Mit dem Begriff der toxischen Männlichkeit diskutiert inzwischen eine breite Öffentlichkeit über destruktive männliche Verhaltensweisen. Das Konzept bleibt jedoch individualistisch und es fehlt ihm an gesellschaftspolitischer Schärfe. Bieten sich dennoch Anknüpfungspunkte für die feministische Bewegung?
von Markus Textor
zuerst erschienen in iz3w Ausgabe 387 Nov/Dez 2021
Manchmal sorgt bereits eine kleine Broschüre für großen Wirbel. Als die American Psychological Association 2019 einen Ratgeber über die »Psychologische Arbeit mit Jungen und Männern« veröffentlichte, in dem sie vor den negativen psychischen Folgen »traditioneller Männlichkeit« warnte, ging ein Aufschrei durch die konservative Presselandschaft. Ohne männliche Aggression und Mut, meinte etwa ein Kommentator des US-Fernsehsenders Fox News, würde die Menschheit noch in Höhlen leben. Allen Abwehrreaktionen zu trotz zeigt die Diskussion, dass es das Thema toxische Männlichkeit in die breite Öffentlichkeit geschafft hat. Es geht um gefährliche, gewalttätige oder eben traditionelle Verhaltensweisen, mit denen Männer sich und anderen schaden. Wie sich das genau äußert und wem es schadet, bleibt allerdings oft uneindeutig. Ebenso unklar ist, wie sich der unpräzise Begriff für politische Veränderung heranziehen lässt.

