis von Kapitalismus und Religion

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe LeMonADe – Letzter Montag: Analysen und Debatten von krisis – kritik der warengesellschaft

Montag, 31. Mai 2021, 19.00 Uhr (Erster Teil)

Zum Phänomen der Neoreligiosität und dem Stellenwert von Religionskritik für die heutige Kapitalismuskritik im Unterschied zu den Tagen von Marx

Es referieren und diskutieren: Ernst Lohoff, Norbert Trenkle, Lothar Galow-Bergemann u.a.

Zugangsdaten Zoom: Meeting-ID: 889 2057 5448 / Kenncode: 421727

In seinem Faust lässt Goethe Gretchen ihren Verehrer fragen: „Nun sag, wie hast du´s mit der Religion?“ 200 Jahre später ist die berühmt-berüchtigte Gretchenfrage von hoher gesellschaftlicher Aktualität. Als Krisensymptom und gleichzeitig als Teil der treibenden Kräfte weltgesellschaftlicher Desintegration spielen evangelikale, islamistische und sonstige Fundamentalismen, aber auch esoterische Strömungen eine fatale Rolle. Wer eine emanzipative Gegenperspektive formulieren will, kommt deshalb nicht umhin, diese Entwicklung einzuordnen und sich zu ihr zu positionieren. Darüber sind wir uns in der Gruppe Krisis einig. Eine einheitliche Einschätzung der Neoreligiosität gibt es allerdings nicht. Die einen sehen darin ein (post)modernes Phänomen und betonen den Bruch gegenüber traditionellen religiösen Vorstellungen, andere sehen eher Kontinuitäten gegenüber der Vormoderne.
Grund genug, nicht nur diese Frage zu diskutieren, sondern auch deren Hintergrund etwas genauer auszuleuchten. Weiterlesen

Porque há tão poucos protestos sensatos e tantos protestos absurdos diante do coronavirus?

Discurso contra a vigília dos “opositores da vacina” – chega de murmúrios de conspiração antissemita!, 17 de Abril de 2021.

de Lothar Galow-Bergemann

Original in deutsch – Mit Dank für die Übersetzung an Krisis – Crítica da sociedade da mercadoria

Juntamente com a pandemia de Covid-19, estão se espalhando fantasias de conspiração perigosas e assustadoras. As pessoas falam sobre planos secretos de bilionários malvados para lhes implantar microchips e uma “ditadura de Merkel” agindo em nome deles. A crença de que estão à mercê de forças obscuras malignas, gananciosas e inimaginavelmente poderosas, está tão arraigada nelas quanto a convicção de que elas próprias são uma resistência legítima. Com uma frequência cada vez maior, exprime-se um antissemitismo aberto, que pressupõe “os judeus” como os verdadeiros controladores do mal.

Infelizmente, não se pode dizer que o que estamos assistindo atualmente nas manifestações dos alegados “pensadores laterais” (Querdenker) não tem nada a ver com o resto da sociedade. Porque, o mais tardar desde a crise financeira e econômica de 2008, muitas pessoas acreditam que “a culpa é toda dos que estão por cima”. A crítica social confunde-se com a raiva dirigida aos “multimilionários gananciosos”, ao “pacote de mentiras” e à “imprensa mentirosa”. Isso funciona nos meios da direita, esquerda e “alternativos”, bem como no pretensamente bom “centro” da sociedade.

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Warum gibt es so wenig vernünftige und so viel absurde Corona-Proteste?

Rede von Lothar Galow-Bergemann

auf der Mahnwache „Querdenkern“ in die Quere kommen – Schluss mit antisemitischem Verschwörungsgeraune! am 17. April 2021

[Text folgt unten]

Tradução em português

Zusammen mit der Covid-19-Pandemie verbreiten sich haarsträubende und gefährliche Verschwörungsphantasien. Menschen fabulieren von Geheimplänen bösartiger Milliardäre, die ihnen Mikrochips einpflanzen wollen und von einer „Merkeldiktatur“, die in deren Auftrag handelt. Der Glaube, sie seien bösartigen, gierigen und unvorstellbar mächtigen dunklen Kräften ausgeliefert, sitzt in ihnen ebenso tief wie die Überzeugung, sie selbst befänden sich im legitimen Widerstand dagegen. Immer häufiger äußert sich auch offener Antisemitismus, der „den Juden“ unterstellt, die eigentlichen Drahtzieher des Bösen zu sein.
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Wer vom Kapitalismus nicht reden will sollte von Nachhaltigkeit schweigen

Warum wir mit „unserer Wirtschaft“ nie eine nachhaltige Gesellschaft erreichen werden

Online-Vortrag und Diskussion mit Lothar Galow-Bergemann

Montag, 17. Mai 2021, 16.00 Uhr

Eine Veranstaltung im Rahmen der Nachhaltigkeitswochen @ Hochschulen BaWü

Zugang zur BigBlueButton-Videokonferenz

Alle sind für Klimaschutz, aber die globale Erwärmung nimmt unaufhörlich zu. Alle sind für soziale Gerechtigkeit, aber Kinder- und Altersarmut wachsen. Alle wünschen sich mehr freie Zeit zum Leben, aber müssen immer mehr und länger arbeiten. Niemand will die Krise, aber keiner kriegt sie in den Griff. Wunsch und Wirklichkeit gehen so weit auseinander, weil das herrschende Wirtschaftssystem existentiellen Herausforderungen nicht gewachsen ist. Klima- und Coronakrise demonstrieren eindrücklich: Unendliches Wachstum ist ihm wichtiger als Mensch und Natur, maximaler Profit wichtiger als Gesundheit und Lebensqualität, steigende Aktienkurse wichtiger als das Leben künftiger Generationen. Das ewige „Weiter so“ hat ausgedient. Es hat uns die Krise beschert. Was immer als unhinterfragbar galt, ist zu hinterfragen. Weiterlesen

Ausrastende Insassen – Coronakrise, Kapitalismus und Konformistische Rebellion

Online-Vortrag und Diskussion mit Lothar Galow-Bergemann

Montag, 10. Mai 2021, 19.30 Uhr

Eine Veranstaltung von la:iz (fu berlin)

  • Der Vortrag ist mittlerweile HIER zu hören

Die Coronakrise ist nur zum kleinen Teil ein Naturereignis. In erster Linie ist sie die hausgemachte Folge einer Wirtschaftsweise, die ohne ewiges Wachstum und maximalen Profit umgehend ins Taumeln gerät. Nicht wegen des Virus, sondern wegen dieser Wirtschaft sterben massenweise Menschen in „nicht zahlungskräftigen“ Weltregionen, die keinen Impfstoff erhalten, fallen weltweit Millionen in Armut und Hunger. Auch in den reicheren Ländern wachsen Armut und Existenzunsicherheit, müssen viel zu viele Menschen arbeiten gehen und sich dabei gegenseitig anstecken. Viele erkranken und sterben nur deswegen, weil sich diese Wirtschaft keinen richtigen Lockdown leisten kann.

Leider gibt es kaum Widerstand gegen diese Zumutungen. Keine Streiks, die die Schließung nicht unmittelbar lebensnotwendiger Betriebe erzwingen. Keine Massendemonstrationen für ein bedingungsloses Grundeinkommen. Keine breite gesellschaftliche Bewegung, die eine andere, vernünftigere Wirtschaftsweise einfordert, die während einer Pandemie kein zusätzliches Leid verursacht.

Allerdings formiert sich eine Opposition ganz anderer Art. Sie nimmt nicht etwa Halbherzigkeit und Inkonsequenz staatlicher Maßnahmen zum Gesundheitsschutz aufs Korn, sondern fordert deren Ende. In völliger Verkennung der Realität bestreiten oder verharmlosen ihre Anhänger*innen die Pandemie, verhalten sich entsprechend verantwortungslos und gefährden Gesundheit und Leben ihrer Mitmenschen – und ihr eigenes.

Warum gibt es fast keine vernünftigen, aber so viele absurde Proteste? Warum glauben immer mehr Menschen haarsträubenden Unfug? Warum schützen auch Bildung und Intelligenz nicht davor? Und warum finden da Leute zusammen, denen man doch eigentlich nicht viel Gemeinsamkeit zutraut? Alternative Esoterik- und wirtschaftsliberale Kapitalismus-Fans, Nazis und Hippies, Linke und Reichsbürger, Gutbürgerliche und Antiautoritäre…

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Digitalisierung, Klimaschutz und Radikale Arbeitszeitverkürzung

Wie die Gewerkschaften in die Offensive kommen können. Und wie sie sich dafür verändern müssen.

Online- Vortrag und Diskussion mit Lothar Galow-Bergemann

Donnerstag, 15. April 2021, 20 Uhr

Eine Veranstaltung des DGB Bildungswerks Bayern

Anmeldung per Mail erforderlich: politische.bildung@bildungswerk-bayern.de

Klima- und Coronakrise offenbaren, dass das herrschende Wirtschaftssystem existentiellen Herausforderungen nicht gewachsen ist. Unendliches Wachstum ist ihm wichtiger als Mensch und Natur, maximaler Profit wichtiger als Gesundheit und Lebensqualität, steigende Aktienkurse wichtiger als das Leben künftiger Generationen.

Immer weniger Menschen glauben an den Kapitalismus und wissen, dass es „nicht so weitergehen“ kann. Aber der Ausstieg ist schwer. Solange unser Lebensunterhalt vom Verkauf unserer Arbeitskraft abhängt, sitzen wir in der Falle: Geht es nämlich nicht „so weiter“, ist unser Einkommen gefährdet, von dem wir leben.

Die Überwindung der Wirtschaftsweise, die uns in diese Sackgasse geführt hat, ist buchstäblich zu einer Frage des Überlebens geworden. Weiterlesen

Höhere Mächte sind auch keine Erlösung

Zur Konjunktur von Irrationalismus und Religiosität in Zeiten der Krise

Zwei Online-Vorträge und Diskussion mit Lothar Galow-Bergemann

Karfreitag, 2. April 2021

17.00 Uhr – eine Veranstaltung der linksjugend [’solid] Sachsen Die Veranstaltung ist über DIESEN Link zu erreichen.

19.30 Uhr – eine Veranstaltung des AStA der Universität Vechta Die Veranstaltung ist über DIESEN Link zu erreichen.

Was verbindet die treue Kirchgängerin, den selbstbewussten Kämpfer gegen „die Coronadiktatur“, den missionarischen Salafisten und die entschiedene Gegnerin der Pharmaindustrie, die sich nicht manipulieren lassen will und deshalb auf Zuckerkügelchen schwört? Es ist der Glaube, ihr Wohl und Wehe hinge vom Walten höherer Mächte ab.

Die einen verehren diese Mächte, die anderen fürchten sie. Die einen werfen sich ihnen wacker entgegen, die andern unterwerfen sich ihnen lustvoll. Die einen sind sanftmütig, die andern kochen vor Wut. Die einen sind religiös, die anderen atheistisch, die einen unpolitisch, die anderen hochpolitisch, die einen rechts, die anderen links. Und doch verbindet sie mehr als sie trennt: Einfache Antworten auf komplexe Fragen und das wohlige Gefühl, zur Gemeinschaft der Erleuchteten zu gehören.

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Gestohlene Lebenszeit

Warum Kapitalismus zu Verzicht nötigt und wir viel weniger arbeiten könnten

von Lothar Galow-Bergemann und Ernst Lohoff

Auszug aus dem gleichnamigen Text im Buch Shutdown. Klima, Corona und der notwendige Ausstieg aus dem Kapitalismus ISBN 978-3-89771-292-8, Unrast Verlag, 14,00 €

Die Welt, die wir kennen, zerfällt im Eiltempo. Seit Jahren stellt sich wie von selbst das Wort Krise ein – gleich ob von Klima, Finanzen, Wirtschaft, Sozialsystemen, Demokratie, Migration oder internationalen Beziehungen die Rede ist. In den kritischen Sozialwissenschaften ist von einem Zeitalter der »multiplen Krisen« die Rede (Brandt/Wissen 2017). Mit der Ausbreitung des Coronavirus hat sich diese allgemeine Krise in einer Geschwindigkeit und einem Ausmaß zugespitzt, wie es sich bis dahin kaum jemand vorstellen konnte.

Die Corona- und Klimakrise führen vor Augen, wie ›unsere Wirtschaft‹ vor den existenziellen Herausforderungen der Zeit versagt. Ewiges Wachstum, maximaler Profit und steigende Aktienkurse sind das Lebenselixier der Wirtschaft. Ohne sie fängt sie sofort an zu kriseln. Die Klimakrise offenbart, dass ein auf Unendlichkeit programmiertes Wachstum eher mittel- als langfristig auf die Zerstörung des Planeten hinauslaufen wird. Die Herausforderung durch die Corona-Pandemie führte dagegen schlagartig vor Augen, dass so eine Wirtschaft in kürzester Zeit Leichenberge produzieren kann1, wenn ihr nicht massiv in die Speichen gegriffen wird. Der Marktwirtschaft Zügel anzulegen, bemühten sich zunächst viele Staaten – in unterschiedlichem Ausmaß und insgesamt mehr schlecht als recht. Übrigens führten sie damit bemerkenswerterweise im Handumdrehen vieles ad absurdum, was bis dahin als unumstößlich und heilig galt – von der Schuldenbremse bis hin zum Glauben an das angeblich so segensreiche Wirken des Marktes selbst. Für einen kurzen Moment lag offen zutage, dass Handeln gegen die betriebswirtschaftliche Logik des Kapitals nicht nur möglich, sondern auch überlebensnotwendig ist. Das ist eine wichtige Erfahrung, die wachgehalten werden sollte, denn sie ist von großem Wert für jede emanzipatorische Bewegung.

Doch es dauerte nicht lange und die brutalen Zwänge der Kapitalverwertung verschafften sich gegen die halbherzigen gesundheitspolitischen Maßnahmen immer mehr Geltung. Weiterlesen

Corona-Demos, „Infodemie“, Verschwörungsdenken und deren Zusammenhang mit Antisemitismus

Online-Vortrag und Diskussion mit Lothar Galow-Bergemann

Mittwoch, 10. Februar 2021, 19 Uhr

Eine Veranstaltung von Sonntags-Club und Trans im Sonntags-Club

  • Zugangsdaten zum Zoom-Meeting erhaltet ihr bei Anmeldung unter folgender Mailadresse: trans at sonntags-club.de spätestens einen Tag vor der Veranstaltung.

In Deutschland hat man zwar gelernt, dass Antisemitismus irgendwie schlecht ist. Verstanden hat man ihn trotzdem nicht. Dieser Zustand ermöglicht es, dass man antisemitischen Denkmustern anhängen und gleichzeitig davon überzeugt sein kann, nichts damit zu tun zu haben. Das funktioniert in rechten, linken und religiösen Milieus genauso wie in der vermeintlich „guten Mitte der Gesellschaft“.

Das gefährliche Potential dieser Mixtur wird in Krisenzeiten besonders deutlich. Die verbreitete Gewissheit, dass „die da oben an allem schuld sind“ verwechselt Gesellschaftskritik mit Wut auf „gierige Milliardäre“, „Lügenpack“ und „Lügenpresse“. Im Zusammenhang mit der Covid-19-Pandemie verbreiten sich einfache, falsche und gefährliche Welterklärungsmuster noch schneller. Vermeintliche „Querdenker“, QAnon-Fans und andere bilden sich die Diktatur einer geheimen Weltelite ein und wähnen sich im Endkampf zwischen Gut und Böse. Viele werden immer hemmungsloser und gewalttätiger.

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AntiBa – der Barbarei entgegentreten

Antifaschismus in Zeiten von AfD, QAnon und Djihadismus

Online – Vortrag und Diskussion mit Lothar Galow-Bergemann

Freitag, 29. Januar 2021, 19.30 Uhr

Eine Veranstaltung des AStA der Universität Vechta

Zugang über BigBlueButton

Weltweit verbreitet sich politischer Wahn. Dumpfbackentum und Gewalt explodieren. Vermeintliche „Querdenker“, QAnon-Fans und andere bilden sich die Diktatur einer geheimen Weltelite ein, die sie ins Unglück stürzen will. Sie wähnen sich im Endkampf zwischen Gut und Böse und viele von ihnen werden immer hemmungsloser und gewalttätiger. Doch so neu, wie manchen das alles vorkommt, ist es nicht. Die Vorstellung von den wenigen Gierigen und Bösartigen, die an allem Schuld sind und deshalb beseitigt werden müssen, war auch schon für den Nationalsozialismus und seine nach zig-Millionen zählende Massenbasis charakteristisch. Und sie begegnet uns auch im Islamismus. 2014 skandierten erstmals seit 1945 wieder Massenaufmärsche in Deutschland „Tod den Juden!“ Organisiert wurden sie von Islamisten, Nazis und Linksreaktionären, deren antisemitischer Hass gegen Israel sie zusehends zusammenführt. Weltweite djihadistische Terroranschläge auf jüdische Einrichtungen sind seit Jahren traurige Realität.

Doch damit nicht genug. Schon bald nach dem kurzlebigen „Sommermärchen“ von 2015 offenbarte sich im kollektiven Herbeiphantasieren einer angeblichen „Flüchtlingskrise“ eine tief sitzende Menschenfeindlichkeit großer Teile der deutschen Mehrheitsbevölkerung. Ein rassistischer und gewalttätiger Mob agiert gegen Geflüchtete und Muslim*innen. Große Teile der Bevölkerung sind anfällig für rechtspopulistische und faschistisches “Gedankengut“. Doch so sehr sie sich auch von Islamisten bedroht fühlen – in Wirklichkeit sind sie deren enge Seelenverwandte. Jede Verharmlosung des einen oder des anderen dieser nur scheinbaren Kontrahenten verbietet sich kategorisch.

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Audio: Nicht Klassenkampf wird den Kapitalismus sprengen, sondern der Kampf um eine neue Form des Reichtums

Interview mit Ernst Lohoff und Lothar Galow-Bergemann

aus Anlass ihres Vortrags „Die Hoffnung auf das „revolutionäre Subjekt Arbeiterklasse“ als Ausdruck linksidentitärer Sehnsucht“

gesendet von Radio Corax am 23. November 2020

Als Verkäufer*innen der Ware Arbeitskraft hängen wir davon ab, dass die Megamaschine aus ewigem Wachstum und Maximalprofit auf Hochtouren läuft. Doch die zerstört unsere Lebensgrundlagen. Aus dieser Falle können wir nur entkommen, wenn wir die abstrakte Reichtumsform der kapitalistischen Produktionsweise sprengen, deren Zweck die unendliche Anhäufung von Geld ist. Denn vom Gelderwerb leben hat keine Perspektive mehr. Die Antwort heißt gesellschaftliche Selbstorganisation des stofflichen Reichtums, den wir zum Leben brauchen.
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Buchvorstellung: Shutdown. Klima, Corona und der notwendige Ausstieg aus dem Kapitalismus

Ernst Lohoff, Norbert Trenkle (Hg.) Shutdown. Klima, Corona und der notwendige Ausstieg aus dem Kapitalismus
1. Auflage November 2020, ISBN 978-3-89771-292-8, Unrast Verlag, 14,00 €

Mit Beiträgen von Ernst Lohoff, Norbert Trenkle, Lothar Galow-Bergemann, Karl-Heinz Simon und Julian Bierwirth

Bestellen beim Unrast-Verlag

„Es ist kein Luxus, gerade jetzt die emanzipative Aufhebung der kapitalistischen Reichtumsproduktion anzustreben, sondern der einzige Ausweg aus der Spirale ökologischer Zerstörung, sozialer Exklusion und autoritärer Formierung der Gesellschaft.‟

Klima- und Coronakrise machen deutlich, dass die kapitalistische Produktions- und Lebensweise zunehmend unhaltbar wird. Der systemische Selbstzweck der endlosen Anhäufung von Kapital („Wachstumszwang‟) ist mit der Endlichkeit der Welt und der natürlichen Ressourcen grundsätzlich unvereinbar. Auch die Corona-Pandemie verdankt sich der fortschreitenden Zurückdrängung von Naturräumen, im Dienste der der Kapitalvermehrung. Zudem nimmt die soziale Exklusion immer schlimmere Ausmaße an – obwohl längst die Potenziale vorhanden sind, um allen Menschen auf der Welt ein gutes Leben zu ermöglichen. Daher ist eine grundlegende Neuorientierung angesagt. Eine andere Gesellschaft ist machbar, doch das erfordert einen Bruch mit der kapitalistischen Logik.

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